Hick (3)

Ohne Unfall kamen sie in die Nähe des Flusses; hier aber kehrten sie in einem Wirthshause, das nicht gar weit von der Landstraße stand, ein, um sich vorher zu dem Reste ihrer Expedition zu stärken; die Tonne ließen sie unbewacht auf der Straße stehen.

Der arme Hick! Wohl kannte er das Schicksal, mit dem er bedroht war, und wohl wußte er, daß die empörten Lieberhäuser ihm keine Gnade schenken würden. Aber dennoch verließ ihn sein Muth nicht. So oft hatte er in Noth und Angst durch fröhliches Singen sein Herz erleichtert, auch jetzt in seiner Todesangst stimmte er einen lustigen Gesang an, und sang mit lauter Stimme ein Lied, das in seiner Heimath sehr bekannt war, und mit den Worten ansing:

Ich sall to Cöllen Bischop syn,
Und hävve keene Lust!

Das hörte ein Hirt, der mit seiner Heerde Schafe des Weges gezogen kam. Neugierig nahete sich dieser der Tonne, und lauschte auf die merkwürdigen Worte, die ihm daraus entgegentönten, und hörte noch einmal: Ich sall to Cöllen Bischop syn, und hävve keene Lust!

Guter Freund in der Tonne! rief er voll Erstaunen, ist das wahr, was Ihr da singet?

Sicher! antwortete Hick, dem schnell ein Licht der Hoffnung aufging.

Das dünkte den Hirten unbegreiflich. Bischof von Cöln! Er kannte nichts Höheres und nichts Glänzenderes. Guter Freund in der Tonne! rief er noch einmal; und Ihr habt keine Lust? – Es ist nicht möglich!

Habt Ihr vielleicht Lust? fragte der listige Hick. Man kennt mich in Cöln nicht; wir können tauschen.

Da warf der Hirt einen fröhlichen Blick auf die vielen Häuser und Thürme der Stadt Cöln, die drüben vom Rhein her ihn so einladend anschaueten, und die nun sein werden sollten, und ohne sich länger zu bedenken, bot er dem Hick seine ganze Heerde zum Tausche gegen die Bischofsmütze an.

Wer war froher als Hick! Augenblicklich sagte er ja, forderte den Hirten auf, den Boden der Tonne loszuschlagen, sprang, als dieser das gethan, heraus, und ließ jenen wieder hinein. Dann schlug er schnell den Boden wieder zu, und trieb nun leicht und fröhlich mit seiner Heerde Schaafe gen Lieberhausen zurück.

Bald nachher kamen die Lieberhäuser aus dem Wirthshause, voll des genossenen Biers und Brandteweins, und lärmend und jubelnd; mit wildem Geschrei naheten sie sich der Tonne, und wälzten sie, das Gejammer des armen Hirten übertönend, in den Rhein. Dann kehrten sie, froh über die glücklich vollzogene Rache, in ihr Dorf zurück.

Aber wie erstaunten sie, als sie hier den Hick wohlbehalten mit seiner Heerde Schafe fanden! Die Hände schlugen die guten Leute über den Köpfen zusammen. Wir haben ihn doch jammern hören! sprachen sie untereinander, und wir haben doch vor unseren Augen die Tonne untersinken sehen! Sie konnten den Hick nicht genug fragen, wie er beim Leben geblieben, und wo und wie er an die Schafe gekommen sez?

Da stellte sich Hick treuherzig und berichtete ihnen: die Schafe habe er im Rheine gefunden; dort seyen Schafe genug, für ganz Lieberhausen: man müsse es nur recht anzufangen wissen, um sie zu bekommen.

Als das die Lieberhäuser hörten, vergaßen sie plötzlich allen ihren Groll, und baten Hick, er möge doch auch ihnen zu dem Besitze so herrlicher Heerden verhelfen. Dazu war Hick gern bereit, denn er wollte Rache nehmen dafür, daß sie ihn hatten umbringen wollen. Er forderte sie daher auf, mit ihm an den Rhein zu ziehen, wo er ihnen dann Schafe genug verschaffen wolle.

Ganz Lieberhausen wallfahrtete jetzt zum dritten Male zum Rheine, Hick mit seinen Schafen an der Spitze; Niemand, keine Seele, blieb in dem Dorfe zurück, jung und alt, Weiber und Kinder machten sich auf die Beine, denn jeder wollte Theil haben an der Herrlichkeit, die Hick ihnen versprach.

Hick that unterwegs sehr geheimnißvoll, und schwieg auf alle Fragen, welche die neugierigen und begierigen Lieberhäuser an ihn richteten. Paßt nur auf, wenn es Zeit ist! sagte er ihnen. Als sie an dem Flusse angekommen waren, trieb er seine Heerde ganz dicht an das hohe Ufer, daß die Thiere unten im Wasser sich abspiegelten. Dann befahl er den Lieberhäusern, ebenfalls nahe heran zu treten; sie thaten dieß, und sahen eine unendliche Menge Schafe auf dem Grunde des Rheines. Da war große, laute Freude unter ihnen, und sie drangen in Hick, ihnen geschwind zu sagen, wie sie es machen müßten, um die Thiere zu bekommen.

Jetzt paßt auf! rief Hick. Einer von Euch springt in den Rhein und taucht unter, um genau nachzusehen, wo die Schafe sind; und wenn er sie gefunden hat, so steckt er zum Zeichen beide Arme in die Höhe. Wenn Ihr das sehet, so springt Ihr Alle nach, und Ihr dürft dann nur zugreifen, um so viele Schafe zu bekommen, als Ihr haben wollt.

Das leuchtete den Leuten ein, und es war nur noch die Schwierigkeit, wer zuerst den Sprung wagen solle. Doch auch hiezu verstand sich bald Einer, von der Hoffnung, eine desto größere Beute zu machen, angetrieben. Rasch sprang er in die Fluthen; weil er nicht schwimmen konnte, ging er zu Grunde, kam aber bald wieder empor und hob nun vor Angst beide Hände hoch in die Höhe. Das sahen die Lieberhäuser und hielten es für das verabredete Zeichen, und jubelten laut. Und jubelnd und schreiend und tobend und drängend und stoßend und reißend, weil Niemand der Letzte seyn wollte, stürzte plump! plump! der ganze Haufe in den Rhein und ertrank. Hick aber kehrte mit seiner Heerde nach Hause zurück. -

In Lieberhausen wohnt seitdem ein ganz anderer Menschenstamm; dennoch hört man dort von dieser Geschichte nicht gern etwas. Der Name Hick ist bis auf den heutigen Tag ein Schimpfname für das ganze Kirchspiel Lieberhausen, wehe dem, der ihn dort zufällig nennen sollte!

(aus: Westphälische Sagen und Geschichten von H. Stahl, Zwey Bändchen, Elberfeld, Büschler`sche Verlags-Buchhandlung 1831)


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