heissa Fleischchäs!

heissa

Ein raffiniertes Beispiel für Konkrete Poesie im Alltag fanden wir in Sennwald: das Gedicht RAMSEIER. Der schweizerbekreuzte, triumfal mit dunklen, dem Biergenuß zugetanen St. Galler Bären bekrönte, also optisch mit Herkunftshinweisen deutlich aufgepeppte Titel ist feststehend in einen klassischen Kreidetafelrahmen gesetzt, welcher eine schwarz hinterlegte Fläche für veränderliche Inhalte birgt. Der Titel selbst gibt Rätsel auf. Was sind Ramseier? Geramste Eier? Darunter ließe sich einiges vorstellen. Weswegen das Gedicht vermutlich im Wochentakt erneuert und verändert wird. Jedenfalls handelt es sich bei Ramseier(n) um eine sogenannte Registered Trade Mark, wie das vom Fuße des zweiten Ramseier-R tropfende (R)-Symbol nahelegt. Es könnte einen onomatopoetischen Aussprachehinweis darstellen, etwa: “Ramseierrrrrrr”. Setzen wir den Titel mit den darunter stehenden Zeilen in Bezug, kommen wir zum Schluß, daß Ramseier etwas mit dem Frühstück (lokal: Z`nüni = wörtlich: zur Neune) verbindet, also Frühstückseier oder Frühstücksbier.
In den ersten drei Zeilen finden wir eine für die Poesie allgemein eher ungewöhnliche Menge an Zahlenwerten. “bis 10 Uhr”: einigermaßen konkret. “Kafi 2,70″: ebenfalls recht konkret. Hinzu kommt besagtes “Z`nüni”. Die schnörkellos-knappen, abgehackten Sätze, ein häufiges, typisches Merkmal deutschschweizerischer Lyrik, lassen dem Leser Spiel genug, die gebotenen  Informationen auf verschiedene Weisen zu interpretieren, bzw zwischen den Zeilen zu lesen – und dabei konkret  im vorgegebenen Zeitraum zwischen 9 und 10 Uhr, um einen “Kafi” gruppiert, die Möglichkeiten eines lokalen Frühstücks zu assoziieren. Die letzten beiden Zeilen sind offenbar trotz ihrer nahtlosen Plötzlichkeit abgesetzt zu verstehen und bilden eine überraschende Conclusio: “heissa Fleischchäs”. Hier ist wohl ein Ausrufezeichen am Schluß mitzudenken, das im ausufernden Bierkonsum (s. Titel) verlorengegangen sein könnte: aufgeweichte Konkretion, die dennoch in einer schönen Schlußmetafer besteht: der “Fleischchäs” als fliegender Teppich, der, gleichsam über sich selbst hinausweisend, zu Gedanken an den weiteren Tagesverlauf einlädt.


Stichworte:
 
 
 

Kommentar abgeben: