Leverkusen

„Kann man einen nicht verknusen,
Schickt man ihn nach Leverkusen.
Dort an diesem End der Welt
Ist man ewig kaltgestellt.“

(Frühzeitliches Arbeiterlied im Umfeld der Bayerfabriken)

Jahre her, daß wir Leverkusen zuletzt besuchten – entweder für einen Lesungsauftritt, ein Fußballgastspiel des KSC im Stadion der landläufig unter „Vizekusen“ firmierenden Werkself oder einen Besuch im unbeschreiblichen Fundus des Zentral Antiquariats von Christine Weihermüller, das jeder rheinische Bücherfreund einmal besucht haben sollte, bevor er (bzw das Antiquariat) das Zeitliche segnet. Unter regenschweren Himmeln geht es mit kräftigem Rückenwind den Rhein entlang. Auf dem letzten Teilstück über die B8 treffen wir zunächst auf horizontweite Werksparkplätze und schließlich zwei vielsagende Begrüßungsformeln:

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Eine Stadt, die ihre Besucher ehrlich willkommen heißt, war uns schon immer recht. Die B8 mündet nun in eine Art Schlund, der auch den Eingang zum Fegefeuer markieren könnte. Radfahrer werden charmant zur Seite gewunken, dh durch einen rechts des Schlunds gelegenen Villenkorridor gelenkt. Aber wer mag, darf sich auch per Pedalkraft der apokalyptischen Hauptschleuse bedienen, die, falls unsere Erinnerung nicht trügt, in einem blitzschnellen Akt und per Zufallssortierung mitten in eines der drei beinahe identischen Leverkusener Zentren führt.

Doch dorthin wollen wir garnicht, sondern verweilen auf eigentlich noch Kölner Territorium, auch wenn die Umgebung ganz und gar leverkusisch riecht. Das Bayer-Werksglände heißt jetzt Chempark, weil Park sich einfach freundlicher anhört, und Chem nur etwa nach der Hälfte von Chemie. Tatsächlich befindet sich dort, zu Füßen der Werksskyline, ein weitläufiger Park mit beeindruckendem japanischen Garten, in dem fleißig geheiratet wird: bis ins Abstrakte geschminkte und posierende Bräute mit penibel steckfrisierten und paillettierten Jungfern, sowie hektisch Filterzigaretten rauchenden Bräutigamen im Gefolge, ein göttlicher Anblick unter Schirmherrschaft eines würdevoll schweigenden Wächters aus zylindrisch in die Himmel sich bohrenden Ziegeln.

Monolithisch, dem restlichen Ensemble offenbar nicht zugehörig und doch voll integriert, steht ein wohlgeformter Hochhausquader in der Gegend, aus der Ferne wirkt er, als wäre er komplett von Maschendraht umkleidet. Gott selbst könnte diesen Block mit einem gezielten Faustwurf dort plaziert haben, er steht jedenfalls ganz richtig da, was sich beileibe nicht von jedem Hochhaus sagen läßt. Und die Menschen haben das ihnen gesandte Gebäude eben dann mit Maschendraht umwickelt, als Schonpolster und luftdurchlässige Außenhaut, es ist die Bayerstadt, da sind Experten am Werk, in den Bayer-Laboren sollen, ohne jemals in die Produktpalette zu gelangen, Kunststoffe mit den allerverrücktesten Eigenschaften entwickelt worden sein, das wurde uns von gut beleumundeten Zeugen (unter Augenaufreißen und Armerudern) versichert.

BayKomm heißt das angrenzende Kommunikationszentrum des Konzerns, mit vorgeschobenem Amfitheater, in dem vor leeren Rängen eine Schar Kanadagänse mit einem recht experimentellen Stück auftritt (oder es probt). Es handelt von Invasion und Vertreibung und dauert keine zwei Minuten. In gehörigem Abstand bestaunen kleinere Karnickelgruppen das Bühnengeschehen, diskutieren wohl Bezüge zu ihrem eigenen Existenzbefinden und applaudieren höflich, aber kaum wahrnehmbar, bevor sie wieder im Unterholz verschwinden. Uns erfaßt eine Art Dokumentationszwang, wir skizzieren/notieren wie irre, während die Himmel mit schweren Zungen das Wort Gewitter vorbuchstabieren.


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