Monatsarchiv für November 2011

 
 

buscando la catedral negra

sabés que llegarás
en colonia nadie se pierde
de donde sea que estés se ve la catedral

no sabés cómo pero sabés que llegarás
te vas dando de lado contra las paredes
y buscás allá en el horizonte de las esquinas
las torres negras sobre el cielo negro
y pensás
que deberías haberte quedado con el hombre
que conocía el camino
que podrías haberlo besado o algo
para que se fuera contigo

y pensás
que en colonia nadie se pierde
porque ya están todos perdidos
vos estás perdida y sola
y el hombre que conocía el camino también
está solo y perdido

nosotros que creemos
saber más que los otros de la vida
nosotros que creemos
que solo es otra ciudad europea más
bajo el aura de una nube negra
y que de todos modos llegaremos

nosotros que sabemos cantar y hacer poemas
hundimos nuestros cerebros en alcohol
y caminamos a los tumbos por colonia
buscando en la oscuridad la catedral negra
que dejaron allí
para mostrar el camino

(Das schwarzbewölkte Kölngedicht stammt aus der Feder von Lalo Barrubia, einer großartigen Sängerin und Gedichtvorträgerin aus Uruguay. Der Text verhandelt Köln im November 2007, einem vergangenen Latinaledatum und ist in Lalos neuem 70seitigen Band borracha en las ciudades bei PoesíaconC, Malmö 2011 erschienen. Alle Texte im spanischen Original und in englischer Übertragung. Bei Interesse geben wir die klandestine Bestelladresse gerne weiter. Danke, Lalo!)

Die Sage von der Lurley

Hoch ob des Lurleys steilen Höhen
Jagt Pfalzgraf Albrechts kühner Sohn;
Der schönste Hirsch, den er gesehen,
Ist, nah schon seinem Speer, entfloh’n.

Er folgt ihm weiter, immer weiter
Bis an des Abgrunds starren Rand,
Und endlich wirft der wilde Reiter
Das Eisen glücklich und gewandt.

Getroffen sinkt von seinen Händen
Zur Erde hin das edle Wild.
Sieh – da entsteigt den Felsenwänden
Ein schilfbekränztes Frauenbild.

Hat er im Traume denn gesehen
Dies Antlitz, dieser Augen Blau?
Nein, ihre Locken sah er wehen
Vom Lurley oft durch’s Nebelgrau.

Oft hört er auch ein Lied erklingen,
Das süß um Lieb’ ihn angefleht,
Bald schien es aus der Fluth zu dringen,
Ward bald vom Fels ihm zugeweht.

Und oftmals dann im Mondenscheine,
Wenn leise der Gesang verhallt,
Taucht aus dem mild beglänzten Rheine
Empor die winkende Gestalt.

Wer wollt auf Männerschwur nicht bauen?
Stets flieht er treu zu seiner Braut,
Weil ihm vor Fee’n und Nebelfrauen
Und bleichen Wassernixen graut.

Doch endlich ist es ihr gelungen,
Er ward verlockt in ihren Bann,
Wo nun, vom Zauber rasch umschlungen,
Er nimmermehr entfliehen kann.

“Halt!” ruft sie jetzt mit sanftem Beben,
“Du jagtest auf verpöntem Land,
Und mir verfallen ist dein Leben,
Giebst du mir nicht ein hohes Pfand,

Tief unten in kristallner Helle
Steht mein uraltes Felsenhaus,
Leis’ rauscht darüber hin die Welle,
Und Fischlein ziehen ein und aus.

Viel schöne Frau’n und Recken wohnen
Bei mir in Frieden, still und gut,
Sie tragen schilfgeflochtne Kronen,
Und suchten Ruh’ einst in der Fluth.

Sie singen wunderbare Lieder
Und Sagen aus vergangner Zeit,
Die rauschen auf und rauschen nieder,
Mit Well’ und Wind in Ewigkeit.

Und willst du mein Gemahl nicht werden,
Und willst du nicht ihr König seyn?
Wir steigen fröhlich auf zur Erden,
Wir sinken seelig in den Rhein.

So gieb mir denn dein Herz zum Pfande,
Verfallen ist mir schon dein Leib,
Und nieder führ’ ich dich zum Strande
Als dein beglücktes, treues Weib.”

“Entfleuch du bleiches Bild von hinnen!”
Ruft Hugo jetzt voll Grau’n und Schmerz.
“Ich will kein Zauberweib gewinnen,
Und and’rer Liebe schlägt mein Herz.

Doch ob verfallen ist mein Leben,
Weil ich gejagt in deinem Bann,
D’rauf soll mein Schwert dir Antwort geben,
Wenn sie dein Kämpfer fordern kann.”

So spricht der Held mit strenger Stimme.
Doch weh’ ihm, dass er sie verschmäht,
Rasch fährt empor im wilden Grimme,
Die noch vor kurzem sanft gefleht.

Aus ihren Augen sprühet Feuer,
Aus ihren Locken brauset Sturm,
Zur Wetterwolke wird ihr Schleier
Und riesig wächst er wie ein Thurm.

“Schick Vater mir die weissen Rosse,”
So ruft sie laut hinab zum Strand,
Da brausen auf aus ihrem Schlosse
Zwei Wellen bis zum Felsenrand.

Sie schwingt ihn auf, sie fährt hernieder,
Vom hohen Lurley in die Fluth. -
Doch bald entsteigen sanfte Lieder
Der Tiefe, wo der Ritter ruht:

Er schläft auf weichem Lager,
Der kühne Heldensohn.
Ich hab ihn sanft gebettet,
Weh mir – er liebt ja schon.

Gern setzt ich eine Krone
Ihm auf das Lockenhaar,
Von tausend Diamanten,
Schön, wie noch keine war.

Gern gäb’ ich einen Scepter
Ihm in die starke Hand,
Vom Meere sollt’ er herrschen
Bis hoch in’s Schweizerland.

Wir lebten still in Frieden,
So lang der Rhein noch fliesst,
So lang den Lurleyfelsen,
Noch Mondenschein begrüsst.

Singt, Nixen, singt ihm leise
In’s Ohr mit Schmeichellaut.
Doch ach! er träumt vom Vater,
Er träumt von seiner Braut.

Am Ufer steht sie traurig
Und weint hinab zur Fluth,
Und auch sein greiser Vater
Klagt mit gebrochnem Muth.

Er zuckt im Schlaf zusammen,
Er fährt empor im Schmerz. – -
Schwer sind die Thränenperlen
Gefallen auf sein Herz.

Und tiefer, immer tiefer,
Neigt sich herab die Maid.
Weh mir! sie will ihm folgen,
In ihrem tiefen Leid.

Dann müsst ich ewig sehen,
Wie sie so glücklich sind.
Steigt auf, ihr weissen Rosse,
Tragt ihn an’s Land geschwind.

O Lurley, arme Lurley!
Dein Vater ist der Rhein,
Du fliehst mit deiner Liebe,
Mit deinem Schmerz allein.

Mancherlei Mähren und Sagen erzählt sich das phantasiereiche rheinische Volk aus der schauerlich erhabenen Bergschlucht, deren Hintergrund der Lurley bildet. Heilige, Gespenster und selbst der Teufel treten darin auf. Am lieblichsten aber ist die Sage von der Lurley, einer Undine, die hier in den Tiefen des Rheines wohnen soll. Der Felsenkoloß, welcher denselben Namen trägt, thürmt sich in seltsamen Formen und Zerklüftungen himmelan, und der Schall von Schüssen oder Waldhornklängen, in der Mitte des Rheines, oder gegenüber am rechten Ufer gegeben, tönt in vielfachem Echo zurück. Der Rhein, in ein enges Bett gedrängt, scheint sich mühsam einen Ausweg in freundlichere Gegenden zu suchen. – Rechts und links sind Salmenfänge, die vortreffliche Ausbeute liefern.
Schon im 13. Jahrhundert war der Lurleyberg von dem deutschen Minnesänger Murner, einem Zeitgenossen Frauenlobs, genannt.

(aus: Adelheid von Stolterfoth – Rheinischer Sagenkreis)

O de Cologne

Heute ein Link zum Thema Köln-Tourismus aus Donauaugen. Schöne Bilder, pointierte Ansichten und ein Bonusvideo mit Musik aus der Domstadt.

Fußbad im Rhein

fussbad

(Ein Gastbeitrag von claudia. rheinsein dankt!)

rheinsein bei der Latinale

Gestern Abend weilten wir im Theater Rottstr. 5, einem wunderbaren Off-Theater in einem herbstdunklen Bochumer Innenstadt-Hinterhof, direkt unter bzw in einer Bahntrasse gelegen, was dem Raum ca alle halbe Stunde eine grollende, prima aufs Programm passende Erschütterung bescherte. Die Latinale, das mobile lateinamerikanische Poesiefestival, hatte geladen und so durften wir Das Lachen der Hühner erstmals auch in spanischer Übersetzung des mexikanischen Dichters Daniel Bencomo vorstellen. In Bochum übernahm Victoria Guerrero aus Peru den Vortrag des spanischsprachigen Parts, dieweil sie zwischen den lyrischen Liechtensteineinheiten, unter einer Sturmhaube versteckt (also falls sies denn selber war), aus ihren eigenen Texten las, die von Mauern handelten, vom Rimac, von Nord und Süd, arm und reich, von der Liebe und vom Tod. Die Themen des Rheins und des Rimac: besitzen (weit über Zufälle in Gedichten hinaus) reichlich Schnittmengen. Neu war aber dies: die spanische Version von Am Rhein (zum Original und einer liechtensteinischen Version geht’s hier) erheiterte Victoria mitten im Vortrag; ob der Auslöser im spanischen Reim, der exotischen Kulisse oder in der Vorstellung von einer Frau als Fisch lagen haben wir dann nicht mehr erfahren – wer weiß, in wie viele Sprachen das Gedicht, das uns, weil es zu den seltenen plötzlich-zugeflogenen gehört, recht am Herzen liegt, noch übertragen werden und welch unterschiedliche Reaktionen es in unterschiedlichen Transformationen auslösen wird. Den Abend beschloß Benjamín Moreno aus Mexiko mit einer auf Leinwand projizierten Vorführung seiner digitalen Dichtkunst. Dh, Benjamín spielte mit Wörtern Pingpong, formatierte eine Politikerrede zu neuen Lügen um, crashte so einiges an visuell-akustischem Fundus und strukturierte nicht zuletzt die Architektur eines Borges-Gedichts zum Pacman-Spiel um. Hier der Link zu Benjamíns concretoons genannten sehens- und spielenswerten Arbeiten. Die Latinale gastiert noch bis Mittwoch in NRW, heute in Köln, morgen in Bonn und übermorgen in Düsseldorf mit einer Abschlußparty mit allen Beteiligten. Genauere Informationen gibt’s auf der Latinale-Website.

Der Mönch von Heisterbach

Ein junger Mönch des Klosters Heisterbach
Lustwandelt an des Gartens fernstem Ort.
Der Ewigkeit sinnt still und tief er nach
Und forscht dabei in Gottes heil’gem Wort.

Er liest, was Petrus der Apostel sprach:
Dem Herren ist ein Tag wie tausend Jahr
Und tausend Jahre sind ihm wie ein Tag.
Doch wie er sinnt, es wird ihm nimmer klar.

Und er verliert sich zweifelnd in den Wald.
Was um ihn vorgeht, hört und sieht er nicht.
Erst wie die fromme Vesperglocke schallt,
Gemahnt es ihn der ernsten Klosterpflicht.

Im Lauf erreichet er den Garten schnell;
Ein Unbekannter öffnet ihm das Tor.
Er stutzt – doch sieh, schon ist die Kirche hell
Und draus ertönt der Brüder lauter Chor.

Nach seinem Stuhle eilend tritt er ein.
Doch wunderbar, ein andrer sitzet dort,
Er überblickt der Mönche lange Reih’n:
Nur Unbekannte findet er am Ort.

Der Staunende wird angestaunt ringsum,
Man fragt nach Namen, fragt nach dem Begehr,
Er sagt’s, da murmelt man durchs Heiligtum:
Dreihundert Jahre hieß so niemand mehr.

Der letzte dieses Namens, tönt es laut,
Er war ein Zweifler und verschwand im Wald;
Man hat den Namen keinem mehr vertraut,
Er hört das Wort, es überläuft ihn kalt.

Er nennt den Abt und nennt das Jahr.
Man nimmt das alte Klosterbuch zur Hand,
Da wird ein großes Gotteswunder klar:
Er ist’s, der drei Jahrhunderte verschwand.

Der Schrecken lähmt ihn, plötzlich graut sein Haar.
Er sinket hin, ihn tötet dieses Leid.
Und sterbend mahnt er seiner Brüder Schar:
Gott ist erhaben über Ort und Zeit.

Was er verhüllt, macht nur ein Wunder klar.
Drum grübelt nicht, denkt meinem Schicksal nach.
Ich weiß, ihm ist ein Tag wie tausend Jahr,
Und tausend Jahre sind ihm wie ein Tag.

(von Wolfgang Müller)

Rheinischer Rebell

Der Oberbürgermeister der Stadt Köln hatte uns vor geraumer Zeit eingeladen zur Kabinettsausstellung „Ein rheinischer Rebell. Wolfgang Müller aus Königswinter“ in der Zentralbibliothek am Neumarkt. Der Einladung konnten wir erst heute, am letzten Tag der Ausstellung folgen. Zur Anreise entschieden wir uns ganz gegen alle Gewohnheit für die Stadtbahn: eine gute Entscheidung, denn nebst dem beinahe schon literarischen Anblick eines aus der Zwerghundhochburg Weidenpesch zugestiegenen Yorkshireterriers, der mit seiner unverhältnismäßig langen Zunge unablässig die dünne Wagenluft aufleckte, kamen wir in kurzer Fahrtzeit auch in den Genuß diverser Privatgespräche („hisch`schwööre wennhischdensehe kritterjleisch nehohrfeije“), proklamativ memorierter Telefonnummern und den heftigen Ausfall eines mittäglich Schwerbetrunkenen, welcher sich zunächst wilde Kampfszenen mit einer Automatiktür der Bahn lieferte, bevor er den zahlreichen staunenden Anwesenden zurief, sie mögen ihn doch alle am Arsch lecken. Wie sehr der private und der öffentliche Raum sich heuer durchdringen zeigten insbesondere die Displays einiger Smartfones, welche sich den Fingerübungen ihrer Besitzer entzogen und eigenständig Informationen verbreiteten, welche den ein oder anderen empfindlicheren Passagier erröten ließen. Ferner beobachteten wir etliche Gestalten, die für zwei Stationen ihre Fahrräder in die Bahn schleppten, ein Massenfänomen mit schwer durchschaubarer Motivation. Wir hätten gerne noch mehr modernen Alltag gesehen, doch die Ausstellung rief, sie war nurmehr wenige Stunden verfügbar.

Die Ausstellung entpuppte sich, wie das in Bibliotheken so üblich ist, als Vitrinenausstellung. Ein vitrinierter Rebell also, dieser Wolfgang Müller. Anbetrachts der auf den ersten Blick gefühlten fünf (auf den zweiten Blick/in Wirklichkeit aber mindestens doppelt bis dreifach sovielen) Exponate war Müllers Rebellentum zunächst kaum faßbar: handelte es sich doch um Bücher mit anheimelnden Titeln wie Bruderschaftslieder eines rheinischen Poeten, Rheinfahrt, Mein Herz ist am Rheine, Erzählungen eines rheinischen Chronisten oder auch Lahnfahrt. Etwas rebellischer schon der Titel: Höllenfahrt von Heinrich Heine, schwer einschätzbar Müllers Ehrenmitgliedschaft im Bonner Maikäferbund, mäßig rebellisch einige Gedichtdrucke Herbstfeier (mit viel Rhein/Wein-Gereime), Der Mönch von Heisterbach und ein Text über den sagenhaft volksfreundlichen Kölner Bürgermeister Hermann Gryn, der einen ausgehungerten Löwen (und mit diesem den Klerus) in die Schranken wies, doch schließlich vollends Müllers Rebellentum hervorkehrend ein Zitat von Friedrich Engels: „Es wurden auch einige kommunistische Gedichte des Herrn Dr. Müller aus Düsseldorf vorgelesen“, zu finden angeblich in Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Band 2, Berlin 1990, auf Seite 517. Die Ausstellung hat vor wenigen Minuten geschlossen, wir bemühen uns jedoch darum,  den ein oder andern Müllertext hier einzustellen.

Der Jodler zu Flingern

Es geht die Sage von einem Jodler in Flingern, einem Stadtteil von Düsseldorf, um. Es fehlen ihm die Berge hier und deshalb muss er jodeln.
Es heißt, dass er wohl Hermann heiße, doch so genau weiß das wohl keiner. Manchen hier ist sein Treiben gar zu bunt und es gibt einige, die finden das eher peinlich.
So wird er der Jodler von Flingern genannt. Ein jeder, der ihn gehört und gesehen hat, der weiß wohl, wer gemeint ist.
Sein Jodeln habe ich lange nicht mehr vernommen, wahrscheinlich hat er in den Alpen seine neue Heimat gefunden.
Denn dort ist das Jodeln keine Seltenheit und dort nennt man ihn nur Hermann und er ist unter Freunden.
So jodelt er nun mit anderen Jodlern in den Tag hinein und das ist dort ein feiner und angesehner Beruf, so macht es die Runde.

(Ein Gastbeitrag von Costa “Quanta” Costa, der unter Grund Stücke in Anlehnung an Marcel Prousts A la recherche du temps perdu einerseits und an HipHop-Rhythmen andererseits im Netz einen von zahlreichen Skurrilitäten illustrierten Fortsetzungsroman über das Leben von Hartz IV-Empfängern betreibt.
Die harmlose, aber bezeichnende Sage vom kulturell entwurzelten Jodler zu Flingern wiederum, gehen Gerüchte, beruht auf realen Ereignissen, die noch nicht genauer erforscht sind. Aus Düsseldorf hörten wir Stimmen, die behaupten, es habe in Flingern einst nicht nur einen Jodler gegeben, der seiner Leidenschaft auf der Straße nachging, sondern vielmehr, mit der Zeit, eine ganze Jodelgang, die sich um die sagenhafte Gestalt des Hermann gruppierte. Demnach handelte es sich bei den Jodlern um Erwerbslose, welche ihrer Freizeit einen Sinn geben und wohl auch auf für Flinger Verhältnisse ungewöhnliche Weise auf sich aufmerksam machen wollten. rheinsein bittet insbesondere die Flinger Leserschaft um weitere Hintergründe, zumal erst kürzlich wieder Gejodel in der Fortunastraße vernommen worden sein soll.)

Das aktuell teuerste Foto der Welt

ist eigentlich ein digitales Gemälde, ein sogenannter C-Print auf Plexiglas, heißt Rhein II, zeigt einen Rheinabschnitt bei Düsseldorf, stammt von Andreas Gursky und ging am vorgestrigen 08. November für 4.338.500 Dollar bei Christie`s in New York über den Tresen. Einen vergleichsweise kostengünstigen, wenngleich niedrig aufgelösten und gegenüber dem zwei mal dreieinhalb Meter messenden Original stark verkleinerten Anblick des Werks bietet Wikipedia.

Das Rekordfoto diente im Jahre 2002 auch als Wahlwerbung für Rot-Grün unter Gerhard Schröder. Bilder, die Rhein II an verschiedenen Düsseldorfer Standorten mit aufgedruckten Parteiemblemen zeigen und ein Interview mit dem Künstler finden sich auf der Website der NRW-SPD.

Das Rheinland für Touristen

In marktgängigen Reiseführern und auch in (vornehmlich kulinarischen) Fernsehdokumentationen über Vietnam und andere ferne Länder fanden wir nicht selten den Hinweis, die Menschen dort ernährten sich sozusagen ganztags, unterbrochen nur von geringfügigen Arbeits- oder Schlafeinheiten zwischen den zahlreichen landesüblichen Mahlzeiten. Die Wendung vom sich dauerernährenden Exoten scheint bei Reiseführerautoren allgemein beliebt, ein rheinsein-Korrespondent teilte uns soeben mit, daß er genau die gleiche Aussage in einem Reiseführer über das Rheinland entdeckt habe. In Reiseführern steht, und das macht sie gewissermaßen spannend, gerne ohne genaue Trennmerkmale Nützliches mit grobem Unfug vermischt. Manchmal läßt sich beides auch nicht genau unterscheiden. So heißt es in einem englischsprachigen Guide über Köln etwa, sämtliche Sehenswürdigkeiten der Stadt lägen entlang der Stadtbahnlinie 13. Eine steile These, die aber bereits Befürworter findet und für ein erhöhtes Fahrgastaufkommen entlang der Gürtelstrecke sorgt. Auf der Fahrt zum LCD saß uns eine spanischsprechende Dreiergruppe junger Touristen im Zug gegenüber, deren einer in einem Reiseführer blätterte, welcher in schmalen Achtzeilenabsätzen übersetzt in etwa „Das Beste von Deutschland“ aufzulisten versprach. Gerade passierten wir das nächtlich beleuchtete Bayerkreuz über Leverkusen. Wir murmelten: Aspirin, Aspirin, deuteten zunächst zurückhaltend auf den Reiseführer, dann mit größerer Geste aus dem Fenster. Als sie das Bayerkreuz erblickten, begannen auch die Augen der drei Touristen zu leuchten. Aspirin, Aspirin, murmelten sie nun gleichfalls – und unser efemeres Beisammensein wurde geadelt durch den Anschein einer quasi-religiösen Zeremonie. Um dieses seltene Erlebnis abzurunden, traten wir einem der drei zum Abschied rein versehentlich gegens Schienbein und entschuldigten uns nett. Die Verblüffung seitens der Touristen war unbeschreiblich. Wir erwarten von Deutschland keinen Dank, seinen Ruf einmal mehr en passant, diesmal in der spanischsprachigen Welt, weiter aufgewertet zu haben – uns genügt wie stets die pure Gewißheit. Wir haben ja auch Glück. Denn die Reiseführer haben uns Deutsche in unserem Wesen bisher nur sehr mangelhaft erfaßt, was reichlich Spielraum für positive Überraschungen läßt.
Eine weitere Geschichte, welche manchen Reiseführerautor bestätigen dürfte, spielte sich jüngst im Rheinlandinnern in Grevenbroich ab, einer Gegend, die stark nach Rübenanbau aussieht und in der scheinbar unerreichbar weit draußen auf den Feldern stehende Braunkohlekraftwerke zur Wolkenproduktion eingesetzt werden. Die Geschichte rauschte durch den Blätterwald, aus dem wir sie übernehmen. Sie handelt von einer Einbrecherin, die ihre Einbruchshandlung jedoch für zwei ihrer zahlreichen Tagesmahlzeiten, nämlich den kleinen Hunger zwischendurch und das frühabendliche Barbeque, unterbrach. Der Rheinländer, hier: die Rheinländerin gehorcht, das ist allgemein bekannt, den Vorschriften seiner, hier: ihrer inneren Uhr. Die Einbrecherin futterte also auf die Schnelle dies und jenes aus und in der fremden Küche, als sie von den heimkehrenden jugendlichen Kindern des Hauses überrascht wurde. Welche sie jedoch völlig ignorierte, um, die Zeit fürs typische frühabendlich-rheinische Barbeque war soeben angebrochen, im Garten einige Würstchen auf den Grill zu legen. In dessen nächster Umgebung sie festgenommen wurde. Nach Auskunft der Polizei gab die Frau bei ihrer Vernehmung zu, in das Haus eingebrochen zu sein, weil sie Hunger gehabt habe. In der Küche habe sie zwei Croissants, ein Brötchen, Zwiebeln, Tomaten, Mortadella und Leberwurst gegessen. Außerdem hatte sie sich am Sekt bedient.
Touristen, die das Rheinland besuchen wollen, seien erstaunliche Erlebnisse versichert. Kommen Sie nach Köln und fahren Sie einen Tag lang die Linie 13 auf und ab! Berichten Sie uns von Ihren ungewöhnlichen und aufregenden Erlebnissen! rheinsein dankt vorab.