Monatsarchiv für August 2011

 
 

Die totale Schweiz

Es ist stets möglich, daß wir fremde Gegenden, zB unbekannte Rheingegenden, ganz anders wahrnehmen als ihnen gebührte, insbesondere wenn die Besuche nur Minuten oder Stunden währen und kein Reiseführer zuvor bzw kein Einheimisches währenddessen uns die tieferen Geheimnisse des zu erfahrenden Raums entdeckt. Dieser Tage radelten wir, um dem Wachstumslärm zu entgehen, welchen Schaan werktagsüber entfacht, über den Fluß hinüber in die Schweiz. Das war nicht ganz leicht. Die Sonne hieb bereits über den Kartoffeläckern des fürstlichen Rheintals wie irre auf die wenigen Radler hinab. Die Pedalisten verfielen also ins Zickzack, den Stichen der Sonne zu entgehen. Das gab ein wahnhaftes Bild und war noch längst nicht alles: wir sahen und staunten über recht außergewöhnliche Helmtrachten mit Blitzableitern und anderen Deflektoren: die Raubvögel schrieen, sobald sie einen solchen Kopfschutz erblickten. Bei dem kleinen Deichanstieg im Galeriewäldchen wurden Baumstämme am Stück gehäckselt. Verschwitzt und mit Holzspänen gespickt überquerten wir den gletschermilchigen Strom mit seinen glitzernden Krönchen. Der Werdenberger See bot Schatten und neue Lärmqualitäten: daß der Aufbau eines Fest- oder Messezelts dieselben teuflischen Sounds zu entfachen vermag wie die Elektrowerkzeuge und Betonmischmaschinen des gewöhnlichen Hausbaus steht nun dreifach unterstrichen in unserem Tagebuch. Der umgehend einsetzende Fluchtreflex führte am Fuße der Berge entlang gen Süden. Diese Rheintalwinkel hatten wir bisher noch kaum erforscht, um ehrlich zu sein: wir dachten, da gäbe es nichts zu entdecken. Doch durften wir bald feststellen: die Schweiz sieht in diesem Abschnitt vollkommen aus wie die Schweiz wohl kaum in einem anderen Abschnitt vollkommener wie die Schweiz aussieht. Saftige kuhbestandene Matten wellen sich die Hänge hinan, urwüchsige Menschen grüßen behäbig von ihren Traktoren oder den in die obstbaumschattige Landschaft plazierten Stühlen, auf denen sie in maskulinen Posen ihre Bierflaschen verhandeln. Das nächste Dorf ist auf Nachfrage weit, anderthalb Kilometer, sehr weit also, die längstvorstellbaren anderthalb Kilometer überhaupt, denn das Dorf wartet ganz weit, also ziemlich weit in beinahe unvorstellbarer Entfernung, hinter der schweizerischsten aller schweizerischen Urlandschaften, mit den Errungenschaften der Zivilisation: Tankstelle, Postamt, Supermarkt. Wir radeln einige Kilometer, Stunden und Tage in Richtung dieses Dorfes. Die Landschaft läßt sich unterdessen sehr genießen. Sie ist grün und voller Kühe. Noch besser: tief in der Urschweiz stochert die gute Sommersonne nicht blindwütig nach den Menschen. Vielmehr erhellt sie, fern allen Baulärms, ihre Gedanken. Dh, sie erhellt die Umgebung, die auf diese Weise leichter zu durchschauen ist, was die Menschen wiederum denken läßt, sie hätten etwas an der Welt gewonnen. Genau dort, wo dies der Fall ist, erst rechts und dann links, führt ein Weg in den Bergwald hinauf. Es handelt sich um eine touristisch bisher unerschlossene Schlucht. Zu hören sind ein Plitschern, abgewechselt von einem Plätschern. Vom Waldrand her tönen Alphörner. Die Schlucht hinab fließt und stürzt durch sein zu sehenswerten Formationen geschliffenes Bett der Saarbach, ein Wildbach wie aus einigen allgemeinen Vorstellungen von einem Wildbach destilliert. Und mögen auch einige sein Rauschen demjenigen herkömmlichen Bau- oder Verkehrslärms nicht für unähnlich halten: so wie ein Wildbach rauscht nur ein Wildbach, basta. Etwas unterhalb des Wildbachs finden wir schließlich die zivilisierte Ortschaft Sevelen mit ihrem aufgeräumten Aldi-Markt und den aus Deutschland importierten Kassiererinnen. Es wäre eine überaus simple wie schlagkräftige Idee, das Geschehen in und um je einem Aldi Suisse und einem deutschen Aldi-Markt einen Tag lang dokumentarisch zu filmen, um aus dem gewonnenen Material die kulturellen Unterschiede zwischen beiden Nationen herauszuarbeiten. Wie auch immer, allein schon seine Klimaanlage macht den Aldi von Sevelen an heißen Sommertagen zu einem ähnlichen Geheimtip wie den Saarbach mit seinen Gletschertöpfen, Fließrinnen und Wasserstürzchen.

Handelt es sich bei Leonardos Elefanten um Rheinelefanten?

In Leonardo da Vincis Bestiarium findet sich ein Eintrag über den Elefanten, der, so wie er gehalten ist, speziell den Rheinelefanten meinen dürfte; allein, die Wissenschaft sammelt noch (über die Flußaffinität und das Drachenvorkommen hinaus) nach Indizien für diese These.

“62. Der Elefant
Der große Elefant hat von Natur aus, was sich selten bei Menschen findet, nämlich: Ehrlichkeit, Klugheit, Gerechtigkeitssinn und Gehorsam im Glauben; denn sobald der Neumond wiederkehrt, begeben sich die Elefanten zum Fluß und waschen und reinigen sich in ihm feierlich; indem sie so den Mond begrüßt haben, kehren sie in die Wälder zurück. Wenn sie krank auf dem Rücken liegen, werfen sie Gras zum Himmel, so als wollten sie opfern. Sie vergraben ihre Zähne, wenn sie ihnen vor Alter ausfallen. Von den beiden Stoßzähnen benutzt der Elefant den einen, um Wurzeln auszugraben, von denen er sich ernährt; vom andern bewahrt er die Spitze zum Kämpfen. Wenn Elefanten von Jägern bezwungen werden und Müdigkeit sie überfällt, schlagen sie einander die Stoßzähne ein, reißen sie heraus und kaufen sich mit ihnen frei. Sie sind barmherzig, und sie erkennen Gefahren. Trifft ein Elefant einen Menschen allein und verirrt, bringt er ihn gern auf den verlorenen Weg zurück. Findet er die Fußspur eines Menschen, ehe er den Menschen selbst sieht, fürchtet er einen Hinterhalt; daher bleibt er stehen und trompetet den anderen Elefanten seinen Fund zu; daraufhin sammelt sich die Elefantenherde und geht vorsichtig davon; sie ziehen immer als Herde: der älteste Elefant geht voran, der zweitälteste als letzter – so leiten sie die Herde. Sie sind äußerst schamhaft, so daß sie sich nur bei Nacht und im Verborgenen paaren und erst dann zur Herde zurückkehren, wenn sie sich im Flusse gewaschen haben. Sie kämpfen nicht um ihre Weibchen wie andere Tiere. Sie sind so barmherzig, daß sie von Natur aus jenen ungern Schaden zufügen, die weniger stark sind als sie selbst. Gerät ein Elefant unterwegs in eine Schafherde, so schiebt er die Schafe mit seinem Rüssel beiseite, um sie nicht mit den Beinen zu zertrampeln. Sie fügen keinem ein Leid zu, außer, sie werden herausgefordert. Ist ein Elefant in einen Graben gestürzt, so füllen andere den Graben mit Zweigen, Erde und Steinen aus, indem sie auf diese Weise den Boden erhöhen, und der Elefant leicht wieder herauskommt. Sie verabscheuen das Gequietsche der Schweine so sehr, daß sie zurückweichen und mit ihrem Getrampel Schaden anrichten, der für sie nicht weniger groß ist als für ihre Feinde. Sie lieben Flüsse und wandern immer an ihnen entlang; aber wegen ihres großen Gewichts können sie nicht schwimmen. Sie fressen Steine, und Baumstämme sind ihnen eine besonders willkommene Speise. Sie hassen die Ratten. Die Fliegen lieben ihren Geruch; wenn sie sich aber auf seinen Rücken setzen, runzelt der Elefant seine Haut und tötet sie zwischen den zusammengepreßten Falten. Wollen Elefanten Flüsse durchqueren, stellen sich die Jungen in Richtung des Gefälles des Wassers, und da sie selbst gegen den reißenden Strom stehen, brechen sie den einheitlichen Lauf des Wassers, daß die Strömung sie nicht mitreißen kann. Der Drache wirft sich unter den Leib des Elefanten, sein Schwanz windet sich um dessen Beine, mit den Flügeln und Krallen umspannt er seine Rippen und mit den Zähnen durchbeißt er ihm die Kehle; der Elefant fällt auf den Drachen, und der zerplatzt: so rächt er sich an seinem Feind noch im eigenen Tod.”

(aus: Leonardo da Vinci – Der Nußbaum im Campanile, herausgegeben von Isolde Rieger, München 1989)

Börsen und Baden

Die Börse stürzt ins Bodenlose.
Ich stürz mich auf die Badehose,
Dann auf mein Rad. Der DAX bricht ein.
Ich breche auf in Richtung Rhein.

Der Crash walzt Renten zu Ragout.
Ich roll vorbei an einer Kuh.
Dann bieg ich links in laues Licht.
Der Geldmarkt kriegt die Biege nicht.

Derweil viel Kapital verfällt,
Folg ich erblühter Uferwelt
Und stoppe dann im kühlen Wald.
Der Schuldenanstieg kennt kein Halt.

Old Sam ächzt unterm Pleitejoch.
Ich jauchze auf: das Baggerloch!
Ich stürm hinein, ich schwimm hinaus.
Aus Dollar, Euro flieht man raus.

Die Dicke und der Gnome de France,
Die taumeln haltlos wie in Trance.
Dagegen zieh ich elegant
Durchs Blau zehn Bahnen. Dann an Land.

Und wie ich froh nach Hause rausche,
Find ich ‘nen Euro, den ich tausche
Beim Italiener gegen Eis.
Der kann ihn brauchen. Und: Wer weiß?
Gibt’s Euros auch noch nächstes Jahr?

Wenn nicht – der See ist ja noch da.

(von Georg Raabe, mit freundlicher Genehmigung des Autors, auf dessen neues Hörbuch “Die halbe Wahrheit” aus seinen Texten für die taz wir hier gerne hinweisen.)

Ist der wein so gudt gewesen, das Ich die schuh vergessen habe

„(…) dornach auff schaffhaussen, zu schaffhaussen habe Ich so viel erbedtelt, das Ich habe wollen schuh kauffen, aber Ich bin In das wirtshaus vorgegangen, da Ist der wein so gudt gewesen, das Ich die schuh vergessen habe, habe die schuh mit wieden gebunden, vndt // gelauffen bis nach vlm, an der dona, etc.
Dessen 1627 gars In Abpril den 3. habe Ich mich vnter den pabpenhemsen Regemendt, zu Vlm, lassen vnterhalten, den Ich gans abgeRissen gewessen, fur einen gefreiten, von daaus, sindt wir auff den musterplatz getzogen, nach die ober Margraffschaff baden, Aldort In quartier gelehgen, gefressen vndt gesoffen, das es gudt heisset. (…)“

Kurzer Ausschnitt aus Peter Hagendorfs umfänglichen Tagebuch, das dieser während des Dreißigjährigen Krieges verfaßte, das bis heute erhalten blieb und das Prof. Jan Peters im Akademie Verlag herausgegeben hat:
Peter Hagendorf: Ein Söldnerleben im Dreissigjährigen Krieg, Berlin 1993

Förschtafescht

“An den kaiserlichen Auftritt in Heinrich Manns „Der Untertan“, ans Mittelalter, an vorörtliche Fronleichnamsprozessionen und an zwiespältig beleumundete, sehr entfernte Ecken des Weltalls zugleich gemahnt der Staatsfeiertag einer kleinen Monarchie in den Rheinalpen: „An diesem Tag feiert das Fürstentum sich selbst“ schlagzeilen übereinstimmend alle drei Tageszeitungen, die konservative, die etwas konservativere und die selbsternannt konservativste. Die Feiern beginnen mit einem Feldgottesdienst auf der Schloßwiese, die eine Wiese außerhalb des Schloßes mit beinahe fürstlichem Talblick vorstellt. Die ganze Nacht über hat der Regen Schwung geholt, um nun in handfesten Strängen herunterzuplästern. Dennoch haben sich einige unverdrossene Untertanen versammelt, den Zeremonien beizuwohnen, myzelig sprießen da und dort auberginefarben-fürstliche Regenschirme aus der Wiese, gegen Gottes Wässerungsmaßnahme emporgestemmt von den Anzugträgern der Nation. Vorm Regen von einem fliegenden Zeltaufbau geschützt klammert sich, adrett in Tracht, das nationale Ufftata-Orchester an seine Instrumente, die Mienen wechseln nach persönlichen Vorliebe (für klerikale oder weltliche Stücke) zwischen Ergebenheit und Depression. In schleppendem Ton zitiert der Erzbischof, ein kleines, rundes, an kirschwassergestreckte, in Knittergoldfolie verpackte Marzipanprodukte erinnerndes Wesen, seine Lieblingsbibelverse, erzählt die Anekdote vom Papstbesuch im Fürstentum vor 25 Jahren „die sicher viele hier noch in bester Erinnerung haben“, als es nämlich ähnlich plästerte, und der Papst die versammelten Untertanen darob fragte, ob sie denn wüßten, weshalb es so regne, und als keiner (!) eine Antwort fand seine päpstliche gab: „weil alle hier noch wachsen müssen“, eine schöne Anekdote fürwahr, von des heiligen Vaters unfehlbarer Weisheit, die der kugelförmige Erzbischof da auspackt, gefolgt von der Ankündigung, die Predigt, aus der er wegen des Regens nur die Inhaltsangabe verlese und die bitte bei tieferem Interesse in voller Länge in den drei nationalen Tageszeitungen oder auf der Website der Erzdiözese nachgelesen werden solle, handele von der nötigen Abkehr vom Mammon, was weder beim mammonnichtganzabgewandten Fürstenhaus, noch beim mammoneherzugewandten Untertanenvolk tieferes Interesse auszulösen scheint. Das Warten im Regen richtet sich nun auf den Staatsakt und spürbar bereits auf den geordneten Marsch zum Schloßhof, in den die Fürstenfamilie zu Brezeln und Bier einlädt, eine Gelegenheit, die sich insbesondere in Tschechien herumgesprochen zu haben scheint, größere Gruppen wilder junger Tschechen jedenfalls bevölkern die letzten Anspracheminuten, der Erbprinz, selbst in natürlichster Natur eine wie mit Fotoshop für TV-Zeitschriftcover zurechtgeglättete Erscheinung uradeligst-feiner Strahlkraft, erklärt in von den Untertanen ob ihrer Eloquenz bewunderten, immer wieder müde ausholenden und im großen weiten Offenen verlaufenden Sätzen die von Sparzwängen umstellte Gegenwart seines kleinen, nichtsdestotrotz in Tschechien mittlerweile wohl ganz gut bekannten Landes, und als er geendet hat, wiederholt sein Landtagspräsident des Erbprinzen Worte, damit die Untertanen doppelt Bescheid wissen, spricht desweiteren vom völlig zu Unrecht bestehenden und daher unbedingt zu reparierenden schiefen Blick einiger bekannter Nationen auf seines Fürsten unschuldiges Land, die ersten Tschechen liegen da bereits unter den Bierhähnen, das Absingen der Nationalhymne setzt die Worte „Rhein“ und „frei“ frei, unter Applaus und Spalier spaziert das Fürstenhaus in sein Schloß, von plötzlich massiv angeschwollenen Menschenmengen gefolgt, die im Schloßhof den berühmten fürstlichen Rheinblick erhaschen wollen, sowie das ein odere andere Freibier.”
So war es letztes Jahr und die Jahre zuvor. Dies Jahr jedoch entfiel der Feldgottesdienst, denn der kleine runde, Maria, die Muttergottes, heiß verehrende Bischof, sagte denselben ab, da aktuell “gwüsse” Modernisierungsvorgänge in der kleinen Monarchie in der Trennung von Kirche und Staat zu münden drohen. Die vor Jahresfrist verkündeten Sparmaßnahmen haben indessen bei unveränderter Blüte der kleinen Monarchie, wenngleich unter Wehklagen der an Wachstumsschwund leidenden Treuhänderbranche, gegriffen und so bleibt dem Fürstenhaus heuer etwas mehr Geld fürs Abschlußfeuerwerk des großen Tages, das Blumen-, Palmen-, Smiley- und Hohlkubusdarstellungen vor die Felsenwände zaubert, bevor ein sagenhafter Goldregen auf die bis zur Hutschnur mit euforisierenden Getränken gefüllte staunende Menge zu Füßen des Schloßes niedergeht und wo andernorts das Wort am Anfang aller Dinge stand, hier, nach einer geschlagenen Dreiviertelstunde Himmelsillumination, die, aufgrund ihrer Gestrecktheit, beim Nachwuchs schon zu zögerlichen “Hören uff”-Rufen Anlaß gibt, am Ende aus Feuer geschrieben steht: “Für Gott, Fürst und Vaterland”, was zu erleben demjenigen, der sich seine Vertreter und Trompeter, seine Richter und Vernichter selbst wählen darf, ein Gefühl vermittelt, das nicht hier zwar, wohl aber in einem künftigen Verswerk noch zu ausführlichen Ehren gelangen mag.

Niederrhein um 1600

geilenkerken_niederrhein

Nicolaas van Geilenkerkens Kupferstich von 1615 zeigt den Niederrhein als Konfliktfeld zwischen Ambrosio Spinola und Moritz von Oranien. Während des spanisch-holländischen Krieges zwischen 1568 und 1648 nutzten die Spanier den Rhein als Nachschubtrasse in die Niederlande.

Rheinweinmißbrauch bei Shakespeare

“Hamlet: Whose was it?
First Clown: A whoreson mad fellow`s it was: whose do you think it was?
Hamlet: Nay, I know not.
First clown: A pestilence on him for a mad rogue! `a pour`d a flagon of Rhenish on my head once. This same skull, sir, was Yorik`s skull, the king`s jester.”

(aus: William Shakespeare – Hamlet, 5. Akt, 1. Aufzug)

Rheinpartie

Gestern lief auf HR mit Rheinpartie eine 45minütige Plauderdoku (ein wenig à la Sendung mit der Maus-für-Erwachsene) über den Rheingau. Zugeladen war lokal verbundene Prominenz. Start in Eltville mit Marika Kilius und ihrer (entweder vom Hochadel oder Rockabilly inspirierten) platinblonden Betonfrisur: erst bekamen wir ein paar Rosenbüsche zu sehen, es folgten kurze Einspielungen alter Schlager (Wenn die Cowboys träumen, Ich bin kein Eskimo) der Eisprinzessin, die lieber Kuchen als den hausgemachten Spundekäs speisen mochte, den Rheingau wegen seiner guten Energie liebt und dem Wein, den sie (als Antialkoholikerin) jedoch nicht trinkt; nach einigen gewundenen Überlegungen zum Schweizer Finanzwesen schenkte sie dem TV-Volk immerhin das bemerkenswerte Bonmot: „Nicht alles, was Luxus ist, ist schön“. Zu sehen war bis dahin deutlich mehr Marika Kilius als Eltville. Wir erfuhren in einem Nebensatz von den Rheingauner-Comics („Der Rheingauner ist ein typischer Rheingauer“), wie überhaupt die Nebensätze bei diesem Sendeformat offenbar als Hauptlieferanten seltener handfesterer Informationen dienen. Zack, waren wir in Oestrich-Winkel, das in Wirklichkeit aus vier und nicht nur der im Namen genannten zwei Orte besteht („Zahnweh un e Fraa vun Hallgarte, das sin zwaa beese Iwwel“), von dem es drei vier oder doch nur ein zwei Kameraeinstellungen gab, und schon durfte die nächste Prominente übernehmen: Simone Kienast, HR-Wetterfrau, zeigte einige Übungen mit ihrem Wakeboard, während eines Nebensatzes fand die höchste auf dem Rhein erreichte Geschwindigkeit Erwähnung (180 km/h mit einem Offshore Boot) und wir erfuhren, daß es auf dem Fluß kein Tempolimit gibt. Die Dame wurde abgelöst von Triathlet Lothar Leder, dem zur rheinischen Geschichte „keiner weiß was drüber“ einfiel, was wohl bedeutet, daß er rheinsein bisher übersehen hat. Schließlich sahen wir noch Helmut Strotjohann („die Dampfmaschine ist die ästhetisch schönste Kraftmaschine“) mit seinem selbstgebauten Dampfboot, dem definitiven Highlight dieses rheinischen Dreiviertelstündchens.

Rhein-Main-Donau-Kanal

Gestern kam es in der hiesigen Schreckenskammer zum Kölner Spitzentreffen donauischer und rheinischer Kräfte des litblogs.net-Verbundes. Natürlich wurden umgehend diverse rheinische und donauische Kultureigenheiten untersucht und verglichen, am Ende stellte sich gar die Existenzfrage. Ob nämlich der Rhein-Main-Donau-Kanal tatsächlich existiere? Natürlich gebe es den, behaupteten wir forsch. Ja, aber wo der Kanal denn dann in die Donau münde? Na, irgendwo in Bayern, lautete unsere ad hoc-Expertise. Und schon beschlichen uns Zweifel. Hatten wir diesen Kanal jemals zu Gesicht bekommen? (Eher nicht.) War er am Ende doch nur Legende? Es soll ja bei weitem nicht alles ernst zu nehmen sein, was auf Google Maps zu erblicken ist, aber dieses Beweisbild

maindonaukanal

sollte unser steiles Vorpreschen einigermaßen zementieren: es zeigt den Rhein-Main-Donau-Kanal, der korrekt verschlankt nur Main-Donau-Kanal heißt (oben im Bild) bei Kelheim, einem niederbayerischen Städtchen, und unten die Donau, wenige Dezimeter südöstlich des Bildausschnitts treffen beide zusammen. Wieviele Schiffe tatsächlich den kompletten Wasserweg von der Nordsee zum Schwarzen Meer (oder umgekehrt) durchlaufen, bleibt jedoch fürs erste ungeklärt.

Porsche im Rhein

Beim Filtern sommerlochartiger Zeitungsmeldungen sind wir neben Loreley-Havarien (mit ihrer langen Geschichte) und Krokodilaufkommen im Rhein (mit ihrer mittellangen Geschichte) auf eine dritte bedenkliche Häufung (vergleichsweise sehr jungen Datums) gestoßen.

So berichtet das Oldtimer-Magazin meinklassiker.com von einem schmerzhaften Anblick, der am 29. Januar 2011 einen neuen Trend in der öffentlichen Rezeption eingeläutet haben mag: „Einen mit der vorderen Wagenhälfte im Wasser stehenden und erheblich beschädigten Porsche 356 C entdeckten Spaziergänger am Morgen (…) am Rheindamm unterhalb der Maxauer Brücke in Karlsruhe. Den Beamten der alarmierten Wasserschutzpolizei blutete das Herz, als sie den frisch restaurierten Oldtimer aus dem Rhein zogen. Nach (…) bisherigen Ermittlungen hatten Unbekannte den anthrazit-farbenen Wagen aus einer Garage im Rheinhafengebiet entwendet (…). Wieso die Täter das (…) Liebhaberfahrzeug dann (…) die befestigte Uferböschung hinab schoben und offenbar im Rhein versenken wollten, sollen nun die Ermittlungen der Kriminalpolizei klären.“

Etwas klarer liegt der Fall bei einem jüngst im Rhein geparkten Porsche auf Schweizer Terrain: „Wie die Kantonspolizei Zürich am Montag mitteilte, fuhr ein 24- Jähriger am Sonntag gegen 21 Uhr zum Einwasserungsplatz für Boote in Eglisau. Dort überliess er seinem 29-jährigen Kollegen das Steuer. Als dieser mit dem Wagen losfahren wollte, hatte er einen falschen Gang eingelegt: der Sportwagen machte einen Satz und landete im Rhein. Die beiden Männer konnten das Fahrzeug verlassen und ans Ufer schwimmen. Hilflos mussten sie mitansehen, wie die starke Strömung den Sportwagen in die Mitte des Rheins zog und das Auto dort schliesslich in den Fluten versank. (…)“ Soweit der Tagesanzeiger. Wie die Sache ausging, erfuhr die gesamte Schweiz aus der nationalen Tagesschau: „Der Occassionswagen ist so stark beschädigt, dass man nicht mehr damit fahren kann. An Land wird das kaputte Auto auf einen Abschleppwagen gehievt. Dieser transportiert es zum Stützpunkt der Zürcher Kantonspolizei nach Bülach. Der Eigentümer des Wagens darf das Auto dort besichtigen. Sein Kollege, der den Unfall verursacht hat, wird sich gemäss dem Mediensprecher der Kantonspolizei Zürich, wegen Nichtbeherrschen des Fahrzeuges verantworten müssen und gebüsst werden. (…)“

Wer von unseren Lesern ebenfalls einen Porsche im Rhein beobachtet: rheinsein freut sich über Berichte und Bilder, um den möglichen Trend zu verifizieren.