Arbon

Ostwind-Exkursion an den rheindurchströmten Bodensee. Die Bahntrasse gesäumt von Golfspielern und stochernden Störchen. Ab Buchs und ganz verstärkt ab St. Margrethen zu beobachten: rapide steigende Passagieranteile von Seniorinnen und dunkleren Hauttypen, eine typische Szene für die Afrikanische (anderen Quellen zufolge: Indische) Schweiz. Das Tagesticket verführt zu Pingpong-Reisen zwischen dem St. Gallischen und dem Thurgauischen: Arbon, Rorschach und Romanshorn heißen die Stationen. Alle drei Orte besitzen ihre Häfen und Seepromenaden. WELLEN WOLLEN WALLEN hat jemand drei wagnersch-wuchtige Witzworte aus dünnen Brettern am Arboner Ufer zusammengezimmert; das Holzgespreite liegt flach im Schwappwasser und ist kaum lesbar, aber Kunst. Etwa dreißig Meter vom Ufer entfernt steht ein Quader im See, der (“nur für Einzelpersonen!”) über ein Ziehleinenboot zu erreichen ist und als poetische Eremitage dienen soll, in der auch ein Nachtlager möglich sei:

eremit

Mehr solch öffentlicher Naherholungseinsiedeleien hier und dort und sonstwo überall am Rhein – und die aktuelle Dichterschwemme nähme womöglich tsunamisch-teuflische Ausmaße an. Ob in besagtem Eremitengehäuse gedichtet – oder doch außerhalb: eine lyrische Betrachtung von Maruen und J.A.Z., die das gesamte Wasserskulpturenensemble beschreibt, dem noch ein Eimerbrunnen mit amputierten Händen angehört, findet sich genau zu des Fotografen Füßen – man beachte das tiefsinnige Wortspiel mit Lancelot:

Lance l`eau

Au bout du quai
Et relié à la rive
A l`écart et à échelle humaine
Tendu vers un hypothétique départ
Et un retour certain
Espace aquatique clos

Juste une possibilitée d`écouter differemment
L`eau du lac jouant entre les planches
Celles du quai et celles du récipient
Seaux infirmes de leurs anses
Mains amputées de leurs poignets
Mais l`eau qui danse

Lance l`eau

***

Abseits zeitgenössischer Uferkunst besitzt Arbon eine Altstadt und sogar eine eigene Steinzeitkultur. Das Stadtwappen besteht aus einem stilisierten, nicht näher spezifizierbaren, aber glücklichen Laubbaum (arbor felix), in dessen Krone nicht näher spezifizierbare Vögel nisten, von denen einer senkrecht-kopfüber, also mit comichafter Waghalsigkeit in ein von zwei nicht näher spezifizierbaren prächtigen Fischen bevölkertes Gewässerhalbrund stürzt. Das Arboner Wappen flattert überall auf Fahnen über der Arboner Altstadt und macht deutlich mehr her als manches andere Stadtwappen. Die Arboner Kunsthalle sieht aus wie eine Remise und ist nur an seltenen Wochentagen für zwei Stunden geöffnet. Die Kunst im innerstädtischen, nicht direkt am Ufer gelegenen Raum besteht aus recht experimentellen Versen („Frau verbrüht / Waffen in / Polizei nimmt / der Xamax / Ex-Mann / mit Kabine“), deren typisch schweizerische Kargheit massig Interpretationsspiel läßt – oder aus herkömmlichen Preisungen des Herrn:

gott-hilft

Am Arboner Hafen sehen wir eine mondäne Dame in Kalbsschnitzel-Sandalen und lernen neue Wörter wie „Schlipf-Benützung“ und „Bilgenschwein“. Außerdem gibt es ein bisher völlig an uns vorbeigegangenes Verbot der großen Verbotsnation Schweiz zu entdecken:

verboten


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