Beschreibung des Rheinfalls in der Zeitung für die elegante Welt (2)

Der Rheinfall bei Schaffhausen im August 1809 gesehen. (Beschluß.)

Nicht fern von dem Falle erweitert sich das Bette des Stroms etwas; ich habe vergessen, zu fragen, wie breit er hier ist, kann mich auch nicht erinnern, irgendwo eine Angabe gelesen zu haben, und finde das sehr natürlich. Welcher Kleinigkeitsgeist, welcher phlegmatische Zahlensinn gehört dazu, in den Augenblicken, wo man ein Naturwunder anstaunt, an Welten und an den Schöpfer aller Welten denkt, nach Fußlängen sich zu erkundigen! Bei der Rückerinnerung dünket mich, daß der Rhein hier etwa halb oder zwei Drittel so breit seyn mag, wie bei Basel. Die dasige Brücke über denselben hat 715 rheinische Fuß, und der Fluß ist bei höherm Wasserstande im Sommer, nur etwa 50 bis 60 Fuß schmäler.

Je reißender der Strom nicht fern vom Falle noch ist, je mehr Felsenblicke in seinem Bette liegen, um so größer muß der Bogen werden, um so mehr müssen der besondern Krümmungen seyn, wodurch die Ueberfahrt verlängert wird. Wir brauchten ungefähr 5 Minuten. Keiner von uns dreien dachte daran, die Dauer der Ueberfahrt nach der Uhr genau zu messen, ohne Zweifel aus derselben Ursache, warum wir vergaßen, nach der Breite des Flusses zu fragen. Ich wünschte hierdurch einen Reisenden aufmerksam zu machen, um beides zu bestimmen.

Nach dem Landen auf dem linken Ufer stiegen wir eine nicht kleine Anhöhe hinauf, zu dem Schlosse Lauffen; dann, ohne uns für jetzt zu verweilen, einen, durch Stufen bequem, durch ein Geländer gefahrlos gemachten Weg an den Rhein hinunter, wo eine Gallerie über den Strom hinein gebaut ist, und bis unter das äußerste linke Ende des Falles hinläuft. Hier wird das Brausen der Wellen ein mächtiges Donnern. Vom Arme der Allmacht unter einander geschleudert, vom Kampfe gegen die Felsen zu einem mit sich selbst übergehend, löst ein Theil sich in Staub auf, welcher dicht vor dem Wasserfalle herschwebt, sich zu einem immer feiner werdenden Nebel verdünnt, bis er in einer Entfernung von 6 bis 700 Fuß verschwindet. Regenbogen in diesem dichtern Nebel und in den Fluten des Falles selbst müssen einen prachtvollen Anblick gewähren. Uns wurde diese Erhöhung des großen Naturzaubers nicht; nur Momente blickte die Abendsonne unter Wolken hervor.

Auf dem äußersten Ende der Gallerie steht man beständig wie in einem sanften Sprühregen, indeß die herabstürzenden Fluten hart neben, zum Theil über einen wegfallen. Zuweilen, wenn der Wind sie ergreift, wird man derb davon benetzt. Dreimal vertrieben sie mich, und dreimal trat ich wieder hin; hätte nicht der Abend sich bereits genähert, ich würde Stundenlang gestanden haben auf dieser Stelle, gewiß eine der schönsten und erhabensten auf der ganzen weiten Erde. Bald blickt man über sich in die in Absätzen herunterstürzenden Fluten, bis zu deren Anfange das Auge nicht emporschauen kann, bald auf den Fall über die andern Felsen im Strombette, welche man, so stehend, links hat, dann wieder rückwärts in das Toben der furchtbar beunruhigten Wogen. Man sieht, empfindet, staunt, bewundert, fühlt den Schöpfer solcher Zauber größer und sich näher, und betet an im reinern Geiste, denn in irgend einem Tempel. Beschreiben, malen zu wollen, fällt einem nicht ein. An dieser Natur scheitert alle Kunst; dieses Bild mit allen seinen wechselnden, dennoch zu einem großen Ganzen sich einigenden Wirkungen auf Seele und Sinne kann auch keine Dunkelkammer auffangen — nur der Geist, die Phantasie.

Ein Lebensmüder aus Schaffhausen stürzte sich vor 3 oder 4 Jahren von der Gallerie in die schäumenden Wogen. Wie war es möglich, daß an diesem erhabenen Altare der Allmacht und Güte Gottes eines seiner Geschöpfe verzweifeln konnte!

Mit uns zugleich standen zwei Damen aus Schaffhausen auf der Gallerie, und trotzten dem Benetzen des bewegten Wassers. Sie wurden mir achtungswerth, weil sie, was sie ohne Zweifel schon öfters sahen, von neuem mit hohem, innigem Gefühl bewunderten. Gewiß muß aber auch für jeden Menschen von Gefühl dieses Schauspiel immer neu und hinreißend bleiben. Wohnte ich in Schaffhausen, ich würde oft, wenn andere Menschen in die winzigen Tempel in der Stadt gingen, nach dem erhabenen Naturtempel am Rheinfalle wallfahrten.

Gejagt von der Zeit, stieg ich mit meinem Gefährten wieder zum Schlosse Lauffen hinauf. In einem Pavillon, wo man dem Fremden ein Buch zu Einzeichnung des Namens reicht, sahen wir hinab in die Fluten, unter welchen wir vor wenig Minuten standen. Ein neuer, prachtvoller Anblick, doch minder groß. Hier sieht man deutlich, wie des Wassers Gewalt in den am meisten rechts stehenden Felsen, eine weite 4 bis 5 Fuß hohe Oeffnung gerissen hat. Bricht auch er dereinst, so wird der Rheinfall noch mehr von seiner Schönheit verlieren. Wahrscheinlich kämpft er aber noch mehrere Menschenalter lang gegen den Andrang der ihn rastlos bestürmenden Wogen.

Gern wäre ich noch oben am linken Ufer möglichst nahe an den nächststehenden Felsen gegangen, über welchen des Falles höchster und schönster Theil gehet. Die Zeit verstattete es nicht.

Vom Schlosse Lauffen ist es nach Schaffhausen um vieles weiter, wie vom entgegengesetzten rechten Ufer. Theils darum ließen wir uns noch einmal überfahren, theils und besonders aber deshalb, um in einiger Entfernung hinter dem Falle, bei der Tobaksmühle, zu sehen, wie sich der Strom gegen die ihn hemmenden Felsen hindrängt. Bekanntlich fließt er schon vor der schönen bedeckten Schaffhauser Brücke an, in einem Felsenbette. Wild rauscht er über die ihn immer mehr hindernden Felsen, bis die weithervorragenden seinen Lauf zu stören versuchen, im Kampfe gegen sie die Wogen den höchsten Grad der Wuth erreichen, aber nach dem Siege bald sich austoben, und in geringer Entfernung wieder so ruhig dahingleiten, daß ein schwacher Nachen sich ihnen gefahrlos anvertrauen kann. Strom des Lebens, beruhigtest du dich doch nach dem heftigsten Toben der Leidenschaften auch so bald wieder! Heinse.

(Welcher der zahlreichen Heinses der unterzeichnende Heinse war, konnten wir noch nicht bestimmen. Jedenfalls lohnt ein Abgleich des Textes mit diesem hier in rheinseins Tiefen.)


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