Monatsarchiv für September 2011

 
 

Sein Schwerdt er durch ihre Ohrlein spießt.

Der Staar und das Badwännelein
(in der Spinnstube eines hessischen Dorfs aufgeschrieben.)

Herr Konrad war ein müder Mann,
Er band sein Roß am Wirtshaus an.

Das Mägdlein sprach, steig ab, steig ab,
Ihre Aeuglein schwankten auf und ab.

Ach Jungfer liebste Jungfrau mein,
Schenk mir ein Becher kühlen Wein ein.

Ach Herre, lieber Herre mein!
Ich bring ein Becher kühlen Wein.

Trink ab, trink ab du rother Mund,
Trink aus den Becher auf den Grund.

Frau Wirthin, liebe Frau Wirthin mein,
Ist dies fürwahr euer Töchterlein?

Mein Töchterlein ist sie nicht fürwahr,
Sie ist mein Magd für immerdar.

Wollt ihr mir sie leihen auf eine Nacht?
So will ich euch geben des Goldes Macht.

Wollt ihr mir geben des Goldes Macht,
Will ich sie euch leihen für eine Nacht.

Nun richt dem Herrn ein Fußbad an,
Mit Rosmarin und Majoran.

Sie ging in den Garten und brach das Kraut,
Da sprach der Staar, „o weh du Braut,

In dem Badwännelein ist sie hergetragen,
Darin muß sie ihm die Füße zwagen,

Der Vater starb in Leid und Noth,
Die Mutter grämt sich schier zu todt.

O weh du Braut! Du Findelkind,
Weißt nicht wo Vater und Mutter sind.“

Da trug sie das Badwännelein,
Wohl in des Herrn Schlafkämmerlein.

Sie fühlt hinein, obs nit zu warm,
Und weint dazu, das Gott erbarm!

Ach meine Braut was weinst du dann?
Bin ich dir nicht gut für einen Mann.

Du bist mir gut für einen Mann,
Ich wein über, was der Staar mir sang.

Ich war im Garten und brach das Kraut,
Da sang der Staar: “o weh du Braut!

In dem Badwännelein ist sie hergetragen,
Darin muß sie ihm die Füße zwagen,

Der Vater starb in Leid und Noth,
Die Mutter grämt sich schier zu todt.

O weh du Braut! Du Findelkind,
Weißt nicht wo Vater und Mutter sind.“

Da sah der Herr das Badwännelein an,
Da war das burgundische Wappen dran.

Das ist meines Herrn Vaters Schild allein,
Wie kommt dies Wännlein ins Wirtshaus herein?

Da sang der Vogel am Fensterladen:
„In dem Badwännelein ist sie hergetragen

O weh du Braut, du Findelkind!
Weißt nicht, wo Vater und Mutter sind.“

Herr Konrad sah an ihren Hals,
Da hatte sie ein Muttermahl.

Grüß Gott, grüß Gott mein Schwesterlein.
Dein Vater ist König an dem Rhein.

Christina heißt deine Mutter,
Konrad dein Zwillingsbruder.

Da knieten sie nieder auf ihre Knie,
Und dankten Gott bis morgens früh.

Daß er sie hielt von Sünden rein,
Durch den Staar und das Badwännelein.

Und als zu morgen kräht der Hahn,
Frau Wirthin fängt zu rufen an.

Steh auf, steh auf du junge Braut
Kehr deiner Frau die Stube aus.

Sie ist fürwahr keine junge Braut,
Sie kehrt der Wirthin die Stube nicht aus.

Herein Frau Wirthin nur herein,
Nun bringt uns einen Morgenwein.

Und als die Wirthin zur Stube eintrat,
Herr Konrad sie gefraget hat:

Woher habt ihr das Jungfräulein?
Sie ist eines Königs Töchterlein.

Die Wirthin ward bleich als die Wand,
Der Staar verrieth da ihre Schand.

In einem Lustgarten im grünen Gras
Das Kind in dem Badwännelein saß.

Da hat die bös` Zigeunerin
Gestohlen das zarte Kindelein.

Herr Konrad war so gar entrüst
Sein Schwerdt er durch ihre Ohrlein spießt.

Er bat sein Schwesterlein um einen Kuß,
Ihr Mündelein reicht sie ihm mit Lust.

Er führt sie bey der schneeweißen Hand
Und hob sie auf den Sattel bald.

Das Wännelein trug sie auf dem Schooß,
Da ritt er vor der Frau Mutter Schloß.

Und als er in das Thor eintritt,
Die Mutter ihm entgegen schritt.

Ach Sohne, lieber Sohne mein,
Was bringst du für eine Braut herein.

Sie führt das Wännelein ja zur Hand,
Als ob sie mit einem Kinde gang.

Es ist fürwahr keine junge Braut.
Es ist euer Tochter Gertraut

Und als sie von dem Sattel sprang,
Die Mutter in ein Ohnmacht sank

Und als sie wieder zu Sinnen kam
Ihr Tochter sie in die Arme nahm.

Laß sie sichs eine Freude sein,
Ich bin Gertraut ihr Töchterlein.

Heute sind es fürwahr 18 Jahr,
Daß ich der Frau Mutter gestohlen war.

Und ward getragen über den Rhein
In diesem kleinen Badwännelein.

Und als sie sprach, da kam der Staar,
Und sang die Sach ganz offenbar.

Und sang: „O weh mein Ohr thut weh,
Ich will keine Kinder stehlen mehr.“-

„Ach Goldschmidt lieber Goldschmidt mein,
Nun schmiede mir ein Gitterlein,

Schmied mirs wohl vor das Badwännelein,
Das soll des Staaren Wohnung seyn.“

(aus: Achim von Arnim/Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn)

Bis man ihr Lung und Leber sah:

Der Pfalzgraf am Rhein.
Mündlich.

Es wohnt ein Pfalzgraf an dem Rhein,
Der ließ verjagen sein Schwesterlein,
Da kam der Küchenjung zu ihm:
„Willkommen! Willkommen, Pfalzgraf am Rhein!

Wo ist dein schönes Schwesterlein?“
„Mein Schwesterlein, die kriegst du nicht,
Sie ist dir viel zu adelich,
Und du gehörst zur Küch hinein.“

„Warum sollt ich sie kriegen nicht,
Sie hat von mir ein Kindelein.“
„Hat sie von dir ein Kindelein,
Soll sie nicht mehr mein Schwester seyn.“

Er ließ sie geißeln drei ganzer Tag,
Bis man ihr Lung und Leber sah:
„Hör auf, hör auf, es ist genug,
Es gehört dem König aus Engelland.“

„Gehört es dem König aus Engelland,
So kostet mich`s mein ganzes Land,
Mein ganzes Land ist nicht genug,
Mein Leben muß auch noch darzu.“

Es stund nicht länger als drei Tag` an,
Da kam der König von Engelland:
„Willkommen, willkommen Pfalzgraf am Rhein,
Wo ist, wo ist dein Schwesterlein?“

„Mein Schwesterlein, die ist schon todt,
Sie liegt begraben röslinroth.“
„Liegt sie begraben röslinroth,
So mußt du leiden den bittern Tod.“

Selbst zog er sein schweres goldnes Schwert,
Und stach es dem Pfalzgrafen durch sein Herz:
„Hat sie müssen leiden den bittern Tod,
So mußt du leiden den Schmerz.“

(aus: Achim von Arnim/Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn)

“Auftauchen” – Lesung mit Nika Bertram und Doris Konradi

Lesungen direkt am und/oder sogar im Rhein haben in Köln seit Jahren Konjunktur, zuletzt verging gefühlt kaum eine Woche ohne solchen Event. Exemplarisch für diese Mode und insbesondere aufgrund der teils doch recht außergewöhnlichen Specials möchten wir auf folgenden Termin hinweisen:

“Schwimm, schwimm um dein Leben! Wenn das Wasser kommt -
Literatur trifft Maschinen im Hochwasserpumpwerk Schönhauserstraße.
Geschichten von Wassermännern, Sternenguckern und gestrandeten Dichtern, vom Glück und Unglück an wilden Küsten und stillen Gewässern.” (Aus der Ankündigung)

Mit anschließender Führung durch das Hochwasserpumpwerk(!). (Nika Bertram verspricht einen hohen Nerd-Faktor.) Danach, bei warmem Wetter, das durchaus zu erwarten steht: Chillen auf dem Rasenhügel mit Kölsch und Lichtshow(!).

Mittwoch, 28. September 2011
Beginn: 20:00 Uhr
Ort: Hochwasserpumpwerk, Schönhauser Straße, 50968 Köln-Bayenthal
Rheinuferstraße Köln, an der KVB-Haltestelle der Linie 16

Eine Kooperation der GEDOK mit den Stadtentwässerungsbetrieben Köln.

“Ist es am Rhein so schön?” – Lesung am Sonntagnachmittag

Diesen Sonntag, den 25. September gibt es um 16 Uhr eine Lesung aus rheinsein und korrelierten Produkten im Rahmen der Ausstellung „Ist es am Rhein so schön?“ in der Galerie 68elf. Die Galerie findet sich im Kölner Mediapark im Glashochhaus mit der Nummer 8a in der achten Etage. Die Ausstellung, welche direkt aus dem Lift betreten wird, läuft in mehreren Räumen und den Gängen über die gesamte Etage und wird bei dieser Gelegenheit sicher eingehender zu betrachten sein als bei der stark frequentierten Vernissage. Es sollen hier nähere Eindrücke folgen, wir warten noch auf Publikationsgenehmigungen für das ein oder andere Bild. Für die Ausstellung wurden über 40 Künstler ausgewählt, was recht unterschiedliche Beschäftigungen mit dem Rheinthema zur Folge hat. Die Beiträge reichen von klassischer Malerei und Skulptur über Foto, Video, Mixed Media und Installation hin zu Performance. Neben den Exponaten lockt auch eine grandiose Aussicht auf die Kölner Rheinlinie samt Dom direkt aus dem Lesungsraum.

Spoken Word-Seminar

Um Sprechstücke zum Thema „Rheinische Identität“ wird es ab morgen in einem Seminar an der Fachhochschule Düsseldorf gehen. Die Studentinnen und Studenten erarbeiten sich Bandbreiten und Reichweiten des Spoken Word-Begriffs und klopfen ihre rheinische Wahl/heimat auf Identifikationspotential, rheinisch-interne Widersprüche, sowie Unterschiede zum Rest der Welt ab. Am Ende des Seminarblocks steht ein Bühnenprogramm zu erwarten. Mit diesem Lehrauftrag verdichtet rheinsein vorübergehend sein Wirken außerhalb des Netzes.

Wie freudig blutet` hier der Edelknecht

Der Rhein.

O Sohn der Alpen, in krystallnen Wiegen
Genährt von Gletscherbrüsten, heil`ger Rhein,
Wenn du dem blauen Schweizersee entstiegen
Dich jauchzend warfst vom schroffen Felsgestein,
Und glorreich nun, ein Held nach frühen Siegen,
Das Thal durchwallst im laub`gen Kranz von Wein,
Zur Lust den Völkern und der Flur zum Segen:
Wie schlägt dir hoch das deutsche Herz entgegen!

Und traun, mit Fug. Denn deutschen Lebens Bild
Und Zeuge bist du, seit von süßen Zähren
Auf deinen Höh`n der Rebstock feurig schwillt:
All um dich her erwuchsen unsre Ehren;
Du sahst zuerst erhöht des Reiches Schild,
Des Reichs, nach dem wir fromm noch heut begehren,
Wir Waisen, nun im eignen Vaterlande
Ruhmlos zertheilt wie du zuletzt im Sande.

Den Kaisern warst du werth; die Starken zog
Der Starke, daß, was gleich, zusammenwohne;
Hier stand der Stuhl des großen Karl, hier bog
Konrad das Haupt vor Konrad, eine Krone
Mit Lächeln missend; hier im Festgewog
Schied der im rothen Bart vom ehrnen Sohne;
Siegestrunken mocht` er deinen Wirbeln lauschen,
Nicht ahnend, daß sein Tod bald solches Rauschen,

Auf deinen Burgen horstet` ein Geschlecht
Frei, wild und mild; es wohnt` in seinem Sinne
Von deiner Traub` ein Anflug, zum Gefecht
Befeuernd wie zu Harfenschlag und Minne.
Wie freudig blutet` hier der Edelknecht,
Wenn aus der Herrin Blick von hoher Zinne
Ein Gruß als erster, ach, und letzter Dank
Auf sein verströmend Leben niedersank!

Und Städte sahn voll Trotz in deine Welle,
Wo unterm Krummstab Bürgerfreiheit sproß
Und Füll` und Kunst, und wo dann morgenhelle
Die neue Zeit ihr Kinderaug` erschloß.
Denn war`s zu Mainz nicht, wo in stiller Zelle
Ein andrer Dädalus die Flügel goß,
Die stark das Wort in alle Winde tragen?
Ward nicht zu Worms die Geisterschlacht geschlagen?

Und heut! Welch reich Gewühl umbraust noch heut
Die Rebenufer, wo vom breiten Riffe,
Die Veste droht, und weit im Thal zerstreut
Die Essen rastlos sprühn! Mit grellem Pfiffe
Durchkeucht das Dampfgespann des Doms Geläut,
Und durch die Fluten wandeln Feuerschiffe,
Wie schwarze Riesenschwäne; Flaggen winken,
Und Winzerjubel schallt und Römer blinken.

Gebrochen sind die Burgen. Ihre Zeit
Ging aus. Doch sitzt an ihrer Thürme Scharten
Die Sage harfend noch, die Wundermaid,
Und lallt im Traum von Chriemhilds Rosengarten,
Vom Drachenstein und von der Nonne Leid.
Und stießt das Mondlicht um die Felsenwarten:
Da singt die Loreley und aus dem Dunkel
Der grünen Wasser glimmt des Horts Gefunkel.

Gruß dir mein Rhein! Wie leicht bei dir einst flossen
Die Lieder mir, die jedes Tags Gewinn!
Mein Sternbild stand im Aufgang; noch im Sprossen
Wie Laub um Pfingsten grünte frisch mein Sinn,
Gruß euch, die ihr mir damals wart Genossen
In Leben und Gesang! – Wo seid ihr hin?
Ach, auseinander weit seit jenen Tagen,
Zu weit hat uns der Kampf der Zeit verschlagen.–

(Emanuel Geibel)

„Ist es am Rhein so schön?“ – Ausstellungseröffnung in Köln

„Ist es am Rhein so schön?“ – Unter dieser Fragestellung eröffnet der im Kölner Mediapark 8A angesiedelte Kunstverein 68elf e.V. am heutigen Freitag, den 16. September 2011 um 19 Uhr seine neue Ausstellung.

Zur Vernissage zeigt Mary-Noële Dupuis ihre Performance:
„Die Stimme wars des edelsten der Ströme. Des freigeborenen Rheins.“

Öffnungszeiten: Do-So, jeweils von 15 bis 20 Uhr.
Die Ausstellung dauert bis zum 16. Oktober.

Am Sonntag, den 25. September um 16 Uhr Lese-Performance:
stan lafleur: „rheinsein“

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Die künstlerischen Beiträge aus allen Sparten sind nach einer deutschlandweiten/internationalen Ausschreibung juriert worden. Angefragt waren Ideen zum Urstrom, zum Vater Rhein, von der Quelle bis zur Mündung. 43 Künstlerinnen und Künstler aus der Schweiz, den Niederlanden, von den deutschen Rheinufern und natürlich etliche Kölner zeigen ihre Positionen zum Fluss.

Präsentiert wird eine vielschichtige Ausstellung mit Malerei, Fotografie, Video, Skulptur und Rauminstallation; Lesungen und Performances werden stattfinden.

Die teilnehmenden Künstler sind:

Albert, Jo/ Arnold, Bernd/ Baerens, Michael/ Bausch, Andreas & Steuber Petra/ Beckhof, Kaaren/ Bergmann, Katrin/ bHK Bureau Heuchel-Klag/ Blum, Katja/ Boehm, Peer/ Brix, Walter Bruno/ Brock, Matthias/ Dupuis, Mary-Noële/ Felix, Sanmitra/ Fischbacher, Gertrud/ Frechen, Volker/ Gartz, Georg & Clarke, Pete/ Gosse, Agii/ Gunkel, Johanna/ Hein, Christian/ Hildebrand, Sarah/ Horn, Hanne/ Kiel, Rainer/ Knecht, Ruth/ Kuspi 011/ Lafleur, Stan/ Lantermann, Carola/ Lyssy, Mathias/ Murr, Greg/ Nagel, Carolin/ Oestreich, Isabel/ Opheys, Susanne/ Rath, Christiane/ Runschke, Michael/ Schmitz Becker/ Schneider, Hannah/ Sturm, Christa/ Szabo, Etienne/ Viets, Andreas/ Vis, Elaine/ Wahnwitz, Wilda & Multimediaguerrilla/ Werner, Nicolaus/ Wilke, Katharina

heissa Fleischchäs!

heissa

Ein raffiniertes Beispiel für Konkrete Poesie im Alltag fanden wir in Sennwald: das Gedicht RAMSEIER. Der schweizerbekreuzte, triumfal mit dunklen, dem Biergenuß zugetanen St. Galler Bären bekrönte, also optisch mit Herkunftshinweisen deutlich aufgepeppte Titel ist feststehend in einen klassischen Kreidetafelrahmen gesetzt, welcher eine schwarz hinterlegte Fläche für veränderliche Inhalte birgt. Der Titel selbst gibt Rätsel auf. Was sind Ramseier? Geramste Eier? Darunter ließe sich einiges vorstellen. Weswegen das Gedicht vermutlich im Wochentakt erneuert und verändert wird. Jedenfalls handelt es sich bei Ramseier(n) um eine sogenannte Registered Trade Mark, wie das vom Fuße des zweiten Ramseier-R tropfende (R)-Symbol nahelegt. Es könnte einen onomatopoetischen Aussprachehinweis darstellen, etwa: “Ramseierrrrrrr”. Setzen wir den Titel mit den darunter stehenden Zeilen in Bezug, kommen wir zum Schluß, daß Ramseier etwas mit dem Frühstück (lokal: Z`nüni = wörtlich: zur Neune) verbindet, also Frühstückseier oder Frühstücksbier.
In den ersten drei Zeilen finden wir eine für die Poesie allgemein eher ungewöhnliche Menge an Zahlenwerten. “bis 10 Uhr”: einigermaßen konkret. “Kafi 2,70″: ebenfalls recht konkret. Hinzu kommt besagtes “Z`nüni”. Die schnörkellos-knappen, abgehackten Sätze, ein häufiges, typisches Merkmal deutschschweizerischer Lyrik, lassen dem Leser Spiel genug, die gebotenen  Informationen auf verschiedene Weisen zu interpretieren, bzw zwischen den Zeilen zu lesen – und dabei konkret  im vorgegebenen Zeitraum zwischen 9 und 10 Uhr, um einen “Kafi” gruppiert, die Möglichkeiten eines lokalen Frühstücks zu assoziieren. Die letzten beiden Zeilen sind offenbar trotz ihrer nahtlosen Plötzlichkeit abgesetzt zu verstehen und bilden eine überraschende Conclusio: “heissa Fleischchäs”. Hier ist wohl ein Ausrufezeichen am Schluß mitzudenken, das im ausufernden Bierkonsum (s. Titel) verlorengegangen sein könnte: aufgeweichte Konkretion, die dennoch in einer schönen Schlußmetafer besteht: der “Fleischchäs” als fliegender Teppich, der, gleichsam über sich selbst hinausweisend, zu Gedanken an den weiteren Tagesverlauf einlädt.

Weitet Loreley ihren Tätigkeitsbereich aus?

Und zwar auf den Schienen- und Straßenverkehr? Die mutmaßlichen Bestrebungen der Ortsikone, Verkehrsunglücke auch außerhalb der Wasserwege selber auszulösen, forderten bisher nur wenige verhaltene Stellungnahmen heraus. Im Zusammenhang mit dem Erdrutsch von vergangenem Sonntag, dem 11. September, der bei St. Goar einen linksrheinischen Intercity entgleisen ließ und auch zur Sperrung der neben der Bahntrasse verlaufenden B9 führte, war der in der Gegend gängige Kommentar „das hat die Loreley getan“ bisher nicht zu vernehmen. Das symbolträchtige Datum solle jedoch unter der Hand für weitläufige Spekulationen gesorgt haben. Die Presse schob den Erdrutsch zügig einem Unwetter zu. Die Bürgerinitiative Pro Rheintal sprach von rein zugverkehrsimmanenten Gefahren wie dem kurvigen Schienenverlauf und „geologischen Voraussetzungen“. Ein Anstieg des Katastrofentourismus wurde nicht vermeldet.

Almabtrieb (2)

Es war ein wenig wie bei der Tour de France. Zunächst sperrte der freundliche Dorfpolizist die Fahrbahn ab. Unser Linienbus mußte in eine Parkbucht ausweichen. Hinter uns sammelten sich die PKWs. Das Orchester der Kuhschellen klang martialisch aus der Höhe herab. Aus derselben Höhe schien zunächst ein Materialwagen auf, ein Jeep, mit Ersatzteilen auf der Ladefläche: Glockengurte. Über den durchschnittlichen Glockengurtverschleiß auf der Alm ist uns wenig bekannt. Er scheint jedoch erheblich zu sein:

gurte

Mit einigem Abstand folgte der Wagen des Öhis. Der Öhi würdigte vom Thron seines Treckers die Touristen am Straßenrand kaum eines Blickes. Sein Stolz war die verbrachte Saison. Sicherlich zurecht. Eine Menge Käselaiber dürften den Berg heruntergerollt worden sein in dieser Saison. Und besagter Käse: ist guter Käse. Verdammt guter Käse.

oehi

Schließlich folgten, vom Dröhnen ihrer Schellen längst angekündigt, die Topkühe der Saison. Es gelang uns gerade noch, eine Oberkuh, eine wahrhaft hippieske Chefkuh, ein Milchmonster, eine wirklich coole Kuh abzulichten, bevor wir die Kamera in den Filmmodus (siehe vorletzter Eintrag) umschalteten, der einige der letzten der rund 100.000 Rindviecher einfing, bevor der Spuk vorüber war.

hippiekuh

Im Hirn den Traum

Am Rhein

Auf Bergeshöh`
Den Pfad entlang,
Auf off`ner See
Beim Harfenklang.

Im Frührotschein,
Bei blauer Luft,
Am Rhein, am Rhein
Beim Blumenduft.

Im Himmelsraum
Den Vögelschwarm,
Im Hirn den Traum,
Ganz sonder Harm.

Im Abendrot
Das Tal hinab,
Und dann, dann tot,
Allein im Grab.

(Friederike Kempner, 1903)

Almabtrieb

Heimkehr von der Vadozner Alp Pradamee, gesehen auf Höhe Triesenberg.

Bin Laden am Rheinfall

bin2cEinem unserer zahlreichen amerikanischen Leser, John Henri Benway, verdanken wir diese Aufnahme, die Osama bin Laden bei einem früheren Besuch am Rheinfall zeigt bzw zeigen soll. Der mysteriöse al-Qaida-Führer scheint sich darauf als Bildungsreisender zu inszenieren. Auch unser Fotograf befand sich auf Bildungsreise – “à la Wilhelm Meister” wie Benway schrieb – und entdeckte erst zuhause in Oklahoma, nach Sichtung seines umfangreichen “europäischen” Fotomaterials, den (ehemaligen) Schrecken des Westens auf seinen Speicherchips: “At the falls I didn`t notice him at all.” Für die Echtheit des Materials scheinen uns seine schlechte Qualität und das Fehlen jeder Datumsangabe zu sprechen – Merkmale, welche sich nahtlos in die Reihe dokumentierter bin Laden-Sichtungen einreihen.

Romanshorn

Mit „Mut zur Heimat“ wirbt die SVP, Partei der Ober-, Voll-, Haupt-, Schweiz- und Totalschweizer, für sich. Wie solch ein SVP-Mut zur Heimat genau bestellt ist und worin er sich zB von rheinseins Mut zur Heimat unterscheidet, außer daß rheinsein sich nicht mit Heimatmut fürs Parlament bewirbt, sollen die Soziologen erforschen.

***

Im Vergleich zu Arbon und Rorschach wirkten die Straßen in Romanshorn weitläufiger, dh noch leerer, was zum einen saisonal bedingt sein mochte, zum andern mitten in der Fußgängerzone ein Gefühl plötzlicher Einsamkeit, gewürzt mit einer Prise Euforie, auslöste, welches uns, nebst dem üblichen Schwanken, warum eigentlich leere Fußgängerzonen stets ansatzweise Euforie in uns auslösen (ob eine solche Reaktion etwa als krankhaft oder wenigstens menscheinfeindlich zu werten sei?), bewog, bei COOP zu speisen, denn wo ein Supermarkt ist, dort finden sich Menschen – so auch in Romanshorn. Der vorgefundene COOP entpuppte sich als zentrale Anlaufstelle derjenigen sehr wenigen, welche in Romanshorn sowieso als angestammte Romanshorner unterwegs waren oder, als Fremde, gerade im Zuge ihrer velozipedischen Bodenseeumrundung dort angelangt. In der Schweiz dienen Supermärkte häufig als Restaurants, zumal am frühen Nachmittag, wenn alle anderen Restaurants gerade geschlossen haben. Wir nahmen also die Gelegenheit in vollem Umfang wahr, bestellten Spiessli und bestaunten die opulenten Vermicelles, welche zu Dessertzwecken klappvitriniert in kastaniös-sahniger Edelmächtigkeit aus der Selbstbedienungstheke leuchteten. Die sehr wenigen anwesenden Schweizer schrieen unterdessen, vielleicht auch um im erweiterten Sinne Mut zur Heimat (somit ggf Loyalität zur SVP) zu demonstrieren, in Megafonlautstärke in ihre Mobiltelefone, typische Dinge ihres Alltags zu verhandeln. Man muß sich das in etwa so vorstellen: die Weite einer großzügig gehaltenen, menschenleeren Fußgängerzone, ausgeweitet auf eine autoleere, parkplatzartige, grau gepflasterte Bucht: den imposanten Vorhof eines Supermarktes nämlich, mit einem gut in Schuß gehaltenen überdachten Fahrradständer und unauffälliger Fußgängerzonenskulptur, welche von niemandem benutzt noch betrachtet werden. Ganz weit hinten in der einen Ecke, also fast schon nicht mehr sichtbar, steht ein gedrungener Schweizer und brüllt in sein Handy, sodaß er über den gesamten Supermarktvorplatz (akustisch) gut zu verstehen ist. Auf ihn ein fliegt (wahrscheinlich) eine Wespe. Der Mann versucht, sie mit der telefonfreien Hand zu verscheuchen. Die Wespe weicht aus und fliegt einen erneuten Vorstoß. Was sie von dem überlaut telefonierenden Mann möchte, ist beiden völlig unklar. Der Mann schlägt nach der Wespe, die Wespe weicht erneut aus und versucht es ein weiteres Mal. Vielleicht entsendet das Mobiltelefon Wellen, welche irrtümlich die Hormone der Wespe ansprechen. Der Mann schreit seinen Privatalltag („die Tochter solle von diesem Kerl die Finger lassen“, „der Soundso sei ein Geizhals sondergleichen, dem gäbe er keinen Auftrag mehr“, „die Frau solle dies und jenes einkaufen und wenn nicht: warum sie ihn denn überhaupt geheiratet habe?“) in sein Handy, während er nach der Wespe fuchtelt. Dieser Vorgang währt etwa zwanzig Minuten. In diesem Zeitraum fahren insgesamt zwei gepäcktaschenbepackte Bodenseeumrunder in professionellen Radfahreraufzügen vor, klimpern mit ihren Radlerschuhen übers Pflaster, versorgen sich im Supermarkt mit Energie, und verlassen, als wären sie nie dagewesen, geräuscharm die Szene, um wieder in ihre Bodenseeumlaufbahn einzutreten. Dabei passieren sie den anderen Mann am anderen Ende des endlos-leeren Supermarktvorplatzes, der dort in sein Handy brüllt: „Nei, muasch nüt! Muasch nüt, säg-i-d`r! Nei! Muasch nüt, nei! Nei, säg-i-d`r! Nei, muasch nüt! (etc)“ Im Gegensatz zum ersten Mann ist er nicht gedrungen, sondern schmal und lang. In seinen Sandalen trägt er als Einlegesohlen je eine Scheibe rohes Kalbfleisch. Der Schnitzelsaft durchtränkt von unten aufsteigend seine Tennissocken. Die über den Dächern installierte Sonne leuchtet ihn kontrastreich aus. – All das goutierten wir, bevor wir uns wieder auf den menschenleeren Weg machten. Auch außerhalb der Fußgängerzone erweckte Romanshorn den Eindruck eines verlassenen Nestes. Wir klauten eine handvoll wurmstichiger Feigen, denn mitten in diesem verlassenen Nest gedieh ein prächtiger Feigenbaum. Mit jedem Schritt da und dorthin in Romanshorn wurde es stiller um uns. Die Stille sammelte sich, verteilte sich, wechselte überraschend die Positionen und wurde immer schriller. Dh, sie entwickelte sich zur gefährlichen akustischen Waffe. Jetzt erblickten wir auch die ersten Leichen. Von der vagabundierenden Stille erwischt lagen sie, mitunter halb von Hecken verdeckt, einfach da. Es war immer noch früh am Nachmittag. Wir machten, daß wir davonkamen.

Rorschach

rorschach

Das Testbild (oben) gelang ohne über/flüssige Assoziationen. Doch schon beim Fotografieren aus dem Zugfenster erkannte die Kamera offenbar die Bewegung, in der sie sich befand und nahm mit ca. zwei Sekunden Verspätung zum Druck auf den Auslöser auf. Auf diese Weise wurden die avisierten Motive zeitlich mutiert angetroffen, dh, sie assoziierten in der Zwischenzeit frei im und um den verfügbaren Raumausschnitt. Die Tauben auf dem Dach etwa stoben erst nach dem Auslösen (der Kamera in der Hand) auseinander…

taube auf dem dach

… und die prominente Panoramasitzreihe zählte im ursprünglich gewählten Ausschnitt nicht vier, sondern 17 Seniorinnen mit dem Rücken zum See.

bodensee_2

Außerhalb des Zuges: bietet Rorschach an seiner Uferpromenade ein Sandskulpturenfestival und im Hafen den Hafen Kebap, ein so schlicht wie weltläufig klingender Imbißname, der im Zusammenhang mit Begriffen wie „Freiheit“, „Sehnsucht“, „Weite“, „Horizont“ oder „Sturm“ noch zu großem Kino auflaufen könnte. Zwischen den beiden Bahnhöfen Rorschach und Rorschach Hafen liegen fünf bis zehn Fußminuten Promenade. Viele Bodenseeumrundende halten auf Rorschachs rollsplitbestreuten Auslaufzonen und werfen mit touristischen Blicken um sich. Die zugewanderten Einheimischen unterdessen werfen höchst erfolgreich ihre Angelruten nach dem Egli aus, um gluschtige Knuschperli im Chörbli draus zu bereiten. (Rezept auf Anfrage)