Förschtafescht

“An den kaiserlichen Auftritt in Heinrich Manns „Der Untertan“, ans Mittelalter, an vorörtliche Fronleichnamsprozessionen und an zwiespältig beleumundete, sehr entfernte Ecken des Weltalls zugleich gemahnt der Staatsfeiertag einer kleinen Monarchie in den Rheinalpen: „An diesem Tag feiert das Fürstentum sich selbst“ schlagzeilen übereinstimmend alle drei Tageszeitungen, die konservative, die etwas konservativere und die selbsternannt konservativste. Die Feiern beginnen mit einem Feldgottesdienst auf der Schloßwiese, die eine Wiese außerhalb des Schloßes mit beinahe fürstlichem Talblick vorstellt. Die ganze Nacht über hat der Regen Schwung geholt, um nun in handfesten Strängen herunterzuplästern. Dennoch haben sich einige unverdrossene Untertanen versammelt, den Zeremonien beizuwohnen, myzelig sprießen da und dort auberginefarben-fürstliche Regenschirme aus der Wiese, gegen Gottes Wässerungsmaßnahme emporgestemmt von den Anzugträgern der Nation. Vorm Regen von einem fliegenden Zeltaufbau geschützt klammert sich, adrett in Tracht, das nationale Ufftata-Orchester an seine Instrumente, die Mienen wechseln nach persönlichen Vorliebe (für klerikale oder weltliche Stücke) zwischen Ergebenheit und Depression. In schleppendem Ton zitiert der Erzbischof, ein kleines, rundes, an kirschwassergestreckte, in Knittergoldfolie verpackte Marzipanprodukte erinnerndes Wesen, seine Lieblingsbibelverse, erzählt die Anekdote vom Papstbesuch im Fürstentum vor 25 Jahren „die sicher viele hier noch in bester Erinnerung haben“, als es nämlich ähnlich plästerte, und der Papst die versammelten Untertanen darob fragte, ob sie denn wüßten, weshalb es so regne, und als keiner (!) eine Antwort fand seine päpstliche gab: „weil alle hier noch wachsen müssen“, eine schöne Anekdote fürwahr, von des heiligen Vaters unfehlbarer Weisheit, die der kugelförmige Erzbischof da auspackt, gefolgt von der Ankündigung, die Predigt, aus der er wegen des Regens nur die Inhaltsangabe verlese und die bitte bei tieferem Interesse in voller Länge in den drei nationalen Tageszeitungen oder auf der Website der Erzdiözese nachgelesen werden solle, handele von der nötigen Abkehr vom Mammon, was weder beim mammonnichtganzabgewandten Fürstenhaus, noch beim mammoneherzugewandten Untertanenvolk tieferes Interesse auszulösen scheint. Das Warten im Regen richtet sich nun auf den Staatsakt und spürbar bereits auf den geordneten Marsch zum Schloßhof, in den die Fürstenfamilie zu Brezeln und Bier einlädt, eine Gelegenheit, die sich insbesondere in Tschechien herumgesprochen zu haben scheint, größere Gruppen wilder junger Tschechen jedenfalls bevölkern die letzten Anspracheminuten, der Erbprinz, selbst in natürlichster Natur eine wie mit Fotoshop für TV-Zeitschriftcover zurechtgeglättete Erscheinung uradeligst-feiner Strahlkraft, erklärt in von den Untertanen ob ihrer Eloquenz bewunderten, immer wieder müde ausholenden und im großen weiten Offenen verlaufenden Sätzen die von Sparzwängen umstellte Gegenwart seines kleinen, nichtsdestotrotz in Tschechien mittlerweile wohl ganz gut bekannten Landes, und als er geendet hat, wiederholt sein Landtagspräsident des Erbprinzen Worte, damit die Untertanen doppelt Bescheid wissen, spricht desweiteren vom völlig zu Unrecht bestehenden und daher unbedingt zu reparierenden schiefen Blick einiger bekannter Nationen auf seines Fürsten unschuldiges Land, die ersten Tschechen liegen da bereits unter den Bierhähnen, das Absingen der Nationalhymne setzt die Worte „Rhein“ und „frei“ frei, unter Applaus und Spalier spaziert das Fürstenhaus in sein Schloß, von plötzlich massiv angeschwollenen Menschenmengen gefolgt, die im Schloßhof den berühmten fürstlichen Rheinblick erhaschen wollen, sowie das ein odere andere Freibier.”
So war es letztes Jahr und die Jahre zuvor. Dies Jahr jedoch entfiel der Feldgottesdienst, denn der kleine runde, Maria, die Muttergottes, heiß verehrende Bischof, sagte denselben ab, da aktuell “gwüsse” Modernisierungsvorgänge in der kleinen Monarchie in der Trennung von Kirche und Staat zu münden drohen. Die vor Jahresfrist verkündeten Sparmaßnahmen haben indessen bei unveränderter Blüte der kleinen Monarchie, wenngleich unter Wehklagen der an Wachstumsschwund leidenden Treuhänderbranche, gegriffen und so bleibt dem Fürstenhaus heuer etwas mehr Geld fürs Abschlußfeuerwerk des großen Tages, das Blumen-, Palmen-, Smiley- und Hohlkubusdarstellungen vor die Felsenwände zaubert, bevor ein sagenhafter Goldregen auf die bis zur Hutschnur mit euforisierenden Getränken gefüllte staunende Menge zu Füßen des Schloßes niedergeht und wo andernorts das Wort am Anfang aller Dinge stand, hier, nach einer geschlagenen Dreiviertelstunde Himmelsillumination, die, aufgrund ihrer Gestrecktheit, beim Nachwuchs schon zu zögerlichen “Hören uff”-Rufen Anlaß gibt, am Ende aus Feuer geschrieben steht: “Für Gott, Fürst und Vaterland”, was zu erleben demjenigen, der sich seine Vertreter und Trompeter, seine Richter und Vernichter selbst wählen darf, ein Gefühl vermittelt, das nicht hier zwar, wohl aber in einem künftigen Verswerk noch zu ausführlichen Ehren gelangen mag.


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