Monatsarchiv für Dezember 2011

 
 

Am Ende der Rhein

Als schwarzen Sarg des Rheins stellt sich Roger Monnerat den Rotterdamer Hafen zu Beginn seines Erzähl-Essays Am Ende der Rhein. Vom Verschwinden der Realien im Hafen von Rotterdam vor. Das vor allem, weil der Basler Autor im Laufe der Sandoz-Katastrofe von 1986 sich mit niederländischen Tauchern unterhielt, welche die Reinigungsarbeiten auf dem Schweizerhaller Rheingrund gegenüber ihrer sonstigen Tätigkeit im Rotterdamer Hafen als „Sonntagsspaziergang“ bezeichneten: „Sie können da mit der stärksten Lampe hinuntergehen, Sie sehen Ihre Hand nicht vor dem Gesicht; es ist tintentuschekohlerabenschwarz dort unten, unerträglich kalt und klamm, unerträglich laut. Das Dröhnen von Motoren aus allen Richtungen läßt Sie die Orientierung verlieren, und bei jeder Bewegung haben Sie das Gefühl, schwarze Schleimschlingen würden nach Ihnen greifen und Sie in den Schlick am Grund hinunterziehen, wo sie von rostzerfressenen Stahlträgern aufgespießt oder von rostzerfressenen Stahlkanten zerschnitten werden. Sie sind in einem schwarzen Fass eingesperrt und wissen, dass die Rasierklingen aller Matrosen aus aller Welt nur darauf warten, Sie und die Schläuche Ihrer Ausrüstung aufzuschlitzen.“ Gut zwei Jahrzehnte später treibt es Monnerat nach Rotterdam, endlich das Ende des Rheins zu schauen, eine Reise, die auch zur Allegorie auf den gleichzeitig voranschleichenden Tod seines Vaters wird. Glaubt man den Ausführungen des Autors, so liefert Am Ende der Rhein wie nebenbei wahrscheinlich die erste ausführlichere Beschreibung Rotterdams, denn: „Bei meinen Reiseerkundungen stellte ich fest, dass Rotterdam offenbar keines Besuchs wert befunden wird. Es gibt weder auf Deutsch, Englisch oder Französisch einen Stadtführer für Rotterdam und in den Führern für Holland sind über Rotterdam nicht mehr als drei Seiten zu finden. Vermutlich, weil Reisende das Alte suchen und Rotterdam fast nichts zu bieten hat, das älter ist als ich.“ Monnerat streift also durch diese scheinbar geschichtslose, erst von den Bombardements der Wehrmacht, dann von jenen der Alliierten niedergemachte Stadt, beschreibt ihre heutige Architektur, den berühmten Hafen, kommt einem unerklärlichen Geheimnis desselben auf die Schliche, schweift ab in Assoziationen über gelesene Bücher und gesehene Bilder, übersieht bei Rotterdams Errungenschaften lediglich den Gabber Techno und liefert letztlich ein seltenes, dafür umso interessanteres, bildstarkes und persönliches Reisebüchlein, das über den Buchhandel garnicht so leicht zu erhalten ist, erschienen in der schlichtschönen édition sacré in signierter und numerierter 400er-Auflage und rheinsein eine starke Empfehlung wert.

Die Grünfarbe

des mittelländischen Meeres, der Schweizerseen, selbst des Rheins, wird wohl daher kommen, daß diese Gewässer eine gelbliche Tiefe haben, worin sich das Blau des Himmels spiegelt.

(Arthur Schopenhauer, Der handschriftliche Nachlaß, Band 4,1 – Die Manuskriptbücher der Jahre 1830–1852, 2. Teil, Spicilegia (1846))

Schelm von Bergen

Im Schloß zu Düsseldorf am Rhein
Wird Mummenschanz gehalten;
Da flimmern die Kerzen, da rauscht die Musik,
Da tanzen die bunten Gestalten.

Da tanzt die schöne Herzogin,
Sie lacht laut auf beständig;
Ihr Tänzer ist ein schlanker Fant,
Gar höfisch und behendig.

Er trägt eine Maske von schwarzem Samt,
Daraus gar freudig blicket
Ein Auge, wie ein blanker Dolch,
Halb aus der Scheide gezücket.

Es jubelt die Fastnachtsgeckenschar,
Wenn jene vorüberwalzen.
Der Drickes und die Marizzebill
Grüßen mit Schnarren und Schnalzen.

Und die Trompeten schmettern drein,
Der närrische Brummbaß brummet,
Bis endlich der Tanz ein Ende nimmt
Und die Musik verstummet.

“Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
Ich muß nach Hause gehen -”
Die Herzogin lacht: “Ich laß dich nicht fort,
Bevor ich dein Antlitz gesehen.”

“Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
Mein Anblick bringt Schrecken und Grauen -”
Die Herzogin lacht: “Ich fürchte mich nicht,
Ich will dein Antlitz schauen.”

“Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
Der Nacht und dem Tode gehör ich -”
Die Herzogin lacht: “Ich lasse dich nicht,
Dein Antlitz zu schauen begehr ich.”

Wohl sträubt sich der Mann mit finsterm Wort,
Das Weib nicht zähmen kunnt er;
Sie riß zuletzt ihm mit Gewalt
Die Maske vom Antlitz herunter.

“Das ist der Scharfrichter von Bergen!” so schreit
Entsetzt die Menge im Saale
Und weichet scheusam – die Herzogin
Stürzt fort zu ihrem Gemahle.

Der Herzog ist klug, er tilgte die Schmach
Der Gattin auf der Stelle.
Er zog sein blankes Schwert und sprach:
“Knie vor mir nieder, Geselle!

Mit diesem Schwertschlag mach ich dich
Jetzt ehrlich und ritterzünftig,
Und weil du ein Schelm, so nenne dich
Herr Schelm von Bergen künftig.”

So ward der Henker ein Edelmann
Und Ahnherr der Schelme von Bergen.
Ein stolzes Geschlecht! Es blühte am Rhein,
Jetzt schläft es in steinernen Särgen.

(aus: Heinrich Heine – Reisebilder. Späte Lyrik, Goldmann, München 1957)

Schwebende Berge

schwebende-berge

An manchen Tagen, zwischen den Jahreszeiten, lassen sich, in wenig bekannten, allzeit dunstverhangenen Gebieten, die der Rhein nur mit großer Disziplin in strikt vorgezeichneten Linien zu queren vermag, in den Himmeln schwebende Berge erblicken, deren Steinwildpopulationen noch flügelbehaftet sein sollen. Solche Informationen übersteigen jedoch kaum den Wert eines Gerüchts, denn die Berge sind nur aus der Ferne sichtbar und wer immer derlei Sachverhalte präziser zu erforschen sich anschickte, verlor sich fatal im Waber der Tiefdünste. (Die regionalen Psychiatrien besitzen eigene Abteilungen für aus dem Waber zurückgekehrte Personen.) Versuche, die schwebenden Berge von Satelliten aus zu lokalisieren, schlugen bislang auf voller Linie fehl. Im Internet finden sich darüberhinaus  irritierende (noch zu verifizierende) Meldungen, die schwebenden Berge seien auch am Sambesi gesichtet worden, dort allerdings nicht zwischen den Jahreszeiten, sondern zwischen vollendeten Jahren.

Das Lachen der Hühner: Lesungen

Zum Wochenende und gleichzeitig zum Saisonausklang begibt sich rheinsein zu zwei Lesungen aus Das Lachen der Hühner entlang der Rheinscheine. Die Ankündigungen der Veranstalter:

Das Karlsruher Literaturforum ist ein beliebter Austausch zwischen Autoren und dem Karlsruher Publikum. Die Literarische Gesellschaft organisiert das Forum in diesem Jahr zum 6. Mal. 2011 steht es einen Tag lang im Zeichen der zeitgenössischen Lyrik, die derzeit so viel Aufmerksamkeit erhält wie lange nicht mehr. Vor allem junge Autorinnen und Autoren prägen den Schauplatz der Literatur und werden in den Feuilletons gefeiert. Die Karlsruher Lyrikerinnen und Lyriker Silke Scheuermann, Stan Lafleur und Matthias Kehle und aktuelle Autorinnen und Autoren wie Claudia Gabler, Matthias Göritz, Nadja Küchenmeister und Nora Gomringer reflektieren in Vorträgen (Wie entsteht ein Gedicht, Lyrik und Politik) über die Perspektiven der Gattung Lyrik und spiegeln in neuen Texten auch den Oberrheinraum, der viele der Autoren biografisch verbindet, wider.

Termin: 16. Dezember 2011, 17 Uhr (rheinsein-Lesung ca 18 Uhr)
Ort: Prinz-Max-Palais
Karten am Einlaß

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Heine im Sinn…
Die erste Heine-Nacht am 17. Dezember 2011 im Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf

Feiern Sie auf der Bilker Straße am 17. Dezember zwischen 18 Uhr und der Geisterstunde die erste Heine-Nacht.

Freuen Sie sich auf:
Lesungen mit Martin Walser, Ingrid Bachér, Stan Lafleur und Jan Skudlarek,
Performances von Gerhard Stäbler, Kunsu Shim, Niklas Stiller und Marc Matter,
Führungen durch die Dauerausstellung Nähe und Ferne und die Ausstellung Der russische Heine sowie auf die Präsentation Heine und Paris.
Die Bandbreite des musikalischen Rahmenprogramms reicht von klassischen Heine-Vertonungen über Klanginstallationen bis hin zu einem Heine-Rap.
Außerdem erwarten Sie viele weitere Überraschungen und Höhepunkte.

Der Vorverkaufspreis beträgt 7 Euro (erm. 5 Euro) inklusive einem Getränk oder einem Heine-Apfeltörtchen.

Die rheinsein-Lesung steht um 22.30 Uhr zu erwarten.

Rheintor Linz – Anno Domini 2011

Die diesjährigen Aktionen im Linzer Rheintor sind nun zu einem Katalog zusammengefaßt in der Edition Das Labor erschienen. Bestellwünsche werden von rheinsein umgehend weitergeleitet. Der Text zum Katalog stammt von Matthias Hagedorn:

“Das landläufige Vorurteil, Kunst sei eine Schnapsidee, unterlaufen Klaus Krumscheid und A.J. Weigoni augenzwinkernd mit dem Verweis auf Heinz Schenks Motto des Blauen Bocks: „Ich lade gern mir Gäste ein!“

Obwohl unter den Zeltschrägen eines gemeinsamen Umschlages, bilden die Artisten dieses Projekts keine Gruppe. Es gibt keinen gemeinsamen arspoeticagleichen Ansatzpunkt als den, Kunst anders einzuordnen, um schließlich eine Art kritischer Mutation hervorzuzaubern. Eben durch die Unterschiedlichkeit ihrer Arbeiten, durch die Unvereinbarkeit der gezielten Darlegungen und dank dieser Inkompatibilität wird in diesem Projekt die gegenwärtige Lage der Kultur deutlich.

Eines scheint klar, zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist Kunst der Inbegriff des Fragmentarismus, der unsere Zeit ansteckt, dadurch charakterisiert und die fin–de–siècle–belastete Verwirrung und Fassungslosigkeit der Methoden der existentiellen Werkzeuge lässig hinter sich läßt. Diese Artisten wagen – jeder auf seine Art und Weise – eine Berufung der Methode einzulegen, indem sie eine Berufung der Rhetorik heraufbeschwören. Die alten Fragen der Kultur bleiben erhalten, wie die nach dem Geschlechterverhältnis oder dem schäbigen Rest des Unerklärlichen, das sich der menschlichen Erkenntnis entzieht.

Was die Artisten dieser Reihe verbindet, ist der Rhein. Alles im Fluß, in Fluß. Das Fachidiotentum ist perdü, das Labor dokumentiert die Durchlässigkeit zwischen den Kunstgattungen. Diese Artisten interessieren sich für eine Kunst, die nicht illustriert, sondern anders politisch relevant ist. Klaus Krumscheid, Andreas Noga, Charlotte Kons, Joachim Paul, Stephanie Neuhaus, Birgit Jensen, Francisca Ricinski, Almuth Hickl, Swantje Lichtenstein, Dietmar Pokoyski, Enno Stahl, Jesko Hagen, Haimo Hieronymus, A.J. Weigoni, Denise Steger, Peggy Neidel, Katja Butt, Heidrun Grote, Jürgen Diehl, Bernhard Hofer, Peter Meilchen, Holger Benkel, Theo Breuer, Thomas Suder und Stan Lafleur pflegen die Kunst des Unmöglichen. Es sind Künstler, die sich für Lebensentwürfe und das Zusammenleben interessieren und nicht für standardisierte Wege. So zu arbeiten, befreit diese Artisten von der Massenidentität, die gerade in der globalisierten Gesellschaft entsteht. Diese Künstler machen keine Kunst, um Antihelden einer Subkultur zu sein, sondern vor allem, um die Sinngebung durch Kunst zu retten, um unter der Arbeit zu zeigen, was es bedeutet, als selbstbestimmte Individuen zu überleben.

Die Verflechtungen von Poesie, Kunsttheorie, persönlicher Biographie und politischen Ereignissen, von Querverweisen zwischen Literatur und Kunst und von Bezugslinien zwischen Vergangenheit, Gegenwart und schließlich sogar der Zukunft machen diese Kompilation zu einer komplexen Lektüre. Diese Artisten eröffnen eine Dimension, die für die Gesellschaft völlig unverzichtbar ist. Über Verfremdungen drücken sie die Befindlichkeiten, Wünsche, Hoffnungen und Befürchtungen der Mitmenschen in Zeiten tiefgreifender Veränderungen aus.”

Nietzsche erinnert sich

An Carl von Gersdorff in Berlin

Kösen 11 Oktob 1866.

„[…] Ich bin diese Ferien nicht verreist, sondern sitze in arbeitsamer Einsamkeit in Kösen, das meine Mutter und ich, um der Naumburger Cholera zu entgehen, seit vier Wochen bewohnen […]; ich schreibe Dir im Überrock, mit einer Decke über meine Füße, da unser Zimmer keinen Ofen hat; doch hat dieser Zustand schon Sonnabend sein Ende, wo wir wieder nach Naumburg zurückkehren. Abgesehen von diesen letzten, kalten, nebeldichten Herbsttagen haben wir uns über liebenswürdig helles und warmes Wetter zu freuen. Einige Nachmittage waren so mild und sonnig, daß ich unaufhörlich jener einzigen und unwiederbringlichen Zeit gedenken mußte, wo ich, zum erste Male vom Schulzwange frei, ohne die Fessel des nicht verbindenden Verbindungslebens, den Rhein mit dem freien stolzen Gefühl einer unerschöplich reichen Zukunft sah. Wie schade, daß ich mich um diese wirkliche Poesie durch jene selbsteignen Qualen brachte, die den unmündigen Studenten so leicht als Quellen der Freude erscheinen […]“

(aus: Friedrich Nietzsche – Sämtliche Briefe)

Weihnachtshochwasser 1993, beruhigende Rheinstills

Gestern zeigte der WDR eine Doku zum Weihnachtshochwasser von 1993. Besetzung: der später vom Boulevard insignierte Hochwasserpapst (also seinerzeit noch: Hochwasserkardinal) Reinhard Vogt; Schürmann-Bau-Architekt Joachim Schürmann; Kölns Ex-Polizeipräsident Winrich Granitzka; Hochwasseropfer; widerliche Gaffer; der Rhein. Der Film von Meike Hemschemeier zeichnet die Ereignisse des berühmten Hochwassers nach. Anwohner erinnern sich, wie Rheinwasser durch die Steckdosen in ihre Häuser einbrach, wie sie Heilig Abend auf dem Speicher vebrachten und wie eine schöne Wohnungseinrichtung zunichte ging. Der Polizeipräsident bringt dem Leiter der Hochwasserschutzzentrale in höchster Not zwei Teddybären aus dem Präsidium mit, da letzterer im ganzen Brassel keine Zeit erübrigte, seinen Kindern Geschenke zu besorgen. Architekt Schürmann erklärt unterdessen die Flutung seines unflutbaren Baus zu Bonn. Insgesamt ein Lehrfilm zur kölschen Lebensart: mit rheinvernichteten Existenzen lebt sichs gar nicht so übel, denn echte Fründe stonn zesamme. Et kütt wie et kütt – un wenn et dä Rhing es. Offene Fragen bleiben offen. Schuld trägt letztlich nur der Nubbel.

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Gestern beim Zahnarzt. Im Wartezimmer an der Wand und im Behandlungsraum an der Decke sind Monitore angebracht, die im wohlkoordinierten Wechsel Standbilder offerieren, deren Einsatz der Patientenberuhigung dienen soll: Kölner Dom vor Feuerwerk; ein Frachter transportiert ein Space Shuttle oder dergleichen zum Technikmuseum Speyer, etc… durchgängig also Rheinmotivik, vermischt mit Explosivem und Schallmauerdurchbrechendem, zu mittleren Ewigkeitsanblicken gefroren. Draußen spielt dazu (laut Sprechstundenhilfe: seit Monatsbeginn) ein Leierkastenmann ununterbrochen dasselbe Lied. Drinnen Sirren die Bohrer.

Rheinelefant (2)

Wir haben bereits über prähistorische, leonardische und sonstige Rheinelefanten berichtet. Nun fanden wir noch mehr über die Geschichte dieses bemerkenswerten Tiers am Rhein. Der erste namentlich erwähnte Elefant auf deutschem Staatsterritorium war demnach Abul Abbas, ein Geschenk Harun al-Raschids an Karl den Großen. Abul Abbas lebte vom 20. Juli 802 an in Aachen und ertrank der Legende nach 810 bei einer Rheinüberquerung in Deutschlands Schicksalsstrom. Es dauerte bald 700 Jahre, bis 1482 erneut ein Elefant in Deutschland, und zwar in Köln, gezeigt wurde, wo er von seinem Mahout Hans Viltzhover erstochen worden sein soll. Genaueres ist auch hierzu nicht bekannt, wohl aber eine weitere Quelle, die vom Tod dieses Elefanten samt seines Führers im Ärmelkanal spricht.

Was tatsächlich aus Abul Abbas geworden ist, bemühte sich aus gegebenem Anlaß ein Periodikum namens Wochentliche Duisburgische Adresse- und Intelligentz-Zettel (Nummer 27) anno 1750 zu klären: „Es sind im Anfang dieses Jahrs von den Fischern aus der Lippe, in der Herrschaft Gartrop einige Knochen von ungeheurer Grösse gesichtet, und dem hochwohlgebohrnen Freyherrn von Gartrop, als Grundherrn des Orts überliefert worden, welche mir wegen ihrer Seltenheit zu dieser Betrachtung Anlaß geben. Ich bedaure daß diese Fischer nicht ehe den Einfall bekommen, dergleichen Knochen zur Verwahrung zu übergeben, weil sie bezeugen, daß sie seit einiger Zeit verschiedentlich grosse Stücke mit den Netzen ausgezogen, und aus Unachtsamkeit wieder weggeworfen haben. Es ist unläugbar, daß es Knochen eines Elephanten sind, wie ich nachher aus deren Beschreibung dartun werde. (…) Man pfleget, wenn dergleichen fremde Dinge gefunden werden, so gleich zu fragen, wo mag ein solcher Knochen herkommen seyn? (…)“ Der Autor kommt also sogleich auf die Sintflut als gern genannter Ursache vieler ungewöhnlicher Anschwemmsel und schließlich, präziser, auf Karl den Großen, dessen berühmter Elefant auf einem gemeinsamen Feldzug gen Friesland just bei einem Ort namens Lippa, Lippeha oder Lippenheim – „nachdem der Kayser über den Rhein gegangen“ – eines schnellen Todes gestorben und „vermuthlich“ auch dort begraben sei. Diese Stadt Lippa enttarnt der Artikel nun nach zackigen Rückschlüssen aus lateinischer Quelle als Wesel oder ein unbestimmtes Lippenheim weiter nördlich davon, weswegen „vermuthlich“ von den Fischern keine andern als Abul Abbas` Knochen aus der Lippe gezogen worden seien, Fortsetzung würde folgen. Die Fortsetzung findet aber erst hier, gut weitere 250 Jahre nach dem Artikel im Intelligentz-Zettel und 1200 Jahre nach Abul Abbasens Tod statt. Solange es niemandem Schaden zufügt, ist das Anzetteln von Spekulationen nicht nur nicht verwerflich, sondern des Artiklers hartes Brot. Falls beim aktuellen Restniedrigwasser also statt Einkaufswagen- und Mopedskeletten auch Elefanten- nah bei Menschenknochen aus dem Rhein gezogen werden sollten, könnte man ja die Geschichte von Hans Viltzhover nochmal aufrollen. Wer wüßte sonst, wo der abgeblieben ist?

Neue Rheinmetropolen, leere Innenstädte, volle Innenstädte, der Hochwasserpapst

Fotobeweise wären an dieser Stelle schön und angebracht, doch kaum hatten wir die Rollplakate im Untergeschoß der KVB-Haltestelle Neusser Straße/Gürtel entdeckt, auf denen für günstige Thalys-Verbindungen nach Paris am Rhein und Brüssel am Rhein geworben wurde, waren sie schon wieder ausgetauscht, weswegen die kamerabewehrte Rückkehr an den Ort der Verkündung erfolglos bleiben mußte. Auch im Internet war die Kampagne nicht aufzufinden. Ob die vorschnelle Eingemeindung der französischen und belgischen Hauptstädte ins Gesamtrheinische für Proteste gesorgt hat? Wir wissen es nicht – falls wir es erfahren, geben wirs an dieser Stelle bekannt.

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Vergangenen Sonntag wurden in Koblenz am Rheinufer im Stadtteil Pfaffendorf eine 1,8 Tonnen-Luftmine und eine 125 Kilo-Fliegerbombe entschärft, sowie ein Faß mit Tarnnebel gesprengt. Es handelte sich um Niedrigwasser-Rheinfunde, die aus dem Zweiten Weltkrieg datierten. Für die Maßnahmen mußten 45.000 Koblenzer evakuiert werden – fast die Hälfte der Stadtbevölkerung. Die Evakuierung soll reibungslos vonstatten gegangen sein, auch sonst wurden kaum Unterschiede zu anderen Koblenzer Sonntagen vermeldet.

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Vorgestern in Bonn fanden wir die gesamte Innenstadt zum Weihnachtsmarkt umgebaut: unterschiedlich beschriftete Buden boten den überwiegend immergleichen Kunsthandwerkkitsch, Glühwein (in den auf Wunsch auch Schnaps geschüttet wird), heiße Maronen oder identische Fleischhappen und -lappen zu identischen Preisen. Visueller Höhepunkt ist dabei zweifellos das mithilfe von Zäunen umsperrte Beethoven-Denkmal, vor dem einige kleinere Weihnachtstannen herumliegen. Vom Mittelgang der Bretterbuden aus betrachtet wird Ludwig Vans mächtiges Künstlerhaupt nun von einem (abendlich sogar beleuchteten) Miniriesenrad umspielt, ein Anblick, der den Koloß seinem statischen Kontext entrückt, indem das Riesenradrotieren um Beethovens Schädel herum auf die Kompositionstätigkeit des Meisters zu weisen scheint.

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Der vom Kölner Express ernannte Hochwasser-Papst Reinhard Vogt weiß unterdessen: “Wirft man in Köln einen Kühlschrank in den Fluß, taucht der in Holland wieder auf.” Und was wird sonst noch so alles im Rhein gefunden, heiliger Hochwasservater? Vogt: “Möbel, Fernseher, Spielzeug, geklaute Mopeds und Autos. Ich hab mal ein paar Knochen gefunden. Vielleicht gibt`s demnächst ja einen Schatz.”