Der junge Rhein

Anknüpfungspunkt Liechtenstein: nebst deutschen Multimilionären, die vornehmlich zum Zwecke des Bargeld-Versteckens das Fürstentum, insbesondere seine zahlreichen Treuhänder-Tiefgaragen, aufsuchten, gab und gibt es eine, wenngleich sehr viel geringere, Anzahl deutscher Dichter, welche zum Zwecke des Verstehens und Offenbarens in den Landstrich reisten. Zu diesen Dichtern gehört Richard Pietraß, der mehrere Monate in Triesenberg logierte, einer Walsergründung, die herrliche Ausblicke auf das Rheintal liefert und wohl auch eine passable Rückzugsklause abgibt. Letzteres ist, nebst vielen interessanten Seiteneinsichten, dem Tagebuch zu entnehmen, das Pietraß über seine liechtensteinischen Erlebnisse führte. In diesem Tagebuch findet sich auch ein Gedicht über den eingedeichten Alpenrhein, das von heutiger Energie, einstiger Zerstörungswut und überhaupt dem Wesen des Flußes auf seiner liechtensteinischen Passage spricht:

Der junge Rhein

Da geht er hin, die Taschen voller Steine, braust er auf
Ein schlingernder Rebell. Die Füße wund, von Stolperrainen
Die Arme schlaff und zwangsjackenversenkt.
Er lenkt nicht ein, nur notgedrungen. Schwenkt
Und schwankt, wie vor den Kopf gestoßen. Die Bauern
Schrumpften ihn zur leergefischten Rinne.
Und fürchten ihn, den Sämann runder Steine,
Die in Rüfen niederfuhren, aufgefangen
Von Händen, nackten, bloßen und von Wuhren.
In welche seine Pegel hoher Wogen flogen.
Mir das Tal und euch die sanften Hänge
War seine brüderliche Finte. Die Tinte war noch naß.
Da schlug er übern Strang und riß sie aus, die Pfähle.
Ich bin ein Fluß und steh an keiner Stelle.
Schaff mich fließend, überfließend, wenn ich muß.
Die Siedler haßten seine Beuteseele. Riefen Gott
In grimmer Kampfeslust. Nun haben sie den Zwist gewonnen.
Eng zwängt der Rhein sich in die Siechengruft.
Der Hüftenschwung ist ihm vergangen, das Schwarm-
Herz für ein Säkel matt. Der Überschwang rebellischer
Ranküne schläft tief im Blut, im Traum vom Kindheitsbett.

(aus: Richard Pietraß – Mit einem Bein in Liechtenstein. Ein Tagebuch, Faber & Faber, Leipzig 2007)


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