Gorrh (14)

Gorrh, nach Totalverlust aller Gewißheiten, zwangsbejackt, unter Einfluß oral zugeführten Felgenreinigers, vollführt einen radikalen Therapieschritt zur Wiederaneignung verlorener Deutungsverfahren, läßt Licht durch seine Pupillen einbrechen und auf den Netzhäuten tentakeln. Kitzelt bißchen in der abgestorbnen, polymer erneuerten Hirnrinde: gewiß, da war einst was und jetzt ist es fort. Also: ungewiß. Düster und voller geheimer Märchenfächer. Dräuend geradezu, wenn nicht pulsend. Falls überhaupt. Als beugten sich bereits Generationen von Regalbrettern unter deponiertem Beschreibungsmaterial, welches ebenfalls auf Produkten aus verstümmelten, gemetzelten Bäumen gespeichert läge, wölbten sich freundlich über Gorrh, während Buchstaben wie Staub aus ihnen herausfielen, und mit den Staubstaben der Sinn, und mit dem Sinn der Unsinn, und mit dem Unsinn die Rückkehr ins Statthafte. Aber sicher ist Gorrh sich darüber bei weitem nicht. Buchstaben, denkt Gorrh, soso!  Ganz zufällig saugt Gorrh einen von den Filzstiften an, die ihm der Doktor überlassen hat. “Getz probier ich ma wat.” Mit gelbem Filzer zwischen den Lippen kritzelt Gorrh aufn Behandlungstisch:

das ist unser Grün! so wertfrei, total funktionslos
im Gegensatz zur wahren Erfahrung, der Einnahme
von Grün, dem Grün(Überstrich), der moosigen
Kokoloratur von Wochenendnennern. da hockt
Roman Bünzel im Geweihfarn! die Rübe platt
vom konzentrischen Geschrei der Baumringe

KAMPF dem Zurschaustellen unserer Wälder als
innere Tapete! ((eichendorffsche Einsprengsel
nicht zwingend von seitwärts: hörst nicht du
x-same Totholzschalmeien?)) EH; WIR KENNN
UNS: AUSsa BandbREITenbranche. kuckuck,
kuckuck!
geht’s (mit Anfassen, Abschneiden,
Ausbluten lassen) im Galeriewäldchen der er-

weiterten Innenstadt: so gehts! wir haben doch
damals so gut wie alles eingenommen beim kuck-
uckschlucken!  das is der TOTALE WALD, UNSER
DEUTSCHER! (dann Massenentspannungsszenen;
schallgedämpfte Förster mit schnellen eleganten
Bewegungen, die Gamsbärte ham sie voll im Sack

Gorrh bricht nach langem Nachdenken ab: “Geilomat, mein erstes gutes Gedicht!: mythisch, klar, aber nicht zu eindeutig, reichlich historische Bezüge, jede Menge moderne Klangfarben, zureichend Interpunktion, Titel fehlt noch; daß das nur virtuelle Förster sind, mal schaun, die offene Klammer, der versteckte Clou am Schluß, obs jemand merkt?; reich ich jedenfalls demnächst ein.”


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17 Kommentare zu “Gorrh (14)”

  1. der tuemler
    8. Mai 2011 um 19:41

    nach ihrer spitzen bemerkung in der lyrikzeitung folgt also nun hier ein beispiel-gedicht “nach verlust aller gewissheit”. wollen sie so den kritikern gerecht werden? es ist eben nicht so einfach, ein gutes gedicht nach modernen anforderungen zu schreiben wie sie hier suggerieren. das ist nämlich kein gutes gedicht!

  2. akg
    9. Mai 2011 um 09:09

    vor lauter bäumen könnte der titel heißen oder auch vor lauten bäumen oder hinter lauter vorlauten bäumen. mir gefällts! ganz, ganz tolle mönsterlÿrik!

  3. Sprötelchen
    10. Mai 2011 um 10:27

    Wenn Monstergötter Gedichte schreiben würden ;-) Ich find das Gedicht Oberklasse!

  4. Susanne Werner
    10. Mai 2011 um 10:43

    Ein schönes Gedicht ist das nicht, eher ein bisschen ekelhaft, aber was soll man erwarten, wenn solche Monster Gedichte schreiben. Aber die Idee von einem dichtenden Monster Gorhh finde ich eigentlich super. Zwar verstehe ich nicht alles an dem Gedicht, aber jetzt bekomme ich Lust, auch mal sowas zu schreiben. Aber wohl nicht so übetrieben ekelig, sondern mehr so, wie man sich ein Gedicht eigentlich vorstellt. Darf ich Ihnen das dann hierhin schicken?

  5. stan lafleur
    10. Mai 2011 um 10:51

    Schicken Sie nur, Frau Werner, ich bin gespannt. Sollte sich darin Gorrhs handzahme Hälfte lyrisch entfalten, hätten wir wohl, wenngleich virtuell, das erste schizoide Dichtermonster der Literaturgeschichte vorliegen.

  6. perlmann
    10. Mai 2011 um 17:33

    das ist doch überhaupt kein gedicht. und wieso soll gorrh ein monster sein, kapier ich nicht. der scheint mir doch ein ganz normaler patient. halt ein nicht ganz so normaler.

  7. gera
    10. Mai 2011 um 22:41

    Hab ich’s nicht immer gesagt?
    Dieser Gorrh kommt noch mal ganz groß raus!

    Möglicherweise sollten Sie, Stan Lafleur, ihr persönliches Ich diesem erfolgreichen Untier unterordnen. Oder fällt das unter Totalverlust allen Gewissens? Man weiß es nicht.

  8. anonym
    11. Mai 2011 um 10:31

    Ein riesiges, pelziges Monster
    Sitzt grummelnd hinterm Ginster
    Es hat nichts wirklich Schlimmes vor
    Es ist der herzensgute Gorrh

  9. henners alte schlägerkappe
    11. Mai 2011 um 14:29

    gorrh, o gorrh!
    die revolución hast du aufgegeben
    für ein kautschkartoffellleben
    du bist deinen namen nicht mehr wert
    du bist das heimchen hinterm herd
    du bist anstatt die welt zu gestalten
    nur noch der brei im mund eines alten
    gorrh, o gorrh, you ll never come back
    selbst wenn man dich im arsche leckt
    o gorrh! o gorrh!

  10. nochn Gedicht
    12. Mai 2011 um 13:40

    Gorrh, hochbesorgt um das Glück seiner Pferde
    die spielenden Kinder am Rande des Schachs und
    hätten sie Augen wie Froschlaich es nützt nichts

    der Fallout, der Burnout, die Crèmes gegen
    Selbstmord. Sie stehen am Glücksrad, es dreht
    sich ihr Kopf. Gorrh, der das weiß, steht dabei

    er grinst nur, weil er sich Glück für die Pferde
    erhofft. Gorrh verkauft ein weiteres Nierstück
    bis dann läuft er rückwärts durchs Hamsterrad

    Ich hab mir im Selbstversuch einen Totalverlust aller Gewißheit angeeignet und mich dann mit einem meine üblichen Denkstrukturen sprengenden Gedicht überrascht. Da müsste noch viel mehr gesprengt werden, dachte ich dann, da stehen ja noch Wörter und Sätze aus Buchstaben und sie stehen in Bezügen, also ganz und gar neu war mir das dann doch nicht.

  11. der tuemler
    12. Mai 2011 um 13:53

    wieso ist das eigentlich ein gelber filzer, mit dem er grünes schreibt? milautzcki bringt in der lyrikzeitung jetzt auch noch das gelb/grün-ding ins spiel. ist das ein code für ihre übereinstimmung? wieso gelb? wieso grün?

  12. Sigrid Löffler
    12. Mai 2011 um 15:03

    Gelb und grün als ein genuin Gleiches? Ein subtiler Hinweis auf Goethe, in dessen Farbenlehre nur zwei reine Farben existieren, Blau und Gelb. Die übrigen sind deren Abstufungen und unrein.
    So distanziert sich der Autor von anerkannten Gewissheiten (Newtonsche Otik)und räumt freakhaften Randdenkern Vorrang ein. Ein poetisches Bekenntnis zum Ungewissen, Vagen und schleierhaft Raunenden – dem wahren Born des Poetischen.

  13. Chant de Gorrh
    13. Mai 2011 um 13:01

    Am Morgen als sie meinen Namen googelten
    ermüdet davon mich in Rockposen zu ergehen
    vor Kritikern die wieder alles gonorrhtronisch
    mißverstehen im Dämmern bevor wir kugelten

    hudelten jubelten reihenweise Zähne verloren
    in röhrenden Wohnzimmern diese Plastikgebisse
    einer wildfremden Bedeutungsebene als wir uns
    durch uns selbst dividierten und plötzlich nur

    noch unterm Nenner dastanden sobald also der
    Saft auslief Heimatlosgkeit und zuklappende
    Agglo an der schließlich niemand mehr haftete
    in einer abstrakten Umgebung ohne Mehrwert

  14. Susanne Werner
    13. Mai 2011 um 18:34

    Es war nicht so leicht, aber die anderen Beiträge haben mich auch ermutigt. In die Literaturgeschichte wird es aber bestimmt nicht eingehen. So geht also mein Gedicht über Gorhh:

    Die Welt rennt vor mir davon
    Bin ich aus dem Ei geschlüpft?
    Von einer Jugfrau geboren?
    Mein Herz ist zu weit dies alles zu fassen
    So vieles verliert sich in engen Gassen
    Wenn man hinter sich selber steht
    Und die Welt rennt davon

  15. stan lafleur
    13. Mai 2011 um 18:36

    Vielen Dank, Frau Werner. Ich reich es der Literaturgeschichte zum Urteilsspruch weiter.

  16. nochn Gedicht
    13. Mai 2011 um 19:10

    Da sitzen die Monster im Park. Hand in Hand
    mit zusammengekniffenen Lippen und tragen
    Partnerlook. Es ist Mai, die schöne Zeit!

    Die Monster ärgern sich über den Kinderlärm
    Über intolerante Hundehasser. Sie rümpfen
    die Nasen, es herrscht Pollenflug – im Mai!

    Ihre Hunde springen geifernd herbei. Es
    sind zwei. Ein kleiner. Und einer, von dem
    weiss man nicht so recht. Doch es ist Mai!

    Die Amseln hüpfen zuversichtlich durch das
    fingerhohe Gras. Das Grünflächenamt entsendet
    seine überholten Mähfahrzeuge. Es ist Mai!

  17. in|ad|ae|qu|at : Litblogs.net | Lesezeichen 2 | 2011
    27. Juli 2011 um 07:14

    [...] Gorrh (14) von Stan Lafleur in rheinsein [...]

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