Monatsarchiv für November 2011

 
 

Linz (4)

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rudis

Turgenjew lernte in Linz beim Freiluftwalzer die Asja seiner gleichnamigen Novelle kennen. Freiluftwalzer verändern sich mit den Moden, Stagediving wird man in Linz dennoch nicht allzu häufig zu sehen bekommen. Eher schon rollstuhlgerechtes Walzen, wobei die einzige Rollstuhlrampe, die wir in Linz erblickten, von einem deutlichen Warnhinweis begleitet war: daß sie für Rollstuhlfahrer nicht geeignet sei. Ähnlich abschüssig wie besagte Rampe sind in Linz gleich mehrere Straßen. Die beeindruckend übermannshohen Hochwassermarkierungen am Rheintor sprachen auch nicht grad für Rollstuhltourismus. Wir nehmen die Rollstuhlwalzertouristenthese also gleich wieder zurück. Während des Aufenthalts in Linz fotografierten wir aus der Hüfte. Bei Auswertung der Aufnahmen mußten wir feststellen, daß wir, obzwar die Kamera stets auf die allgegenwärtigen Fachwerkhäuser gerichtet war, kein einziges davon mit dem Objektiv erwischten. Stattdessen hier einige der irrtümlich eingefangenen Bilder.

Linz (3)

gastlichkeit

Mit formal ganz ähnlicher Grundfläche/Rahmung ausgestattet wie das vorangestellte Lichtgedicht, wirkt dieses öffentlich zur Schau gestellte, zur Linzer Buntheit beitragende Fabrikat auf den ersten Blick, trotz christlichem Kopfschmuck, deutlich profaner. Mit vier Worten scheint alles gesagt. Der Adventszweig signalisiert rheinisch-familiäre Gastlich- und Heimeligkeit mehr als Besinnlichkeit. Dennoch lohnt es, über die Abgründe nachzudenken, die der schlichten Vokabel-Kombination, dem möglichen Befolgen ihres Rufs innewohnen: eine anregende Lyrik von bezwingender Direktheit.

Linz (2)

licht

Linz wirbt für sich als „die bunte Stadt am Rhein“. Mag sein, daß es am Rhein buntere gibt als das 5000 Einwohner-Örtchen (sie werben ja auch keinesfalls mit „die bunteste…“). Gewiß firmieren unter dem Buntheitsbegriff verschiedene Vorstellungen. Für seine Größe jedenfalls ist Linz, soweit sich das in der Dämmerung erkennen läßt, durchaus erstaunlich bunt – unter deutschem Novemberhimmel hat es jede Schönheit schwer. In Linz machts die Mischung von Hübschem mit Häßlichem, Denkmalgeschütztem mit Bausünden, Mainstream-Touristenkitsch mit plötzlichen Randklüften. Der Rheinsteig verläuft mitten durch den Ort und tatsächlich sahen wir einen Outdoorbejackten, Nordicwalkingsticksbewehrten und stellten uns vor, wie seinesgleichen im Sommer klackernd, im Gänsemarsch die Fachwerkfassaden passieren. Wir passieren hingegen die sieben Stationen der Schmerzen Mariens und geraten an ein geheimnisvolles Licht, das, anders als die Weihnachtsbeleuchtung, einen interferenten Sog entfaltet: seine Frequenzen bergen Zeichenfolgen, kryptisch, schlierig, energetisch, apokalyptisch, aber auch warm und stabil gerahmt – bald wird uns klar, daß ein Gedicht in dieser Lichtquelle mitschwingt, ein sehr sehr altes, in zeitgenössischer Fassung.

Linz

Auf dem Weg zu Klaus Krumscheids und A. J. Weigonis Atelierlabor im Linzer Rheintor. Die Kölner Verkehrsbetriebe geben ihrer Kundschaft per Lautsprecherdurchsage detaillierte Anweisungen zum Einsteigen, Mitfahren und Aussteigen in und aus ihren Bahnen. Der einsetzende Weihnachtsmarktrummel machts nötig. Am Hauptbahnhof kauert ein Engel an die Wand gelehnt auf dem Fußboden: in dieser Haltung wirkt er wie ein Kontrast zu sich selbst in seinem gleißenden Weiß, mit den blonden Löckchen, den silbrig strahlenden Schwingen. Die Regionalbahn braucht rund eine Stunde bis Linz. Sie quietscht und pfeift und hält dann und wann auf offener Strecke. Die ist gesäumt von Industrien, Siebengebirgen und einem schwer zurückgezogenen Rhein. Eine Dame im Zug spricht vom Schmelzen der Gletscher: „Das ist schon beängstigend. Was machen wir denn, wenn der Rhein verschwindet?“ Erstmal die zahlreichen Blindgänger sprengen, später dann Reibach mit der neu gewonnenen Baufläche, vermutlich. In Linz ist der erste Weg der zum Fluß, der viel von seinem holprigen Schotterbett zeigt. Ein paar containerartige Schnellimbißbuden fallen ins Auge – alle mit Deppenapostrof, alle außer Betrieb. Die Fähre nach Remagen hingegen ist eifrig unterwegs. Flußufer und Städtchen sind in Linz von einer häßlichen Hochtrasse getrennt, unter der sich Parkplätze befinden – und wieder mittels einer Fußgängerunterführung verbunden, von der wir gerne wüßten, wer sie sich ausgedacht hat. Sie führt direkt auf den Rheinturm, durch dessen Tor bereits der Linzer Weihnachtsmarkt grüßt. Ä Tännschen please, heißt eine unübersehbare Saisonaktion der Geschäftsinhaber, welche die stark verfachwerkte und reichlich mit Ritterrüstungen ausstaffierte Linzer Altstadt nun auch noch mit der höchsten Tannenbaumdichte pro Quadratmeter bedenkt, die jemals in Fußgängerzonen zu sehen war. Die Außenlautsprecher des Café Leber (ob dort wirklich Leber serviert wird, konnten wir nicht überprüfen) pusten derart grausige Weihnachtstöne in die Gegend, daß wir unweigerlich den Schritt beschleunigen. Hügelan, es dunkelt bereits, treffen wir auf eine weitere Weihnachtszone mit Büdchen und einer Bühne, auf der eine frierende a cappella-Truppe schlecht ausgesteuerte Medleys anstimmt: “rote Lippen soll man küssen, au-wauwauwau…ti amo…” Flucht auch von diesem Ort. Nur bringt eine Flucht durch die Linzer Straßen einen schnell an die wenigen möglichen Ausgangspunkte zurück. Vor Erreichen derselben queren wir die Straße Auf der Donau, deren Name aber nichts mit der Donau zu schaffen haben soll. Das dort ansässige Spielwarengeschäft führt Kunstobjekte statt Spielwaren. Im Fliehen gelingen noch ein paar Fotos. Ob japanische Touristen sich so fühlen? (Linz besuchen allerdings eher spanische oder Westerwälder Touristen.) Im Rheintor-Labor, einem kleinen Raum, dessen gelbe Innenkachelung noch auf seine einstige Nutzung als Freibank weist, und der (warum auch immer) sofort die Assoziation „Beschleunigungskammer“ in uns weckt, finden sich einige Besucher. Vernissagenherumstehen, Lesung und Verkosten des lokalen Rieslings, denn es gibt welchen – auf 50° 34′ 5” nördlicher Breite nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. Außerdem bekommen wir eine Führung von Bernhard Hofers Witwe Gabriele, die den Torturm (mit exzellenten Blicken auf den Fluß und den Weihnachtsmarkt) bewohnt und sich um den künstlerischen Nachlaß ihres Mannes kümmert, dessen Unkeler Kirchenfenster nun auf unserer Besichtigungsliste steht. Dann geht es noch in die kleinste Kneipe von Linz, einen sympathischen Laden, in dem zu zwei festen Terminen pro Jahr das Saustechen, ein skatverwandtes Kartenspiel, das man womöglich nur in Linz kennt, ausgetragen wird. Über dem Spieltisch hängen seit zwanzig Jahren Gäste und Mitspieler im Stile von Leonardos Abendmahl als Karikaturen arrangiert. Der Wirt besaß demnach seinerzeit einiges an äußerlichen Gemeinsamkeiten mit Saddam Hussein. Daß die Linzer, weil sie bei einem mißlungenen Überfall auf die Andernacher einst von deren Bienen vertrieben wurden, für den Bienenstich mitverantwortlich seien, wußten wir bereits. Nicht aber, daß die Linzer Strünzer das “eigentliche Kölsch” sprächen, eine Sichtweise, die jedoch außerhalb von Linz noch kaum Verbreitung fand.

Schergenteufel (3)

Während ich nun den verdammten Geist mit Verwunderung also reden hörte, fuhr indessen der Pater mit seinen Beschwörungen fort, und um den Teufel vermeintlich stumm zu machen, besprengte er den Menschen oftmals mit Weihwasser, worüber der Besessene heftig tobte, mit den Zähnen ein solches Klappern und mit den Augen eine so scheußliche Gestalt hervorbrachte, daß den Umstehenden recht angst und bange wurde und die Wände davon zitterten. “Meinet nicht,” sprach der Geist, “daß solche Kraft dem Weihwasser zuzuschreiben ist, daß ich so tobe und wüthe; das geschieht allein wegen der Natur des bloßen, puren Wassers; denn nichts fliehen die Schergen ihrer Gewohnheit nach mehr als das Wasser, so daß, wenn uns die Schergen in der Hölle nütze wären, wir sie mit Darreichung eines einzigen Glases Wein im Sprunge zu uns bringen würden. Und damit ihr ja sehet, wie die Schergen so gar nichts nach heiligen und geistlichen Dingen fragen, so wisset, daß man sie vor Jahren Gerichtsknechte genannt hat, welchen Namen sie nach ihrem Handwerk in Häscher verwandelt haben, weil sie die Leute haschen, schieren und scheeren, daß sie oft verzweifeln müssen.”

Als der Pater, sich bekreuzigend, das hörte, sagte er zu mir, daß ich mich durch des Bösewichts Spottreden nicht beirren lassen möchte, da er tausend Schelt- und Schmähworte wider die heilsame Gerichtsbarkeit und deren Diener ausstieß, weil sie die Gottlosen straft und sie dadurch auf den rechten Weg und zu ihrer Bekehrung leiten wollte, so daß viele Seelen aus des Feindes Banden, darin sie gefangen lägen, könnten erlöst werden.

“Untersteht euch nicht, euch mit mir in Disputationen einzulassen!” rief der Teufel; “ich habe mehr erfahren und gelernt als ein Pater. Machet nur, daß ich von diesem Schergen erlöst werde, ich bitte darum; denn so ein stattlicher Teufel, wie ich bin, sollte sich billig schämen, in eines Schergen Leibe länger zu wohnen.” “Das soll, sprach der Pater, so Gott will, bald geschehen, damit der arme Mensch von dir befreit werde. Warum, möchte ich wissen, plagst du den armen Leib so?” “Darum, sprach der Geist, weil seine Seele und ich miteinander in Streit gerathen sind, wer der ärgste Teufel von uns beiden sei, der Scherge oder ich.”

Das Geschwätz wurde dem Pater überdrüssig; ich aber bat ihn, mir zu erlauben, daß ich den Besessenen etwas fragen dürfte, vielleicht könnte es mir, dachte ich, nützlich sein, ob es schon des Teufels Meinung nicht war. Er erlaubte es mir. (…)

Hat es auch Poeten in der Hölle? fragte ich.

“Ja freilich,” antwortete der Teufel, “es wimmelt und wibbelt darin; darum hat man vor einigen Jahren ihr Quartier erweitern müssen. Allda ist zu sehen, wie, wenn ein neuer Schwärmer von ihnen ankommt, er seine Begrüßungsschreiben einhändigt in der Hoffnung, die erhabenen Gottheiten, die die Dichter begeistern, wie Charon, Cerberus, Minos, Pasiphan, Megära, Medusa, Proserpina, Pluto, Aeolus, Rhamnusia, Neptun, Bacchus, Juno, Venus, Kupido, Mercur, Jupiter, Apollo, Diana und andere zu finden und zu begrüßen.” Weil mich das ein wenig verdroß, fragte ich, was denn die Poeten in der Hölle zu gewärtigen hätten? Da antwortete der Geist: “Was darfst du viel fragen, wie es in der Hölle zugeht? Du wirst es schon erfahren, wenn du hineinkommst.” Darauf sagte ich, davor wird mich mein Herr und Heiland Jesus Christus, der den Teufel überwunden hat, wohl behüten. Darüber tobte der Geist und sprach: “Ich meinte, ihr Menschen hättet bei und an euch selbst Hölle genug, denn ihr lebt so auf der Welt, als ob kein Gott im Himmel wäre und ihr mit aller Macht in unsere Hölle wolltet. Ich will dir eure höllischen Handlungen, die ihr auf Erden verübt, sein nacheinander herzählen. Du hörst die Poeten so gern loben, weil du auch einmal einer hast sein sollen: ist es nicht so, daß ein Poet soviel Pein und Marter in seinem Herzen leidet, sovielerlei Einfälle er im Kopfe hat? Etliche werden in der Hölle zur Belohnung gepeinigt, wenn sie ihrer Mitmeister und Mitgesellen Werke und Gedichte, Grillen und Possen lesen hören: und so geschieht es auch bei den Musikanten. Etliche haben ihre Belohnung darin, daß sie nach vielen hundert und tausend Jahren nicht aushören können, ihre Verse zu revidiren und zu corrigiren. Einer giebt sich mit der Faust einen Stoß vor die Stirne; ein anderer kratzt sich hinter den Ohren; einer krabbelt sich in der Nase; ein anderer läuft neun Meilen Wegs in seinen Pantoffeln und weiß nicht, daß er aus seiner Studierstube gekommen ist; ein anderer hat keine Ader (das heißt, die Grillen wollen ihm nicht steigen), er habe denn getrunken. Ein anderer seufzt; ein anderer summt und brummt wie eine Hummel in der Trommel; ein anderer verkehrt die Augen wie eine Geiß, die geschlagen oder gestochen wird, und dennoch können sie noch heut zu Tage nicht finden und errathen, ob man sagen solle vultus oder facies, scripsit oder scribsit, sumptus oder sumtus, optimé oder óptime, sollicitus oder solicitus, und ob diese oder jene Silbe lang oder kurz ist. Einige, um ja nicht neben die Schnur zu hauen, gehen, rennen auf und ab, nagen sich die Nägel an den Fingern ab bis aufs Blut, wie Unsinnige, und bei diesem tiefen Nachsinnen fallen sie in verdeckte Gruben, daraus man sie nur mit großer Mühe bekommen kann. Die komischen Dichter aber sind die ärgsten und haben gerechte Strafe zu erwarten, weil sie so manche Königin, Prinzessin und Göttin ihrer Ehre beraubt, so viele ungleiche Heirathen gekuppelt und so viele rechtschaffene Cavaliere – bei diesem Worte forschte ich von dem Geist, ob es einen Edelmann, einen Soldaten, einen Junker oder Knecht benamsete? Worauf er antwortete: “Wir haben in der Hölle schon manchmal deswegen Rath gehalten, aber kein Teufel hat noch das Richtige finden können” – ihrem Vorgeben nach so schimpflich und treulos angeführt haben, wie es im Amadis, den Schäferspielen, der Diana des Monte Major, im Löwenritter, Tristram, Peter mit den silbernen Schlüsseln und andern gleichen Geschichten zu sehen ist. Und diese Poeten sind ärger als die andern, weil sie so viel List und Ränke, so viele Künste und Schelmenstückchen erdacht haben, weswegen man ihnen in der Hölle ihr Quartier bei den gewissenlosen Procuratoren und Prozeßmachern angewiesen hat, als Leuten, die in diesen Stücken vor andern wohl erfahren sind.

(aus: Johann Michael Moscherosch – Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte, Erster Teil, Erstes Gesicht)

rheinsein im Rheinturm

Am morgigen Samstag gastiert rheinsein in Linz, “der Bunten Stadt am Rhein”, mit einer Kombination aus Lesung und Vortrag. Im historischen Linzer Rheinturm ist seit Jahresbeginn ein Labor eingerichtet, das diverse Autoren und Künstler zusammenführt. rheinsein trifft dabei auf Thomas Suder, über den Matthias Hagedorn schreibt:

“In seinen seriellen Arbeiten verwendet Thomas Suder ein bekanntes Muster, den Körper speziell für männliche Blicke darzubieten – um diese desto nachhaltiger zu enttäuschen: das berühmte Ausklappbild einschlägiger Magazine in der Mitte jeden Heftes, das angeblich Teile der amerikanischen Jugend mit der Vorstellung heranwachsen ließ, Heftklammern gehörten zur erotischen Ausstattung einer nackten Schönen. Träfe dies zu, wäre es der schlagende Beweis für die These, wonach sich der menschliche Körper längst in seine Darstellungsformen verflüchtigt habe. Keine Fluchtpunkte sind in diesen Arbeiten auszumachen, mit dem sich dieses Wesen noch in der richtigen Welt, zwischen Einkaufszettel wohl und Coiffeurtermin, halten könnte. Wer freilich ein bißchen genauer hinschaut, findet – sozusagen als Daseins-Anker im aufgewühlten Linnen – ein Stück schwarzes Selbstauslöserkabel. Damit machte sich der Künstler selbst zum Objekt nicht so sehr der Begierde, sondern des Traumes, der Kunst. Mag diese letzte Maskerade noch so naheliegend sein, so liest sie sich doch ein bißchen wie eine Fußnote zum eigenen Werk: Auch als Künstler bin ich immer noch jemand anderes. Zur Spätmoderne gehört die Vielheit der Identitäten. Suders Bilder sind gleichsam doppelt vermittelt. Es sind Bilder über Bilder, über Bilder von erheblicher sozialer Reichweite allerdings und einem nicht zu unterschätzenden Einfluß auf die gängige Wahrnehmung jeglicher Realität.”

Zutritt ab 17 Uhr, Vortrag ca. um 18 Uhr, Eintritt (vermutlich) frei

Schergenteufel (2)

(…) Es giebt Leute, die man für die Frömmsten und Heiligsten hält: die dem Glauben sehr ergeben, die nicht straucheln auf der Bahn des Rechts, tief erfahren in der Heilkunst, voll wissenschaftlichen Ernstes, von gradem Lebenswandel, kurz, reich an mannichfachen Titeln. Aber wenn ich das Herz recht auskundschaftete, so kam ich allemal zu dem unwidersprechlichen Schluß: diese Leute sind wahrhaftig nicht so, wie sie sich stellen; es ist Schminke, Falschheit und Heuchelei dahinter. Es stellen sich viele, als wollten sie etwas sein und sind es doch nicht; viele stellen sich nicht also, sind es aber doch. Daher sagt der Spanier: der Spanier stellt sich weise und ist närrisch; der Franzmann stellt sich weise und ist närrisch; der Italiener stellt sich närrisch und ist weise; der Deutsche stellt sich närrisch und ist weise.

Viele wissen sich mit Worten vor den Leuten nicht gering genug zu machen und zu demüthigen, nur damit sie mehr vorgezogen, mit großen Namen geehrt, geziert und gelobt werden, während sie anderswo ihre Pfauenfedern gewaltig hervorthun, die sie doch in christlicher Demuth sinken oder gar ausreißen lassen sollten. Solche scheinbare Sanftmuth ist der ärgste Stolz und die ärgste Ehrsucht: es ist Heuchelei, Schmeichelei, Liebkosen, heimliche Bosheit, heimliche Arglist, heimlicher Geiz, heimlicher Neid, heimliche Mißgunst, heimliches Irgendwas. Bei dem gemeinen Manne findet es einigen Schein, von verständigen Leuten wird es gemerkt und endlich verlacht; der gemeine Mann läßt sich überreden, wenn man sich nur nach seiner Noth und seinem Anliegen zu stellen weiß, er denkt nicht daran, was für Geschmink und Falschheit dahinter steckt. Nimmermehr aber kann es da etwas Redliches sein, wo man so sehr hinter dem Berge hält, wenn man Brei im Munde hat und dem Kinde nicht will den rechten Namen geben.

Viele können schwerlich leiden, daß von ihrem Nächsten irgendetwas Löbliches geredet und gerühmt werde, es verdrießt sie das im Herzen, als ob ihnen dadurch etwas an ihren Ehren genommen würde; sie schmälern auch selbst, wo nicht durch öffentliches Afterreden, so doch durch heimliches Einhauen, heimliches Ohrenblasen, wie sie ihrem Nächsten möchten eins auswischen, ihm möchten eine Klette anhängen, ihn durch die Hechel ziehen, an seinem Glück und seiner Wohlfahrt hindern, insonderheit mit dem verkleinernden Aber. Sie stellen sich mitleidig, thun als wollten sie dich loben: jedoch mit einem schändlichen Aber stoßen sie alles, auch dich selbst, wieder zu Boden, bringen dich von Ehren, von Hab und Gut und mit Weib und Kind unbarmherzig in Elend und Verderben.

Das ist der Welt Sitte: wir spiegeln uns und kitzeln uns mit fremder Thorheit und bedürfen doch selbst alle wohl, daß uns einer die Hand reicht.

In solchem Welthandel dachte ich: nun helf dir Gott, Philander! Mußt du dich in diese Weltköpfe alle schicken, was wird es dann noch für Angst und Arbeit kosten! Welche Drangsal und Verfolgung wirst du noch von Schelmen, von Dieben, von Zauberern leiden müssen? Heuchelst du nicht mit, sondern wirst wie ein redlicher deutscher Michel frei durchgehen und aus gutem Herzen alles meinen, reden und thun wollen? Dann wird man deiner wenig achten. Heuchelst du aber und thust also, welche Gefahr dann deiner Seele! weil Gott keine falschen Leute, die aus Furcht oder Heuchelei ein Ding thun oder lassen, sondern nur redliche Leute will im Himmel haben. Ich beschloß also, obschon durch böse Zungen gar oft ein frommer Mann, der alles dulden kann, aus seinem Ort gedrängt ist, doch lieber zu leiden als zu lügen, lieber Esel zu sein als ein falscher Hund: Offenheit ist besser als List. Dabei dachte ich aber, es möchte vielleicht nur in meinem Vaterlande so beschaffen sein, anderswo aber redlichere Arbeit und bessere Belohnung geben. Um das recht eigentlich zu erforschen, nahm ich mir alsbald in unschuldiger Einfalt vor, über den blauen Berg in ein anderes Land und Reich zu ziehen und zu sehen, ob daselbst Treu und Glauben, Religion und Redlichkeit auch so vermummt wären, oder besser zu finden, ehrlicher gehalten und belohnt würden.

Zu diesem Ende zog ich im Frühling in Gottes Namen davon und nahm meinen Weg über Nancy in Lothringen auf Paris zu… Als ich Abends daselbst ankam und in der Herberge zum heiligen Nicolaus einkehrte, begab es sich, daß zwei Priester mit zu Tische saßen, Namens Louis von Ainuille und Karl Foussat von Alsdorf; dieselben sagten mir, daß man morgenden Tags einen Besessenen unfern von da in Notre Dame de Bon-Secours, vor St. Nicolaus Pforte, beschwören wollte; wenn ich nun Willens wäre, selbiges mit anzusehen, so wollten sie mir dabei behilflich sein. Ich nahm ihr Anerbieten mit Dank an; dann schlief ich nach geschehenem Nachtwunsch in Gottes Namen ein. Früh Morgens fand ich mich mit meinem Wirth an dem bestimmten Orte ein; da trieb mich denn mein Vorwitz, wie auch die andern, so daß ich gar sehr ins Gedränge gerieth, dem einen hier, dem andern da einen Stoß versetzte, weil jeder der Vorderste sein wollte.

Als mir aber die Zeit zu lang wurde, und ich eben wieder zur Stadt zurückkehren wollte, da begegneten mir zu gutem Glück die obengedachten Priester und redeten mir zu, wieder mit umzukehren und mich weder Zeit noch Mühe deswegen verdrießen zu lassen, und führten mich durch eine kleine Thür hinein zum Altar. Alsbald sah ich einen Menschen von scheußlichem, schrecklichem Angesicht, mit zerrissenen Kleidern, dem standen die Haare auf dein Haupte wie Igelstacheln, seine Stirn war gefalten wie ein Rock, die Augenbrauen gekrümmt wie ein Bogen, die Augen glänzend wie eine Fackel, mit schäumendem Maule wie ein Roß; der fing an jämmerlich zu schreien und greulich zu zittern: er zischte wie eine Schlange, knirschte mit den Zähnen wie ein Eber, blähte den Mund auf wie ein Blasebalg, sperrte die Kehle auf wie ein Schlauch, zerkratzte mit den Händen sein Angesicht und zerschlug sich die Brust und zuletzt, als ob er gestorben wäre, sank er zu Boden und gaffte mit wüsten Gebärden gen Himmel. – O Gott! sprach ich und schlug ein Kreuz, was ist das! und ein Geistlicher, der bei ihm stand und ihn beschwören wollte, sagte zu mir: “Da seht Ihr den elenden Menschen, der vom bösen Geiste besessen ist.” Alsbald hob der böse Geist an in ihm zu reden und rief: “Du Pfaff’ hast’s erlogen, denn nicht ein Mensch ist von einem bösen Geiste besessen, sondern ein böser Geist ist von einem Menschen geplagt. So wisset nun, daß wir Geister, wider unsern Willen gezwungen, bisweilen in den Menschen, insonderheit in den Schergen wohnen. Darum, wenn ihr mir meinen rechten Namen geben wollt, so sagt nicht, dieser ist ein besessener Mensch, sondern es ist ein verteufelter Scherge, ein verschergter Teufel, ein Teufelsscherge, ein beschergter Teufel; denn die Menschen können sich insgemein viel besser vor dem Teufel durch das heilige Kreuz segnen und hüten, als vor einem Schergen, daher sie auch Allerwelthaß genannt werden. Auch wenn man unser Wesen und der Schergen Thun gegen einander stellt, so ist es gleichförmig in allen Stücken; denn gleich wie sich die Teufel abarbeiten und geschäftig umherlaufen, damit die Menschen gestraft und verdammt werden möchten, so thun es auch die Schergen und warten mit Verlangen, wo der Richter ihnen einen Angriff zu machen befiehlt. Die Teufel wünschen, daß die Welt nur voll böser Buben wäre; dasselbe wünschen auch die Schergen, damit sie immer zu jagen, zu klagen und zu nagen haben, und sie thun es viel eifriger noch, weil sie ihres Lebens Nahrung in dieser Gestalt suchen und erhalten. Darin sind denn die Schergen noch ärger als die Teufel, denn sie thun demjenigen Böses an, der doch ein Mensch ihres Wesens und Geschlechts ist und ihnen oftmals Gutes erwiesen hat; das thun die Teufel, obschon sie aller Gnaden beraubte Engel sind, aber nicht. Darum höre auf, Pater, denn es ist alles vergebens mit deinen Gaukeleien und Beschwörungen; wenn der Teufel einen Menschen einmal in seine Schlinge bekommen hat, so ist er, wenn ihn Gott nicht erlösen wird, nicht wieder zu retten.

So war es besonders mit diesem Schergen, dieweil ja die Schergen und Teufel eines Handwerks sind, nur darin unterschieden, daß jene verkleidete und vermummte Teufel sind, diese aber unbeleibte, unsichtbare Teufel und ein verdammtes Leben in der Hölle führen, grade wie die Schergen auf Erden.”

(aus: Johann Michael Moscherosch – Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte, Erster Teil, Erstes Gesicht)

Bombenfunde

Der Rhein führt dieser Tage sein Jahrhundert-November-Niedrigwasser, was, so berichtet die Presse, gehäufte Sichtungen von Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg bewirke. Nachdem vergangenen Montag in Köln-Rodenkirchen eine 15-Kilo-Brandbombe gefunden wurde, rief der Kampfmittelräumdienst Passanten dazu auf, verstärkt auf Sprengkörper am Rheinufer zu achten. Auch in Koblenz seien zwei Säurebehälter und eine alte Fliegerbombe aus dem Rhein aufgetaucht. Zwar bewirkt seitdem auch die mediale Berichterstattung eine Sichtungshäufung von obskuren Gegenständen, die sich nicht immer als Bomben entpuppen; der Stadtanzeiger führte heute jedoch ein bemerkenswertes Interview mit Heiko Dietrich, dem Fährmann der Fähre zwischen Weiß und Zündorf. Der hat in seiner 25jährigen Charonskarriere nämlich schon über 20 Brandbomben gefunden. Eine Stunde nach dem Interview rief er den Journalisten an, er hätte da wieder was entdeckt, etwas selteneres: zwei Handgranaten. Der Fährmann kennt außerdem Geschichten von mitunter noch wirkungsvolleren Gefahrenquellen auf dem Flußgrund: vor Jahren habe ein Glasflaschensplitter einem Jungen den Fuß durchbohrt. Der Junge sei bis heute gehbehindert.

Seltsame rheinische Vokabel

Bratschililitsch

Schergenteufel

Nachdem ich in meiner Jugend von meinen Eltern im Christentum einfältig unterwiesen und im elften Jahre auf die nächstgelegene hohe Schule an der Ill, zwei Stunden Wegs von Wilstädt, geschickt war, um Kunst und Tugend allda zu lernen, und etliche Jahre hintereinander dort ausgehalten hatte: da fand ich schließlich, als ich die Schule verließ, daß mir alles, was ich daselbst in den Büchern von der Welt und ihrem Wesen gelesen und aus dem Thun und Leben, dem Handel und Wandel der Menschen abgesehen und gemerkt hatte, dergestalt vorkam, daß ich mich schlechterdings danach nicht richten könnte.

Ich las die Weltgeschichte: aber ich hörte es doch anders, als da geschrieben stand. Ich hörte die Leute in ihrem Wesen reden: aber ich sah es anders, als sie redeten. Ich sah die Leute an: aber ich sah sie anders, als sie schienen und aussahen. Jedem Ding gab man zwar seinen Namen und seine Gestalt: aber es war bloßer Name und Gestalt, denn das Innere war anders; von außen war alles herrlich, aber sobald man danach griff, war es ein Schatten und verlor sich unter den Händen. Es gleißte über die Maßen, aber es war darum kein Gold, sondern gefährliches Operment und Antimon. Ich wußte nimmer, wie ich das verstehen oder mich in die gefärbten und versteckten Dinge schicken sollte; mit einem Worte: es däuchte mir aller Menschen Wesen nur eine angenommene Weise, eine eitle Heuchelei zu sein, und das fast ohne Unterschied bei allen Ständen.

Ich hatte gelesen, daß die Staatsmänner heutiges Tages solche Leute wären, welche durch große Erfahrung, durch Studium, durch Reisen, durch an den Höfen erworbene, sanftmüthige Beredtsamkeit und anmuthige Leutseligkeit alle Städte und Stände in erwünschtem Wohlstande regieren könnten.

Ich fand aber in Wahrheit, daß sie meist heimtückische, falsche, eigensinnige, eigennützige, theils auch unchristliche Leute und Tyrannen waren, die durch erlernte, welsche Künsteleien alles Wasser allein auf ihre Mühle zu leiten wußten, die allen gelehrten, redlichen Leuten spinnefeind, allen gerechten, gottliebenden Menschen gehässig und hinderlich waren; die ihre vertrautesten Freunde und Brüder mit den allerzierlichsten Worten und höflichsten Erbietungen, auch mit besonderen Liebeserweisungen über ein Bein zu Boden warfen; die durch gleißnerische Sanftmuth die Einfältigen zu hintergehen, die Aufrichtigen durch scharfsinnige Arglist umzuwerfen und zu verderben, die Städte und Stände, Herrschaften und Unterthanen mit erdichteten Auflagen in Mißtrauen zu setzen, gegen einander zu hetzen, zu trennen und zu plagen, mit großen Versprechungen zu gewinnen, durch kostspielige Aufzüge in Zerrüttung und gänzlichen Untergang zu stürzen gelehrt waren.

Ich hatte gelesen, daß die Philosophen die weisesten Leute sein sollten: befand aber in Wahrheit, daß sie oft die größten Narren waren. Ich hatte gelesen, daß die Aerzte die Kranken heilen und gesund machen sollten: befand aber in Wahrheit, daß sie, ebenso gut wie andere, an denselben Krankheiten selber sterben mußten.

Ich hatte gelesen, daß die Juristen die Gerechtigkeit lehren und befördern sollten: befand aber in Wahrheit, daß niemand dem Recht mehr hinderlich und schädlich war als eben die Juristen. Ich hatte gelesen, daß die Theologen heilige, unsträfliche Leute sein und das heilige Wort Gottes getreulich lehren sollten: befand aber in Wahrheit, daß grade viele derselben in unversöhnlichem Haß und Neid, in Ehrgeiz und Geldgier und andern Sünden und heimlichen Lastern lebten, ja daß sie das hochheilige Wort Gottes durch selbstausersonnene Beredtsamkeit und durch verdammliche philosophische Erklärungen schändeten und kraftlos machten.

Demnach schloß ich: es ist wahrlich unsere Welt ein lauteres Spiel und all unser Wesen eine Spiegelfechterei.

Und o wehe uns armen Menschen, die wir also weise, also gesund, also gerecht und selig werden sollen! Die wir unser Elend sogar nicht erkennen, noch uns daraus helfen können! Wehe unserm liebwerthen Vaterlande, das durch die Reisen in fremde Länder mit fremden Lastern so angefüllt wird, daß zu besorgen ist, Gott könne diesem Greuel länger nicht zusehen, sondern werde uns wie Israel zu nichte machen. Was das Schicksal will, kann durch keine Rathschläge, keine Künste, keine Mittel der Klugheit gemieden oder gebessert werden.

Zu Gott kommt man durch Frömmigkeit allein,
Gott will in Frömmigkeit nur angebetet sein.

(aus: Johann Michael Moscherosch – Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte, Erster Teil, Erstes Gesicht)

buscando la catedral negra

sabés que llegarás
en colonia nadie se pierde
de donde sea que estés se ve la catedral

no sabés cómo pero sabés que llegarás
te vas dando de lado contra las paredes
y buscás allá en el horizonte de las esquinas
las torres negras sobre el cielo negro
y pensás
que deberías haberte quedado con el hombre
que conocía el camino
que podrías haberlo besado o algo
para que se fuera contigo

y pensás
que en colonia nadie se pierde
porque ya están todos perdidos
vos estás perdida y sola
y el hombre que conocía el camino también
está solo y perdido

nosotros que creemos
saber más que los otros de la vida
nosotros que creemos
que solo es otra ciudad europea más
bajo el aura de una nube negra
y que de todos modos llegaremos

nosotros que sabemos cantar y hacer poemas
hundimos nuestros cerebros en alcohol
y caminamos a los tumbos por colonia
buscando en la oscuridad la catedral negra
que dejaron allí
para mostrar el camino

(Das schwarzbewölkte Kölngedicht stammt aus der Feder von Lalo Barrubia, einer großartigen Sängerin und Gedichtvorträgerin aus Uruguay. Der Text verhandelt Köln im November 2007, einem vergangenen Latinaledatum und ist in Lalos neuem 70seitigen Band borracha en las ciudades bei PoesíaconC, Malmö 2011 erschienen. Alle Texte im spanischen Original und in englischer Übertragung. Bei Interesse geben wir die klandestine Bestelladresse gerne weiter. Danke, Lalo!)

Die Sage von der Lurley

Hoch ob des Lurleys steilen Höhen
Jagt Pfalzgraf Albrechts kühner Sohn;
Der schönste Hirsch, den er gesehen,
Ist, nah schon seinem Speer, entfloh’n.

Er folgt ihm weiter, immer weiter
Bis an des Abgrunds starren Rand,
Und endlich wirft der wilde Reiter
Das Eisen glücklich und gewandt.

Getroffen sinkt von seinen Händen
Zur Erde hin das edle Wild.
Sieh – da entsteigt den Felsenwänden
Ein schilfbekränztes Frauenbild.

Hat er im Traume denn gesehen
Dies Antlitz, dieser Augen Blau?
Nein, ihre Locken sah er wehen
Vom Lurley oft durch’s Nebelgrau.

Oft hört er auch ein Lied erklingen,
Das süß um Lieb’ ihn angefleht,
Bald schien es aus der Fluth zu dringen,
Ward bald vom Fels ihm zugeweht.

Und oftmals dann im Mondenscheine,
Wenn leise der Gesang verhallt,
Taucht aus dem mild beglänzten Rheine
Empor die winkende Gestalt.

Wer wollt auf Männerschwur nicht bauen?
Stets flieht er treu zu seiner Braut,
Weil ihm vor Fee’n und Nebelfrauen
Und bleichen Wassernixen graut.

Doch endlich ist es ihr gelungen,
Er ward verlockt in ihren Bann,
Wo nun, vom Zauber rasch umschlungen,
Er nimmermehr entfliehen kann.

“Halt!” ruft sie jetzt mit sanftem Beben,
“Du jagtest auf verpöntem Land,
Und mir verfallen ist dein Leben,
Giebst du mir nicht ein hohes Pfand,

Tief unten in kristallner Helle
Steht mein uraltes Felsenhaus,
Leis’ rauscht darüber hin die Welle,
Und Fischlein ziehen ein und aus.

Viel schöne Frau’n und Recken wohnen
Bei mir in Frieden, still und gut,
Sie tragen schilfgeflochtne Kronen,
Und suchten Ruh’ einst in der Fluth.

Sie singen wunderbare Lieder
Und Sagen aus vergangner Zeit,
Die rauschen auf und rauschen nieder,
Mit Well’ und Wind in Ewigkeit.

Und willst du mein Gemahl nicht werden,
Und willst du nicht ihr König seyn?
Wir steigen fröhlich auf zur Erden,
Wir sinken seelig in den Rhein.

So gieb mir denn dein Herz zum Pfande,
Verfallen ist mir schon dein Leib,
Und nieder führ’ ich dich zum Strande
Als dein beglücktes, treues Weib.”

“Entfleuch du bleiches Bild von hinnen!”
Ruft Hugo jetzt voll Grau’n und Schmerz.
“Ich will kein Zauberweib gewinnen,
Und and’rer Liebe schlägt mein Herz.

Doch ob verfallen ist mein Leben,
Weil ich gejagt in deinem Bann,
D’rauf soll mein Schwert dir Antwort geben,
Wenn sie dein Kämpfer fordern kann.”

So spricht der Held mit strenger Stimme.
Doch weh’ ihm, dass er sie verschmäht,
Rasch fährt empor im wilden Grimme,
Die noch vor kurzem sanft gefleht.

Aus ihren Augen sprühet Feuer,
Aus ihren Locken brauset Sturm,
Zur Wetterwolke wird ihr Schleier
Und riesig wächst er wie ein Thurm.

“Schick Vater mir die weissen Rosse,”
So ruft sie laut hinab zum Strand,
Da brausen auf aus ihrem Schlosse
Zwei Wellen bis zum Felsenrand.

Sie schwingt ihn auf, sie fährt hernieder,
Vom hohen Lurley in die Fluth. -
Doch bald entsteigen sanfte Lieder
Der Tiefe, wo der Ritter ruht:

Er schläft auf weichem Lager,
Der kühne Heldensohn.
Ich hab ihn sanft gebettet,
Weh mir – er liebt ja schon.

Gern setzt ich eine Krone
Ihm auf das Lockenhaar,
Von tausend Diamanten,
Schön, wie noch keine war.

Gern gäb’ ich einen Scepter
Ihm in die starke Hand,
Vom Meere sollt’ er herrschen
Bis hoch in’s Schweizerland.

Wir lebten still in Frieden,
So lang der Rhein noch fliesst,
So lang den Lurleyfelsen,
Noch Mondenschein begrüsst.

Singt, Nixen, singt ihm leise
In’s Ohr mit Schmeichellaut.
Doch ach! er träumt vom Vater,
Er träumt von seiner Braut.

Am Ufer steht sie traurig
Und weint hinab zur Fluth,
Und auch sein greiser Vater
Klagt mit gebrochnem Muth.

Er zuckt im Schlaf zusammen,
Er fährt empor im Schmerz. – -
Schwer sind die Thränenperlen
Gefallen auf sein Herz.

Und tiefer, immer tiefer,
Neigt sich herab die Maid.
Weh mir! sie will ihm folgen,
In ihrem tiefen Leid.

Dann müsst ich ewig sehen,
Wie sie so glücklich sind.
Steigt auf, ihr weissen Rosse,
Tragt ihn an’s Land geschwind.

O Lurley, arme Lurley!
Dein Vater ist der Rhein,
Du fliehst mit deiner Liebe,
Mit deinem Schmerz allein.

Mancherlei Mähren und Sagen erzählt sich das phantasiereiche rheinische Volk aus der schauerlich erhabenen Bergschlucht, deren Hintergrund der Lurley bildet. Heilige, Gespenster und selbst der Teufel treten darin auf. Am lieblichsten aber ist die Sage von der Lurley, einer Undine, die hier in den Tiefen des Rheines wohnen soll. Der Felsenkoloß, welcher denselben Namen trägt, thürmt sich in seltsamen Formen und Zerklüftungen himmelan, und der Schall von Schüssen oder Waldhornklängen, in der Mitte des Rheines, oder gegenüber am rechten Ufer gegeben, tönt in vielfachem Echo zurück. Der Rhein, in ein enges Bett gedrängt, scheint sich mühsam einen Ausweg in freundlichere Gegenden zu suchen. – Rechts und links sind Salmenfänge, die vortreffliche Ausbeute liefern.
Schon im 13. Jahrhundert war der Lurleyberg von dem deutschen Minnesänger Murner, einem Zeitgenossen Frauenlobs, genannt.

(aus: Adelheid von Stolterfoth – Rheinischer Sagenkreis)

O de Cologne

Heute ein Link zum Thema Köln-Tourismus aus Donauaugen. Schöne Bilder, pointierte Ansichten und ein Bonusvideo mit Musik aus der Domstadt.