Monatsarchiv für Januar 2012

 
 

Melander (2)

melander

Wir haben über den Melander berichtet, ein Lebewesen, das in freier Natur nicht vorkommt, sondern ausschließlich in einer Oberrieter Fabrik zum Zwecke des Verzehrs gezüchtet wurde, bis die Ostschweizer Behörden dem Frankensteinismus Einhalt geboten. Mit der Geburt des Melanders begann seine Mystifizierung. Das Bild zeigt eine grafische Darstellung des extraevolutionären Fischtiers. Solche Darstellungen finden sich auf Porzellanbehältern und sind heute in Brockenhäusern zu erwerben. Das altmodische Behälterdesign sollte womöglich Beständigkeit suggerieren, i.e. optisch über die wissenschaftliche Entstehung des Melanders hinweghelfen.

Weltkulturerbe

Die Enge des Tals als dauerhafter Versuch
einer Landstraße. Burgruinen, die aussehen
als seien sie kurz vor der Erfindung von Lego
bereits als Ruinen erbaut. Im dünnen Licht

des Schankraums stürzen zwei Kormorane
in kaum ernstzunehmende Hafenbecken
Ich erkenne Großvater auf seinem Stamm-
platz beim Verfassen der Loreley. Das Singen

der Gleise, gebreakt von einem spontanen
Ausfluß der Bewußtseinsindustrie aus
Richtung des Flatscreens überm Tresen

Wenn etwas ist, ist es Wein und Geschäftssinn
Etikette tötet lautet die Botschaft der Spuckis
halb abgekratzt am Eingang zur Herrentoilette

Heiko Somo: „James did not make it“

jamesdean

Knapp vor dem Ziel scheiterte James Dean, als er den Rheinfall besuchen wollte – weiß Heiko Somo, der den Unfall des Filmheroen an den Pforten des berühmten Schweizer locus amoenus für rheinsein dokumentierte.

Ein beinahe fataler Traubengenuß im Jahre 1608

THere hapned unto me a certaine disaster about the middest of my journey betwixt Franckendall and Wormes, the like whereof I did not sustaine in my whole journey out of England. Which was this. I stept aside into a vineyard in the open field that was but a litle distant from the high waie, to the end to taste of their grapes wherewith I might something asswage my thirst: hoping that I might as freely have done it there, as I did often times before in many places of Lombardie without any controulement. There I pulled two little clusters of them, and so returned into my way againe travelling securely and jovially towards Wormes, whose lofty Towers I saw neere at hand. But there came a German Boore upon me with a halbert in his hand, & in a great fury pulled off very violently my hat from my head (as I have expressed in the frontispice of my booke) looked very fiercely upon me with eyes sparkling fire in a manner, and with his Almanne wordes which I understood not, swaggered most insolently with me, holding up his halbert in that threatning manner at me, that I continually expected a blow, and was in deadly feare lest he would have made me a prey for the wormes before I should ever put my foote in the gallant City of Wormes. For it was in vaine for me to make any violent resistance, because I had no more weapon then a weake staffe, that I brought with me out of Italy. Although I understood not his speeches, yet I gathered by his angry gestures that the onely cause of his quarrel was for that he saw me come forth of a vineyard (which belike was his maisters) with a bunch of grapes in my hand. All this while that he threatned me with these menacing termes I stood before him almost as mute as a Seriphian frogge, or an Acanthian grashopper, scarce opening my mouth once unto him, because I thought that as I did not understand him, so likewise on the other side he did not understand me. At length with my tongue I began to reencounter him, tooke heart a grace, and so discharged a whole volley of Greeke and Latin shot upon him, supposing that it would bee an occasion to pacifie him somewhat if he did but onely thereby conceive that I had a little learning. But the implacable Clowne was so farre from being mitigated with my strange Rhetoricke, that he was rather much the more exasperated against me. In the end after many bickerings had passed Friends in betwixt US, three or foure good fellowes that came from Wormes, glaunced by, and inquired of me what the quarrell was. I being not able to speake Dutch asked them whether any of the company could speake Latin. Then immediately one replyed unto me that he could. Whereupon I discovered unto him the whole circumstance of the matter, and desired him to appease the rage of that inexorable and unpleasant peasant, that he might restore my hat againe to me. Then he like a very sociable companion interposed himselfe betwixt us as a mediator. But first he told me that I had committed a penal trespasse in presuming to gather grapes in a vineyard without leave, affirming that the Germanes are so exceeding sparing of their grapes, that they are wont to fine any of their owne countreymen that they catch in their vineyards without leave, either with purse or body; much more a stranger. Notwithstanding he promised to do his endevour to get my hat againe, because this should be a warning for me, and for that he conceived that opinion of me that I was a good fellow. And so at last with much adoe this controversie was compounded betwixt the clowne and my selfe, my hat being restored unto me for a small price of redemption, which was twelve of their little coynes called fennies, which countervaile twenty pence of our English money. But I would counsel thee gentle reader whatsoever that meanest to travell into Germany, to beware by my example of going into any of their vineyardes without leave. For if thou shalt happen to be apprehended in ipso fecto (as I was) by some rustical and barbarous Corydon of the country, thou mayest perhaps pay a farre deerer price for thy grapes then I did, even thy dearest blood.

(aus: Coryat`s Crudities, hastily gobled up in five moneths travells in France, Savoy, Italy, Rhetia commonly called the Grisons country, Helvetia alias Switzerland, some parts of high Germany and the Netherlands; newly digested in the hungry aire of Odcombe in the county of Somerset, and now dispersed to the nourishment of the travelling members of this kingdome)

Flaschenpost (6)

Die Schweizer Medien berichten dieser Tage von einer Flaschenpost, die von Oberriet im St. Galler Rheintal bis nach Südafrika gelangte. Ob sie dafür wirklich “via Bodensee, Rheinfall, Rhein sowie Nord- und Südatlantik nach Kapstadt trieb”, wie die Artikel behaupten, ist zwar gut vorstellbar, aber keinesfalls gesichert. Die Flasche könnte schließlich dem Strom frühzeitig entnommen und auf anderen Wegen weitertransportiert worden sein. Für eine Seereise spricht die Reisedauer. Denn auf den flüssigen Postweg gegeben wurde die Flasche bereits vor  30 Jahren – von Werner Kühnis aus Oberriet. Der hatte seine Wurfsendung von einst längst vergessen, als er nun kurz nach Weihnachten Antwort erhielt: “30 Jahre später wurde die Flaschenpost am Strand von Kapstadt gefunden. Die Frau (gemeint ist die Finderin, Anm.: rheinsein) kann aber kein Deutsch. Sie suchte eine deutschstämmige Kollegin auf, die ihr half. Da Werner Kühnis noch heute in Oberriet wohnt, einen Steinwurf von seinem Elternhaus entfernt, gelang es den Frauen mithilfe des Internets, den Absender der Flaschenpost ausfindig zu machen.”
Von den bekannten (aufgetauchten) rheinischen Flaschenpostbriefen dürfte diese einen gesamtrheinischen Streckenrekord aufgestellt haben. Ob sie auch ordnungsgemäß im Mainzer Flaschenpostamt registriert wurde, gaben die Artikel nicht preis.

Neujahrsgrüße aus der Vergangenheit

Paris, 31. December 1842

Ich schreibe diese Zeilen in den letzten Stunden des scheidenden bösen Jahres. Das neue steht vor der Thüre. Möge es minder grausam seyn als sein Vorgänger! Ich sende meinen wehmüthigsten Glückwunsch zum Neujahr über den Rhein. Ich wünsche den Dummen ein bischen Verstand und den Verständigen ein bischen Poesie. Den Frauen wünsche ich die schönsten Kleider und den Männern sehr viel Geduld. Den Reichen wünsche ich ein Herz und den Armen ein Stückchen Brod. Vor allem aber wünsche ich, daß wir in diesem neuen Jahr einander so wenig als möglich verläumden mögen.

(aus: Heinrich Heine – Lutezia, in: Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke, in Verbindung mit dem Heinrich-Heine-Institut herausgegeben von Manfred Windfuhr)

Rheinische Tierwelt (13)

doppelkopf

Doppelkopf (Koppelkolportierte Horsekonsorten). Eine Pferdegeduld braucht dieses (darum auch so seltene) Tier, wenn es sich für eine Richtung entscheiden soll: im Sommer von allzu gutmütigen Landwirten zum Heimweg animiert, steht der Doppelkopf häufig bis in den Winter (des Folgejahres) – dieser hier gar stur seit Juli 2006 in den Schaaner Bofeln.

Tobelhocker

Bei 150 Jahre Zukunft fällt uns die Sache mit den Tobelhockern ein. Tobel ist eine alpenländische Bezeichnung für eine Schlucht. Es geht dabei also um Schluchtenhocker, zum Inderschluchthocken verdammte Gestalten, ein sehr lokalspezifisches Fänomen, das unseres Wissens einzig im Triesner Lawenatobel vorzufinden ist. Zwar fallen die Anfänge (auch die Gründe) des Tobelhockens ins Sagenhafte, gleichzeitig existieren in den Büchern konkrete Jahreszahlen aus der späten Ära der christlichen Hexenverbrennung und eine Furcht, die bis ins 21. Jahrhundert reicht. Das Besondere an den Tobelhockern ist, nebst ihrer Triesner Endemie, die Einzigartigkeit ihrer Leidensherkunft, da es sich beim Tobelhocken um eine (sonst nirgendwo festgehaltene) Strafe für das Denunzieren von Hexen handelt. Weswegen die Tobelhocker auch Brenner genannt werden und genau in der Schlucht ihre Strafe absitzen müssen, die in der Gegend zuvor als Hexentreff galt. Während die Hexen (wir bemühen eine moderne Vorstellung) dort einst quietschfidel quidditchend einhersausten, besteht der Fluch der Brenner darin, die Ewigkeit an selbiger Stelle gemeinsam schweigend auf Steinsitzen an einem großen Steintisch zu verbringen. Und nicht nur die Denunzianten trifft der Fluch, sondern ihre Nachfahren, auch solche durch Zuheirat, bis in die neunte Generation. Leicht vorstellbar, daß auf diese Weise bis zur Hälfte aller Triesner Familien mit dem Fluch beladen (gewesen) sein sollen.

Der bekannteste Historiker Liechtensteins, Peter Kaiser, beschrieb in seiner Geschichte des Fürstenthums Liechtenstein von 1847 das Triesner Fänomen, wie er es von einem Alten als Sage erzählt bekam: „Die Brenner, welche so viele Menschen dem Scheiterhaufen zugeführt, hatten den Pfarrer von Triesen zu ihrem Opfer auserkoren. Sie traten in sein Zimmer und er, die Absicht ihrer Ankunft errathend, faßte sich schnell, holte Wein aus dem Keller und forderte sie zum Trinken auf. In den Wein aber hatte er schnell betäubendes und schlaferregendes Gewürz gemischt. Die Brenner wurden von dem Genuß des Weines bald trunken und sanken in tiefen Schlaf. Der Geistliche, diesen Umstand benutzend, entriß ihnen das Verzeichniß der Opfer, das sie bei sich führten. Er war der erste auf der Liste. Alsbald ließ er die Männer kommen, die mit ihm auf dem Verzeichniß standen und zum Feuertod bestimmt waren, machte sie mit der Gefahr bekannt und forderte sie auf, alles an Ehre und Leben zu wagen. Sie nahmen die Brenner fest, überlieferten sie der Obrigkeit und ihre Unthaten kamen zu Tage. Sie erlitten die gerechte Strafe und viele Familien, die um Ehre und Eigenthum gebracht worden, erhielten beides wieder.“ Und der Historiker merkt an: „Die Volkssage übte auch eine eigene Justiz gegen die Brenner, welche nicht gut genug zur Hölle, in ein finsteres Tobel, da, wo man zur Alp Lawena geht, gebannt sind und dort sitzen sie an steinernen Tischen stumm und starr; denn ihr Herz war auch hart, wie Stein und unerbittlich, und ihr Lügenmund ist geschlossen immerdar. Das Volk nennt sie „Tobelhocker“.“

Der heutige Volksmund variiert die Geschichte von den Tobelhockern: so hörten wir von einer Variante, bei der die Verdammten in Gletschertöpfen auf der Stelle um sich selbst zu kreiseln hätten.

Wir schließen mit einem Hinweis auf einen ausführlichen Text von Manfred Tschaikner, der dem Fänomen vor wenigen Jahren nachging und zu einigen aufschlußreichen Erlebnissen und Folgerungen gelangte.

150 Jahre Zukunft

150 jahre zukunft

Ob es sich um eine Profezeihung handelt, das vektorgestützte Ergebnis einer ausgeklügelten Berechnung oder ein lakonisches Resumée der soeben vergangenen anderthalb Jahrhunderte: die Verkündungstafel im Liechtensteiner Rheintal trifft die Stimmung der Neujahrstage.

Schaaner Weih- und Rauhnächte (6)

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