so flüchtig wie die Stromwelle

Bonn, Ende Februar 1865

Liebe Mama und Lisbeth,

ich erzähle Euch nun einiges über meine letzten Erlebnisse. Das, was seit einigen Wochen alle Köpfe in den Rheinlanden beunruhigt hat, ist der große kölnische Carneval, an dem ich mich aber durchaus nicht betheiligt habe, und zwar aus allen möglichen Gründen, jedenfalls zum größten Erstaunen meiner Bekannten und Freunde. Ich bin vielmehr während dieser Tage bei Deussens gewesen, wo ich doch das fand, was man ein Semester lang entbehrt hat, nämlich Familienleben. Wir sind viel zu Fuß gegangen, was bei dem unergründlichen Schmutze etwas sagen will. Die Rückreise machten wir über Koblenz, das sich uns mit dem düstern stark befestigten Ehrenbreitstein, den unzähligen Lichtern, dem mächtigen Rheinstrom Abends um 10 Uhr sehr schön präsentirte. [...]
Euer Fritz

***

Bonn am dritten Mai 1865

Liebe Mama und Lisbeth,

[...] Es ist ein wunderschöner Frühlingsmorgen; wir haben ein gleichmäßiges Wetter mit heißen Mittagen, schönen Abendsonnen und mäßig kühlen Nächten, wie es wohl zusammenstimmt mit den Blüthenbäumen und dem grünwogenden hellen Rheine. Wir benutzen häufig die Dampfschiffe, die jetzt schon bunte rheinreisende Fremde in reicher Anzahl auf und nieder führen. Für ein nicht zu blödes Gemüth findet sich Gelegenheit Bekanntschaften zu knüpfen, allerdings so flüchtig wie die Stromwelle. Noch mehr muthen mir Kahnpartien zu, wir haben ein paar Flaschen Wein mit darin, die Sonne ist untergegangen, und der Abendstern tritt hell an dem klaren Himmel herauf. Dann denken wir oft an das liebe Saalthal und singen “An der Saale kühlem Strande” [...]
Erwacht jetzt nicht auch in Euch die Reiselust? Ich wünschte Euch wohl einmal heran an den Rhein. [...]
Fritz

(aus: Friedrich Nietzsche, Briefwechsel, Kritische Gesamtausgabe, Erste Abteilung, Zweiter Band, September 1864 – April 1869)


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