Monatsarchiv für Februar 2012

 
 

Türkischer Rhein: Schäl Sick

Wie sich wasserlaufdurchzogene Städte (in den Augen der Literaten) gleichen, zumindest ähneln: rheinerfahren erwähnt Théophile Gautier in seinem 1853 erschienenen Reisebuch Constantinople das Kölner Panorama, um dasjenige Kadiköys ins rechte Licht zu setzen:

“Une promenade à Kadi-Keuï est un plaisir que les habitants de Péra se refusent rarement les jour de fête, surtout ceux qui ne sont pas encore assez riches pour posséder une maison de campagne sur le Bosphore, entre les palais d`été des beys et des pachas.
Kadi-Keuï (village des juges) est un petit bourg de la rive d`Asie qui fait face au Sérail, dans l`endroit où la mer de Marmara commence à s`étrangler pour former l`embouchure du Bosphore. Sur l`emplacement de Kadi-Keuï s`élevait autrefois la ville de Chalcédon ou Chalcédoine, bâtie par Archias, sous les Mégariens, vers la vingt-troisième olympiade, six cent quatre-vingt-cinq ans avant Jésus-Christ; voilà déjà une antiquité respectable. Cependant, quelques auteurs attribuent la fondation de Chalcédoine à un fils du devin Chalchas, au retour de la guerre de Troie; d`autres a des colons de Chalcis, en Eubée, qui valurent à la nouvelle cité le surnom de ville des Aveugles, pour avoir choisi cette place lorsqu`ils pouvaient prendre celle où s`étala plus tard Byzance. Ce reproche ne nous semble aujourd`hui guère mérité, car de Kadi-Keuï on a la plus admirable perspective du monde, et Constantinople déploie sur l`autre rive, à travers la gaze argentée de sa légère brume, la magnificence de ses dômes, de ses coupoles, de ses minarets, de ses masses de maisons peintes, entrecoupées de touffes d`arbres. – Quand on veut jouir du panorama de Cologne, il faut aller se loger à Deutz, de l`autre côté du Rhin; pour bien voir Stamboul, il n`y a pas de meilleur moyen que de prendre une tasse de café sur le port de Kadi-Keuï.”

Liechtensteinwahrnehmung

Für das Kulturmagazin KuL des Liechtensteiner Vaterlands durften wir einmal mehr eine Monatskolumne verfassen. Mit einem wunderschönen Bläuling illustriert erschien sie heute, gilt für den gesamten kommenden März und befaßt sich u.a. mit dem schwierigen Thema des Andenmannbringens von Liechtenstein-Gedichten (s. Das Lachen der Hühner) in Deutschland:

“Seit vor einem Jahr meine Liechtenstein-Gedichte erschienen, toure ich unablässig durch Deutschland, um dem Publikum in Versen und blumigen Erklärungen ein rares exotisches Fürstentümchen näherzubringen. Die Leute erscheinen in Scharen. Mal sind es auf einen Schlag fast eine ganze Handvoll Kulturmenschen, die sich lose im Raum gruppieren, die beste Hör- und/oder Ruheposition zu ergattern; dann wieder blicke ich so weit das Auge reicht auf schier endlose, militärisch geschlossene und nach Körpergröße geordnete Reihen aufrecht literaturinteressierter Millionäre – wie zuletzt in Düsseldorf. Das sah von der Bühne sehr gut und ordentlich aus. Im Vorprogramm hatte Martin Walser auftreten dürfen. Das Publikum war also be­dächtig gestimmt. Ob meines Themas «Liechtenstein» rieben sich ei­nige der Millionäre wieder wach. Ich gab mein Bestes, weiteren Schwung in die Veranstaltung zu bringen. Ich gelte ja als aus­gezeichneter Performer. Zumindest für einen Dichter. Also liess ich meine Hüften kreisen und deutete beim Skandieren die Bandbreite meiner stimmlichen Fähigkeiten an. Bestimmte Textpassagen sinnvoll zu unterstreichen, nutzte ich gestische Klassiker wie die Beckerfaust, den deutschen Zeigefinger und noch ganz andere Verrenkungen, die man erst mal gesehen haben muss. Die Düsseldorfer Millionäre schauten sich das alles schweigend an. Selten zuvor hatte ich in eine solch exponierte Stille hineingesprochen. Einige Sekunden oder Minuten, nachdem ich geendet hatte, knöchelten sie ihren Applaus auf die hölzernen Stuhllehnen – ob nun aus Anstand, militärischer Diszi­plin oder wehmütigen Liechtenstein-Erinnerungen war mir unmöglich festzustellen.

Was die Inhalte einer solchen Liechtenstein-Lesung sind? Ganz naheliegende und normale, würde ich sagen. Ich berichte von der romantischen Schwertlilienblüte im Ruggeller Riet, den Kühen auf Saasfürkle, dem Rhein in seinem Bett und dass ich noch in keinem anderen Land je so viele, so riesige private Parkgaragen zu Gesicht bekommen habe.

Manchmal, wenn ganz wenige oder gar keine Millionäre im Publikum sitzen, stellen die Leute Fragen. Sie wollen dann Wissenswertes über Liechtenstein erfahren. Die Fragen zielen in erster Linie auf die Fürstenfamilie, ob ich von denen wüsste. «Ja», sage ich, denn die Sehnsucht nach echten Adelsgeschichten ist in unserer Demokratie enorm und sie zu befriedigen, kann lohnen: «Die machen den halben Tag Goodwill und Wohlfahrt und so und die zweite Tageshälfte verbringen sie mit der Lektüre zeitgenössischer Lyrik.» (Gelingt es, diesen Satz anzubringen, werden am Lesungsende meist ein paar Gedichtbände gekauft.) «Ja, und was macht man in Liechtenstein sonst?» «Hmm, sonst, da wird es schon schwierig. Geldanlagen lohnen dort für Sie als Deutsche jedenfalls nicht mehr recht.» Bevor allzu grosse Programmlücken entstehen, wende ich mich in einer überraschenden Umkehr der Fragehoheit selbst ans Publikum: «War denn jemand von Ihnen schon mal dort?» Erst traut sich meist keiner. Dann kommts piepsig aus der vorletzten Reihe: «Ich finde den Schmetterlingspark sehr schön.» An dieser Stelle weiss ich schon seit der ersten Woche meiner Lesetournee aus Routinegründen, und das wird manchen Liechtensteiner Leser vielleicht ein wenig schmerzen, da verwechselt wieder jemand Liechtenstein mit Luxemburg. Apropos Luxemburg: Mein luxemburgischer Kollege Guy Helminger erzählt gern die Geschichte, wie er einst in Kalifornien bei einer Polizeikontrolle seinen Pass vorzeigen mußte. Der Sheriff wollte ihn gleich einbuchten, denn von einem angeblichen Land namens Luxemburg hatte er noch nie gehört. Guy Helminger aber wurde gerettet von einem zufällig anwesenden Kumpel des Sheriffs, der wusste, wo Luxemburg liegt: «That’s one of these islands in the Pacific.» Was sagt uns all das über die Liechtensteinwahrnehmung der Deutschen? Nicht viel – ausser dass sie vielleicht nicht gar sonderlich existiert. Nehmen Sie sicherheitshalber den Kumpel des Sheriffs mit, wenn Sie in die Vereinigten Staaten reisen. Und grüssen Sie Ihren Fürsten, wenn Sie ihn sehen. Ich finde es wirklich grossartig, dass er so gerne Gedichte liest.”

Coincé

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Lucien Masigue aus Frankreich für rheinsein. Das Bild zeigt den Aforistiker und Generalskeptiker Emil M. Cioran (Vom Nachteil, geboren zu sein) bei seinem einzigen Besuch am Rheinfall.

Altrheinische Glyfen

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Das altrheinische Alfabet besitzt eines der wildesten Zeichendesigns aller bekannten irdischen Alfabete. Zwar ist es im herkömmlichen Sinne nicht entschlüsselt, läßt sich aber dennoch deuten, denn der Mensch hat bisher noch alles gedeutet, was ihm unverständlich unter die Finger geriet. Obiger Satz (soweit erhalten) handelt demnach wahrscheinlich vom Wesen des Fisches. Zu sehen ist ein “Fisch im Fisch” zwischen den Elementen, ausgestattet mit mehreren Vektoren/Flossen, die in verschiedene Schwimmrichtungen zeigen. Schwimmt aber dieser archaische Glyfenfisch – oder gleitet, fliegt er vielmehr? Sein Streben scheint, ein wesentliches Kulturmerkmal sämtlicher erdbevölkernden Wesen, auf Nahrungssuche gerichtet. Dafür spricht das Büschel zur Linken, das zugleich (Fisch frißt schließlich Fisch) auch eine weitere Abstrahierung des Fischwesentlichen darstellen könnte, in dem der Fisch sich stutzend selbst erkennt.
Die Glyfen entdeckt, fotografiert und geschickt hat Karin Lehner, die eine rheinseinverwandte Website betreibt, die wir demnächst hier ausführlich vorstellen wollen.

köln durch 11

Am heutigen 13. Februar 2012 erscheint, mit einer Präsentation im Kölner Literaturklub im Theater die wohngemeinschaft, die von Christian Heinrici herausgegebene Anthologie köln durch 11.
Wir zitieren aus dem Presseinfo: “In dem ungewöhnlichen Literatur- und Foto-Band werden elf Kölner Stadtviertel von elf Kölner Schriftstellern porträtiert, bebildert mit Fotografien von Heike Frielingsdorf und Cornelia Olligs. Der Band zeigt die skurrilen Seiten Kölns, „einer Stadt, die sicher nicht an allen Stellen schön, aber vielerorts liebens- und erlebenswert ist“, (…) ein etwas anderes Köln-Buch – jenseits von Kitsch und Kommerz – mit Beiträgen von Chrizz B. Reuer, Julja Schneider, Adrienne Brehmer, Christian Heinrici, Armin Bings, Gerrit Wustmann, Marie T. Martin, Bettina Hesse, Alexander Bach, Adrian Kasnitz und Stan Lafleur als literarische Veedelspaten.”

Die Veranstaltung heute abend beginnt um 20 Uhr. Es wird ein Unkostenbeitrag von 5 Euro erhoben. Wir können leider nicht zugegen sein, da wir uns seit vergangenem Samstag und noch auf unabsehbare Zeit in der Stadtbahnlinie 18 mit Kurs auf Istanbul befinden. Der Band trägt eine ISBN-Nummer (welche, wissen wir nicht) und kann somit über den Buchhandel erworben werden. Basisverkaufsstätte ist das Nippeser Lädchen vielFACH. Der Preis beträgt 9,90 Euro. Wir kennen die Druckqualität nicht, auf den Fahnen sahen die Fotos sehr ansprechend aus.

Linie 18

Von Köln, heißt es, fährt die Stadtbahnlinie 18 zur Karnevalszeit (also praktisch fast ganzjährig) bis nach Istanbul. Diese Behauptung ist nicht neu, wir erfuhren davon jedoch erst vor wenigen Wochen. Das kam so: ein Mann, der sich Jürgen nennt (und einst erhebliche Popularität erlangt hat, indem er sich mit einigen anderen in einen Wohncontainer sperren und dabei für einen Privatsender filmen ließ), verkündete Mitte Januar mitten in unserem schönsten Feldforschungsareal, der Rückseite der Stadt, gleichsam als entrückter KVB-Muezzin, die wertvolle Information in einer Art Brüllgesang. Jürgens Gebrüll überraschte uns bei einem Routinecheck. Es drang durch die massiven Butzenscheiben einer Kölsch-Kaschemme auf die Straße und machte uns stutzen: “Heute fährt die 18 bis nach Istanbul!” Dieser Jürgen (auf den Butzenscheiben klebte ein Plakat mit seinem studiogebräunten Konterfei und Namen) schien sich drinnen in der Kölsch-Kaschemme in Trance zu befinden: immer wieder und wieder erscholl aus seiner Kehle derselbe Satz: “Heute fährt die 18 bis nach Istanbul!” “Heute fährt die 18 bis nach Istanbul!” “Heute fährt die 18 bis nach Istanbul!” Unterlegt von einem Rhythmus wie Stampfen und Schenkelklopfen erreichte das Gebrüll eine kaum zu beschreibende Penetranz. Schwer wieder aus dem Kopf zu bekommen. Nicht gerade angenehm. Und unbedingt inhaltlich zu überprüfen.

Wir hatten seit dieser Begegnung – die eigentlich gar keine war, sondern nur die zufällige Aufnahme einer intensiven akustischen Absonderung – noch keine Gelegenheit, besagte Bahnstrecke auszuprobieren. Falls jedoch nur annähernd stimmt, was dieser Jürgen so energetisch herausbrüllte, als müsse noch der letzte Mensch davon erfahren, dürfte der Kölner Stadtbahnlinie 18, die wir, nachdem sie uns vor ein paar Jahren sozusagen von der Haustür wegverlegt wurde, lange nicht mehr benutzt haben, mittlerweile etwas Sagenhaftes, Mythisches anhaften, vergleichbar etwa der Route 66, der Seidenstraße oder der Panamericana – und ergo eine Probefahrt ein absolutes Muß für rheinsein darstellen. Natürlich lassen wir uns da nicht lumpen.

Morgen wird es soweit sein: wir begeben uns mit offenem Ticket und der eindeutigen Zielvorgabe Istanbul in die Linie 18. Die Fahrt dürfte eine Weile dauern und in Gefilde führen, die wir bisher noch nicht betreten haben. Natürlich: genau wie Köln ist auch Istanbul eine von einem nicht nur geschichtlich bedeutenden Wasserlauf zweigeteilte Stadt mit hohem türkischen Bevölkerungsanteil. Westliche und östliche Stadtteile bilden hier wie dort jeweils recht unterschiedliche Eigenschaften aus. Kongruenzen über Kongruenzen, die einzeln aufzulisten wir besser unterlassen, denn schließlich müssen wir morgen aus dem Haus. Da Istanbul trotzdem nicht ganz am Rhein liegt, wird rheinsein für die Zeit unserer Abwesenheit aus primärrheinischen Territorien auf nurmehr sehr wenige Neueinträge gedimmt: so ca jeden Montag dürfte hier ein neuer Eintrag zu erblicken sein. Leser mit Entzugssymptomen verweisen wir auf das Archiv. Güle güle und auf bald!

ein Schreck der Thierwelt

“(…) Leise, stets lauernd, mit schiefem, scharfem Blick, halb furchtsam und halb tölpisch durchforscht der alte Mörder, den sein hagerer, knochiger Bau, sein schleichender, unentschlossener Gang charakterisiren, gegen den Wind das Dickicht des Hochwaldes, und hinterläßt eine Fährte, die der eines großen Hundes ähnlich, aber länger, breiter und gewöhnlich schnurgerade ist. Widerlich und unangenehm in seinen Manieren, gierig, boshaft, verschlagen, gehässig in seinem Naturell, unerträglich durch seinen abscheulichen Geruch, ist er ein Schreck der Thierwelt, der sich naht. Mit hängendem Schwanze lauert er auf die spärliche Beute, beschleicht ein Hasel- oder Steinhühnchen, paßt den Ratten, Wieseln und Mäusen auf und schlingt auch eine Eidechse, eine Kröte, einen Grasfrosch, oder selbst eine Blindschleiche oder Ringelnatter hinunter, wenn ihm bessere Jagd abgeht. Größere Thiere verfolgt er laufend, bis sie müde sind, was die Katzenarten nie thun. Doch verscheucht er durch seinen Gestank und sein tölpisches Wesen oft alles Gethier (er ist bei weitem nicht so vorsichtig und elegant in seinem Auftreten wie der klügere Fuchs) und lungert beinmager, elend und verkommen viele Nächte lang durch die menschenleeren Felsenödungen. Im Winter vermehrt die Kälte seinen ohnehin fast unersättlichen Heißhunger; doch ist dann die Jagd besser, die Fährte sicherer. Er überrascht den weißen Alpenhasen und selbst den vorsichtigen Fuchs; aber immer hungrig und gierig schleicht er mit seinen schiefen, funkelnden Augen, die kurzen, spitzen Ohren stets aufgerichtet, den fuchsartigen Kopf lauernd nach allen Seiten hin wendend und den Hinterkörper einziehend, als ob er lendenlahm wäre, von Berg zu Berg, von Wald zu Wald und heult in den kalten, frostklirrenden Winternächten schauerlich durch die in Schnee begrabenen Hochweiden. Dann dehnt er seine Jagd nicht nur stundenweit aus, sondern geht durch ganze Alpenzüge, vom Engadin durch die berner und walliser Alpen bis in die offenen Ebenen des Waadtlandes oder vom Wasgau den Rhein hinan und die ganze Jurakette entlang, ein Schrecken für Mensch und Thier. (…)

Vor dem Beginn unsers Jahrhunderts war die Auffindung einer Wolfsspur das Signal zum Aufbruch ganzer Gemeinden, und die Chronik erzählt: „Wiebald man einen Wolf gewar wird, schlecht man Sturm über ihn: alsdann empört sich eine ganze Landschaft zum Gejägt, bis er umbracht oder vertriben ist.“ Letzteres geschah bei solchem „gemeinen Gejägt“ denn auch häufiger als ersteres, da die Wölfe, besonders wenn sie starke Beute gemacht haben, als ahnten sie die nothwendig eintretende Verfolgung, rasch das Revier verlassen. Man bediente sich großer Netze, „Wolfsgarne“, die der Reisende noch jetzt in den Leberbergischen Dörfern und auf dem Rathhause zu Davos sieht, wo bis in die neueste Zeit noch mehr als dreißig Wolfsköpfe und Wolfsrachen unter dem Vordache herausgrinzten und ihm wol deutlich genug erzählten, wie furchtbar häufig diese Bestien in jenen Gebirgen hausten. Gar kalte Winter, die alle Alpenthiere den Thälern zutreiben, zwangen die Wölfe oft, sich bis an die größern Städte hinanzuwagen, und wir lesen in den Chroniken oft genug, wie im sechzehnten Jahrhundert und bis in die neuere Zeit diese Tiere selbst bei Zürich und Schaffhausen Menschen und Tiere zerrissen, die Schindanger aufsuchten und die Hunde an der Kette erwürgten. (…)

Das Graben von Wolfsgruben ist auch bei uns in frühern Zeiten gebräuchlich gewesen und Vater Geßner erzählt, daß ein Jäger Gobler in einer solchen einen dreifachen Fang auf einmal gemacht habe, nämlich einen Wolf, einen Fuchs und ein altes Weib, von denen jedes aus Furcht vor dem andern die ganze Nacht sich nicht gerührt habe. (…)

Menschen hat er im letzten Jahrhundert in der Schweiz kaum angegriffen; er flieht sie vielmehr und ist sehr feige, wenn ihn nicht der bittere Hunger halb rasend macht oder schwere Verwundung zur Nothwehr reizt. So wurde ein Herr v. Marca aus Misox, als er an einem Winterabend aus der Hauthür trat, plötzlich von einem hungrigen Wolfe überfallen. Mit einem Faustschlage streckte ihn der kaltblütige, baumstarke Mann todt zu Boden. Dann nahm er ihn beim Schwanze und warf ihn seiner Frau, die ihn eben erzürnt hatte, in der Stube vor die Füße. (…)

In der Reihe der thierischen Individualitäten nimmt er eine sehr tiefe Stufe ein; selbst unter den Raubtieren ist er eines der widerwärtigsten. Mit dem reißendsten wetteifert er an Heißhunger, der selbst dem schlechtesten Aase gierig nachstellt, an Tücke, Perfidie, während er dabei keine Spur vom Edelmuth des Löwen, von der frischen Tapferkeit des Eisbären, vom Humor des Landbären, von der Anhänglichkeit des Hundes hat. Tölpischer als der Fuchs, dabei aber tückisch und höchst mistrauisch, ist er tollkühn ohne Schlauheit, in seinem ganzen Wesen ohne alle Schönheit und wol überhaupt eine der häßlichsten Thiernaturen. Mit dem Hunde hat er nur körperliche Aehnlichkeit; man kann nicht sagen, er sei der wilde Hund, der Hund im Urzustande; er ist vielmehr der durch und durch verdorbene Hund, das Zerrbild des Hundes, das alle übeln Seiten der Hundenatur an sich trägt, aber nichts von den guten, sodaß er hierin, da die Natur sonst nicht so häufig in Zerrbildern zeichnet, eine wirklich interessante Erscheinung bildet. (…)”

(aus: Friedrich von Tschudi – Das Thierleben der Alpenwelt, Leipzig 1853)

ein galoppirendes, oft dämonisches Leben

Wer im Frühling die Alpen besucht und sieht, wie von allen Schneefeldern, über alle Felsen, aus jeder Bergfurche kleinere oder größere Bächlein niederströmen, wird sich einen Begriff von der unendlichen Wassermasse bilden, die aus dem ganzen, gewaltigen Alpengebiete in das Tiefland geht und dort so vielfach zur Bedingung der Fruchtbarkeit und des Verkehres wird. Am mächtigsten ist aber der Wasserabgang zu Zeit der heißen Fönwinde und warmen Regenniederschläge. Ueberall entstehen dann neue Wasseradern; kleine Kieselbäche werden zu trüben, tobenden Strömen; die Abtropfbretter der Gletscher sind von hundert sprudelnden Rinnsalen durchzogen. Der heiße Wind des Südens, der die Thier- und Menschenwelt lähmt, erweckt in der Pflanzen- und Wasserwelt ein galoppirendes, oft dämonisches Leben. Wie viel Millionen Eimer Wassers das Rheinbett jede Minute aus den Hochgebirgen entführt, mag man ahnen, wenn man sich erinnert, daß zur Zeit der Schneeschmelze das dreiunddreißig Quadratstunden haltende Bodenseebecken 8-10 Fuß steigt, im Jahr 1770 aber um 20-24 Fuß sich gehoben hat. Bei manchen Strömen ist es schwer, die eigentliche Quelle anzugeben; ja diese eigentliche Quelle ist da blos illusorisch, wo mehrere Bäche von ungefähr gleicher Stärke zusammentreffen und nicht Eine Bachader als Stamm des Flusses sich heraushebt. So entsteht z. B. der Vorderrhein aus mehrern Bächen, von denen jeder „Rhein“ mit einer Localbezeichnung heißt. Die Quellen dieses berühmten 190 Meilen langen Stromes, der auf seinem Laufe 12,283 Flüsse und Bäche aufnimmt, liegen alle in der Alpenregion, die des Vorderrheins im Tomasee (7240′ ü. M.) und Krispalt (6710′ ü. M.), des Mittelrheines im Scursee (6670′ ü. M.), des Hinterrheines am Rheinwaldgletscher (5760′ ü. M.). Dabei gilt der Grundsatz, daß den eigentlichen Quellbächen stets vor den bloßen Gletscherabflüssen der Vorzug gegeben wird. Die drei Quellenbäche der Rhone empfangen vom Rhonegletscher zwei Eisabflüsse, die wol mit zwanzigmal reichern Massen aus den Eishöhlen hervorsprudeln, und doch haben nicht diese den Namen der Rhonequellen und verdienen auch nicht, da sie nicht eigentliche Quellwasser sind. Damit stimmt ganz die Verachtung zusammen, welche so häufig die Alpenbewohner gegen die „wilden“ Gletscherwasser bezeugen, und ihre Verehrung vor den „lebendigen“ Quellen. Und doch haben manche Ströme nur solche gering angesehene Gletscherquellen; so wird gerade die Aare durch die starken Bäche des Oberaar-, Finsteraar- und Lauteraargletschers gebildet, die bei ihrer Vereinigung 6270′ ü. M. liegen. Der einzige Bach, der lange durch die Alpenzone strömt und in ihr zum Flusse wird, ist der Inn; doch auch die Aare gewinnt rasch eine bedeutende Stärke durch die Zuflüsse aus allen den finstern Eisthälern, die sie in wildem, tobenden Gange durchströmt; dann geht sie ruhig durch das trostlos öde Aarbodenthal unter dem Grimselhospize weg, einer engen Schlucht zu, durch die sie von Stufe zu Stufe fällt und dem Röterisboden (4880′ ü. M.) entgegeneilt, bis sie oberhalb der Handecksennhütte einen hübschen Fall, unterhalb derselben aber (4260′ ü. M.) mit dem Aarlenbach zwischen den Granitfelsen in einen hundert Fuß tiefen Abgrund stürzend, den berühmten Handeckfall bildet, den einzigen großen Wasserfall der Alpenregion.

„Da ragen zwei mächtige Felsenkolosse
So dicht aneinander aus gähnendem Schlund;
Die Häupter bekränzet der Tannen Gesprosse,
Die Füße verbirgt der umnachtete Grund.

Und vor mir, hinab in die schaurige Hölle,
Ergießt sich der breite, gewaltige Fluß!
Wie zischen die Schäume, wie fliegt das Gerölle,
Wie stürmen die Wogen mit donnerndem Schuß!

Und siehe von grünender Höhe zur Linken,
Da rauschet der Arle zerstäubender Bach,
In schäumenden Güssen, mit silbernem Blinken,
Hinab in die Schlucht, in die klaffende, jach.“

Kurz nach diesem köstlichen Salto mortale tritt sie aus der Alpenregion hinaus. Die übrigen Wasserfälle der letzern sind nicht besonders wasserreich, da sie den Quellen zu nahe liegen, dafür aber sehr zahlreich und oft außerordentlich kühn. In allen höhern Revieren sieht man diese schwankenden Schaumfäden an den Felsen hängen, oder hört die jungen Bäche über die großen Felsenstufen ihrer Schluchten hinunterkommen; die Zahl der kleinern Wasserfälle unsers Alpengürtels übersteigt wol tausend.

(aus: Friedrich von Tschudi – Das Thierleben der Alpenwelt, Leipzig 1853)