Schergenteufel

Nachdem ich in meiner Jugend von meinen Eltern im Christentum einfältig unterwiesen und im elften Jahre auf die nächstgelegene hohe Schule an der Ill, zwei Stunden Wegs von Wilstädt, geschickt war, um Kunst und Tugend allda zu lernen, und etliche Jahre hintereinander dort ausgehalten hatte: da fand ich schließlich, als ich die Schule verließ, daß mir alles, was ich daselbst in den Büchern von der Welt und ihrem Wesen gelesen und aus dem Thun und Leben, dem Handel und Wandel der Menschen abgesehen und gemerkt hatte, dergestalt vorkam, daß ich mich schlechterdings danach nicht richten könnte.

Ich las die Weltgeschichte: aber ich hörte es doch anders, als da geschrieben stand. Ich hörte die Leute in ihrem Wesen reden: aber ich sah es anders, als sie redeten. Ich sah die Leute an: aber ich sah sie anders, als sie schienen und aussahen. Jedem Ding gab man zwar seinen Namen und seine Gestalt: aber es war bloßer Name und Gestalt, denn das Innere war anders; von außen war alles herrlich, aber sobald man danach griff, war es ein Schatten und verlor sich unter den Händen. Es gleißte über die Maßen, aber es war darum kein Gold, sondern gefährliches Operment und Antimon. Ich wußte nimmer, wie ich das verstehen oder mich in die gefärbten und versteckten Dinge schicken sollte; mit einem Worte: es däuchte mir aller Menschen Wesen nur eine angenommene Weise, eine eitle Heuchelei zu sein, und das fast ohne Unterschied bei allen Ständen.

Ich hatte gelesen, daß die Staatsmänner heutiges Tages solche Leute wären, welche durch große Erfahrung, durch Studium, durch Reisen, durch an den Höfen erworbene, sanftmüthige Beredtsamkeit und anmuthige Leutseligkeit alle Städte und Stände in erwünschtem Wohlstande regieren könnten.

Ich fand aber in Wahrheit, daß sie meist heimtückische, falsche, eigensinnige, eigennützige, theils auch unchristliche Leute und Tyrannen waren, die durch erlernte, welsche Künsteleien alles Wasser allein auf ihre Mühle zu leiten wußten, die allen gelehrten, redlichen Leuten spinnefeind, allen gerechten, gottliebenden Menschen gehässig und hinderlich waren; die ihre vertrautesten Freunde und Brüder mit den allerzierlichsten Worten und höflichsten Erbietungen, auch mit besonderen Liebeserweisungen über ein Bein zu Boden warfen; die durch gleißnerische Sanftmuth die Einfältigen zu hintergehen, die Aufrichtigen durch scharfsinnige Arglist umzuwerfen und zu verderben, die Städte und Stände, Herrschaften und Unterthanen mit erdichteten Auflagen in Mißtrauen zu setzen, gegen einander zu hetzen, zu trennen und zu plagen, mit großen Versprechungen zu gewinnen, durch kostspielige Aufzüge in Zerrüttung und gänzlichen Untergang zu stürzen gelehrt waren.

Ich hatte gelesen, daß die Philosophen die weisesten Leute sein sollten: befand aber in Wahrheit, daß sie oft die größten Narren waren. Ich hatte gelesen, daß die Aerzte die Kranken heilen und gesund machen sollten: befand aber in Wahrheit, daß sie, ebenso gut wie andere, an denselben Krankheiten selber sterben mußten.

Ich hatte gelesen, daß die Juristen die Gerechtigkeit lehren und befördern sollten: befand aber in Wahrheit, daß niemand dem Recht mehr hinderlich und schädlich war als eben die Juristen. Ich hatte gelesen, daß die Theologen heilige, unsträfliche Leute sein und das heilige Wort Gottes getreulich lehren sollten: befand aber in Wahrheit, daß grade viele derselben in unversöhnlichem Haß und Neid, in Ehrgeiz und Geldgier und andern Sünden und heimlichen Lastern lebten, ja daß sie das hochheilige Wort Gottes durch selbstausersonnene Beredtsamkeit und durch verdammliche philosophische Erklärungen schändeten und kraftlos machten.

Demnach schloß ich: es ist wahrlich unsere Welt ein lauteres Spiel und all unser Wesen eine Spiegelfechterei.

Und o wehe uns armen Menschen, die wir also weise, also gesund, also gerecht und selig werden sollen! Die wir unser Elend sogar nicht erkennen, noch uns daraus helfen können! Wehe unserm liebwerthen Vaterlande, das durch die Reisen in fremde Länder mit fremden Lastern so angefüllt wird, daß zu besorgen ist, Gott könne diesem Greuel länger nicht zusehen, sondern werde uns wie Israel zu nichte machen. Was das Schicksal will, kann durch keine Rathschläge, keine Künste, keine Mittel der Klugheit gemieden oder gebessert werden.

Zu Gott kommt man durch Frömmigkeit allein,
Gott will in Frömmigkeit nur angebetet sein.

(aus: Johann Michael Moscherosch – Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte, Erster Teil, Erstes Gesicht)


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