Monatsarchiv für Dezember 2011

 
 

Nachruf auf Gorrh

der Zorn der Spirituose, ein Kleid aus Feuchtigkeit
den Anstand in der Hose und in der Hand das Leid
das Überschwappen der Seele, Illusionen in Moll
den Krebs tief in der Kehle, klar und stimmungsvoll

barfuß hinterm Ofen, im Anzug unterm Tisch
selbstbewußt beim Schwoofen und wendig wie ein Fisch
zum Frühstück gabs Gottes Eier, zu Mittag gab es Gin
Geld floß den Rhein hinunter, er aber suchte nach Sinn

das Leben wahnsinnig einsam, dann und wann ein Komet
Gebete, ersterbend auf Leinwand, Wut in Glut gesät
in deren stetem Erlöschen schwingt ein Kirchglockenschlag
bittet den zu glauben, der vielleicht glauben mag

(Gorrh starb an Heiligabend 2011 in einem für Monstergötter schwer einschätzbaren Alter von 108 Jahren an Vernachlässigung.)

Schaaner Weih- und Rauhnächte (4)

schaaner weihnachtsreservierung

Mondundsternumkränzt-vitrinierte Rentiere, lichtbepocktes Astwerk, im Schnee bulldozernde Enten und nicht zuletzt weihnachtlich geschmückte Halteverbote: die Schaaner Weih- und Rauhnächte bieten im Vergleich zur Gemeindegröße (6000 Einwohner) eine Menge, im Vergleich zum Siedlungsalter (6000 Jahre) dann aber doch nichts allzu Überraschendes.

Schaaner Weih- und Rauhnächte (3)

schaaner-weihnachtselch

schaaner weihnachtslichter

schaaner weihnachtswürmchen

schaaner weihnachtslicht

schaaner-weihnachtsenten

Schaaner Weih- und Rauhnächte (2)

schaaner-weihnachtsstern

Der Einstieg in die Schaaner Weih- und Rauhnächte ist leichter zu finden als zu bewältigen. Die Schaandarme oder auch Schaaniere genannten elektronischen Anzeigetafeln an den Ortseingängen von Land- und Zollstraße boten für eine kurze Zeitspanne grob verpixelte Lichtspiele mit enormer Sogkraft, der keine Kameratechnik standzuhalten vermochte (deshalb hier ohne Bildnachweis). Aufgrund der resultierenden “Selbstunfälle” wurde der Einstieg ins Heilignüchterngeheimnisvolle (auf dem Bild: mental durch die zentrale Öffnung) inzwischen auf leuchtschwächere bzw normalleuchtende Pforten reduziert. Sie erinnern an Schneekristalle und enthalten keinerlei Wortspiele mit dem Gemeindenamen.

Schaaner Weih- und Rauhnächte

Es seien die Rauhnächte Tage außerhalb der Zeit, Türen zu Zwischenwelten, in denen Menschen sich in andere Wesen verwandelten, Tiere in menschlichen Dialekten weissagten (wer sie jedoch dabei belauschte, stürbe sogleich), ganz allgemein sich aus dem Rauhnachtalltag detailliert das kommende Jahr voraussagen ließe und Träumen dabei eine spezifische Bedeutung zukomme, weswegen sie besonders beachtet werden sollten.

27. auf 28. Dezember: Wir schwammen in einem blasenwerfenden Käsemeer (moitié-moitié, Gutedel, Herisauer Kirsch, recht wenig Maisstärke), die Schwimmbewegungen blieben trotz der Behinderungen, welche der anhaftende, Fäden ziehende Käse verursachte, flüssig: langsamer, gleichmäßiger, richtungsloser Crawl. Das Meer glich einer sich ins Endliche dehnenden, mithin zuckenden Scheibe, in schwer definierbarer Entfernung umgeben von unerklimmbaren Steilküsten aus weihnachtsbeleuchteter Caquelon-Keramik. Es zog uns in die Tiefe, wir tauchten. Je tiefer wir gelangten, desto flüssiger und durchsichtiger wurde das Käsegewässer, bald verwandelte es sich in ätherisch glimmenden, geheimnisvolle Rheinströme enthaltenden Schnaps, bald in simpelst bewohnbare Blasen aus Landluft, ein Zicklein tollte umher, wir sprachen es an: „Hoi, Zicklein, sag an, was ist deine Lieblingsfarbe?“ „Kartoffel“, antwortete das Zicklein, „oben grün, unten braun.“ Wie zum Beweis trug das Zicklein wildes Kartoffelgrün auf seinem Köpfchen, durch das der Föhnwind mit Buchstabengewalt rauschte, sodaß einzelne Wörter aus dem Gebüsch auf des Tieres Schädel zu Boden rieselten. Dort schnürten sich die Wörter wie Gewürm zu Sätzen, die lauter groben Unsinn ergaben. Lange befaßten wir uns mit dem Humbug nicht; schnitten stattdessen dem Zicklein einen Mistelzweig mit vielen schönen viscinösen Beeren, den es mit den Worten verschmähte, daß Knollen ihm hundertmal lieber wären, mindestens. Was blieb da zu tun? Wir küssten das Zicklein, es verwandelte sich in eine hübsche Bauerntochter, die sofort mit dem Traktor davonfuhr. Über dessen Auspuffgasen drehte sich der Himmel einige Male um die eigene Achse und bot, kaum wieder zum Stillstand gelangt, eine schwarze Tür. Dahinter lag das bekannte Hallenbad, in dessen 50-m-Becken der Bosporus sich sammelt und mal nach links, mal nach rechts strömt. Wir betraten den Ort zum ersten Mal. Auf den Startblöcken saßen Angler. Von hinten sahen sie ganz korrekt wie Türken aus. Obgleich Ausländer, gesellten wir uns ihnen zu. Als Angellaie bewiesen wir zunächst einiges typisches Ungeschick im Umgang mit Haken, Köder und Wurftechnik. Man staunte, lachte und unterwies uns schließlich, auf daß kein Unglück geschehe, mit reichlich Lässigkeit in angemessener Handhabung des Geräts. Und siehe da: kaum hatten wir die Angel ins Schwimmbecken (i.e. den Bosporus) ausgeworfen, straffte sich die Leine: „Ein schneller Fang, aber ein schwerer Fang“, behauptete der Türke zur Linken. Indem er beide Arme an seinen Körper preßte und seinen Körper in rückwärtige Schräglage brachte, zeigte er, wie wir zu ziehen hätten. Nach kurzer Zeit war unsere erste Angelbeute aus den Tiefen des Orkus hervorgezogen: ein leeres 20 Liter-Aluminium-Faß der Marke „Super Beer“. Wir fingen noch zwei magere Fische und einige Badelatschensohlen. Unterdessen senkte sich der Wasserspiegel des Bosporus bis auf wenige Zentimeter über seinem nun gut sichtbaren Kachelboden. Bald verloren wir das Interesse an diesem Türkensport. Der Notausgang bei den Umkleiden führte auf eine wacklige Fußgängerhängebrücke, die nur von wenigen Türken beschritten wurde. Sie bestand aus lose verbundenen Holzplanken, überspannte das Goldene Horn und sah sehr unzuverlässg aus. Ein Warnschild wies auf das für Brückenquerungen zulässige Höchstgewicht: 85 kg pro Türke, 95 kg pro Ausländer. Zwar wogen wir ein paar Kilo mehr, doch das scherte uns nicht. Den Türken war es auch egal. Alle gingen möglichst zügig über die Brücke. Unten warf das Meer öligschwarze Kräuselwellen. Die wenigen Menschen auf dem Weg schwiegen eisern, ihre Gesichter waren zu beschnäuzerten Masken erstarrt; einige von ihnen kämpften, ohne daß sie es sich anmerken lassen wollten, mit der Seekrankheit. Am Ende der Brücke fehlten Planken. Um an Land zu gelangen, war ein Sprung vonnöten, den nicht jeder wagte, da das Land aus glitschigem Fels bestand und der Abgrund zwar kein allzu tiefer, dafür umso schwarzer und öliger war. Mit der Kraft beider Schenkel drückten wir uns von der letzten Brückenplanke ab – und landeten mitten auf der weihnachtsbeleuchteten Schaaner Landstraße mit ihrem regen Verkehr Richtung Vaduz und Nendeln.

Der Traum ist noch nicht zur Gänze ausgedeutet (unsere Experten streiten seit Stunden um diverse Details), auch ist unklar, ob es sich ausschließlich um Traumsequenzen handelt, da einige Fotos existieren, die auf das Gegenteil (nämlich reale, vor allem mit Lichtern und Tieren, also klassisch ausgestattete Weih- und Rauhnachtserlebnisse) schließen lassen. Da wir versichern können, noch am Leben zu sein, werden die darauf zu erblickenden Tiere immerhin nicht wirklich in Menschensprachen gesprochen haben. (Fortsetzung folgt)

war den Morgen ganz taschenmesserartig zusammengeknickt

Bonn, am Sonntag nach Pfingsten (11. Juni 1865)

[...] Am Freitag den 2. Juni reiste ich nach Köln herüber zum niederrheinischen Musikfest. An demselben Tage wurde dort die internationale Ausstellung eröffnet. Köln machte in diesen Tagen einen weltstädtischen Eindruck. Ein unendliches Sprachen- und Trachtengewirr – ungeheuer viel Taschendiebe und andre Schwindler – alle Hotels bis in die entlegensten Räume gefüllt – die Stadt auf das Anmuthigste mit Fahnen geschmückt – das war der äußere Eindruck. Als Sänger bekam ich, meine weißrothe seidne Schleife auf die Brust und begab mich in die Probe. Du kennst leider den Gürzenichsaal nicht, ich habe Dir aber in den letzten Ferien eine fabelhafte Vorstellung erweckt durch den Vergleich mit dem Naumburger Börsensaal. Unser Chor bestand aus 182 Sopranen, 154 Alten, 113 Tenören und 172 Bässen. Dazu ein Orchester aus Künstlern bestehend von etwa 160 Mann, darunter 52 Violinen, 20 Violen, 21 Cellis und 14 Contrebässe. Sieben der besten Solosänger und Sängerinnen waren herangezogen worden. Das Ganze wurde von Hiller dirigirt. Von den Damen zeichneten sich viele durch Jugend und Schönheit aus. Bei den 3 Hauptconzerten erschienen sie alle in Weiß, mit blauen Achselschleifen und natürlichen oder gemachten Blumen im Haar. Eine jede hielt ein schönes Bouquet in der Hand. Wir Herren alle in Frack und weißer Weste.
Am ersten Abend saßen wir noch bis tief in die Nacht hinein zusammen und ich schlief endlich bei einem alten Frankonen auf dem Lehnstuhl und war den Morgen ganz taschenmesserartig zusammengeknickt. Dazu leide ich, beiläufig bemerkt, seit den letzten Ferien an starkem Rheumatismus in dem linken Arm.
Die nächste Nacht schlief ich wieder in Bonn. Den Sonntag war das erste große Conzert. “Israel in Aegypten von Händel”. Wir sangen mit unnachahmlicher Begeisterung bei 50 Grad Reaumur.
Der Gürzenich war für alle drei Tage ausgekauft. Das Billet für das Einzelconzert kostete 2-3 Thaler. Die Ausführung war nach aller Urtheil eine vollkommene. Es kam zu Scenen, die ich nie vergessen werde. Als Staegemann und Julius Stockhausen “der König aller Bässe” ihr berühmtes Heldenduett sangen, brach ein unerhörter Sturm des Jubels aus, achtfache Bravos, Tusche der Trompeten, Dacapogeheul, sämmtliche 300 Damen schleuderten ihre 300 Bouquets den Sängern ins Gesicht, sie waren im eigentlichsten Sinne von einer Blumenwolke umhüllt.
Die Scene wiederholte sich, als das Duett da capo gesungen war.
Am Abend begannen wir Bonner Herren alle zusammen zu kneipen, wurden aber von dem Kölner Männergesangverein in die Gürzenichrestauration eingeladen und blieben hier unter
carnevalistischen Toasten und Liedern, worin der Kölner blüht, unter vierstimmigem Gesange und steigender Begeisterung beisammen. Um 3 Uhr Morgens machte ich mich mit 2 Bekannten fort; und wir durchzogen die Stadt, klingelten an den Häusern, fanden nirgends ein Unterkommen, auch die Post nahm uns nicht auf – wir wollten in den Postwägen schlafen – bis endlich nach anderthalb Stunde ein Nachtwächter uns das Hotel du Dome aufschloß. Wir sanken auf die Bänke des Speisesaals hin und waren in 2 Sek. entschlafen. Draußen graute der Morgen. Nach 1 1/2 Stunde kam der Hausknecht und weckte uns, da der Saal gereinigt werden mußte. Wir brachen in humoristisch verzweifelter Stimmung auf, giengen über den Bahnhof nach Deutz herüber, genossen ein Frühstück und begaben uns mit höchst gedämpfter Stimme in die Probe. Wo ich mit großem Enthusiasmus einschlief (mit obligaten Posaunen und Pauken.) Um so aufgeweckter war ich in der Aufführung am Nachmittag von 6–11 Uhr. Kamen darin doch meine liebsten Sachen vor, die Faustmusik von Schumann und die a dur Symph. v. Beethov. Am Abend sehnte ich mich sehr nach einer Ruhestätte und irrte etwa in 13 Hotels herum, wo alles voll und übervoll war. Endlich im 14ten, nachdem auch hier der Wirth mir versicherte, daß alle Zimmer besetzt sein, erklärte ich ihm kaltblütig, daß ich hier bleiben würde, er möchte für ein Bett sorgen. Das geschah denn auch, in einem Restaurationszimmer wurden Feldbetten aufgeschlagen, für eine Nacht mit 20 Gr. zu bezahlen.
Am dritten Tage endlich fand das letzte Conzert statt, worin eine größere Anzahl von kleineren Sachen zur Aufführung kam. Der schönste Moment daraus war die Aufführung der Sinfonie von Hiller mit dem Motto “es muß doch Frühling werden”, die Musiker waren in seltner Begeisterung, denn wir alle verehrten Hiller höchlichst, nach jedem Theile ungeheurer Jubel und nach dem letzten eine ähnliche Scene nur noch gesteigert. Sein Thron wurde bedeckt mit Kränzen und Bouquet, einer der Künstler setzte ihm den Lorberkranz auf, das Orchester stimmte einen 3fachen Tusch an, und der alte Mann bedeckte sein Gesicht und weinte. Was die Damen unendlich rührte.
[...]
Fritz

(aus: Friedrich Nietzsche, Briefwechsel, Kritische Gesamtausgabe, Erste Abteilung, Zweiter Band, September 1864 – April 1869)

so flüchtig wie die Stromwelle

Bonn, Ende Februar 1865

Liebe Mama und Lisbeth,

ich erzähle Euch nun einiges über meine letzten Erlebnisse. Das, was seit einigen Wochen alle Köpfe in den Rheinlanden beunruhigt hat, ist der große kölnische Carneval, an dem ich mich aber durchaus nicht betheiligt habe, und zwar aus allen möglichen Gründen, jedenfalls zum größten Erstaunen meiner Bekannten und Freunde. Ich bin vielmehr während dieser Tage bei Deussens gewesen, wo ich doch das fand, was man ein Semester lang entbehrt hat, nämlich Familienleben. Wir sind viel zu Fuß gegangen, was bei dem unergründlichen Schmutze etwas sagen will. Die Rückreise machten wir über Koblenz, das sich uns mit dem düstern stark befestigten Ehrenbreitstein, den unzähligen Lichtern, dem mächtigen Rheinstrom Abends um 10 Uhr sehr schön präsentirte. [...]
Euer Fritz

***

Bonn am dritten Mai 1865

Liebe Mama und Lisbeth,

[...] Es ist ein wunderschöner Frühlingsmorgen; wir haben ein gleichmäßiges Wetter mit heißen Mittagen, schönen Abendsonnen und mäßig kühlen Nächten, wie es wohl zusammenstimmt mit den Blüthenbäumen und dem grünwogenden hellen Rheine. Wir benutzen häufig die Dampfschiffe, die jetzt schon bunte rheinreisende Fremde in reicher Anzahl auf und nieder führen. Für ein nicht zu blödes Gemüth findet sich Gelegenheit Bekanntschaften zu knüpfen, allerdings so flüchtig wie die Stromwelle. Noch mehr muthen mir Kahnpartien zu, wir haben ein paar Flaschen Wein mit darin, die Sonne ist untergegangen, und der Abendstern tritt hell an dem klaren Himmel herauf. Dann denken wir oft an das liebe Saalthal und singen “An der Saale kühlem Strande” [...]
Erwacht jetzt nicht auch in Euch die Reiselust? Ich wünschte Euch wohl einmal heran an den Rhein. [...]
Fritz

(aus: Friedrich Nietzsche, Briefwechsel, Kritische Gesamtausgabe, Erste Abteilung, Zweiter Band, September 1864 – April 1869)

Die Gegend ist dort wirklich dreier Ausrufezeichen werth

Bonn, 7. und 9. Dezember 1864
[...]
Nun ist der Brief doch noch etwas liegen geblieben. So kann ich Dir denn noch vom Abend bei Prof. Schaarschmidt erzählen.
Seine Frau ist eine Holländerin, und wir haben beide zusammen über rheinisches Essen und rheinische Unreinlichkeit geschimpft; sie will mich nächstens einmal zu Holländisch(er) Küche einladen. Der Prof. ist urgemüthlich, Berlinerkind; wir haben ebenso angenehm uns unterhalten als gegessen.
[...]
F.

***

Bonn, 11. und 12. Dezember 1864

Meine liebe Lisbeth,
gar gerne möchte ich als Motto meines Briefes darüber schreiben “interessant und geistreich”, ich gehe nämlich von der Ansicht aus, daß ein Brief immer so ist, wie er aufgenommen wird, und vielleicht darf ich in dieser Beziehung die besten Hoffnungen haben.
Das war ein Posaunenstoß zur Einleitung. Jetzt kommt Schilderung der Situation.
Ich schreibe jetzt, morgens, eben des Bettes mich entwunden habend, zur direkten Widerlegung der Ansicht, daß ich Kater hätte. Du wirst diese geschwänzten Thiere nicht kennen. Gestern war großer Commersabend mit dem feierlichen Landesvater und unendlichen Bowlenströmen; Gäste aus Heidelberg und Göttingen; mehere Professoren, darunter Schaarschmidt waren eingeladen und haben sehr nette Reden geredet. Deussen hielt eine famose Fuchsrede; unendliche Telegramms von allen Weltenden und Burschenschaften, von Wien, Königsberg, Berlin usw. Wir waren über 40 Mann zusammen, die Kneipe war prächtig geschmückt. Ich habe eine sehr angenehme Bekanntschaft gemacht, die des Doktor Deiders, der fabelhafter Schumannfreund ist; wir haben uns unsre gegenseitigen Besuche versprochen; nun habe ich doch endlich einen tüchtigen Musikkenner gefunden. Die gestrige Gemüthlichkeit war eine herrliche, erhebende.
Weißt Du, an solchen Commersabenden herrscht ein allgemeiner Seelenschwung, da giebt es keine Biergemüthlichkeit. Heute Mittag ist großer Auszug durch die Hauptstraßen mit Paradeanzügen und fabelhafter Rennomage. Dann fahren wir mit Schiff nach Rolandseck, dort ist großes Diner in Hotel Croyen, und was weiter folgt, das steht im subjektiven Belieben. – Vorgestern Abend fieng der Commers an, wir tranken bis gegen 2 Nachts, sammelten uns gestern um 11 morgens zu einem Frühschoppen, machten dann einen Markttrottoirbummel, aßen zu Mittag und tranken bei Kley gemeinsam Kaffe. Du siehst, die Thätigkeit und die Anstrengung ist groß – und ich habe Recht, mit erhobenem Bewußtsein sagen zu können: ich habe keinen Kater.
Dies Schilderung der Situation. Jetzt kommt der literarische Briefkasten.
Viele von den Büchern, die Du beschreibst, sind mir nicht ganz unbekannt, die Lebensräthsel habe ich wohl auch einmal gelesen. Ich dächte, mehr noch als die Altejungferstube müßte Dir der junge Professor, der gegen Schluß antritt, gefallen haben. – In Daheim lies doch “Marie und Maria.” Hausse und Baisse, das Du mir vielleicht nicht zu übersetzen brauchst, scheint mir vom philosophischen Katheder herab geschrieben. Durch Kreuz zur Krone und Gott ist mein Heil, wie Morgen und Abend verschieden, wird von der Kreuzzeitung gelobt. Die Problematischen Naturen habe ich auch noch nicht ausgelesen. Wie so ich überhaupt in diesem Semester noch keinen Roman gelesen habe. –
Heute morgen setze ich den Brief fort, und Du bekommst auf diese Weise eine vollständige Schilderung unsres Commerses.
Wir haben ein wunderschönes Wetter gehabt, der Auszug mit schöner Husarenmusik machte großes Aufsehen, der Rhein hatte die schönste blaue Farbe, wir hatten Wein mit auf das Dampfschiff genommen. Wie wir nach Rolandseck kamen, wurden Böller zu unserm Empfang gelöst. Wir tafelten nachher bis gegen 6 Uhr, waren ausnehmend vergnügt und sangen viele selbstverfaßte unsinnreiche Lieder. Draußen war es Dämmrung geworden, der Mondschein lag auf dem Rhein und beleuchtete die Gipfel des Siebengebirgs, die aus dem bläulichen Nebel hervortraten. Nach Tische saß ich mit Gaßmann, vielleicht dem interessantsten Menschen der Frankonia und Bierzeitungsredakteur und Kneipwart zusammen; wir blieben bei einem edlen Rheinwein, während die andern Champagnerbowlen tranken. Die Gegend ist dort wirklich dreier Ausrufezeichen werth, besonders die reizende Insel Nonnenwörth, auf der ein Mädchenpensionat ist; darüber ragt der Drachenfels, diese mächtige steile Felswand. Der Ort macht den Eindruck der tiefsten Ruhe. – Nachher bin ich mit wenigen nach Bonn zurück gefahren, während die andern die Nacht dort geblieben sind und wahrscheinlich heute morgen eine Spritze in das Siebengebirge machen.
Heute morgen bin ich denn sehr froh und munter aufgestanden, denke zuerst an Dich und beendige den Brief, damit er noch zeitig genug eintrifft.
So hast Du denn ein Bild meiner letzten Tage, wunderschönen Tage, die Du Dir mit aller Phantasie ausmalen darfst. Allerdings habe ich bei dieser Ueberfülle des Stoffs Dir nur einiges Thatsächliche mitgetheilt und keine Gelegenheit gehabt, schöne und feine Bemerkungen zu machen. Lebe nun recht wohl und grüße die liebe Tante Rosalie, sowie alle, die sich meiner gern erinnern. Adieu, liebe Lisbeth
Dein Fritz.

(aus: Friedrich Nietzsche, Briefwechsel, Kritische Gesamtausgabe, Erste Abteilung, Zweiter Band, September 1864 – April 1869)

Marie heißt am Rhein alles

Bonn, 24. und 25. Oktober 1864

[...]
Ich habe bis jetzt von allen Seiten sehr viel angenehmes und liebes erfahren. Neulich habe ich Musikdirektor Brambach eine Visite gemacht und mich in den städtischen Gesangverein aufnehmen lassen. Mit den Märkern habe ich eine Partie nach Rolandseck gemacht; die Gegend ist prachtvoll, und wir haben einige sehr schöne Tage gehabt. Gestern fuhren die Frankonen nach Plittersdorf, dort war Kirmes, und es wurde tüchtig getanzt, bei einem Bauer Most getrunken; Abends gieng ich mit einem Frankonen, den ich besonders gern habe, meinem Leibburschen den Rhein entlang nach Bonn zurück; auf den Bergen waren Weinlesefeuer. Ihr glaubt nicht, wie schön alles ist.
Neulich habe ich zufällig zu meiner größten Freude den lieben Baron von Frankenstein getroffen und ihn auf ein paar Stunden im Hotel Kley besucht. Er ist ganz derselbe liebenswürdige Mensch wie ehemals und erkundigte sich lebhaft nach Euch und den Naumburger Verhältnissen. Er wird mich in diesen Tagen besuchen. Auch Hachtmann hat mich gesprochen. Dem Dr. Wachsmuth mache ich heute Visite.
Heute gehe ich auf den Gottesacker um Schumanns, Schlegels und Arndts Gräber zu sehen. Nachmittags fahre ich mit meinen Wirthsleuten in ein benachbartes Dorf zu einer Kirmes. Es sind sehr feine und angenehme Leute, mit deren Sorge um mich ich in jeder Weise zufrieden sein kann. Ich wohne ganz allerliebst, esse recht gut, werde reinlich und pünktlich bedient und bin so gern Abends ein Stündchen mit ihnen zusammen. – Jetzt eben war ich auf dem wunderschönen Friedhof und habe Robert Schumann einen Kranz dedizirt. Meine Wirthin und ihre Nichte Fräulein Marie (denn Marie heißt am Rhein alles) haben mich begleitet.
[...]
Fritz.

(aus: Friedrich Nietzsche, Briefwechsel, Kritische Gesamtausgabe, Erste Abteilung, Zweiter Band, September 1864 – April 1869)

X-mas-Gebäck

Xantner Printen, Pseudo-Aachner,
falsch wie Feigenblatt im Rücken
und wie Echtgold unterm Rhein,
wie ein Keks von Richard Wagner,
wie Tsatsiki kurz vor Brügge
und wie dieser schöne Reim.

Ein Gastbeitrag von Àxel Sanjosé. rheinsein dankt!

Am Ende der Rhein

Als schwarzen Sarg des Rheins stellt sich Roger Monnerat den Rotterdamer Hafen zu Beginn seines Erzähl-Essays Am Ende der Rhein. Vom Verschwinden der Realien im Hafen von Rotterdam vor. Das vor allem, weil der Basler Autor im Laufe der Sandoz-Katastrofe von 1986 sich mit niederländischen Tauchern unterhielt, welche die Reinigungsarbeiten auf dem Schweizerhaller Rheingrund gegenüber ihrer sonstigen Tätigkeit im Rotterdamer Hafen als „Sonntagsspaziergang“ bezeichneten: „Sie können da mit der stärksten Lampe hinuntergehen, Sie sehen Ihre Hand nicht vor dem Gesicht; es ist tintentuschekohlerabenschwarz dort unten, unerträglich kalt und klamm, unerträglich laut. Das Dröhnen von Motoren aus allen Richtungen läßt Sie die Orientierung verlieren, und bei jeder Bewegung haben Sie das Gefühl, schwarze Schleimschlingen würden nach Ihnen greifen und Sie in den Schlick am Grund hinunterziehen, wo sie von rostzerfressenen Stahlträgern aufgespießt oder von rostzerfressenen Stahlkanten zerschnitten werden. Sie sind in einem schwarzen Fass eingesperrt und wissen, dass die Rasierklingen aller Matrosen aus aller Welt nur darauf warten, Sie und die Schläuche Ihrer Ausrüstung aufzuschlitzen.“ Gut zwei Jahrzehnte später treibt es Monnerat nach Rotterdam, endlich das Ende des Rheins zu schauen, eine Reise, die auch zur Allegorie auf den gleichzeitig voranschleichenden Tod seines Vaters wird. Glaubt man den Ausführungen des Autors, so liefert Am Ende der Rhein wie nebenbei wahrscheinlich die erste ausführlichere Beschreibung Rotterdams, denn: „Bei meinen Reiseerkundungen stellte ich fest, dass Rotterdam offenbar keines Besuchs wert befunden wird. Es gibt weder auf Deutsch, Englisch oder Französisch einen Stadtführer für Rotterdam und in den Führern für Holland sind über Rotterdam nicht mehr als drei Seiten zu finden. Vermutlich, weil Reisende das Alte suchen und Rotterdam fast nichts zu bieten hat, das älter ist als ich.“ Monnerat streift also durch diese scheinbar geschichtslose, erst von den Bombardements der Wehrmacht, dann von jenen der Alliierten niedergemachte Stadt, beschreibt ihre heutige Architektur, den berühmten Hafen, kommt einem unerklärlichen Geheimnis desselben auf die Schliche, schweift ab in Assoziationen über gelesene Bücher und gesehene Bilder, übersieht bei Rotterdams Errungenschaften lediglich den Gabber Techno und liefert letztlich ein seltenes, dafür umso interessanteres, bildstarkes und persönliches Reisebüchlein, das über den Buchhandel garnicht so leicht zu erhalten ist, erschienen in der schlichtschönen édition sacré in signierter und numerierter 400er-Auflage und rheinsein eine starke Empfehlung wert.

Die Grünfarbe

des mittelländischen Meeres, der Schweizerseen, selbst des Rheins, wird wohl daher kommen, daß diese Gewässer eine gelbliche Tiefe haben, worin sich das Blau des Himmels spiegelt.

(Arthur Schopenhauer, Der handschriftliche Nachlaß, Band 4,1 – Die Manuskriptbücher der Jahre 1830–1852, 2. Teil, Spicilegia (1846))

Schelm von Bergen

Im Schloß zu Düsseldorf am Rhein
Wird Mummenschanz gehalten;
Da flimmern die Kerzen, da rauscht die Musik,
Da tanzen die bunten Gestalten.

Da tanzt die schöne Herzogin,
Sie lacht laut auf beständig;
Ihr Tänzer ist ein schlanker Fant,
Gar höfisch und behendig.

Er trägt eine Maske von schwarzem Samt,
Daraus gar freudig blicket
Ein Auge, wie ein blanker Dolch,
Halb aus der Scheide gezücket.

Es jubelt die Fastnachtsgeckenschar,
Wenn jene vorüberwalzen.
Der Drickes und die Marizzebill
Grüßen mit Schnarren und Schnalzen.

Und die Trompeten schmettern drein,
Der närrische Brummbaß brummet,
Bis endlich der Tanz ein Ende nimmt
Und die Musik verstummet.

“Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
Ich muß nach Hause gehen -”
Die Herzogin lacht: “Ich laß dich nicht fort,
Bevor ich dein Antlitz gesehen.”

“Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
Mein Anblick bringt Schrecken und Grauen -”
Die Herzogin lacht: “Ich fürchte mich nicht,
Ich will dein Antlitz schauen.”

“Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
Der Nacht und dem Tode gehör ich -”
Die Herzogin lacht: “Ich lasse dich nicht,
Dein Antlitz zu schauen begehr ich.”

Wohl sträubt sich der Mann mit finsterm Wort,
Das Weib nicht zähmen kunnt er;
Sie riß zuletzt ihm mit Gewalt
Die Maske vom Antlitz herunter.

“Das ist der Scharfrichter von Bergen!” so schreit
Entsetzt die Menge im Saale
Und weichet scheusam – die Herzogin
Stürzt fort zu ihrem Gemahle.

Der Herzog ist klug, er tilgte die Schmach
Der Gattin auf der Stelle.
Er zog sein blankes Schwert und sprach:
“Knie vor mir nieder, Geselle!

Mit diesem Schwertschlag mach ich dich
Jetzt ehrlich und ritterzünftig,
Und weil du ein Schelm, so nenne dich
Herr Schelm von Bergen künftig.”

So ward der Henker ein Edelmann
Und Ahnherr der Schelme von Bergen.
Ein stolzes Geschlecht! Es blühte am Rhein,
Jetzt schläft es in steinernen Särgen.

(aus: Heinrich Heine – Reisebilder. Späte Lyrik, Goldmann, München 1957)

Schwebende Berge

schwebende-berge

An manchen Tagen, zwischen den Jahreszeiten, lassen sich, in wenig bekannten, allzeit dunstverhangenen Gebieten, die der Rhein nur mit großer Disziplin in strikt vorgezeichneten Linien zu queren vermag, in den Himmeln schwebende Berge erblicken, deren Steinwildpopulationen noch flügelbehaftet sein sollen. Solche Informationen übersteigen jedoch kaum den Wert eines Gerüchts, denn die Berge sind nur aus der Ferne sichtbar und wer immer derlei Sachverhalte präziser zu erforschen sich anschickte, verlor sich fatal im Waber der Tiefdünste. (Die regionalen Psychiatrien besitzen eigene Abteilungen für aus dem Waber zurückgekehrte Personen.) Versuche, die schwebenden Berge von Satelliten aus zu lokalisieren, schlugen bislang auf voller Linie fehl. Im Internet finden sich darüberhinaus  irritierende (noch zu verifizierende) Meldungen, die schwebenden Berge seien auch am Sambesi gesichtet worden, dort allerdings nicht zwischen den Jahreszeiten, sondern zwischen vollendeten Jahren.

Das Lachen der Hühner: Lesungen

Zum Wochenende und gleichzeitig zum Saisonausklang begibt sich rheinsein zu zwei Lesungen aus Das Lachen der Hühner entlang der Rheinscheine. Die Ankündigungen der Veranstalter:

Das Karlsruher Literaturforum ist ein beliebter Austausch zwischen Autoren und dem Karlsruher Publikum. Die Literarische Gesellschaft organisiert das Forum in diesem Jahr zum 6. Mal. 2011 steht es einen Tag lang im Zeichen der zeitgenössischen Lyrik, die derzeit so viel Aufmerksamkeit erhält wie lange nicht mehr. Vor allem junge Autorinnen und Autoren prägen den Schauplatz der Literatur und werden in den Feuilletons gefeiert. Die Karlsruher Lyrikerinnen und Lyriker Silke Scheuermann, Stan Lafleur und Matthias Kehle und aktuelle Autorinnen und Autoren wie Claudia Gabler, Matthias Göritz, Nadja Küchenmeister und Nora Gomringer reflektieren in Vorträgen (Wie entsteht ein Gedicht, Lyrik und Politik) über die Perspektiven der Gattung Lyrik und spiegeln in neuen Texten auch den Oberrheinraum, der viele der Autoren biografisch verbindet, wider.

Termin: 16. Dezember 2011, 17 Uhr (rheinsein-Lesung ca 18 Uhr)
Ort: Prinz-Max-Palais
Karten am Einlaß

***

Heine im Sinn…
Die erste Heine-Nacht am 17. Dezember 2011 im Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf

Feiern Sie auf der Bilker Straße am 17. Dezember zwischen 18 Uhr und der Geisterstunde die erste Heine-Nacht.

Freuen Sie sich auf:
Lesungen mit Martin Walser, Ingrid Bachér, Stan Lafleur und Jan Skudlarek,
Performances von Gerhard Stäbler, Kunsu Shim, Niklas Stiller und Marc Matter,
Führungen durch die Dauerausstellung Nähe und Ferne und die Ausstellung Der russische Heine sowie auf die Präsentation Heine und Paris.
Die Bandbreite des musikalischen Rahmenprogramms reicht von klassischen Heine-Vertonungen über Klanginstallationen bis hin zu einem Heine-Rap.
Außerdem erwarten Sie viele weitere Überraschungen und Höhepunkte.

Der Vorverkaufspreis beträgt 7 Euro (erm. 5 Euro) inklusive einem Getränk oder einem Heine-Apfeltörtchen.

Die rheinsein-Lesung steht um 22.30 Uhr zu erwarten.

Rheintor Linz – Anno Domini 2011

Die diesjährigen Aktionen im Linzer Rheintor sind nun zu einem Katalog zusammengefaßt in der Edition Das Labor erschienen. Bestellwünsche werden von rheinsein umgehend weitergeleitet. Der Text zum Katalog stammt von Matthias Hagedorn:

“Das landläufige Vorurteil, Kunst sei eine Schnapsidee, unterlaufen Klaus Krumscheid und A.J. Weigoni augenzwinkernd mit dem Verweis auf Heinz Schenks Motto des Blauen Bocks: „Ich lade gern mir Gäste ein!“

Obwohl unter den Zeltschrägen eines gemeinsamen Umschlages, bilden die Artisten dieses Projekts keine Gruppe. Es gibt keinen gemeinsamen arspoeticagleichen Ansatzpunkt als den, Kunst anders einzuordnen, um schließlich eine Art kritischer Mutation hervorzuzaubern. Eben durch die Unterschiedlichkeit ihrer Arbeiten, durch die Unvereinbarkeit der gezielten Darlegungen und dank dieser Inkompatibilität wird in diesem Projekt die gegenwärtige Lage der Kultur deutlich.

Eines scheint klar, zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist Kunst der Inbegriff des Fragmentarismus, der unsere Zeit ansteckt, dadurch charakterisiert und die fin–de–siècle–belastete Verwirrung und Fassungslosigkeit der Methoden der existentiellen Werkzeuge lässig hinter sich läßt. Diese Artisten wagen – jeder auf seine Art und Weise – eine Berufung der Methode einzulegen, indem sie eine Berufung der Rhetorik heraufbeschwören. Die alten Fragen der Kultur bleiben erhalten, wie die nach dem Geschlechterverhältnis oder dem schäbigen Rest des Unerklärlichen, das sich der menschlichen Erkenntnis entzieht.

Was die Artisten dieser Reihe verbindet, ist der Rhein. Alles im Fluß, in Fluß. Das Fachidiotentum ist perdü, das Labor dokumentiert die Durchlässigkeit zwischen den Kunstgattungen. Diese Artisten interessieren sich für eine Kunst, die nicht illustriert, sondern anders politisch relevant ist. Klaus Krumscheid, Andreas Noga, Charlotte Kons, Joachim Paul, Stephanie Neuhaus, Birgit Jensen, Francisca Ricinski, Almuth Hickl, Swantje Lichtenstein, Dietmar Pokoyski, Enno Stahl, Jesko Hagen, Haimo Hieronymus, A.J. Weigoni, Denise Steger, Peggy Neidel, Katja Butt, Heidrun Grote, Jürgen Diehl, Bernhard Hofer, Peter Meilchen, Holger Benkel, Theo Breuer, Thomas Suder und Stan Lafleur pflegen die Kunst des Unmöglichen. Es sind Künstler, die sich für Lebensentwürfe und das Zusammenleben interessieren und nicht für standardisierte Wege. So zu arbeiten, befreit diese Artisten von der Massenidentität, die gerade in der globalisierten Gesellschaft entsteht. Diese Künstler machen keine Kunst, um Antihelden einer Subkultur zu sein, sondern vor allem, um die Sinngebung durch Kunst zu retten, um unter der Arbeit zu zeigen, was es bedeutet, als selbstbestimmte Individuen zu überleben.

Die Verflechtungen von Poesie, Kunsttheorie, persönlicher Biographie und politischen Ereignissen, von Querverweisen zwischen Literatur und Kunst und von Bezugslinien zwischen Vergangenheit, Gegenwart und schließlich sogar der Zukunft machen diese Kompilation zu einer komplexen Lektüre. Diese Artisten eröffnen eine Dimension, die für die Gesellschaft völlig unverzichtbar ist. Über Verfremdungen drücken sie die Befindlichkeiten, Wünsche, Hoffnungen und Befürchtungen der Mitmenschen in Zeiten tiefgreifender Veränderungen aus.”

Nietzsche erinnert sich

An Carl von Gersdorff in Berlin

Kösen 11 Oktob 1866.

„[…] Ich bin diese Ferien nicht verreist, sondern sitze in arbeitsamer Einsamkeit in Kösen, das meine Mutter und ich, um der Naumburger Cholera zu entgehen, seit vier Wochen bewohnen […]; ich schreibe Dir im Überrock, mit einer Decke über meine Füße, da unser Zimmer keinen Ofen hat; doch hat dieser Zustand schon Sonnabend sein Ende, wo wir wieder nach Naumburg zurückkehren. Abgesehen von diesen letzten, kalten, nebeldichten Herbsttagen haben wir uns über liebenswürdig helles und warmes Wetter zu freuen. Einige Nachmittage waren so mild und sonnig, daß ich unaufhörlich jener einzigen und unwiederbringlichen Zeit gedenken mußte, wo ich, zum erste Male vom Schulzwange frei, ohne die Fessel des nicht verbindenden Verbindungslebens, den Rhein mit dem freien stolzen Gefühl einer unerschöplich reichen Zukunft sah. Wie schade, daß ich mich um diese wirkliche Poesie durch jene selbsteignen Qualen brachte, die den unmündigen Studenten so leicht als Quellen der Freude erscheinen […]“

(aus: Friedrich Nietzsche – Sämtliche Briefe)

Weihnachtshochwasser 1993, beruhigende Rheinstills

Gestern zeigte der WDR eine Doku zum Weihnachtshochwasser von 1993. Besetzung: der später vom Boulevard insignierte Hochwasserpapst (also seinerzeit noch: Hochwasserkardinal) Reinhard Vogt; Schürmann-Bau-Architekt Joachim Schürmann; Kölns Ex-Polizeipräsident Winrich Granitzka; Hochwasseropfer; widerliche Gaffer; der Rhein. Der Film von Meike Hemschemeier zeichnet die Ereignisse des berühmten Hochwassers nach. Anwohner erinnern sich, wie Rheinwasser durch die Steckdosen in ihre Häuser einbrach, wie sie Heilig Abend auf dem Speicher vebrachten und wie eine schöne Wohnungseinrichtung zunichte ging. Der Polizeipräsident bringt dem Leiter der Hochwasserschutzzentrale in höchster Not zwei Teddybären aus dem Präsidium mit, da letzterer im ganzen Brassel keine Zeit erübrigte, seinen Kindern Geschenke zu besorgen. Architekt Schürmann erklärt unterdessen die Flutung seines unflutbaren Baus zu Bonn. Insgesamt ein Lehrfilm zur kölschen Lebensart: mit rheinvernichteten Existenzen lebt sichs gar nicht so übel, denn echte Fründe stonn zesamme. Et kütt wie et kütt – un wenn et dä Rhing es. Offene Fragen bleiben offen. Schuld trägt letztlich nur der Nubbel.

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Gestern beim Zahnarzt. Im Wartezimmer an der Wand und im Behandlungsraum an der Decke sind Monitore angebracht, die im wohlkoordinierten Wechsel Standbilder offerieren, deren Einsatz der Patientenberuhigung dienen soll: Kölner Dom vor Feuerwerk; ein Frachter transportiert ein Space Shuttle oder dergleichen zum Technikmuseum Speyer, etc… durchgängig also Rheinmotivik, vermischt mit Explosivem und Schallmauerdurchbrechendem, zu mittleren Ewigkeitsanblicken gefroren. Draußen spielt dazu (laut Sprechstundenhilfe: seit Monatsbeginn) ein Leierkastenmann ununterbrochen dasselbe Lied. Drinnen Sirren die Bohrer.

Rheinelefant (2)

Wir haben bereits über prähistorische, leonardische und sonstige Rheinelefanten berichtet. Nun fanden wir noch mehr über die Geschichte dieses bemerkenswerten Tiers am Rhein. Der erste namentlich erwähnte Elefant auf deutschem Staatsterritorium war demnach Abul Abbas, ein Geschenk Harun al-Raschids an Karl den Großen. Abul Abbas lebte vom 20. Juli 802 an in Aachen und ertrank der Legende nach 810 bei einer Rheinüberquerung in Deutschlands Schicksalsstrom. Es dauerte bald 700 Jahre, bis 1482 erneut ein Elefant in Deutschland, und zwar in Köln, gezeigt wurde, wo er von seinem Mahout Hans Viltzhover erstochen worden sein soll. Genaueres ist auch hierzu nicht bekannt, wohl aber eine weitere Quelle, die vom Tod dieses Elefanten samt seines Führers im Ärmelkanal spricht.

Was tatsächlich aus Abul Abbas geworden ist, bemühte sich aus gegebenem Anlaß ein Periodikum namens Wochentliche Duisburgische Adresse- und Intelligentz-Zettel (Nummer 27) anno 1750 zu klären: „Es sind im Anfang dieses Jahrs von den Fischern aus der Lippe, in der Herrschaft Gartrop einige Knochen von ungeheurer Grösse gesichtet, und dem hochwohlgebohrnen Freyherrn von Gartrop, als Grundherrn des Orts überliefert worden, welche mir wegen ihrer Seltenheit zu dieser Betrachtung Anlaß geben. Ich bedaure daß diese Fischer nicht ehe den Einfall bekommen, dergleichen Knochen zur Verwahrung zu übergeben, weil sie bezeugen, daß sie seit einiger Zeit verschiedentlich grosse Stücke mit den Netzen ausgezogen, und aus Unachtsamkeit wieder weggeworfen haben. Es ist unläugbar, daß es Knochen eines Elephanten sind, wie ich nachher aus deren Beschreibung dartun werde. (…) Man pfleget, wenn dergleichen fremde Dinge gefunden werden, so gleich zu fragen, wo mag ein solcher Knochen herkommen seyn? (…)“ Der Autor kommt also sogleich auf die Sintflut als gern genannter Ursache vieler ungewöhnlicher Anschwemmsel und schließlich, präziser, auf Karl den Großen, dessen berühmter Elefant auf einem gemeinsamen Feldzug gen Friesland just bei einem Ort namens Lippa, Lippeha oder Lippenheim – „nachdem der Kayser über den Rhein gegangen“ – eines schnellen Todes gestorben und „vermuthlich“ auch dort begraben sei. Diese Stadt Lippa enttarnt der Artikel nun nach zackigen Rückschlüssen aus lateinischer Quelle als Wesel oder ein unbestimmtes Lippenheim weiter nördlich davon, weswegen „vermuthlich“ von den Fischern keine andern als Abul Abbas` Knochen aus der Lippe gezogen worden seien, Fortsetzung würde folgen. Die Fortsetzung findet aber erst hier, gut weitere 250 Jahre nach dem Artikel im Intelligentz-Zettel und 1200 Jahre nach Abul Abbasens Tod statt. Solange es niemandem Schaden zufügt, ist das Anzetteln von Spekulationen nicht nur nicht verwerflich, sondern des Artiklers hartes Brot. Falls beim aktuellen Restniedrigwasser also statt Einkaufswagen- und Mopedskeletten auch Elefanten- nah bei Menschenknochen aus dem Rhein gezogen werden sollten, könnte man ja die Geschichte von Hans Viltzhover nochmal aufrollen. Wer wüßte sonst, wo der abgeblieben ist?