Bis man ihr Lung und Leber sah:

Der Pfalzgraf am Rhein.
Mündlich.

Es wohnt ein Pfalzgraf an dem Rhein,
Der ließ verjagen sein Schwesterlein,
Da kam der Küchenjung zu ihm:
„Willkommen! Willkommen, Pfalzgraf am Rhein!

Wo ist dein schönes Schwesterlein?“
„Mein Schwesterlein, die kriegst du nicht,
Sie ist dir viel zu adelich,
Und du gehörst zur Küch hinein.“

„Warum sollt ich sie kriegen nicht,
Sie hat von mir ein Kindelein.“
„Hat sie von dir ein Kindelein,
Soll sie nicht mehr mein Schwester seyn.“

Er ließ sie geißeln drei ganzer Tag,
Bis man ihr Lung und Leber sah:
„Hör auf, hör auf, es ist genug,
Es gehört dem König aus Engelland.“

„Gehört es dem König aus Engelland,
So kostet mich`s mein ganzes Land,
Mein ganzes Land ist nicht genug,
Mein Leben muß auch noch darzu.“

Es stund nicht länger als drei Tag` an,
Da kam der König von Engelland:
„Willkommen, willkommen Pfalzgraf am Rhein,
Wo ist, wo ist dein Schwesterlein?“

„Mein Schwesterlein, die ist schon todt,
Sie liegt begraben röslinroth.“
„Liegt sie begraben röslinroth,
So mußt du leiden den bittern Tod.“

Selbst zog er sein schweres goldnes Schwert,
Und stach es dem Pfalzgrafen durch sein Herz:
„Hat sie müssen leiden den bittern Tod,
So mußt du leiden den Schmerz.“

(aus: Achim von Arnim/Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn)


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