Monatsarchiv für Mai 2011

 
 

Theodor Herzl mit dem definitiven Rheinfallzitat

Das definitive, ultimative, ja reinkarnative (und hier (wie sovieles) bei rheinsein erstmals im Internet auftauchende) Zitat zum Rheinfall stammt wohl aus den 1883er Reisetagebüchern Theodor Herzls, dem Wegbereiter des Zionismus, und bildet als solches eine französische Sprachinsel der Hochvernunft im sonst deutsch-tosenden Gedankengewitter über unser aller Schaffhausen:

“24 Juli
(…) Enttäuschung von Konstanz! Gleichgültige, schmale, charakterlose Gassen, aber die Lage reizend am See. Und wenn man im säulengetragenen Refectorium des Inselhôtels opulent zu Mittag gegessen hat, dann ist es entzückend vom Balcon hinauszuschauen auf die meerhafte Fläche des Bodensees, auf die verschwimmenden Bergzacken am fernen jenseitigen Ufer. –

Selbigen Tags acht Uhr (Abend)
Allein gestanden auf der Eisenbahnbrücke oberhalb des Rheinfalls. – !

25 Juli
Am Känzeli beim Rheinfall!
Nicht nur der Rhein – auch jeder von uns hat sein Schaff­hausen, das ist: seine brausende, rauschende, stürmische Zeit, in der er seine junge Titanenkraft vergeblich an trotzigen Felsen bricht. Und wenn ein Sonnenstrahl fällt, so glänzen farbige Regenbogen der Poesie über ihm auf. Und alles umsonst! Wie der Rhein verlaufen wir schliesslich alle im Sand der Alltäglichkeit. Und dann kommen wir ins große Meer der Vergessenheit… –

25 Juli
Im Coupe.
On revient de tout – même de la chute du Rhin.”

(Anm. rheinsein: Man kommt von allem zurück – selbst vom Rheinfall.)

Otto Bierbaum passiert den Gotthard mit dem Automobil (2)

“(…) An dem berühmten Hospiz fuhren wir ohne Einkehr vorüber, froh, daß es nun im beschleunigten Tempo bergab gehen durfte. Die Bremsen bekamen jetzt scharfe Arbeit, denn das Gefälle nach Norden ist sehr streng. Wir begegneten auf dieser Seite vielen Touristen, während wir auf der Südseite keinen einzigen Rucksack erblickt hatten. Bald erschienen auch Wagen (hinter Andermatt sogar sehr viele), und, was schlimmer war, solche mit Schweizer Kutschern, die es für wichtiger halten, ausgiebig und laut zu schimpfen, statt sich um ihre Pferde zu kümmern. Zum Glück verstanden wir den Sinn ihrer wütenden Expektorationen nicht, da sie urnerdeutsch fluchten, also in einem Dialekt, der dem ans Hochdeutsche gewöhnten Ohre mehr wie eine unbegreifliche Anhäufung von Rachenlauten, denn als eine Abart deutscher Sprache erscheint. Wir beantworteten diese Konglomerate aus Ch-Lauten aufs freundlichste mit dem Gruße: Leben Sie wohl, mein Herr! und gaben uns im übrigen dem Anblick der hier wahrhaft grandiosen Natur hin. So gelangten wir glücklich, ohne irgend ein Pferd des Kantons Uri in ernstliche Verlegenheit gesetzt zu haben, über die Teufelsbrücke und schließlich nach Göschenen. Hier aber ereilte uns unser Geschick. Es hatte die Gestalt eines überlebensgroßen Polizisten, der sich wie ein Turm breitbeinig vor uns aufpflanzte, indem er abwechselnd äußerst laut und mächtig rief: Anhalte! Usschtiege! – Nun bin ich zwar ein Mensch voller Respekt vor der Polizei, zumal, wenn sie in überlebensgroßen Exemplaren auftritt, aber ich lege einigen Wert auf höfliche Behandlung. Und so sagte ich meinesteils: Sehr schön! Aber, bitte, schreien Sie nicht so und erklären Sie mir ruhig und sachlich den Grund Ihrer Aufregung. – Anhalte! Usschtiege! brüllte der Turm. – Wenn Sie so freundlich sein wollen und ruhig die Sachlage betrachten, erwiderte ich mit himmlischer Gelassenheit, so werden Sie unschwer bemerken, daß wir bereits halten, und ich kann Ihnen versichern, daß wir auch aussteigen werden, wenn Sie nur eine Andeutung darüber machen wollten, warum wir hier aussteigen sollen, wo wir keineswegs die Absicht haben, Station zu machen. – Diese längere und wohlgesetzte Rede besänftigte den Riesen von Uri, und er versicherte uns nun, unter deutlichem Ringen nach Höflichkeit, wir hätten nichts von ihm zu befürchten und möchten ihm auf die benachbarte Polizeiwache folgen, wo sich alles schnell schlichten werde. – Meine Frau sah sich schon in Kerkersbanden, Riegel meinte, das Gescheiteste wäre, den Turm umzufahren, ich aber war gerührt von dem Streben des Enaksohnes nach Urbanität und folgte ihm mutigen Schrittes in die Heimstätte der Urner Sicherheitsbehörde (wie meine Frau behauptet, hat es ausgesehen, als würde ein Klippschüler von seinem Lehrer in die Schule geschleppt). Was mir dort eröffnet wurde war dies: Die Polizei von Andermatt hat hierher telegraphiert: “Automobil hier durchgefahren; unmöglich es aufzuhalten” (Aha, dachte ich mir, die Andermatter haben keinen Riesen!) “Stellt es und verfügt nach dem Gesetze.” – Wieso? fragte ich; ist es nicht erlaubt, über den Gotthard zu fahren? – Doch, antwortete der Gewaltige, das ist erlaubt, und es ist auch erlaubt, im Kanton Uri zu fahren. – Na also! – Ja, aber es ist nicht erlaubt, von Andermatt nach Göschenen zu fahren. – Jetzt fängt der Riese an, Witze zu machen, dachte ich mir, denn das sah doch nicht anders, als wie ein Witz aus: Man darf zwar über den Gotthard fahren, muß aber in Andermatt wieder umkehren. Und ich entwickelte diesen Gedankengang ebenso logisch wie bescheiden. Aber weder meine Logik noch meine Bescheidenheit rührte den Mann des bewaffneten Gesetzes. Er sprach, und der Sinn seiner Rede war dies: Das mögen Sie mit dem Kanton Tessin ausmachen, der es erlaubt hat, über den Gotthard zu fahren. Wir in Uri erlauben eben bloß, von Göschenen weiter zu fahren. – Demnach hätte ich, fuhr ich unter andauernder Logik und Bescheidenheit fort, von Andermatt aus, da ja dort keine Eisenbahn ist, ein Ochsengespann mieten und meinen Wagen bis hierher durch die Tiere befördern lassen müssen, deren Kopf das Wappen dieses Freistaates ist? – Das hätten Sie allerdings müssen, antwortete der Turm, der mich selbst sitzend weit überragte, wenn Sie den Gesetzen hätten gehorsam sein wollen. Da Sie es aber nicht getan haben, müssen Sie nach dem Gesetze bestraft werden. – Wieviel kostet es? fragte ich mit schnellem Verständnis. – Zwanzig Fränkli antwortete prompt der Übermensch. – Wie, rief ich, und wegen 20 Fränkli muß ich aussteigen? Das hätten wir doch auch draußen machen können? – Nein, erwiderte der Riese, ich muß Ihnen eine Quittung ausstellen. – Und tats. – Ich empfing meine Quittung, überreichte ihm, zur Einverleibung in das Archiv von Uri, meine Visitenkarte, nahm Stellung, machte kehrt und begab mich in den Wagen, um, so lange wir auf Urner Boden fuhren, Meister Riegel beharrlich zur Langsamkeit zu mahnen, denn diesen Rat hatte mir das riesige Organ der Sicherheit von Uri noch mit auf den Weg gegeben: Schritt fahren, oder in jedem Falle sechs Franken Buße. (…)”

(aus: Otto Julius Bierbaum – Eine empfindsame Reise im Automobil, Berlin 1903. Der gesamte Text der frühen Cabrio-Reise von Berlin nach Sorrent und zurück an den Rhein ist ua im Projekt Gutenberg vorhanden.)

Otto Bierbaum passiert den Gotthard mit dem Automobil

“(…) Der Gotthard war uns als der einzige Schweizer Gebirgspaß bezeichnet worden, dessen Überschreitung mit Motorwagen gestattet sei, und in Bellinzona bestätigte man uns dies mit dem Hinzufügen, diese Erlaubnis sei allerjüngsten Datums, übrigens aber nicht viel wert, weil es sich von selber verbiete. Wenigstens sei ein Herr, des es kürzlich versucht habe, unverrichteter Dinge zurückgekehrt. – Durch solche Erzählungen muß man sich nicht irre machen lassen. Immerhin waren wir, als wir abfuhren, nicht gerade felsenfest überzeugt, daß wir über die 2111 Meter hinüber gelangen würden (…). Aber die Zuversicht siegte, und der Adlerwagen hat sie nicht zuschanden werden lassen. Wir sind um 10 in Bellinzona abgefahren und um 7 in Brunnen angekommen, ohne daß uns der alte Sankt Gotthard auch nur ein einziges Mal Veranlassung gegeben hätte, kleinmütig zu werden; wir haben ihn “glatt genommen”. Allerdings nach der Melodie “Immer langsam voran”, – sonst hätten wir zu 136,4 Kilometer nicht neun Stunden gebraucht. Aber es bleibt für einen einzylindrigen achtpferdigen Motor eine sehr respektable Leistung, einen großen Wagen mit drei Personen und schwerem Gepäck, im ganzen eine Last von 22 Zentnern, über diesen Berg zu schleppen. Bis Airolo geht es ja im allgemeinen ohne allzuscharfe Steigung ab; zwar erhebt sich der Weg von 232 Metern auf 1178 Meter, aber diese Steigung verteilt sich auf 57 Kilometer. Dafür muß dann die Steigung bis zur Paßhöhe, also von 1178 Meter bis zu 2111 Meter innerhalb sechzehn Kilometer genommen werden. Das läßt sich nicht im Galopp machen. Und wenn es sich machen ließe, ich weiß nicht, ob mans täte. Die Fahrt ist so wunderbar schön, daß man durchaus nicht den Wunsch hegt, sie abzukürzen. – Es ist vielleicht die abwechslungsreichste Fahrt gewesen, die wir überhaupt gemacht haben. Sie begann im Bereiche fast südlicher Vegetation in einem üppigen Rebenlande mit Edelkastanien und Feigenbäumen und führte in kahle Höhen, wo noch meterdicke Schichten eisig verhärteten Schnees lagen, senkte sich dann in eine nördliche Gebirgslandschaft mit wunderbaren Nadelholzwäldern und führte schließlich durch das herrliche Seegelände, das die Heimat der Tell-Sage ist. Erst heute haben wir Italien eigentlich verlassen, denn das Land südlich des Gotthards ist italienische Erde, wenn seine italienischen Bewohner auch schweizerische Eidgenossen sind. Doch hat die Zugehörigkeit zur Schweiz in der Tat den Typus etwas verändert. Sie sind schwerfälliger, als ihre Brüder jenseits der rot-weiß-grünen Grenzpfähle. Auch fielen mir die vielen blauen Augen auf, und aus dem Ausdruck dieser Augen, wenn sie unsern Wagen sahen, bildete sich mir das Wort kuhäugiges Erstaunen. Auch war uns auffällig, wie ganz anders sich diese schweizerischen Menschen, die Italiener sowohl wie die Deutschen, unserm Wagen gegenüber verhielten, als alle übrigen Menschen bisher. Wo wir sonst hielten, um Wasser nachzufüllen oder aus sonst einem mit dem Wagen zusammenhängenden Grunde, kamen die Leute von allen Seiten herbei und trachteten, den Motor so nahe und so genau wie möglich anzusehen, wobei sie es nicht unterließen, Fragen an Meister Riegel zu richten, mehr oder weniger lebhaft, je nach dem Temperament. Hier, in der Schweiz, nichts von alledem, obwohl gerade in dieser Gegend Laufwagen noch so gut wie unbekannt sind. Vielleicht, daß sich ein paar ganz junge Leute in fünf, sechs Schritt Entfernung aufstellen und das Ding mit äußerster Befremdung betrachten; das ist aber auch alles. Die anderen gehen mit einem Ausdruck vorüber, als wollten sie sagen: Gottlob, daß wir Enkel des Tell davon entfernt sind, derlei Unfug mitzumachen. Und, fährt man auch noch so langsam durch ein Dorf, stets finden sich einige, die mit Amtsmiene gebieten: Langsam fahren! Es scheint, als ob jeder einzelne sich des Umstandes bewußt wäre, daß es von seiner Stimmabgabe mit abhängt, ob künftig solche Maschinen auf diesem, ihrem Grund und Boden verkehren dürfen. Einen besonderen liebenswürdigen Eindruck macht dies nicht, und es verrät auch nicht übermäßig viel Intelligenz. Wir sollten es aber auch noch ganz direkt erfahren, von welcher Art die Freiheit sein kann, wenn Bauern von ihr schrankenlos Gebrauch machen dürfen. – Vorher ein paar Bemerkungen über die Gotthardstraße. Den Eindruck alter großer Kultur, wie er von der Brennerstraße ausgeht, macht sie nicht. Sie hat ja auch längst nicht deren Alter. Sie ist viel wilder, rauher, und sie erhält in ihren oberen Partien auf dem südlichen Teil noch etwas drohendes durch die Forts, mit denen die Schweiz den Berg gegen Italien befestigt hat. Diese Forts sind nicht etwa malerische Festungsbauten im alten Sinne, sondern höchst typische Erzeugnisse jener modernsten Festungsbaukunst, die mit lauter Faktoren zu rechnen hat, die es ihr geradezu verbieten, malerisch zu sein. Alles ist darauf angelegt, möglichst wenig bemerkt zu werden. Nur daß hie und da eine breite, flache, überaus mächtige Kuppel sichtbar wird, oder in kolossaler Höhe eine wie mit dem Felsen verschmolzene Bastion. Einen wunderlich idyllischen Gegensatz zu diesen ins Gebirge eingelassenen Verteidigungswerken bildete ein Schweizer Gotthardsoldat, der, im vollen Waffenschmuck des Kriegers, Helm auf, Säbel um, dasaß und die Umgebung mit Wasserfarben abmalte. Ein andrer aber, der, wie es schien, dazu befohlen war, verfolgte uns wohl eine halbe Stunde lang, bald vor, bald hinter uns auftauchend, indem er Abkürzungswege benutzte. Im übrigen begegneten wir oben keiner menschlichen Seele, hatten dafür aber Gelegenheit, eine ganze Rindviehprozession über ein Schneefeld zu beobachten. Schnee und Eis gab es überhaupt genug, aber in der Hauptsache nur über den Wasserläufen, nicht mehr auf der Straße selbst. (…)” Fortsetzung folgt.

(aus: Otto Julius Bierbaum – Eine empfindsame Reise im Automobil, Berlin 1903. Der gesamte Text der frühen Cabrio-Reise von Berlin nach Sorrent und zurück an den Rhein ist ua im Projekt Gutenberg vorhanden.)

Otto Bierbaum besucht den Rheinfall mit dem Automobil

“(…) Außer den Bergen, der Verschwendung in Rachenlauten und einer gewissen Wüstheit der Mädchen ist eine Hauptspezialität der Schweiz die gute Schokolade. Doch hat sich deren Süßigkeit dem Volkscharakter nicht mitgeteilt. Es scheint, daß die republikanische Staatsform mit Höflichkeit unvereinbar ist in diesem Lande. In Sachsen nennt man es “rungsig”, was die meisten Schweizer im Verkehr mit Fremden auszeichnet. Ausgenommen natürlich die Wirte. Doch ich will die Schweizer nicht schmähen. Was ihnen an äußerer Liebenswürdigkeit abgeht, ersetzen sie durch Biederkeit, – ein Wort, das man hier nicht mit Gänsefüßchen zu eskortieren braucht.

In Schaffhausen sahen wir uns natürlich den Rheinfall an, der sehr gut bei Wasser war und daher ein imposantes Schauspiel bot. Ein Herr neben uns erklärte freilich, der Niagarafall sei “bedeutender”, aber wir ließen uns dadurch in unserer Bewunderung für diese vaterländische Herrlichkeit nicht stören. “Vaterländisch”, – um Gotteswillen: wenn das ein Schweizer hörte! Aber es ist nun so: beim Worte Rhein denken wir, auch in der Schweiz, an Deutschland, auch wenn wir im übrigen eine Annektierung der Eidgenossenschaft durch das Reich nicht im Schild führen.

Die Schönheiten des jungen Rheins oberhalb Schaffhausen brauche ich Ihnen am wenigsten zu schildern, und es genügt, ganz kurz zu berichten, daß diese Landschaft von uns, auch von meiner Frau, mit als eine der schönsten empfunden wurde, deren Genuß uns diese ganze, herrliche Reise beschert hat. Ewig unvergeßlich wird uns zumal die kurze Fahrt durch das kleine Wäldchen kurz vor Stein am Rhein bleiben. (…)”

(aus: Otto Julius Bierbaum – Eine empfindsame Reise im Automobil, Berlin 1903. Der gesamte Text der frühen Cabrio-Reise von Berlin nach Sorrent und zurück an den Rhein ist ua im Projekt Gutenberg vorhanden.)

Gruß aus Düsseldorf

Gruss-aus-Duesseldorf

“Solang der Rhing no Holland flüsst, / Die Düssel sich en der Rhing ergüsst, / Steht Düsseldorf an eschte Stell / Als Radschlägerstadt on Mostertquell.”

Maximaler Rheingewinn

maximaler-rheingewinn

Der Rhein ist längst kapitalisiert. Bestimmte Rheinabschnitte, wie etwa auf Höhe der Leverkusener Bayer-Fabriken, sind Werksgelände und für den Normalbürger gesperrt. Die Tourismusbranche hält ganze Dörfer im Griff. Auswüchse progressiver Rheinkapitalisierung unter Verwendung seines identitätsstiftenden Namens finden sich überall an seinen Ufern (vielleicht weniger in den Niederlanden, rheinsein wills künftig erproben). Unser Screenshot (noch aus dem vergangenen Jahr, inzwischen hat sich der Slogan dynamisch verändert) bezeugt ein Wortspiel, mit dem das Unternehmen BPS Personalmanagement seine Vorstellungen (Visionen?) unter Zuhilfenahme des weltberühmten, hier zudem noch grafisch betonten Flußnamens auf seiner Website zentriert zu einem aus romantischer Perspektive womöglich fragwürdigen, dafür umso kräftigeren Slogan bündelt, dem jedenfalls auch von poetischer Seite, also außerhalb des Krämerkontexts, etwas abgewonnen werden könnte: Rheingewinn: das bedeutet ja wohl Gewinn an Rheinischkeit, Rheinheit, Wassertiefe, Imflußbefindlichkeit, Identität, implizit natürlich auch Talern, bedeutet Nibelungengelungenheit (und zwar ganz besondere), bedeutet, auf spiritueller Ebene den Zusammenschluß von Dasein und lokalem Naturfänomen, Kraft durch Wasser, Ergebenheit in die Zyklik, Leben in der Vorstellung, ein Tröpfchen zu sein, das, vom Felsen ausgeschwitzt, seine lange Reise zum Meer hin antritt, von dessen Oberfläche es verdunstet, bis es sich einer Wolke mengt, um schließlich abzuregnen, zu versickern, Fels oder Boden zu durchdringen und als Quelle wieder auszutreten, wobei sinnigerweise der Weg als Ziel zu gelten hat.

Aus dem Internet-Formular V100 der Deutschen Rentenversicherung

9 Sonstige Angaben

9.1 Haben Sie Anwartschaft oder Anspruch auf eigene Versorgung nach beamtenrechtlichen Vorschriften oder Grundsätzen oder entsprechenden kirchenrechtlichen Regelungen aus einem öffentlich-rechtlichen Dienstverhältnis oder Arbeitsverhältnis? (bitte Festsetzungsblatt über die ruhegehaltfähigen Dienstzeiten beifügen)

9.2 Beziehen oder bezogen Sie bereits eine Rente aus eigener Versicherung oder haben Sie eine solche beantragt (auch im Ausland)?

9.3 Bestand oder besteht für Sie eine Versicherung bei der Künstlersozialkasse?

9.4 Haben Sie auf einem Rheinschiff eine Beschäftigung oder eine selbständige Tätigkeit ausgeübt?

9.5 Haben Sie einem Zusatz- oder Sonderversorgungssystem im Beitrittsgebiet angehört? Waren Sie hauptamtlicher Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit/Amtes für nationale Sicherheit, ohne in das Sonderversorgungssystem für Angehörige des Ministeriums für Staatssicherheit/Amtes für Nationale Sicherheit einbezogen
worden zu sein (z.B. Offizier im besonderen Einsatz – OibE -/Hauptamtlicher Informeller Mitarbeiter -HIM -)?

9.6 Haben Sie Ansprüche oder Anwartschaften nach dem (am 28.02.1991) geschlossenen Pensionsstatut der Carl-Zeiss-Stiftung Jena erworben, die ggf. auch abgefunden wurden?

9.7 Sind Sie anerkannter Verfolgter im Sinne des Gesetzes über den Ausgleich beruflicher Benachteiligungen für Opfer politischer Verfolgung im Beitrittsgebiet (Berufliches Rehabilitierungsgesetz)? (bitte Bescheinigung der Rehabilitierungsbehörde beifügen)

Das Lachen der Hühner (3)

Gestern fand die offizielle Das Lachen der Hühner-Verlagspräsentation im Rahmen des Literaturklubs im Theater „die wohngemeinschaft“ in Kölns Belgischem Viertel statt. Zunächst las Holger Hegemann aus seinem entstehenden Erzählwerk über eine jüdische Familie im Köln der 30er Jahre. Nika Bertram brachte aus den Tiefen ihrer Schubladen einen unveröffentlichten, leicht experimentell gehaltenen Text aus der Prä-Facebook-Ära, der sich mit durchcomputerisierter Zukunft, aus heutiger Sicht ergo: der Gegenwart befaßte. Dazwischen Adrian Kasnitz` legere Moderation und ein junger Singer/Songwriter namens Diar, der direkt von Myspace hinzugestoßen war. Das alles war rund und gut und hielt die schwanke Waage zwischen E und U auf genau die Art und Weise am Pendeln, die wir so schätzen. Die Präsentation des Gedichtbands war als Schlußakt der Wortbeiträge vorgesehen. Weil viele, selbst gebildete Deutsche nördlich der Bodenseeregion kaum etwas über Lage, Struktur, Einwohnerzahl etc Liechtensteins, von dem Das Lachen der Hühner handelt, wissen, ließen wir als Bühnenbild eine exzellente geografische Straßenkarte des Fürstentums projizieren. Dank modernster Beamertechnik allerdings ging die Kartenprojektion viel zu sehr in die Breite, sodaß bereits die simple Erklärung, der Zuschauer solle sich das Land nun bitte nicht ganz so ausgedehnt vorstellen, sondern in vertikaler Achse etwa um die Hälfte zusammengestaucht, beim selbstbewußten Großstadtpublikum für einige Lacher sorgte, die fortan beinahe jede Erläuterung zur Landesstruktur wie liechtensteinischen Eigenheiten und Vorhaben, völlig unabhängig davon wie ernsthaft sie vorgebracht war, begleiteten. Eingebettet in diese wie beiläufig entstandene Atmosfäre des Amusements über ein unbekanntes Exotenvolk, kam etwa die Hälfte des Bandes zum Vortrag. Die Sonette wurden, wie es hoher Dichtung gebührt, deutlich andächtiger aufgenommen. Nach dem Vortrag kam die Frage, warum wir denn keine eigene TV-Show hätten. „Ja, sieht man jetzt sowas im TV?“, lautete die Rückfrage. „Schon, aber nicht so gut.“ Was nicht ist, kann noch werden. Aus rheinsein ist ja binnen zwonhalb Jahren bereits einiges kaum Voraussehbare geworden. So wird rheinsein tatsächlich bald seine erste Show starten – vorerst nicht im Fernsehen, sondern im Heimathirsch. Wer, was, wo und wann genau das ist, verkünden wir an dieser Stelle noch zeitnah in zusammenhängenden Worten.

Klopstock

Über Klopstock kursiert vornehmlich, er sei seinerzeit einflußreich gewesen, weil sich an seinem Messias eine Zeitenwende der deutschen Dichtung festmachen lasse. Rezitiert wird das Werk eher selten. Nicht erst unter unseren Kommilitonen hieß es in den 90ern, der Messias sei allerdings unlesbar. Klopstock wird weiter gelehrt und bisweilen verfochten (wie etwa von Arno Schmidt). Zwei Gedichte zu rheinischen Weinen hat Klopstock verfaßt, vom folgenden sprach Mme de Staël im vergangenen Eintrag:

Der Rheinwein

O du, der Traube Sohn, der im Golde blinkt,
Den Freund, sonst niemand, lad` in die Kühlung ein.
Wir drei sind unser wert, und jener
Deutscheren Zeit, da du, edler Alter,

Noch ungekeltert, aber schon feuriger
Dem Rheine zuhingst, der dich mit auferzog,
Und deiner heißen Berge Füße
Sorgsam mit grünlicher Woge kühlte.

Jetzt, da dein Rücken bald ein Jahrhundert trägt,
Verdienest du es, daß man den hohen Geist
In dir verstehen lern`, und Catos
Ernstere Tugend von dir entglühe.

Der Schule Lehrer kennet des Tiers um ihn,
Kennt aller Pflanzen Seele. Der Dichter weiß
So viel nicht; aber seiner Rose
Weibliche Seele, des Weines stärkre,

Den jene kränzt, der flötenden Nachtigall
Erfindungsvolle Seele, die seinen Wein
Mit ihm besingt, die kennt er besser,
Als der Erweis, der von Folgen triefet.

Rheinwein, von ihnen hast du die edelste,
Und bist es würdig, daß du des Deutschen Geist
Nachahmst! bist glühend, nicht aufflammend,
Taumellos, stark, und von leichtem Schaum leer.

Du duftest Balsam, wie mit der Abendluft
Der Würze Blume von dem Gestade dampft,
Daß selbst der Krämer die Gerüche
Atmender trinkt, und nur gleitend fortschifft.

Freund, laß die Hall, uns schließen; der Lebensduft
Verströmet sonst, und etwa ein kluger Mann
Möcht, uns besuchen, breit sich setzen,
Und von der Weisheit wohl gar mit sprechen.

Nun sind wir sicher. Engere Wissenschaft,
Den hellen Einfall, lehr uns des Alten Geist!
Die Sorgen soll er nicht vertreiben!
Hast du geweinte, geliebte Sorgen,

Laß mich mit dir sie sorgen. Ich weine mit,
Wenn dir ein Freund starb. Nenn ihn. So starb er mir!
Das sprach er noch! nun kam das letzte,
Letzte Verstummen! nun lag er tot da!

Von allem Kummer, welcher des Sterblichen
Kurzsichtig Leben nervenlos niederwirft,
Wärst du, des Freundes Tod! der trübste;
Wär sie nicht auch, die Geliebte, sterblich!

Doch wenn dich, Jüngling, andere Sorg` entflammt,
Und dirs zu heiß wird, daß du der Barden Gang
Im Haine noch nicht gingst, dein Name
Noch unerhöht mit der großen Flut fleußt;

So red`! In Weisheit wandelt sich Ehrbegier,
Wählt jene. Torheit ist es, ein kleines Ziel
Das würdigen, zum Ziel zu machen,
Nach der unsterblichen Schelle laufen!

Noch viel Verdienst ist übrig. Auf, hab es nur;
Die Welt wirds kennen. Aber das edelste
Ist Tugend! Meisterwerke werden
Sicher unsterblich; die Tugend selten!

Allein sie soll auch Lohn der Unsterblichkeit
Entbehren können. Atme nun auf, und trink.
Wir reden viel noch, eh des Aufgangs
Kühlungen wehen, von großen Männern.

Mme de Staël über Unterschiede im (gegenseitigen) intellektuellen Verständnis links und rechts des Rheins

“(…) Les hommes de génie de tous les pays sont faits pour se comprendre et pour s`estimer; mais le vulgaire des écrivains et des lecteurs allemands et français rappelle cette fable de la Fontaine, où la cigogne ne peut manger dans le plat, ni le renard dans la bouteille. Le contraste le plus parfait se fait voir entre les esprits développés dans la solitude et ceux qui sont formés par la société. Les impressions du dehors et le recueillement de  l`âme, la connaissance des hommes et l`étude des idées abstraites, l`action et la théorie donnent des résultats tout à fait opposés. La littérature, les arts, la philosophie, la religion des deux peuples, attestent cette différence; et l`éternelle barrière du Rhin sépare deux régions intellectuelles qui, non moins que les deux contrées, sont étrangères l`une à l`autre. (…)”

(aus: Oeuvres complètes de Mme de  Staël: De l`Allemagne. Seconde partie. De la littérature et des arts. Chapitre premier. Pourqoui les Français ne rendent-ils pas justice à la littérature allemande?)

“(…) La poésie française, étant la plus classique de toutes les poésies modernes, est la seule qui ne soit pas répandue parmi le peuple. Les stances du Tasse sont chantées par les gondoliers de Venise; les Espagnols et les Portugais de toutes les classes savent par cœur les vers de Calderon et de Camoëns. Shakspeare est autant admiré par le peuple en Angleterre que par la classe supérieure. Des poèmes de Goethe et de Bürger sont mis en musique, et vous les entendez répéter des bords du Rhin jusqu`à la Baltique. Nos poëtes français sont admirés par tout ce qu`il y a d`esprits cultivés chez nous et dans le reste de l`Europe, mais ils sont tout à fait inconnus aux gens du peuple et aux bourgeois même des villes, parce que les arts en France ne sont pas, comme ailleurs, natifs du pays même où leurs beautés se développent. (…)”

(Dortselbst. Chapitre XI. De la poésie classique et de la poésie romantique.)

“(…) Klopstock a souvent beaucoup de grâce sur des sujets moins sérieux: sa grâce tient à l`imagination et à la sensibilité; car dans ses poésies il n`y a pas beaucoup de ce que nous appelons de l`esprit; le genre lyrique ne le comporte pas. Dans, l`ode sur le rossignol, le poëte allemand a su rajeunir un sujet bien usé, en prêtant à l`oiseau des sentiments si doux et si vifs pour la nature et pour l`homme, qu`il semble un médiateur ailé qui porte de l`une à l`autre des tributs de louange et d`amour. Une ode sur le vin du Rhin est très-originale: les rives du Rhin sont pour les Allemands une image vraiment nationale; ils n`ont rien de plus beau dans toute leur contrée; les pampres croissent dans les mêmes lieux où tant d`actions guerrières se sont passées, et le vin de cent années, contemporain de jours plus glorieux, semble recéler encore la généreuse chaleur des temps passés.
Non – seulement Klopstock a tiré du christianisme les plus grandes beautés de ses ouvrages religieux, mais comme il voulait que la littérature de son pays fût tout à fait indépendante de celle des anciens, il a tâché de donner à la poésie allemande une mythologie toute nouvelle, empruntée des Scandinaves. Quelquefois il l`emploie d`une manière trop savante; mais quelquefois aussi il en a tiré un parti très-heureux, et son imagination a senti les rapports qui existent entre les dieux du Nord et l`aspect de la nature à laquelle ils président. (…)”

(Dortselbst. Chapitre XII. Des  poëmes allmands.)

Wir danken unserem Korrespondenten Roland Bergère fürs Aufstöbern und häppchengerechte Servieren. Mme de Staëls Gedanken ufern sehr viel weiter aus, als wir hier darstellen mögen, und sind tiefere Einblicke wert. Klopstock!, sagen wir nur. Der Originaltext findet sich ua bei Google Books.