Schergenteufel (6)

(…) Als ich fragte, ob auch Arme in der Hölle zu finden seien? und der Teufel erwiderte, was ich denn unter dem Wort Arme verstünde, und ich antwortete: Ich meine denjenigen, welcher nichts hat noch besitzt von dem, was die Welt hat und hoch hält, – da rief der Geist: „O du ungelehrter Tropf, hast du denn niemals gelesen, was eurer vornehmsten Väter einer sagt: die Armuth ist ein Wegweiser auf der Straße, die zum Himmel führt? Und wenn er schon etwas zuweit greift, so heißt es doch: wer in der Noth sündigt, ist weniger schuldig. Es wäre auch unbillig, daß die Armen sollten verdammt werden, die doch nichts haben von alledem, das den Reichen die Verdammnis bringt. Daher sind die Armen nicht in unserm Staatenbuch eingeschrieben, und laß dich das nicht Wunder nehmen. Denn meiner Treu! wie könnte ein Teufel ärger sein als ein Ohrenbläser und Neidhund? Als ein falscher, untreuer Freund, den du aus Noth und Tod erlöst hast und der dich unterdrückt, wie ein gleißnerischer, scheinheiliger Schelm im Herzen? Als ein treuloser Lügner, der der einen Partei dient, damit er der andern dienen möchte? Was ist ärger, als böse, verführerische Gesellschaft, als ein ungerathenes Kind, Bruder oder Verwandter, der nichts anderes wünscht, als daß du todt seist und er dein Gut besitze, der sich stellt, deine Krankheit sei ihm leid, und dabei im Herzen wünscht, der Teufel hätte dich schon geholt? Das Alles ficht einen armen Mann nicht an; er hat keine Ohrenbläser oder Schmeichler, keinen, der ihm könnte etwas mißgönnen; er hat keine Freunde, weder böse noch gute, keine Fürsprecher, denn bei den Armen redet ein jeder für sich selbst, weil er kein Geld hat, nach dem Waidspruch der Armen: wer nichts hat, kann nichts geben. Er hat auch keine Gesellschaft; seine Kinder und Freunde haben seinen Tod weder zu wünschen noch haben sie davon zu reden: es sind Leute, die wohl leben und noch besser sterben. Einige sind in ihrem Stand so genügsam, daß sie ihr Leben, Handel und Wandel nicht gegen ein Königreich austauschen möchten, denn sie sind ein freies Volk, betteln, wo sie wollen, gehen hin, wo sie wollen zu Kriegs- und Friedenszeiten; sind frei von allen Auflagen und Zöllen, keiner Gerichtsbarkeit und Botmäßigkeit unterworfen, ohne Zank und Prozeß, kurz unangreiflich und unergreifbar. Sie sorgen nicht für den morgenden Tag und folgen darin den Geboten Gottes, wissen sich in die zukünftige Zeit zu schicken und von ihr alles zu erhoffen, die gegenwärtige gebrauchen sie, die vergangene haben sie vergessen. Wahr zwar ist es, daß die Armen ihre Hölle genugsam auf Erden haben; denn es ist so bei euch Menschen, jeder ist des andern Teufel oft mehr als der Teufel selbst.

Damit ihr nun nicht zu befürchten habt, was das Sprichwort sagt: wenn der Teufel predigen muß, so wird gewiß die Welt untergehen, so bitte ich, Herr Pater, erlöset mich von dem Schergen, in dem ich geplagt werde; dafür sollt Ihr Dank haben.“

Darauf wandte sich der Pater zu uns und sprach: „Nun kann man wohl sagen, daß auch Gott hierin seine Macht erweist; denn du böser Geist bist von Anfang ein Vater der Lüge und alles Betrugs, und nichtsdestoweniger hast du jetzt solche wahrhaften Dinge erzählt, daß wohl ein steinern Herz sich davon bewegen, erweichen und bekehren sollte.“

„O, meinet nicht, daß das zu eurem Besten und Heil geschehen ist, sprach der Teufel nochmals; sondern es ist nur zu dem Zwecke geschehen, daß, wenn es zum Treffen kommen soll, sich eure Strafen umsomehr häufen: denn nun könnt ihr euch nicht mehr durch Unwissenheit entschuldigen, als ob es euch niemand gesagt hätte; eher müßten euch die Steine predigen, ja die Teufel selbst. Denn der Knecht, der des Herren Willen weiß, ihn aber nicht thut, der ist doppelter Streiche werth. Ihr alle aber, die ihr Zuseher und Hörer seid, seid rechte Heuchler; da stehet ihr, die meisten mit weinenden Augen, nicht weil ihr durch eure Sünde Gott erzürnt habt, sondern weil es euch Leid erweckt, daß ihr einmal aus der Welt hinweg müßt; und wenn es bisweilen auch geschieht, daß euch eure Sünden gereuen, so geschieht dies einzig und allein deswegen, weil ihr aus Mangel an Leibeskraft und in Folge des durch viele Jahre verbrauchten Leibes nicht mehr sündigen könnt oder mögt; es fehlt euch deswegen nicht an bösem Willen, den wir ebenfalls nicht ungestraft lassen, insonderheit an denen, die andere lehren und unterweisen sollten.“

„Du bist ein Betrüger! rief der Pater; zweifle nicht, es werden sich hier viele fromme Seelen an deinen Reden und deinem Thun spiegeln und sich vor dir durch den Beistand Gottes zu hüten wissen. Aber ich sehe wohl, du meinst durch dein Geschwätz Zeit zu gewinnen, um den armen Menschen desto länger zu plagen. Darum beschwöre ich dich durch die Kraft und Allmacht Gottes und durch den heiligen Namen Jesus, daß du verstummest und diesen armseligen Menschen verlassest.“

Da fuhr der Böse mit einem großen Brausen aus, und darauf wandte sich der Pater um und sagte zu uns:

„Ihr Herren Freunde und Christen, wenn es auch das Ansehen hat, als habe der Teufel durch diesen armselig geplagten Menschen wie durch ein Werkzeug zu unserm Besten geredet, so ist doch gewiß, daß aus seinem Gespräch ein nachsinnender Christ vielen und merklichen Nutzen haben kann. Darum bitte ich euch Umstehende alle, daß ihr aus gerechtem Haß wider den bösen Geist und seine Wohnung diese Rede darum nicht verachten noch in den Wind schlagen wollt. Bedenket, daß ein gottloser König einstmals die Wahrheit geredet und prophezeiet hat: denn auch Speise genug ging von dem Fresser und Süßigkeit von dem Starken.

Nun bewahre euch alle Gott, in dessen Namen ich euch segne, demüthig seine Allmacht bittend, daß diese traurige, schreckliche Geschichte zu eurer Besserung und Bekehrung gereichen möge!“

(aus: Johann Michael Moscherosch – Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte, Erster Teil, Erstes Gesicht)


Stichworte:
 
 
 

Kommentar abgeben: