Gorrh (16)

Nach seiner Hochhausbestattung schattete Gorrh erstmal flappend durchs Erdreich: zu den guten Stunden, zu den schlechten Stunden. (Die Stunden flocht er zu Minuten, die Minuten zu Sekunden, dann, zwei Jahre zuvor, verwarf er jegliche Zeit, samt ihrer irritierenden Einheiten.) Wenige wußten das, doch klar sprach es sich rum. Seine selbstklebende Seele, gelöst in Eau de Cologne, ein Badesee für Gothics, Lokalpolitiker und Reptilien, bekannt geworden als „gorrhsische Tinktur“, eine Art Einreibemittel für den Sport der Nibelungen. (Zur Erinnerung: die Erdlinge hatten nach langen Kämpfen, bei denen es fürchterlich auf die Fresse gab, den Rhein ausgetrocknet, um Gorrh, der zum Entseelen Unmengen Hazweioh benötigte, posthum zu wässern.) Eine Originalstimme: „Ich habe diesen ferngesteuerten Gorrhokopter aus der Produktionsreihe „Remagen“ hinten oben in einem geplünderten Supermarkt gefunden. Die Bedienungsanleitung ist noch ganz frisch. Ich demonstriere Ihnen nun den Freßflug.“ (Es klappert, schnurrt und zischt auch ein bißchen.) „So müssen Sie sich sein Rediving vorstellen. Er kam aus dem Innern des Hochhauses. Wie eine platzende Wurst. Ich habe das mal nachgerechnet. Das war anfangs eine etwa fünfhundertfache Sonnenfensternis, als er aus den scherbenden Scheiben, die von tiefstehenden Sonnen überlaufenen Scheiben waren ja die zentralen Schleusen für Gorrhs Wiedereintritt, wenngleich zunächst kaum mehr als ein psychisch gefüllter Lichtreflex, denn die Scheiben platzten gemeinsam mit Gorrhs leerer Hülle und multiplizierten sich flugs zu gänzlich unvorstellbaren Zahlenwerten, also Geschossen, geschossen von Gorrhs Energie, über die wir, denke ich, kein Wort zu verlieren brauchen. Es war in dieser Transplosionsschmelze einiges an Landschaft mit eingefaßt, menschliches Leben, tierisches Leben, also diverse Wohnviertel, auch Industrieflächen, bedenken Sie nur, was da alles rumläuft, um den Tag mit Sinn zu füllen. Das, was da war, schmolz mit Gorrhs Rückverbrüderung zusammen in einem universumsstiftenden Liebesakt in klein, sozusagen. Also hier in der Gegend und auch für die Gegend, aus der Gorrh ja ursprünglich stammt.“ Es schattete und schneit aus den Himmeln. Immer mehr Menschen drängten auf jene Linie zu, an der sie bis heute ihre Erlebnisse mit Gorrh in öffentlichen Spoken Word-Performances mitteilen. Erstunkenes. Erlogenes ebenfalls: „Sie kennen doch dieses Filmbaby aus Eraserhead von David Lynch. So ähnlich sah Gorrh aus, nur verwarzter und viel horniger. Er quiekt ganz erbärmlich. Ich werde ihn in das Körbchen meines verstorbenen Dackels stecken, das ich aus Sentimentalität aufbewahrt hatte und päppelte ihn mit Grafschafter Goldsaft auf.“ „Sie können sich vorstellen, daß es selbst für Gorrh nicht leicht sein wird, mitten im rheinischen Jänner zurückzukehren. Insbesondere der Autoverkehr ging ihm an die Nieren.“ Unter „Gorrh fliegt wieder!“-Plakaten werden die Menschen stehen und haben gesprochen. Sie müssen ihre Erlebnisse bewältigen, auf den Punkt kommen, ihre Spiritualität updaten. Sie rufen mit lauter Stimme: „Wie lange zögerst du noch, Gorrh, du Heiliger und Wahrhaftiger, Gericht zu halten und unser Blut an den Bewohnern der Erde zu rächen?“ Da wurde jedem von ihnen ein weißes Gewand gegeben; und ihnen wurde gesagt, sie sollten noch kurze Zeit warten, bis die volle Zahl erreicht sei durch den Tod ihrer Mitknechte und Brüder, die noch sterben müßten wie sie.


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Ein Kommentar zu “Gorrh (16)”

  1. gera
    19. Januar 2012 um 19:25

    Du zögerst, Gorrh, wie lange noch?
    Wer braucht den blassen Parvenü?
    Wer will den Hund des Management?

    Erheb dich, Gorrh, so handle doch
    und flieg nach Schloss Bellevue:
    Gorrh! Go for Bundespräsident!

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