Monatsarchiv für Januar 2012

 
 

Gorrh (18)

Fällt Schnee? Schnee fällt. Vor und hinter, über und unter sinkenden Flocken sinkende Flocken. Auch diagonal oder digital: zwischen den Flocken: Flocken. Heute dicke Flocken. Und jeder Flocke wohnt eine kleine Kälte inne, sozusagen das Gegenstück zu schwach aufgedrehter Heizung. Im Verbund gelingt den kleinen Kälten eine umfassende Netzwerkkälte, dh, die Kältestrahlen der einzelnen Flocken vereinen sich zu einer sirrenden Gesamtkälte – oder anders ausgedrückt: Schnee durch Schnee ist gleich Schnee. Eine wunderbare Winterlandschaft, gegeben im Schaufenster der Galeria Kaufhof. Eine kleine, zerzauselte, gegen den Strich gebürstete Gorrhpuppe in knitterfreier Martinsmantelhälfte hockt mittendrin, spielt E-Gitarre, singt: „isch glaub, isch bin so happig“, schlägt rhythmisch mit der Faust in die Luft, rebellische Geste, bangt head, kickt ass, fällt mit Batterieschaden aus. Vor dem Schaufenster Gorrh, der echte, als unscheinbare Bettlerin verkleidet, ein Glas Ahrschwärmer, ehemals Glühwein, nun mit einer Haube aus Zuckerguß, dh Schnee, denn auch draußen fällt Schnee, wenngleich nicht ganz so viel und gar so hübsch wie drinnen, in der Linken festgefroren. Vereinzelt Passanten, die sich ihre bibbernden Gebisse zeigen. Arbeitslose Jugendliche natürlich, die sich über die vermeintliche Bettlerin im Schnee lustig machen: „die letzte totale Mondcoolness is bei der aber auch schon paar zig`n`zwanzig Jährchen her“; Gorrh grinst undeutbar, putzt sich demonstrativ die Zähne mit Remoulade und sinniert über Hirnweichheit im Verhältnis zu demoskopischen Strukturen. Es sieht nicht gut aus für die Gesellschaft. Es sah mal gut aus für die Gesellschaft, es wird für die Gesellschaft auch mal wieder gut aussehen, aber im Präsens ist das nicht zu schaffen. Plötzlich steht etwas still. Die Schneeflocken bremsen, die Erdrotation kommt ans Ruckeln, ein Riß geht durch das gefrorene Glas Ahrschwärmer in Gorrhs linker Hand. Es ist Gorrhs mentale Stärke, die diesen Moment ausgelöst hat. Die Menschen reißt es erst leicht nach hinten, dann prallen sie, durch den Rückschlag des totalen Stillstands, heftig nach vorne in ihr weiteres Leben. „Wat war dat denn noch?“ Der Stillstand, so absolut Gorrh ihn auch inszenierte, hielt nur für Sekundenbruchteile, ein kleiner Warnschuß, Gelegenheit zum Innehalten, mehr nicht, vielleicht ein Scherz unter arbeitslosen Jugendlichen. Die nun auf Gorrh eintraten, der als Bettlerin verkleidet irre verkrümmt auf dem Boden lag. Anderntags die Zeitungstitel: „Gesellschaftliche Kälte im Schnee“, „Rheinland polar“ und „Hurra! Der Wahnsinn hat Methode!“ – ein einziger Aufschrei! Darunter Fotos von Fleisch- und Knochenresten arbeitsloser Jugendlicher mitten auf der Königsallee. Gut sichtbar im Schnee: Skalps mit CR7-Frisuren. Die Mordkommission ermittelt. Gorrh lehnt jede Stellungnahme ab. Der Präsident hält seine berühmte Rede vom Ruck, der durch das Land zu gehen habe.

Von Thusis nach Chur

“(…) I will now returne unto that part of the Grisons country where-hence I digressed, even to Tossana, where I entred a fourth valley which is called by the same name as the other immediately behind it, namely the valley of Rhene, because that river runneth through this also where it inlargeth it selfe in a farre greater bredth then in the other valley. Also some doe call it the valley of Curia from the citie of Curia the metropolitane of the country, standing in the principall and most fertil place thereof.
I departed from Tossana about seven of the clocke in the morning, the three and twentieth of August beeing Tuesday, and came to Curia tenne miles beyond it, which is the head citie of the country (as I have before said) about one of the clocke in the afternoone.
I observed many wooden bridges in this valley, made of whole pine trees (as those of Savoy) which are rudely clapped together. One of those bridges is of a great length, about one hundred and twenty paces long, and sixe broad, and roofed over with timber. Also it hath foure very huge wooden pillars in the water. This bridge is made over the river Rhene, about five miles on this side the citie of Curia, over the which every stranger that passeth payeth money.
I observed this country to bee colder by halfe then Italie, the ayre beeing heere as temperate as with us in England.
The abundance of peares and apples in many places of Rhetia, especially about the citie of Curia, is such that I wondred at it: for I never saw so much store together in my life, neither doe I thinke that Calabria which is so much stored with peares, can yeeld more plenty for the quantitie or space of ground, then this part of Rhetia doth. Their trees being so exceedingly laden, that the boughes were even ready to breake through the weight of the fruite. (…)”

(aus: Coryat`s Crudities, hastily gobled up in five moneths travells in France, Savoy, Italy, Rhetia commonly called the Grisons country, Helvetia alias Switzerland, some parts of high Germany and the Netherlands; newly digested in the hungry aire of Odcombe in the county of Somerset, and now dispersed to the nourishment of the travelling members of this kingdome)

Vergeblich suchten wir in den Crudities nach einer Beschreibung der Via Mala, die Coryat – so ziemlich zu ihren wildesten Zeiten – auf seiner Alpenrheinreise passiert haben müßte. Der Marktflecken Tossana (Thusis) bleibt ebenso nahezu unbeschrieben wie die übrigen Dörfer des Hinterrheins, erst Chur erfährt ausführlichere Notizen (die wir evtl noch hier vorstellen). Von Chur geht Coryats Reise den Rhein abwärts bis Sargans, von wo er über Walastat (Walenstadt) nach Zürich abbiegt, um erst wieder bei Basel auf den Strom zu treffen. Seine Ausführungen zu diesem Alpenrheinabschnitt bleiben dürftig, viel mehr als Schätzungen der Wiesenflächen stehen nicht zu Buche, doch vermerkt Coryat, daß er ab Sargans bis tief in die Niederlande fortan lückenlos jeden Reisetag mindestens einen Rheinwein kredenzt bekam.

Coryat`s Crudities (2)

Coryats Stelle mit den Hüpffröschen ist gefunden („I never saw the hundreth part of them in so short a space in all my life: most of their meadowes being so full of them, that I could not step five or sixe steps but I should finde a little frogge“). Er sah diese Froschwiesen im Veltlin, also nicht ganz in Deutschland – es sei denn, es tauchen noch mehr solcher Stellen auf. Coryat sah allerdings nicht nur Unmengen Frösche in Rhätien, sondern auch Unmengen Schafe („I saw great abundance of sheepe here, which I met driven in the way in many great flocks, all the sheepe being according to my estimation at the least foure thousand“), und Freiluft-Kinderarbeit („I observed that the poore Alpine people dwelling in the mountaynous places of the Grison territory, doe send their children abroad into the high wayes with certaine hoddes tyed about their necks, to gather up all the horse-dung that they can finde, which (as I take it) serveth onely for the dunging of their gardens“). Bei Splügen erreicht er den Rhein: „From this place Splugen forward all the Grisons speake Dutch. Here at Splugen I entered into a third valley of the Grisons country, namely the valley of the Rhene, which is so called because a little arme of the noble river Rhene runneth through it. In this valley of Rhene I travelled tenne miles. The Rhene which runneth through this valley, flowes with such an extreme swiftnesse, that the water thereof in certaine places where it falleth downe from steepe cataractes, raiseth a certaine reaking mist to a great heigth, which proceedeth from the greate violence of the torrent. (…)“ Hinter Splügen erfährt Coryat, daß die Bündner Entfernungen nicht in Meilen, sondern in Stunden angeben, was ihn erstaunt, da doch jeder mit unterschiedlichem Tempo sich bewege und nirgends sonst unter christlichem Himmel solche Sitte vorzufinden sei. Das Bünderfleisch bezeichnet Coryat mit einem merkwürdigen Begriff: „Amongst many dishes that come to their table Martelmasse beefe is very frequent.“ Der neuzeitlichen Zumutung, er sei „der erste Tourist“ gewesen, widerspricht Coryat in seiner Rhätien-Passage übrigens höchstpersönlich, indem er vorherige und nachfolgende Reisende bittet, eine eingestreute Textpassage, eine Coryatsche Übersetzung einer lateinisch verfaßten Rede von Hermannus Kirchnerus, ein einziges Lobpreisen des Reisens in Deutschland, freundlich aufzunehmen.

Gorrh (17)

„Gorrh, unser Größter, jung Görrhling, erwachsen vom Frühling bis August Grrhoarrh, dann bis zu Neujahr Gorrh genannt, Gorrhus gorrhus (das Männchen heißt vom September an auch G. musculus, das Weibchen G.a schizopulcherrima), ist ein höchst sonderbarer Wandergott, halb Wald-, halb Stadttier, halb aus reinem Nichts gesponnen, Dividende des Unnatürlichen, Nenner der Menschheit, Elektrospacke, manche sagen: Befall aus dem All. Aus dem Asfalt, wo er besonders entlang der Rheinschiene hinstreicht, steigt er oft im April schon, oft später, in langsamen Zügen in spitzwinkeligen Linien, die schwersten Gedanken voran, alle Flüsse Deutschlands hinauf, kommt im Mai bei Basel durch den Rhein her, schnellt sich mit kräftigem Schwanzschlag die Laufenburger Stromschnelle hinan, schwimmt im August in die kleinern Flüsse, zieht ohne Aufenthalt durch die Länge der Seen nach deren Zufluß, fährt diesen aufwärts, überspringt leicht Wehre und Rechen, verteilt sich in alle großen Seitenbäche, die schnellen Lauf und kiesigen Boden haben, und gelangt so in die Bergregion auf wunderbarer Irrfahrt. Hier laicht er vom Oktober bis Dezember und zieht dann wieder in großen Reihen flußabwärts, dorthin, wo er herkam, zurück. Es sind dies die Monate unter den Monaten, an denen er unsichtbar bleibt, wie auch zu anderen Monaten im Jahr. Seine dreißigtausendfache Vervielfältigung kann nur durch einen ebenso schweren Gedanken aufgehoben werden. Ein Gedankensprengsatz, gehalten von untereinander verkabelten, intelligent gesetzten Plastiksprengstoffkommata, ein eiliges, wuchtiges Gewebe, das den Riß in der Luft, den sein Erscheinen verursacht, zum Loch umreißt, dessen Rand zerfetzt, bis von allem Nichts nichts mehr übrig bleibt als die reine Vollkommenheit und Fülle, eine antimaterielle Überfülle, das nonmaterielle Megamaterial. „Süperendesüpere“, summt Gorrh zu Lichtmeß, knocht und wobbelt, protzt und schlorcht, Gorrh, unser Größter, jung Görrhling, erwachsen vom Frühling bis August Grrhoarrh, dann bis zu Neujahr Gorrh genannt.“

(Obiges fanden wir in Strondtners Notizen. Der Text ist im Original s-förmig durchgestrichen. Oder markiert. Serpentiert? Wo zur Hölle ist Strondtner eigentlich abgeblieben?)

von den Micrometern

§. 15. Hinwiederum von einem meinem Fenster gegenüber liegenden Dache wollte ich den Abstand des Gibels finden. Ich richtete das Fernrohr gegen die unmittelbar vom Giebel abwärts hangenden Ziegel, so daß die Scala des Micrometers Horizontal zu liegen kam. Den Tubum müßte ich bis auf 572 Theile ausziehen, um die Ziegel deutlich zu sehen; damit fand sich, daß die Breite von zween Ziegeln genau 7 Theile des Micrometers bedeckte. Da mir nun bekannt war, daß auf jede Ziegelbreite 1/2 rhein. Fuß gerechnet werden kann, so machte die Breite von zween Ziegeln 1 rhein. Fuß. Damit ließ sich nun nach der Regel Detri

7 : 573 = 1 : 81 5/7

schließen, daß diese Ziegel 81 5/7 rhein. Fuß und daher der Giebel 82 rhein. Fuß von dem Objectivglase des Tubus entfernet seyn mußten. Aehnliche Versuche giengen noch sehr genau bis auf die Entfernung von 700 Fuß an. Denn das Micrometer war in 14 größere, oder 70 kleinere Theile getheilt, und jeder kleinere Theil ließ sich nach einer bloßen Schätzung des Augenmaaßes sehr leicht noch in 10 kleinere Theile theilen, so daß, wenn ich so viele Ziegel zusammen nahm, als die Scale des Micrometers fassen konnte, auf 700 nicht um 1 verfehlt wurde. Daran fehlte es also nicht. Die Hauptfrage war aber wohl diese: ob man immer sicher genug auf jede Ziegelbreite genau 1/2 rhein. Fuß rechnen könne. Denn, wo dieses nicht ist, da wird zwar eben nicht viel fehlen, indessen ist alsdann die darauf gegründete Berechnung nur beyläufig. Uebrigens lassen sich bey Fensterscheiben, zumal wo sie rund und auf den Glashütten, gerundet sind, ähnliche Versuche anstellen. (…)

(aus: Abhandlungen der Churfürstlich=baierischen Akademie der Wissenschaften Fünfter Band, welcher die philosophischen enthält., München 1768)

Heiliger Berg des Rechtsrheinischen

Heute fanden wir eine Mail des Kölner Stadtführers Boris Sieverts im Postfach. Sieverts Führungen gehen häufig durch wenig bekannte urbane Räume: Brachen, Slums, Randständiges, Untertrassenbefindliches. Seit einigen Wochen setzt er sich für den Erhalt des Kalkbergs als öffentliche Erholungsfläche ein. Die Stadt Köln will dort eine Hubschrauberstation einrichten. Vergangenen Samstag errichteten Gegner der städtischen Pläne dort einen Lattenzaun im Stile des Hollywood-Schriftzugs.

kalkberg

Wir zitieren aus Sieverts Schreiben: „(…) Wir werden uns den Kalkberg weiter erobern und ihn zu dem machen, was er verdient: Den “heiligen Berg des Rechtsrheinischen“, einen Ort mit Fernsicht zum Träumen, der Stadt entrückt und doch mittendrin, mit freiem Platz zum Experimentieren und Feiern, Tafeln und Spielen, vielleicht sogar für Theater, Open-Air-Kino und Konzerte. Einen Ort, an dem Menschen zusammen kommen, um sich gemeinsam über den Alltag zu erheben! (…)

Nach den zahlreichen Presse-und Fernsehberichten (…) ist es vielleicht an der Zeit, nochmal zu betonen, dass wir nicht gegen den Bau einer Hubschrauberbasisstation sind und dass es hier auch nicht um das St. Florians-Prinzip geht, das die Last immer zu den anderen verschieben will. Man kann es nicht oft genug betonen: Eine Hubschrauberbasisstation mit zwei Landeplätzen, einem kleinen Hangar, Aufenthaltsräumen und einer Betankungsstelle ist ein so “handlicher” und damit in seiner Standortwahl so freier Eingriff, dass man damit nicht tausenden von Bürgern ihre Ruhe rauben und eine der großartigsten Freiflächen der Stadt weitgehend zerstören muss. Die Hubschrauberstation gehört in eines der zahlreichen Gewerbe- oder Industriegebiete, auf Brachflächen, die nicht inmitten von Wohnbebauung liegen oder, und das wäre wohl die beste Lösung, auf die Dächer der Kölner Messe, die 13 Hektar besten Hubschrauberlandeplatzes fernab jeglicher Wohnbebauung bieten und 90 Prozent des Jahres weitgehend ungenutzt sind!

Wir werden nicht aufhören, lautstark auf die Unsinnigkeit und Ignoranz der Standortwahl Kalkberg hinzuweisen und eine Prüfung anderer Standorte zu fordern, die die Bezeichnung Prüfung auch verdient! Außerdem wird es höchste Zeit, dass die Stadt Köln für diejenigen anderen Standorte, deren grundsätzliche Eignung sie nach ihrer eigenen Punktematrix bereits jetzt nicht bestreitet, ebenfalls Genehmigungen beantragt, damit die Kölner nicht länger als nötig auf ihre Hubschrauberbasisstation warten müssen! Zur Beantragung dieser Genehmigungen hatte die Stadtverwaltung in den vergangenen 7 (!!) Jahren reichlich Zeit. Dass sie diese Zeit nicht genutzt hat, ist verantwortungslos und unter diesen Umständen von Alternativlosigkeit zu sprechen eine Verhöhnung aller Bürger dieser Stadt!“

Zwischenbilanz (4)

Wir nehmen diesen tausendsten Primäreintrag nach rund drei Jahren rheinsein im Internet zum Anlaß für eine weitere Zwischenbilanz. Über die fragwürdige – denn rheinsein läßt sich nicht ausschließlich über Primärposts definieren – Jubiläumszahl hinaus paßt jedoch auch ihr Zeitpunkt für kurze Rück- und Ausblicke.

Im Jahr 2011 gab es ein neues Büchlein (Das Lachen der Hühner), das sowohl als eigenständige Publikation, als auch als rheinsein-Derivat betrachtet werden kann. Für einen handgearbeiteten Gedicht-Bild-Band aus einem unabhängigen Kleinstverlag geht es ganz ordentlich übern Tresen. Wir durften rheinsein in einigen Lesungen und Vorträgen präsentieren, eine Besonderheit/Neuheit war die aus rheinsein-Material zusammengestellte Liechtenstein-Show, eine weitere unser Lehrauftrag an der Düsseldorfer Fachhochschule zum Thema „Rheinische Identität“, das die Studenten in Spoken Word-Performances umzusetzen hatten. Die Stichwortwolke, rheinseins lexikalisches Register, wuchs auf über 2600 Begriffe an. Falls wir unsere Statistiken richtig deuten, sorgt insbesondere die thematische Bandbreite für zahlreiche Seitenaufrufe. Die häufigsten bzw lustigsten Suchanfragen zusammenzustellen, verkneifen wir uns heute – vielleicht ein andermal.

Von Februar bis Juno 2012 wird rheinsein die Artikelfrequenz stark herunterdimmen. Denn wir verbringen diese Zeit aus beruflichen Notwendigkeiten am Bosporus – erhoffen jedoch, dort einen bisher noch unbekannten Rheinnebenarm zu entdecken. Zu erwarten steht nach dem bisher ca werktäglichen demnächst also vorübergehend ca ein wöchentlicher (evtl an einem festen Tag erscheinender) Neueintrag. rheinsein wird dafür insbesondere auf Gastbeiträge angewiesen sein. (Der geneigte Leser und alle hier mitlesenden Korrespondenten möge/n dies bitte als Aufforderung verstehen. Wir sammeln bereits ein wenig auf Halde.) Falls wir für die Zwischenzeit ein Bosporus-Blog einrichten, geben wir`s hier bekannt.

Im Hintergrund grummeln derweil einige noch nicht spruchreife Optionen für die zweite Jahreshälfte 2012. Was immer sich ergibt: hier wird es zu erfahren sein.

Gorrh (16)

Nach seiner Hochhausbestattung schattete Gorrh erstmal flappend durchs Erdreich: zu den guten Stunden, zu den schlechten Stunden. (Die Stunden flocht er zu Minuten, die Minuten zu Sekunden, dann, zwei Jahre zuvor, verwarf er jegliche Zeit, samt ihrer irritierenden Einheiten.) Wenige wußten das, doch klar sprach es sich rum. Seine selbstklebende Seele, gelöst in Eau de Cologne, ein Badesee für Gothics, Lokalpolitiker und Reptilien, bekannt geworden als „gorrhsische Tinktur“, eine Art Einreibemittel für den Sport der Nibelungen. (Zur Erinnerung: die Erdlinge hatten nach langen Kämpfen, bei denen es fürchterlich auf die Fresse gab, den Rhein ausgetrocknet, um Gorrh, der zum Entseelen Unmengen Hazweioh benötigte, posthum zu wässern.) Eine Originalstimme: „Ich habe diesen ferngesteuerten Gorrhokopter aus der Produktionsreihe „Remagen“ hinten oben in einem geplünderten Supermarkt gefunden. Die Bedienungsanleitung ist noch ganz frisch. Ich demonstriere Ihnen nun den Freßflug.“ (Es klappert, schnurrt und zischt auch ein bißchen.) „So müssen Sie sich sein Rediving vorstellen. Er kam aus dem Innern des Hochhauses. Wie eine platzende Wurst. Ich habe das mal nachgerechnet. Das war anfangs eine etwa fünfhundertfache Sonnenfensternis, als er aus den scherbenden Scheiben, die von tiefstehenden Sonnen überlaufenen Scheiben waren ja die zentralen Schleusen für Gorrhs Wiedereintritt, wenngleich zunächst kaum mehr als ein psychisch gefüllter Lichtreflex, denn die Scheiben platzten gemeinsam mit Gorrhs leerer Hülle und multiplizierten sich flugs zu gänzlich unvorstellbaren Zahlenwerten, also Geschossen, geschossen von Gorrhs Energie, über die wir, denke ich, kein Wort zu verlieren brauchen. Es war in dieser Transplosionsschmelze einiges an Landschaft mit eingefaßt, menschliches Leben, tierisches Leben, also diverse Wohnviertel, auch Industrieflächen, bedenken Sie nur, was da alles rumläuft, um den Tag mit Sinn zu füllen. Das, was da war, schmolz mit Gorrhs Rückverbrüderung zusammen in einem universumsstiftenden Liebesakt in klein, sozusagen. Also hier in der Gegend und auch für die Gegend, aus der Gorrh ja ursprünglich stammt.“ Es schattete und schneit aus den Himmeln. Immer mehr Menschen drängten auf jene Linie zu, an der sie bis heute ihre Erlebnisse mit Gorrh in öffentlichen Spoken Word-Performances mitteilen. Erstunkenes. Erlogenes ebenfalls: „Sie kennen doch dieses Filmbaby aus Eraserhead von David Lynch. So ähnlich sah Gorrh aus, nur verwarzter und viel horniger. Er quiekt ganz erbärmlich. Ich werde ihn in das Körbchen meines verstorbenen Dackels stecken, das ich aus Sentimentalität aufbewahrt hatte und päppelte ihn mit Grafschafter Goldsaft auf.“ „Sie können sich vorstellen, daß es selbst für Gorrh nicht leicht sein wird, mitten im rheinischen Jänner zurückzukehren. Insbesondere der Autoverkehr ging ihm an die Nieren.“ Unter „Gorrh fliegt wieder!“-Plakaten werden die Menschen stehen und haben gesprochen. Sie müssen ihre Erlebnisse bewältigen, auf den Punkt kommen, ihre Spiritualität updaten. Sie rufen mit lauter Stimme: „Wie lange zögerst du noch, Gorrh, du Heiliger und Wahrhaftiger, Gericht zu halten und unser Blut an den Bewohnern der Erde zu rächen?“ Da wurde jedem von ihnen ein weißes Gewand gegeben; und ihnen wurde gesagt, sie sollten noch kurze Zeit warten, bis die volle Zahl erreicht sei durch den Tod ihrer Mitknechte und Brüder, die noch sterben müßten wie sie.

Nietzsches schwermüthige Schnellreisen

Basel, 5. Mai 73

[...] Weißt Du, daß unser überaus festlicher Abschiedstrunk in Lichtenfels mich berauscht gemacht hatte? Nämlich es trat ein Phänomen ein, daß ich wähnte, ich würde in einem großen Rade mit herumgedreht: dabei wurde mir schwindlicht, ich schlief ein, wachte in Bamberg auf, trank Kaffee: und war Mensch wie zu­vor. Verlebte dann den Nachmittag in Nürnberg, sowie den zweiten Ostertag und befand mich körperlich ebenso wohl als höchst, höchst schwermüthig! Dabei waren alle Leute geputzt und liefen im Freien herum, und die Sonne so herbstlich mild.
Nachts sauste ich nach Lindau ab, fuhr, im Kampf von Nacht­ und Tagesgestirn, früh um 5 Uhr über den Bodensee, kam noch zeitig am Rheinfall bei Schaffhausen an, machte dort Mittag. Neue Schwermuth, dann Heimreise; an Lauffenburg vorbeikom­mend sah ich, daß die Stadt mächtig brannte. [...]

(aus: Friedrich Nietzsche, Briefe II, 3 (Mai 1872 – Dezember 1874))

Coryat`s Crudities

Thomas Coryat, Verfasser von Coryat`s Crudities, einem extensiven Bericht über seine europäische Reise zu Beginn des 17. Jahrhunderts, gilt manchen Quellen als „der erste Tourist“. Das halten wir für unwahrscheinlich, großsprecherisch und witzlos. Dennoch haben wir Coryats Beschreibung einer glimpflich verlaufenen Begegnung mit Pfälzer Weinbauern vor rund 400 Jahren hier gerne präsentiert und sind auf der Suche nach weiteren seiner rheinischen Reiseerlebnisse. Sekundarquellen sprechen von Coryats Vorliebe für Hüpffroschmetafern und Hüpffroschvorkommensabgleiche, insbesondere Deutschland muß zu Coryats Besuchszeiten übervoll mit Hüpffröschen gewesen sein. Coryat soll als erster Bischof Hattos Geschichte nach England gebracht haben, wo sie dann auf Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte als willkommene horror story zur Kindererziehung gedient haben soll. Von der astronomischen Münsteruhr zu Straßburg soll Coryat so überwältigt gewesen sein, daß er in einem Überwindungsakt äußerster britishness den Einbau eines ähnlichen Fabrikats in die St. Paul`s Cathedral empfahl. In Hillman`s Hyperlinked and Searchable Chamber`s Book of Days steht wie „der exzentrische Coryat“ auf das Heidelberger Faß klettert, um es, Perkeo gleich, mit einem Glas Wein in der Hand als ein den sieben Weltwundern der Antike ebenbürtiges Menschenwerk zu beschreiben: „„When tie cellarer,“ says Coryat, „draweth wine out of the vessel, he ascendeth two several degrees of wooden stairs made in the form of a ladder, and so goeth up to the top; about the middle whereof there is a hung-hole or venting orifice, into the which he conveyeth a pretty instrument of some foot and a half long, made in the form of a spout, wherewith he draweth up the wine and so potmeth it after a pretty manner into a glass.““ Von diesen Gläsern soll Coryat einige genossen haben. Das Heidelberger Faß taucht unterdessen ab und erst wieder bei Jules Verne in der Literatur auf. Wir suchen unterdessen in Coryats umfangreichen, nicht immer flüssig zu lesenden Berichten nach den Stellen mit den Hüpffröschen – und falls wir solche oder andere bezeichnende rheinische crudities finden sollten, stellen wir sie später hier ein.

Melander (2)

melander

Wir haben über den Melander berichtet, ein Lebewesen, das in freier Natur nicht vorkommt, sondern ausschließlich in einer Oberrieter Fabrik zum Zwecke des Verzehrs gezüchtet wurde, bis die Ostschweizer Behörden dem Frankensteinismus Einhalt geboten. Mit der Geburt des Melanders begann seine Mystifizierung. Das Bild zeigt eine grafische Darstellung des extraevolutionären Fischtiers. Solche Darstellungen finden sich auf Porzellanbehältern und sind heute in Brockenhäusern zu erwerben. Das altmodische Behälterdesign sollte womöglich Beständigkeit suggerieren, i.e. optisch über die wissenschaftliche Entstehung des Melanders hinweghelfen.

Weltkulturerbe

Die Enge des Tals als dauerhafter Versuch
einer Landstraße. Burgruinen, die aussehen
als seien sie kurz vor der Erfindung von Lego
bereits als Ruinen erbaut. Im dünnen Licht

des Schankraums stürzen zwei Kormorane
in kaum ernstzunehmende Hafenbecken
Ich erkenne Großvater auf seinem Stamm-
platz beim Verfassen der Loreley. Das Singen

der Gleise, gebreakt von einem spontanen
Ausfluß der Bewußtseinsindustrie aus
Richtung des Flatscreens überm Tresen

Wenn etwas ist, ist es Wein und Geschäftssinn
Etikette tötet lautet die Botschaft der Spuckis
halb abgekratzt am Eingang zur Herrentoilette

Heiko Somo: „James did not make it“

jamesdean

Knapp vor dem Ziel scheiterte James Dean, als er den Rheinfall besuchen wollte – weiß Heiko Somo, der den Unfall des Filmheroen an den Pforten des berühmten Schweizer locus amoenus für rheinsein dokumentierte.

Ein beinahe fataler Traubengenuß im Jahre 1608

THere hapned unto me a certaine disaster about the middest of my journey betwixt Franckendall and Wormes, the like whereof I did not sustaine in my whole journey out of England. Which was this. I stept aside into a vineyard in the open field that was but a litle distant from the high waie, to the end to taste of their grapes wherewith I might something asswage my thirst: hoping that I might as freely have done it there, as I did often times before in many places of Lombardie without any controulement. There I pulled two little clusters of them, and so returned into my way againe travelling securely and jovially towards Wormes, whose lofty Towers I saw neere at hand. But there came a German Boore upon me with a halbert in his hand, & in a great fury pulled off very violently my hat from my head (as I have expressed in the frontispice of my booke) looked very fiercely upon me with eyes sparkling fire in a manner, and with his Almanne wordes which I understood not, swaggered most insolently with me, holding up his halbert in that threatning manner at me, that I continually expected a blow, and was in deadly feare lest he would have made me a prey for the wormes before I should ever put my foote in the gallant City of Wormes. For it was in vaine for me to make any violent resistance, because I had no more weapon then a weake staffe, that I brought with me out of Italy. Although I understood not his speeches, yet I gathered by his angry gestures that the onely cause of his quarrel was for that he saw me come forth of a vineyard (which belike was his maisters) with a bunch of grapes in my hand. All this while that he threatned me with these menacing termes I stood before him almost as mute as a Seriphian frogge, or an Acanthian grashopper, scarce opening my mouth once unto him, because I thought that as I did not understand him, so likewise on the other side he did not understand me. At length with my tongue I began to reencounter him, tooke heart a grace, and so discharged a whole volley of Greeke and Latin shot upon him, supposing that it would bee an occasion to pacifie him somewhat if he did but onely thereby conceive that I had a little learning. But the implacable Clowne was so farre from being mitigated with my strange Rhetoricke, that he was rather much the more exasperated against me. In the end after many bickerings had passed Friends in betwixt US, three or foure good fellowes that came from Wormes, glaunced by, and inquired of me what the quarrell was. I being not able to speake Dutch asked them whether any of the company could speake Latin. Then immediately one replyed unto me that he could. Whereupon I discovered unto him the whole circumstance of the matter, and desired him to appease the rage of that inexorable and unpleasant peasant, that he might restore my hat againe to me. Then he like a very sociable companion interposed himselfe betwixt us as a mediator. But first he told me that I had committed a penal trespasse in presuming to gather grapes in a vineyard without leave, affirming that the Germanes are so exceeding sparing of their grapes, that they are wont to fine any of their owne countreymen that they catch in their vineyards without leave, either with purse or body; much more a stranger. Notwithstanding he promised to do his endevour to get my hat againe, because this should be a warning for me, and for that he conceived that opinion of me that I was a good fellow. And so at last with much adoe this controversie was compounded betwixt the clowne and my selfe, my hat being restored unto me for a small price of redemption, which was twelve of their little coynes called fennies, which countervaile twenty pence of our English money. But I would counsel thee gentle reader whatsoever that meanest to travell into Germany, to beware by my example of going into any of their vineyardes without leave. For if thou shalt happen to be apprehended in ipso fecto (as I was) by some rustical and barbarous Corydon of the country, thou mayest perhaps pay a farre deerer price for thy grapes then I did, even thy dearest blood.

(aus: Coryat`s Crudities, hastily gobled up in five moneths travells in France, Savoy, Italy, Rhetia commonly called the Grisons country, Helvetia alias Switzerland, some parts of high Germany and the Netherlands; newly digested in the hungry aire of Odcombe in the county of Somerset, and now dispersed to the nourishment of the travelling members of this kingdome)

Flaschenpost (6)

Die Schweizer Medien berichten dieser Tage von einer Flaschenpost, die von Oberriet im St. Galler Rheintal bis nach Südafrika gelangte. Ob sie dafür wirklich “via Bodensee, Rheinfall, Rhein sowie Nord- und Südatlantik nach Kapstadt trieb”, wie die Artikel behaupten, ist zwar gut vorstellbar, aber keinesfalls gesichert. Die Flasche könnte schließlich dem Strom frühzeitig entnommen und auf anderen Wegen weitertransportiert worden sein. Für eine Seereise spricht die Reisedauer. Denn auf den flüssigen Postweg gegeben wurde die Flasche bereits vor  30 Jahren – von Werner Kühnis aus Oberriet. Der hatte seine Wurfsendung von einst längst vergessen, als er nun kurz nach Weihnachten Antwort erhielt: “30 Jahre später wurde die Flaschenpost am Strand von Kapstadt gefunden. Die Frau (gemeint ist die Finderin, Anm.: rheinsein) kann aber kein Deutsch. Sie suchte eine deutschstämmige Kollegin auf, die ihr half. Da Werner Kühnis noch heute in Oberriet wohnt, einen Steinwurf von seinem Elternhaus entfernt, gelang es den Frauen mithilfe des Internets, den Absender der Flaschenpost ausfindig zu machen.”
Von den bekannten (aufgetauchten) rheinischen Flaschenpostbriefen dürfte diese einen gesamtrheinischen Streckenrekord aufgestellt haben. Ob sie auch ordnungsgemäß im Mainzer Flaschenpostamt registriert wurde, gaben die Artikel nicht preis.

Neujahrsgrüße aus der Vergangenheit

Paris, 31. December 1842

Ich schreibe diese Zeilen in den letzten Stunden des scheidenden bösen Jahres. Das neue steht vor der Thüre. Möge es minder grausam seyn als sein Vorgänger! Ich sende meinen wehmüthigsten Glückwunsch zum Neujahr über den Rhein. Ich wünsche den Dummen ein bischen Verstand und den Verständigen ein bischen Poesie. Den Frauen wünsche ich die schönsten Kleider und den Männern sehr viel Geduld. Den Reichen wünsche ich ein Herz und den Armen ein Stückchen Brod. Vor allem aber wünsche ich, daß wir in diesem neuen Jahr einander so wenig als möglich verläumden mögen.

(aus: Heinrich Heine – Lutezia, in: Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke, in Verbindung mit dem Heinrich-Heine-Institut herausgegeben von Manfred Windfuhr)