Linz (2)

licht

Linz wirbt für sich als „die bunte Stadt am Rhein“. Mag sein, daß es am Rhein buntere gibt als das 5000 Einwohner-Örtchen (sie werben ja auch keinesfalls mit „die bunteste…“). Gewiß firmieren unter dem Buntheitsbegriff verschiedene Vorstellungen. Für seine Größe jedenfalls ist Linz, soweit sich das in der Dämmerung erkennen läßt, durchaus erstaunlich bunt – unter deutschem Novemberhimmel hat es jede Schönheit schwer. In Linz machts die Mischung von Hübschem mit Häßlichem, Denkmalgeschütztem mit Bausünden, Mainstream-Touristenkitsch mit plötzlichen Randklüften. Der Rheinsteig verläuft mitten durch den Ort und tatsächlich sahen wir einen Outdoorbejackten, Nordicwalkingsticksbewehrten und stellten uns vor, wie seinesgleichen im Sommer klackernd, im Gänsemarsch die Fachwerkfassaden passieren. Wir passieren hingegen die sieben Stationen der Schmerzen Mariens und geraten an ein geheimnisvolles Licht, das, anders als die Weihnachtsbeleuchtung, einen interferenten Sog entfaltet: seine Frequenzen bergen Zeichenfolgen, kryptisch, schlierig, energetisch, apokalyptisch, aber auch warm und stabil gerahmt – bald wird uns klar, daß ein Gedicht in dieser Lichtquelle mitschwingt, ein sehr sehr altes, in zeitgenössischer Fassung.


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3 Kommentare zu “Linz (2)”

  1. denise steger
    28. November 2011 um 10:11

    Die älteste Stadtansicht von Linz am Rhein aus dem Jahr 1463

    Der Linzer Geistliche Tilman Joel (+ 1461), Probst von St. Florin in Koblenz, Gesandter des Kölner Erzbischofs, in seinen letzten Jahren Universitätsprofessor, kurfürstlicher Rat und mit hohen geistlichen Ämtern in Köln bedacht, stiftete kurz vor seinem Tod seiner Heimatstadt Linz eine zweigeschossige Ratskapelle, die mitten auf dem Linzer Marktplatz errichtet wurde (1818 abgerissen). Zur wertvollen Ausstattung gehörte auch der berühmte, aus der Kölner Malerschule stammende Marienaltar, der normalerweise in der Linzer Marienkirche noch in liturgischem Gebrauch ist, zur Zeit aber im Kölner Schnütgen-Museum ganz aus der Nähe zu bewundern ist.
    Der Altar zeigt auf seinem rechten Flügel eine Marienkrönung. Christus, links der Gottesmutter thronend, hält in seiner Hand eine im Durchmesser gerade mal 5 cm runde „Weltscheibe“, die eine Ansicht der Stadt Linz in vielen Details zeigt: Eingebettet in die Rheinlandschaft schmiegt sich das Städtchen an den Fuß des Kaiserberges. Umzogen von der Stadtmauer ragen die markanten Gebäude von Linz heraus, zum Beispiel das Rheintor, die kurfürstliche Burg, das heute nicht mehr existierende Grabentor, Karmen-Erker, Neutor, und am Fuß des Kaiserberges, der ehemalige Pixturm und die Martinskirche.
    Tilman Joel, der das Bildprogramm des Altars an einen Kölner Meister in Auftrag gegeben hat, hat in dieser Stadtansicht Linz ein besonderes Denkmal gesetzt: Die Stadt Linz in der Hand Gottes, als Spiegle der Welt in himmlischer Sphäre, hoch über den Gläubigen und den Ratsherren, die sich in der ehemaligen Kapelle zum Gottesdienst versammelten – ein Ausdruck städtischen Selbstbewusstseins, wie man es bisher zu jener nur für große Metropolen, wie zum Beispiel Köln beobachten konnte.

  2. Stan Lafleur
    28. November 2011 um 17:02

    Vielen Dank, Denise, für den ausführlichen Hinweis! Und schöne Grüße, Stan

    Interessierten Lesern sei gesagt, daß die Kommentatorin einige kunstgeschichtliche Bände und Artikel über Linz und seine Kleinodien verfaßt hat, die z.B. per Klick auf die Namensangabe im obigen Kommentar auffindbar sind. Außerdem betreibt sie in Linz den im vorangegangenen Eintrag recht lax/nebenbei abgehandelten Spielwarenladen, der nun zum Atelier/Schauraum ihrer Kunstproduktion umgewandelt ist: inmitten all des Mainstreamkitschs einer der überraschenden Momente für den auswärtigen Linzflaneur und des Verweilens/Eintretens überaus wert.

  3. denise steger
    30. November 2011 um 21:31

    In Linz gibt es fast genau so viele Künstler wie Weihnachtsbäume. Um den Überblick nicht zu verlieren, hat die Stadt Linz vor einigen Jahren eine Broschüre “Kulturstadt Linz am Rhein” herausgegeben – die ein oder andere Telefonnummer mag vielleicht nicht mehr aktuell sein, aber ansonsten ist die Broschüre ein guter Leitfaden. Man kann sie als PDF-Datei herunterladen unter: http://www.linz.de
    unter der Rubrik: Stadt Linz – Künstler

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