Neozoen in Köln

Der Kölner Stadt-Anzeiger berichtet heute über zahlreiche Neozoen im Kölner Großstadtdschungel. Kein wahnsinnig heißer Artikel, denn viele der erwähnten Tiere sind bereits seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten im Stadtbild präsent. Ob eingeschleppt, freigelassen oder freiwillig auf Stippvisite: genannt werden Marderhund (den wir allerdings noch nicht selbst erblicken konnten und den die Zeitung mittels einer gerüchtweisen Sichtung anführt), Halsbandsittich, Wasserschildkröte, Kaninchen, Nil- und Kanadagans. Das klingt schon ein wenig nach Vorfreude aufs Sommerloch. Die meisten Neozoen aber böte der Fluß:

“Auch im Rhein tummeln sich Dutzende Tierarten, die es dort vor 100 Jahren noch nicht gab. Georg Becker kennt sie alle, denn der Rhein fließt direkt durch sein Labor auf der Ökologischen Rheinstation der Kölner Universität. Aus einem Bottich an Bord des Forschungsschiffs fischt Becker eine Hand voll Muscheln. (Neue Rechtschreibung oder abgetrennter Körperteil?; Anm.: rheinsein) In einer moosigen Wanne lebt ein Kamberkrebs, nur von der mächtigen Wollhandkrabbe, deren Panzer etwa neun Zentimeter breit werden kann, hat er kein lebendes Exemplar im Labor. „Das ist ein beeindruckendes Tier. Beim Anblick der Krabbe haben mir schon Menschen gesagt, dass sie nicht mehr mit den Füßen in den Rhein gehen“, sagt Becker. (Ein schönes Bild drängt sich da auf: wie die Menschen aus Angst vor der Wollhandkrabbe nur noch auf Händen in den Rhein gehen; Anm.: rheinsein) Die Krabbe sei vor Jahrzehnten aus China als schwimmende Larve im Ballastwasser von Schiffen in den Rhein geschleppt worden. Auf gleiche Weise ist die asiatische Körbchenmuschel nach Köln gelangt. Wo immer man am Rheinufer im Sand oder Kies buddelt, stößt man auf die Schalen der Körbchenmuschel. „Auf einem Quadratmeter leben bis zu 1000 Jungmuscheln. Das ist die Art mit der höchsten Biomasse im Rhein“, weiß Becker. Bereits nach wenigen Jahren stelle sich heraus, ob sich eine neue Art durchsetzen könne oder nicht. Becker und sein Team untersuchen die Auswirkungen auf das Ökosystem im Fluss. So könnte der Höckerkrebs für den Rückgang des Artenreichtums am Niederrhein verantwortlich sein. Der Flohkrebs, eingeschleppt aus dem ponto-kaspischen Raum, soll bereits andere Flusskrebsarten verdrängt haben. Die Artenvielfalt im Rhein habe zuletzt jedoch stetig zugenommen. (Der Artenreichtum am Niederrhein nahm also ab oder wird dies hypothetischerweise noch tun, die Artenvielfalt im Rhein nimmt jedoch zu – klingt ganz nach höherer Naturlogik wie wir sie am liebsten mögen!; Anm.: rheinsein)

Die Muschelschalen sind in den Flachhangbuchten tatsächlich unübersehbar, von den Flohkrebsen konnten wir bisher ein einziges quicklebendiges Exemplar in einer zurückgebliebenen Hochwasserlache sichten. Kamber- und Höckerkrebs in freier Natur zu betrachten, gelang uns bisher nicht, wohl aber ein unbekanntes todbleiches womöglich alteingesessenes Krabbentier in einem Auslaufbauwerk. Die Wollhandkrabbe kennen wir nur aus Filmen. Was uns in dieser Stadt aber wirklich exotisch erscheint, ist das Auftauchen vielfältiger hochspezialisierter nonklassifizierbarer Insekten in seltsamsten Ausstattungen. Manche scheinen bestimmten Hausecken endemisch, andere wieder die Rheinstrände zu scannen. Darunter: Blutsauger, filigrane Flieger, brummig-pummelige Flieger, Hüpfer, Kampfstachler, Netzhautschmeichler. Darüber gibts bisher leider gar keine Artikel oder Gerüchte in breitenwirksamen Blättern.


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Ein Kommentar zu “Neozoen in Köln”

  1. gera
    6. Mai 2011 um 10:20

    “Blutsauger, filigrane Flieger, brummig-pummelige Flieger, Hüpfer, Kampfstachler, Netzhautschmeichler.”
    Diese wunderlich wegweisende Taxonomie für Insecta/Insektoide ersetzt in meinem fortschrittlichen Haushalt fortan Brehms Thierleben(Bd.2). Das freigewordene Fünftel Regalmeter? Schon reserviert für die dringend erwartete Fortsetzung “Gorhh und andere Grauenartige”.

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