Schergenteufel (5)

(…) Unterdessen begab es sich, daß unter den Zuschauenden zwei mit Worten hart und bis zu Schlägen an einander geriethen; als ich danach sah, bemerkte ich, daß es ein Commissarius und sein Controleur oder Gegenschreiber waren, und der Teufel sprach: „Das sind die größten Diebe auf Erden.“ Diese beiden verwiesen einander ihre Schelmenstücke. Da sie mir aber nach ihrem Gesicht und ihrem Thun sehr wohl bekannt waren, denn sie waren die Ursache an meines betrübten Vaterlandes Verderben und Untergang, sprach ich: Wenn der Teufel diese beiden Schindhunde und Marksauger, diese Klatscher und Anbringer, diese Urheber neuer Beschwerden, Auflagen und Leibes- und Seelendiensten nach Verdienst belohnen sollte, wie wunderlich würde es denen ergehen! „Ihr versteht leider nicht viel, sprach der Teufel alsbald aus dem Besessenen, daß ihr uns auch dergleichen loses Gesindel noch zuwünscht; denn ihr wißt doch, daß sie des Teufels ärgste Kinder sind, und wenn ihnen die Hölle nicht schon von Rechtswegen zugehörte, sie durch andere Mittel nimmermehr dahin gelangen könnten. Es ist jetzt an dem, daß wir sie womöglich ganz abschaffen, denn es ist ein recht undankbares Volk und so zur Bosheit abgerichtet, daß sie sich auch unterstehn, uns und unser Reich ins Verderben zu bringen, indem sie eine neue Auflage oder einen Zoll auf unserem Wege errichten wollen: wie neulich in den Niederlanden der hundertste Pfennig von allem Vermögen, der zwanzigste von jeder Wagenladung und der zehnte bei jedem Kauf den Reichen und Armen, Herren und Knechten ewig zu geben streng geboten ist, wie ferner neulich von jedem Fenster auf der Gasse, von jedem Schornstein im Hause, von jeder Stufe auf der Stiege. Da dergleichen Lasten sich von Tag zu Tag vergrößern und mehren, so ist zu befürchten, daß mit der Zeit durch unbillige Steigerungen der Preis dermaßen erhöht wird, daß schließlich Handel und Gewerbe, welche die Welt bisher mit uns gepflegt haben, in Rückschritt gerathen, was unseres Reiches endlicher Untergang und Verödung sein müßte. Wenn sie aber nicht bald von ihrem Beginnen abstehen und aus unserm Reiche verbannt werden, so sind sie ja noch ärmer als die andern Verdammten alle, weil, wie bekannt und offenbar, ihnen der Himmel ohnehin schon verschlossen ist.“

Der Pater, der des langen Geschwätzes müde wurde, sprach endlich: „Wenn der Teufel wünscht, daß es keine Gerechtigkeit oder Gerichtsdiener auf Erden gäbe, so meint er auch, man müsse all diesem Geschwätz wider Gericht und Gerechtigkeit auch beipflichten.“ „Ich meine ja,“ sprach der Teufel: „es giebt keine Gerechtigkeit mehr auf Erden, und wenn du, Pater, die Geschichte nicht kennst, so will ich sie dir erzählen, wie

Wahrheit übers Meer gezogen,
Gerechtigkeit gen Himmel geflogen,
Lüge und Gewalt auf Erden geblieben;

und du wirst daraus verspüren, daß ich ein wahrhafter Teufel bin:

Es geschah, daß Wahrheit und Gerechtigkeit eines Tages sich entschlossen, miteinander zu reisen und beisammen zu wohnen; aber niemand wollte sie aufnehmen, denn Wahrheit war ganz nackt und bloß und hatte nicht viel Schmuck am Leibe; Gerechtigkeit sah sauer aus und achtete keines Menschen. Endlich als sie ohne Hilfreichung herum geirrt waren und niemand sich ihrer hatte annehmen wollen, wurde Wahrheit gezwungen bei einem Stummen einzukehren. Als Gerechtigkeit sah, daß allein ihr bloßer Name bei den Menschen geblieben und gebraucht würde, nur um alle Ungerechtigkeit, Tyrannei und Schinderei zu bemänteln und zu verbergen, bedachte sie sich kurz und kehrte wieder um nach dem Himmel, wo sie hergekommen war. Sie verließ daher eilends die Höfe großer Fürsten und Herzöge, wo ihr viel Schimpf von den Hofschranzen und Fuchsschwänzern widerfuhr. Sie verließ alsbald auch alle herrlichen Gewerbe und die großen Städte (wo man auf Gunst und Vetterschaft mehr sieht als auf Recht), und kam in ein kleines, elendes Dorf, wo sie bei einem schlichten Bauernschulzen einzog Namens Armuth, dessen Weib hieß Einfalt. Weil ihr aber etliche vornehme Herren aus den Städten Bosheit und Frevel gewaltsam nachsetzten, kam sie in ein anderes Dorf und ging dort von Haus zu Haus, ob sich jemand ihrer erbarmen und sie heimlich einlassen wollte. Weil nun Gerechtigkeit nicht lügen noch trügen kann und sie auf die Frage: wer sie wäre? rundweg sagte, ihr Name wäre Gerechtigkeit, da schlug ihr ein jeder die Thüre vor der Nase zu mit dem Bemerken, sie wüßten nichts von ihr, sie sollte anderswo Herberge suchen. Nachdem sie denn überall dermaßen abgewiesen worden war, ist sie endlich davon geflohen und gen Himmel geflogen, daß man seither nichts mehr von ihr hat sehen und erfahren können, als einige kleine Wortzeichen und unmerkliche Anzeichen, die doch so viel Zeugnis geben, daß sie vorzeiten auf der Welt war. Die Menschen, die noch ihres Namens gedenken, eignen ihr einen Stab oder ein Scepter zu, das oben eine Hand hat und das man Gerechtigkeit zu nennen pflegt. Aber es ist ein bloßer Schein, unter dem das arme Volk nur herum gezogen, gefesselt, betrogen und beraubt wird, ärger als von öffentlichen Räubern auf der Straße.

(aus: Johann Michael Moscherosch – Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte, Erster Teil, Erstes Gesicht)


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