Romanshorn

Mit „Mut zur Heimat“ wirbt die SVP, Partei der Ober-, Voll-, Haupt-, Schweiz- und Totalschweizer, für sich. Wie solch ein SVP-Mut zur Heimat genau bestellt ist und worin er sich zB von rheinseins Mut zur Heimat unterscheidet, außer daß rheinsein sich nicht mit Heimatmut fürs Parlament bewirbt, sollen die Soziologen erforschen.

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Im Vergleich zu Arbon und Rorschach wirkten die Straßen in Romanshorn weitläufiger, dh noch leerer, was zum einen saisonal bedingt sein mochte, zum andern mitten in der Fußgängerzone ein Gefühl plötzlicher Einsamkeit, gewürzt mit einer Prise Euforie, auslöste, welches uns, nebst dem üblichen Schwanken, warum eigentlich leere Fußgängerzonen stets ansatzweise Euforie in uns auslösen (ob eine solche Reaktion etwa als krankhaft oder wenigstens menscheinfeindlich zu werten sei?), bewog, bei COOP zu speisen, denn wo ein Supermarkt ist, dort finden sich Menschen – so auch in Romanshorn. Der vorgefundene COOP entpuppte sich als zentrale Anlaufstelle derjenigen sehr wenigen, welche in Romanshorn sowieso als angestammte Romanshorner unterwegs waren oder, als Fremde, gerade im Zuge ihrer velozipedischen Bodenseeumrundung dort angelangt. In der Schweiz dienen Supermärkte häufig als Restaurants, zumal am frühen Nachmittag, wenn alle anderen Restaurants gerade geschlossen haben. Wir nahmen also die Gelegenheit in vollem Umfang wahr, bestellten Spiessli und bestaunten die opulenten Vermicelles, welche zu Dessertzwecken klappvitriniert in kastaniös-sahniger Edelmächtigkeit aus der Selbstbedienungstheke leuchteten. Die sehr wenigen anwesenden Schweizer schrieen unterdessen, vielleicht auch um im erweiterten Sinne Mut zur Heimat (somit ggf Loyalität zur SVP) zu demonstrieren, in Megafonlautstärke in ihre Mobiltelefone, typische Dinge ihres Alltags zu verhandeln. Man muß sich das in etwa so vorstellen: die Weite einer großzügig gehaltenen, menschenleeren Fußgängerzone, ausgeweitet auf eine autoleere, parkplatzartige, grau gepflasterte Bucht: den imposanten Vorhof eines Supermarktes nämlich, mit einem gut in Schuß gehaltenen überdachten Fahrradständer und unauffälliger Fußgängerzonenskulptur, welche von niemandem benutzt noch betrachtet werden. Ganz weit hinten in der einen Ecke, also fast schon nicht mehr sichtbar, steht ein gedrungener Schweizer und brüllt in sein Handy, sodaß er über den gesamten Supermarktvorplatz (akustisch) gut zu verstehen ist. Auf ihn ein fliegt (wahrscheinlich) eine Wespe. Der Mann versucht, sie mit der telefonfreien Hand zu verscheuchen. Die Wespe weicht aus und fliegt einen erneuten Vorstoß. Was sie von dem überlaut telefonierenden Mann möchte, ist beiden völlig unklar. Der Mann schlägt nach der Wespe, die Wespe weicht erneut aus und versucht es ein weiteres Mal. Vielleicht entsendet das Mobiltelefon Wellen, welche irrtümlich die Hormone der Wespe ansprechen. Der Mann schreit seinen Privatalltag („die Tochter solle von diesem Kerl die Finger lassen“, „der Soundso sei ein Geizhals sondergleichen, dem gäbe er keinen Auftrag mehr“, „die Frau solle dies und jenes einkaufen und wenn nicht: warum sie ihn denn überhaupt geheiratet habe?“) in sein Handy, während er nach der Wespe fuchtelt. Dieser Vorgang währt etwa zwanzig Minuten. In diesem Zeitraum fahren insgesamt zwei gepäcktaschenbepackte Bodenseeumrunder in professionellen Radfahreraufzügen vor, klimpern mit ihren Radlerschuhen übers Pflaster, versorgen sich im Supermarkt mit Energie, und verlassen, als wären sie nie dagewesen, geräuscharm die Szene, um wieder in ihre Bodenseeumlaufbahn einzutreten. Dabei passieren sie den anderen Mann am anderen Ende des endlos-leeren Supermarktvorplatzes, der dort in sein Handy brüllt: „Nei, muasch nüt! Muasch nüt, säg-i-d`r! Nei! Muasch nüt, nei! Nei, säg-i-d`r! Nei, muasch nüt! (etc)“ Im Gegensatz zum ersten Mann ist er nicht gedrungen, sondern schmal und lang. In seinen Sandalen trägt er als Einlegesohlen je eine Scheibe rohes Kalbfleisch. Der Schnitzelsaft durchtränkt von unten aufsteigend seine Tennissocken. Die über den Dächern installierte Sonne leuchtet ihn kontrastreich aus. – All das goutierten wir, bevor wir uns wieder auf den menschenleeren Weg machten. Auch außerhalb der Fußgängerzone erweckte Romanshorn den Eindruck eines verlassenen Nestes. Wir klauten eine handvoll wurmstichiger Feigen, denn mitten in diesem verlassenen Nest gedieh ein prächtiger Feigenbaum. Mit jedem Schritt da und dorthin in Romanshorn wurde es stiller um uns. Die Stille sammelte sich, verteilte sich, wechselte überraschend die Positionen und wurde immer schriller. Dh, sie entwickelte sich zur gefährlichen akustischen Waffe. Jetzt erblickten wir auch die ersten Leichen. Von der vagabundierenden Stille erwischt lagen sie, mitunter halb von Hecken verdeckt, einfach da. Es war immer noch früh am Nachmittag. Wir machten, daß wir davonkamen.


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