Die Flüsse

Rhein
Treu, wie dem Schweizer gebührt, bewach` ich Germaniens Grenze;
Aber der Gallier hüpft über den duldenden Strom.

Rhein und Mosel
Schon so lang` umarm` ich dich lotharingische Jungfrau;
Aber noch hat kein Sohn unsre Verbindung beglückt.

Donau in B***
Bacchus der lustige führt mich und Komus der fette durch reiche
Triften, aber verschämt bleibet die Charis zurück.

Donau in O***
Mich umwohnt mit glänzendem Aug das Volk der Phaiaken;
Immer ist`s Sonntag, es dreht immer am Herd sich der Spieß.

Main
Meine Burgen zerfallen zwar; doch getröstet erblick` ich
Seit Jahrhunderten noch immer das alte Geschlecht.

Saale
Kurz ist mein Lauf und begrüßt der Fürsten, der Völker so viele;
Aber die Fürsten sind gut, aber die Völker sind frei.

Ilm
Meine Ufer sind arm; doch höret die leisere Welle,
Führet der Strom sie vorbei, manches unsterbliche Lied.

Pleiße
Flach ist mein Ufer, und seicht mein Bach, es schöpften zu durstig
Meine Poeten mich, meine Prosaiker aus.

Elbe
All` ihr andern, ihr sprechet nur ein Kauderwelsch – unter den Flüssen
Deutschlands rede nur ich, und auch in Meißen nur, deutsch.

Spree
Sprache gab mir einst Ramler und Stoff mein Cäsar; da nahm ich
Meinen Mund etwas voll, aber ich schweige seitdem.

Weser
Leider von mir ist gar nichts zu sagen; auch zu dem kleinsten
Epigramme, bedenkt, geb` ich der Muse nicht Stoff.

Gesundbrunnen zu ***
Seltsames Land! Hier haben die Flüsse Geschmack und die Quellen,
Bei den Bewohnern allein hab` ich noch keinen verspürt.

Pegnitz
Ganz hypochondrisch bin ich vor langer Weile geworden,
Und ich fließe nur fort, weil es so hergebracht ist.

Die ***chen Flüsse
Unsereiner hat`s halter gut in ***cher Herren
Ländern; ihr Joch ist sanft, und ihre Lasten sind leicht.

Salzach
Aus Juvaviens Bergen ström` ich, das Erzstift zu salzen,
Lenke dann Bayern zu, wo es an Salze gebricht.

Der anonyme Fluss
Fastenspeisen dem Tisch des frommen Bischofs zu liefern,
Goss der Schöpfer mich aus durch das verhungerte Land.

Les fleuves indiscrets
Jetzt kein Wort mehr, ihr Flüsse! Man sieht’s, ihr wisst euch so wenig
Zu bescheiden, als einst Diderots Schätzchen getan.

(aus Friedrich Schillers Xenien, 1796)


Stichworte:
 
 
 

Ein Kommentar zu “Die Flüsse”

  1. Stan Lafleur
    14. Juni 2011 um 10:47

    Was wollte Schiller mit diesen Distichen sagen? Das ein oder andere erschließt sich nicht unbedingt auf den ersten oder auch zweiten Blick. Hilfreiche Erläuterungen zu Anspielungen und historischem Umfeld finden sich z.B. bei Wissen-im-Netz.info:

    Rhein: Die Schweizer dienten häufig als Leibwachen an fremden Höfen, besonders am französischen, und waren wegen ihrer Treue berühmt.
    Rhein und Mosel: Die Rheingegenden bis zur Moselmündung haben viele Dichter hervorgebracht; unterhalb derselben war sein Gebiet für die Poesie unfruchtbar geblieben.
    Donau in Baiern und Oesterreich: Die Bewohner beider Länder werden mit den aus Homers Odyssee bekannten Phaeaken verglichen, die sich unter Alkinoos einem üppigen und behaglichen Leben überließen.
    Main: auf die Patrizierfamilien in Frankfurt zu beziehen, denen auch Goethe verwandt war.
    Saale: eine Huldigung, die den thüringischen Herzögen dargebracht wird.
    Ilm: durchfließt Weimar, Deutschlands damalige Dichterhochburg.
    Pleiße: ein Nebenflüßchen der zur Saale gehenden Weißen Elster, an dem Leipzig liegt, dessen Poeten und Prosaiker vor Schiller wenig Gnade fanden.
    Elbe: ein Hieb auf Johann Christoph Adelung, der nur den Meißner Dialekt als den einzig echt deutschen gelten lassen wollte.
    Spree: erinnert an Karl Wilhelm Ramler in Berlin, der in seinen Oden auf Friedrich den Großen ein deutscher Horaz zu werden anstrebte.
    Gesundbrunnen zu Carlsbad: in Böhmen, wohin Schiller einer Kur wegen gereist war.
    Pegnitz: ein Quellfluß der in den Main fließenden Regnitz. Sie fließt bei Nürnberg vorbei, das seit Hans Sachs keinen Dichter mehr hervorgebracht hatte.
    Die (geistli)chen Flüsse: dh in geistlicher Herren Länder, wo ihnen (einem Bibelspruch gemäß) keine großen Lasten aufgebürdet werden, indem die fetten Pfründe die Gebieter doch ernähren. Salzach: ein Nebenfluß des Inn, der bei Salzburg, der damaligen Hauptstadt des gleichnamigen Erzbistums vorüberfließt, das bei den Alten Juvavia hieß. Das Salz, an dem es Baiern gebricht, ist das attische Salz, dh der Witz.
    Der anonyme Fluß: ist die Fulda, der Hauptfluß des ehemaligen Bistums Fulda.
    Les fleuves indiscrets: dh die zudringlichen Flüsse, eine Anspielung auf einen Roman Denis Diderots: „Les bijoux indiscrets.“

Kommentar abgeben: