Die Sage von der Lurley

Hoch ob des Lurleys steilen Höhen
Jagt Pfalzgraf Albrechts kühner Sohn;
Der schönste Hirsch, den er gesehen,
Ist, nah schon seinem Speer, entfloh’n.

Er folgt ihm weiter, immer weiter
Bis an des Abgrunds starren Rand,
Und endlich wirft der wilde Reiter
Das Eisen glücklich und gewandt.

Getroffen sinkt von seinen Händen
Zur Erde hin das edle Wild.
Sieh – da entsteigt den Felsenwänden
Ein schilfbekränztes Frauenbild.

Hat er im Traume denn gesehen
Dies Antlitz, dieser Augen Blau?
Nein, ihre Locken sah er wehen
Vom Lurley oft durch’s Nebelgrau.

Oft hört er auch ein Lied erklingen,
Das süß um Lieb’ ihn angefleht,
Bald schien es aus der Fluth zu dringen,
Ward bald vom Fels ihm zugeweht.

Und oftmals dann im Mondenscheine,
Wenn leise der Gesang verhallt,
Taucht aus dem mild beglänzten Rheine
Empor die winkende Gestalt.

Wer wollt auf Männerschwur nicht bauen?
Stets flieht er treu zu seiner Braut,
Weil ihm vor Fee’n und Nebelfrauen
Und bleichen Wassernixen graut.

Doch endlich ist es ihr gelungen,
Er ward verlockt in ihren Bann,
Wo nun, vom Zauber rasch umschlungen,
Er nimmermehr entfliehen kann.

“Halt!” ruft sie jetzt mit sanftem Beben,
“Du jagtest auf verpöntem Land,
Und mir verfallen ist dein Leben,
Giebst du mir nicht ein hohes Pfand,

Tief unten in kristallner Helle
Steht mein uraltes Felsenhaus,
Leis’ rauscht darüber hin die Welle,
Und Fischlein ziehen ein und aus.

Viel schöne Frau’n und Recken wohnen
Bei mir in Frieden, still und gut,
Sie tragen schilfgeflochtne Kronen,
Und suchten Ruh’ einst in der Fluth.

Sie singen wunderbare Lieder
Und Sagen aus vergangner Zeit,
Die rauschen auf und rauschen nieder,
Mit Well’ und Wind in Ewigkeit.

Und willst du mein Gemahl nicht werden,
Und willst du nicht ihr König seyn?
Wir steigen fröhlich auf zur Erden,
Wir sinken seelig in den Rhein.

So gieb mir denn dein Herz zum Pfande,
Verfallen ist mir schon dein Leib,
Und nieder führ’ ich dich zum Strande
Als dein beglücktes, treues Weib.”

“Entfleuch du bleiches Bild von hinnen!”
Ruft Hugo jetzt voll Grau’n und Schmerz.
“Ich will kein Zauberweib gewinnen,
Und and’rer Liebe schlägt mein Herz.

Doch ob verfallen ist mein Leben,
Weil ich gejagt in deinem Bann,
D’rauf soll mein Schwert dir Antwort geben,
Wenn sie dein Kämpfer fordern kann.”

So spricht der Held mit strenger Stimme.
Doch weh’ ihm, dass er sie verschmäht,
Rasch fährt empor im wilden Grimme,
Die noch vor kurzem sanft gefleht.

Aus ihren Augen sprühet Feuer,
Aus ihren Locken brauset Sturm,
Zur Wetterwolke wird ihr Schleier
Und riesig wächst er wie ein Thurm.

“Schick Vater mir die weissen Rosse,”
So ruft sie laut hinab zum Strand,
Da brausen auf aus ihrem Schlosse
Zwei Wellen bis zum Felsenrand.

Sie schwingt ihn auf, sie fährt hernieder,
Vom hohen Lurley in die Fluth. -
Doch bald entsteigen sanfte Lieder
Der Tiefe, wo der Ritter ruht:

Er schläft auf weichem Lager,
Der kühne Heldensohn.
Ich hab ihn sanft gebettet,
Weh mir – er liebt ja schon.

Gern setzt ich eine Krone
Ihm auf das Lockenhaar,
Von tausend Diamanten,
Schön, wie noch keine war.

Gern gäb’ ich einen Scepter
Ihm in die starke Hand,
Vom Meere sollt’ er herrschen
Bis hoch in’s Schweizerland.

Wir lebten still in Frieden,
So lang der Rhein noch fliesst,
So lang den Lurleyfelsen,
Noch Mondenschein begrüsst.

Singt, Nixen, singt ihm leise
In’s Ohr mit Schmeichellaut.
Doch ach! er träumt vom Vater,
Er träumt von seiner Braut.

Am Ufer steht sie traurig
Und weint hinab zur Fluth,
Und auch sein greiser Vater
Klagt mit gebrochnem Muth.

Er zuckt im Schlaf zusammen,
Er fährt empor im Schmerz. – -
Schwer sind die Thränenperlen
Gefallen auf sein Herz.

Und tiefer, immer tiefer,
Neigt sich herab die Maid.
Weh mir! sie will ihm folgen,
In ihrem tiefen Leid.

Dann müsst ich ewig sehen,
Wie sie so glücklich sind.
Steigt auf, ihr weissen Rosse,
Tragt ihn an’s Land geschwind.

O Lurley, arme Lurley!
Dein Vater ist der Rhein,
Du fliehst mit deiner Liebe,
Mit deinem Schmerz allein.

Mancherlei Mähren und Sagen erzählt sich das phantasiereiche rheinische Volk aus der schauerlich erhabenen Bergschlucht, deren Hintergrund der Lurley bildet. Heilige, Gespenster und selbst der Teufel treten darin auf. Am lieblichsten aber ist die Sage von der Lurley, einer Undine, die hier in den Tiefen des Rheines wohnen soll. Der Felsenkoloß, welcher denselben Namen trägt, thürmt sich in seltsamen Formen und Zerklüftungen himmelan, und der Schall von Schüssen oder Waldhornklängen, in der Mitte des Rheines, oder gegenüber am rechten Ufer gegeben, tönt in vielfachem Echo zurück. Der Rhein, in ein enges Bett gedrängt, scheint sich mühsam einen Ausweg in freundlichere Gegenden zu suchen. – Rechts und links sind Salmenfänge, die vortreffliche Ausbeute liefern.
Schon im 13. Jahrhundert war der Lurleyberg von dem deutschen Minnesänger Murner, einem Zeitgenossen Frauenlobs, genannt.

(aus: Adelheid von Stolterfoth – Rheinischer Sagenkreis)


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Ein Kommentar zu “Die Sage von der Lurley”

  1. czz
    19. November 2011 um 08:47

    Inzwischen ist auch sie , die Loreley , in der Moderne angekommen , wie Erich Kästners Verse gehn :

    “Wir wandeln uns. Die Schiffer inbegriffen.
    Der Rhein ist reguliert und eingedämmt.
    Die Zeit vergeht. Man stirbt nicht mehr beim Schiffen,
    bloss weil ein blondes Weib sich dauernd kämmt.”

    ( E. K. : Der Handstand auf der Loreley )

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