Monatsarchiv für Mai 2011

 
 

Durch den Kölner Norden (2)

Worringen bietet sich en passant als an die Hauptstraße geklatschte und dort ranzig gewordene Kulisse dar. “Die Wacht am Rhein” heißt eine Gaststätte. Sie ist verrammelt. Ein Bunker. Ein letzter Rückzugsort. Aber sicher keine Wacht. Der Gashändler verkauft auch Erdbeeren, Spargel und Räucheraal. Vater Rhein steht blätternd an einer Hausfront geschrieben. Der Fahrradweg ist beidseits befahrbar, jedoch nur eine Spur breit. Um ein mittelgroßes Auto herum bemerken wir aus dem Augenwinkel eine südländisch wirkende Gruppe, mit Gurken bewaffnet. Hinter Worringen ist Köln zuende und beginnt das Bayer-Werk Dormagen. Bayer-Werk heißt jetzt ChemPark. Chlor liegt in der Luft. Synthetisch Lauchiges. Undefinierbare, flimmernde Dämpfe wabern über und zwischen den futuristischen Bauten. Hier darf der Passant rheinlängs fortkommen, Bayer hat Hochleitungen über die Landstraße gebaut, um die Tankschiffe mit Flüssiggas abzufüllen. Was wir bisher stets vermieden: hinterm Bayer-Werk gibt es einen kleinen Abzweig nach Dormagen selbst. Er führt, in höchstens einer Minute, am Sportpark entlang durch ein Wäldchen hinein nach Chinatown und über das Gelände der Dormagener Tafel direkt in die Innenstadt. Eine ziemlich langgestreckte Fußgängerzone dehnt sich dort aus. Eine Einkaufszeile, typisch für Touristenorte – was Dormagen aber definitiv nicht ist. Auf dieser leicht überlängten Meile findet zur allgemeinen Ergötzung ein Informations- und Flohmarkttag statt. Ganze Garagen werden angeboten, obskure Kunstwerke und sinnloser Kitsch. Als Lockstoffe an den Standrändern liegen Kekse, Krümel und Nüsschen. Eine fade Fußgängerzone wie in vielen anderen Kleinstädten auch: „Der Schlesier“ verkauft östliche Wurstwaren. Die „super 10 haircompany“ gibt uns die (umgehend wieder verworfene) Idee, einen Wettbewerb für bescheuerte rheinische Friseurladennamen auszurufen. Hinter dem alten Rathaus auf halber Höhe der Fußgängerzone befindet sich das neue Rathaus. Ein Brunnen und Schilder enthalten Informationen zur Ortshistorie. Durnomagus war ein römisches Hilfstruppenlager. Das scheint bis heute durch. Weitere Brunnenskulpturen stellen ein übers gesamte Zentrum verteiltes Ensemble dar und wirken wie unaufgeräumtes, überdimensioniertes, knallbuntes Holzsteckspielzeug für Kleinkinder. Die Dormagener sind an diesem Samstag so gut wie alle in der Einkaufszeile unterwegs. Nur die Randgruppen halten sich etwas an deren Rand. Auffällig: ziemlich mitgliedsstarke, ständig untereinander variierende Truppen mit schwarzen Klamotten, Tattoos und Piercings ausgestatteter Jugendlicher, die sofort ihre mitgeführten Salatgurken verstecken, sobald sich ihnen ein Fremder nähert. Als Fremden erkennt man uns in Dormagen offenbar, oder schätzt uns als Fremdkörper ein. Skeptische bis mißbilligende Blicke, als wir das Fahrrad parken, empörtes Abwenden, als wir vor dem Rathaus das Notizbuch zücken. Nur der Buchhändler macht ein freundliches Gesicht, vielleicht ist er auf Kunden von außerhalb angewiesen. Als es zu tröpfeln beginnt, sehen wir uns zu Gedanken veranlaßt, ob es sich um echten Regen handelt oder um Niederschläge aus entwichenem Flüssiggas des nahen Werkkomplexes. Schnell versorgen wir uns mit einer der letzten noch erhältlichen Schlangengurken und verlassen den „Ort der Vielfalt“ (wie Dormagen für sich wirbt). Die Gurke kommt in den Rucksack: sobald die Aufstände losgehen, besitzen wir jedenfalls den Passierschein. Auf dem gesamten Heimweg bleibt es allerdings, bis auf ein Platzkonzert in Niehl, ziemlich ruhig.

Durch den Kölner Norden

Wer in Mauenheim (wo es, genau wie das berühmte Gedicht behauptet, stets herbstet) wohnt, wo wir in Mauenheim wohnen, wohnt sozusagen eigentlich schon fast in Niehl und als Niehler wohnt man nahezu direkt unterm Bayerkreuz, ist also praktisch Leverkusener. Der Rhein macht in dieser Gegend sehr hübsche Schleifen, deren Schönheit nur deswegen nicht auffallen will, weil die Ufer recht vernutzt sind. Wir radeln durch das alte Fischerdorf Niehl, dessen Einwohner sich einst in Dreiplankenbooten auf den Strom hinaus wagten. Seit die Ford-Werke gebaut wurden, setzen sie lieber Autos zusammen. Die Straßen sind recht leer und werden leerer, je weiter wir nach Norden vordringen, bis plötzlich ein Aussichtspunkt erreicht ist, über dem die Industrie ihre Rachen zur Drohgebärde aufzureißen scheint: Bayer auf der rechten Seite, Ford auf der linken. Einige Schilder zeigen an, was mit Fahrradfahrern passiert, die hier noch weiter wollen. Das Ford-Gelände muß also umgegangen werden, wobei das Umgehen eine Art Queren vorstellt, immer an Werkszäunen und Gleisen entlang, über bröckelnde, von der Natur angegriffene, menschenleere Wege, nur in der Ferne tauchen kleinere Gruppen auf und verschwinden sogleich wieder – reichlich irritierend, daß diese geheimnisvollen Leute allesamt Schlangengurken mit sich führen. Ansonsten gibt es den Imbiss Zur Hexenküche zu notieren – für den großen Slum-Lookalike-Imbissbudenwettbewerb. Am Wochenende ist dort nichts los, leicht vorstellbar jedoch ein Dienstagmittag, an dem die Lackierer dort um Wurst anstehen. Die Luft weist seifige Komponenten auf, dieweil der Himmel sich selbst überlagert wie x-fach gefalteter Stahl. Direkt hinter die Ford-Werke duckt sich Merkenich, an dessen Hauptstraße hockt ein Mann in einem Kabuff, als sei er der Ortschaftspförtner, das Kinn apathisch auf ein Exemplar Cucumis sativus gestützt. Merkenich ist rheinlängs hinterfahrbar. Dort erstrecken sich Naturschutzareale, dh ungemähte Wiesen, aus denen die Kreuzkröte vor zwei Jahren aufs Esso-Gelände auswanderte, wedelnde Holderbüsche, Pappelgeflirre. Köln beginnt nun mit erstaunlicher Ländlichkeit. Pferdekoppeln über Pferdekoppeln, glückliche Pferdemädchen, Erdbeerstände, Spargelstecher, Hofläden. Wir verweilen unter einem Rheinkasseler Kirschbaum. Schwebfliegen registrieren die Bewegungen unseres Stiftes beim Notieren, reagieren auf dessen Tänzchen wie die Kobra auf die Flöte des Schlangenbeschwörers. (Damit müßte sich doch was mit pekuniärem Niederschlag anstellen lassen!) An St. Amandus prangt ein Totenschädel. Die Kirchentünche ist lachsfarben, das mag auf einstigen Salmfang verweisen. Die Langeler Fährgastronomie korrespondiert im Nadelstreifen-Outfit mit der Rheinkasseler Kirche. Langel bietet einige Badebuchten, nicht ganz so hübsch wie die in Rodenkirchen, dafür weniger stark frequentiert. In den Auen ringsumher brüten Wiesenpieper, Stieglitz, Kiebitz, Girlitz, Firzling und weitere Vögel, die auf I lauten, wir entdecken zunächst einen Fasan, der den nächsten Rain entlanggockelt. Wiesensalbei, Klatschmohn, Ackerwinde, Margeriten („sehen aus wie kleine Spiegeleier / innen gelb und an den Rändern weiß / ausgefranst am Rand aber rund in der Mitte / genauso sieht sie aus die Margerite“ – wie Harald „Sack“ Ziegler einst treffend befand). Es piept aus den Wiesen, wir kiebitzen und crossen das Worringer Schlachtfeld.

Jägerlatein im Heimathirsch

Um Ostern begegneten wir auf unserem üblichen Nippeser Rundgang William Blask, der im Veedel in den letzten Jahren etwa 300 Gastrobetriebe initiierte. Schnell kam die Rede auf seinen neuen Club, den Heimathirsch. Der Pate bot eine Führung durch die Räumlichkeiten, die als Kulturkeller dienen sollen, an. Der Club verbirgt sich hinter einer leicht zu übersehenden Flügeltür der Mauenheimer Str. 4. Durch eine Gipshöhle geht es abwärts. Wir entern einen fensterlosen Raum mit bräunlicher 60er Jahre-Ausstattung. Das Unterteil eines angejahrten Buffetschranks dient als Tresen. Entlang der Wände karge, aber bequeme Sitzgelegenheiten. Ansonsten viel Platz zum Stehen, Tänzeln, Einherrobben etc. Der Eingangsbereich geht vermittels einer offenen Wand in den Bühnenraum über. Auf der 6-Quadratmeter-Bühne dominiert das Ledersofa, vor dem ein beiges Kuhfell ausgebreitet liegt. Über dem Sofa hängen Hirschgeweih und Wildschweinfell. Eine elektrisch ausfahrbare Leinwand für Projektionen aller Art soll noch angebracht werden. Der Pate fragt, ob wir uns in diesem Ambiente eine Literaturveranstaltung vorstellen könnten. Das allemal. Eher scheint die entscheidende Frage, ob die Nippeser das auch können.

Nun sind wir also unvermittelt (wenn auch nach all den Jahren des Aktivismus und hunderten Live-Auftritten nicht ganz wie die Jungfrau zum Kinde) im Laufe eines Spaziergangs zu einer eigenen Literaturschau “um die Ecke” gekommen. Wie langlebig sie sein wird, hängt vor allem vom Publikumszuspruch ab. Getauft wurde die Chose - passend zur Spielstätte – jedenfalls auf den vertrauenserweckenden Namen Jägerlatein. Als Botschafter vornehmlich heimatlich-rheinischer Themen in altem und neuem Lichte werden wir eigene und fremde Texte, sowie Kuriositäten zu wechselnden Themen-Schwerpunkten darbieten und jeweils ein bis zwei Gäste dazu laden.

Den Auftakt (die Premiere!) gibt es am Mittwoch, den 01. Juni mit dem Themen-Schwerpunkt Liechtenstein. Erwartet werden dürfen ua: ein Sauerkrautessen mit Alexandre Dumas, Neues über den Prometheus von Hinterschellenberg, Tipps für Schwarzgeld-Multimillionäre (falls anwesend), hymnische Verse auf die Weiblichkeit und den Straßenlärm, kniffliges Betonfrisurenraten, sowie das Unterlaufen jeglicher Erwartungen durch den Mann auf der Bühne.
Als Premieren-Gäste kommen Die Ableser, Stefan Reusch und Ismael Fischmord, mit literarischem Kabarett und wohl auch einem Liechtenstein-Text.

Rheinzitat (8)

“The Germans are exceedingly fond of Rhine wines; they are put up in tall, slender bottles, and are considered a pleasant beverage. One tells them from vinegar by the label.” (Mark Twain in: A tramp abroad)

Rheinische Grillimbisse

Im Jahr 1999 erschien bei Genie&Alltag unser Band grills sind ok mit Geschichten in und über Grillimbisse/n. Ein ungewöhnliches Buch voller Kurzgeschichten und Gedichte um Döner, Gyros, Hähnchenschlegel, Spezialteller und Currywurst: xerografiert, mit handbeklebtem Cover und Gastbeiträgen. Zwei  Geschichten wurden als Comic-Bearbeitungen (von M. H. W. Hornschuh) präsentiert. Und auf der Umschlag-Rückseite stand eine Top Ten-Liste für herausragende Grill-Taufnamen. Ca die Hälfte dieser Top-Grillimbißnamen war rheinisch verortet. Im Jahr 2011 existiert kaum noch einer dieser Imbisse. Lauteten die originelleren Namen vor gut einem bis zwei Jahrzehnten “Johnny`s PS Stube” (Karlsruhe), “Guten Tag” oder “Schöne Welt” (beide Düsseldorf), suchen wir nun nach der Essenz heutiger rheinischer Grillimbißnamensgebungsoriginalität. Erste Erkundungen ergaben die ersten drei Kandidaten:

Gyrostoteles (Köln)
Kismet Döner (Köln)
M. Rhein Grill & Pizzeria (Monheim)

Im Laufe der kommenden Wochen und Monate wollen wir weitere rheinische Grillimbißnamen sammeln und bitten unsere Leser dabei um Mithilfe. Die Sammlung soll über die Kommentarfunktion unter diesem Artikel wachsen. Es werden nur (im weitesten Sinne) rheinische Standorte berücksichtigt, weswegen wir nebst der (möglichst originellen) Namens- auch um Ortsangabe (wie oben vorgestellt) bitten. Aus den besten 100 jeder (noch zu findenden) Kategorie, so stellen wir uns das vor, werden wir dann die Sieger küren, evtl innerhalb einer großen Show mit allem Drum und Dran. Es könnte also sogar (im Notfall willkürlich vergebene) Preise geben, zumindest ist hier vom großen rheinsein-Gewinnspiel Rhein oder Seine?, das bisher niemand aufzulösen vermochte, noch einer übrig.

Laotse am Rheinfall

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(Bild: Lan-Huang Xe)

Walensee (3)

Grünschnabel, das neue Buch von Monica Cantieni, beschreibt über einige Seiten den Walensee, dessen Anblick bereits von der Zugstrecke Zürich-Sargans Wunder nimmt, mit den steil aufragenden Felsen, aus denen da und dort über Hunderte Meter die Wasser fallen. Ein kleiner Ausschnitt über die wenig bekannten ozeanischen Fähigkeiten des Walensees:

“(…) – Er kann richtig wild werden, der Walensee. Föhn ist hier selten, wenn er aber aufkommt, schlägt er alles. Er trägt dem See ganze Bäume zu. Die Touristen bekommen Gänsehaut von den großen Wurzeln, die aus dem Wasser ragen, sie bekommen Gänsehaut vom Wind, der das Schiff über den See jagt, und sie bekommen Gänsehaut von der Geschichte, dass nämlich hier und nirgends sonst in der Schweiz ein Dampfschiff untergegangen ist, abgesoffen mit Mann und Maus, das Ufer von Wellenbergen verschluckt, und über den Wellenbergen die Churfirsten, von Wolkenbergen verschluckt, kein Steg, kein Holz, nur wütendes Wasser und ein zischender Kahn, ein heulender Sturm, seither ist den Touristen mulmig auf der Überfahrt. Schon wenn ein Lüftchen geht, wird ihnen mulmig – zu Recht – und sie sind froh, wenn sie den Fuß hier an Land haben oder wieder drüben, auf der anderen Seite, wo sie am Sonntag die Straße verstopfen. Ja, der Wind kann hier bloß spielen, und plötzlich sticht ihn der Hafer, und der See beginnt anders zu riechen, riecht nach Tang, nach Fisch, als würde er alle Fenster aufreißen, bevor er anfängt zu kochen. (…)”

Monica Cantieni – Grünschnabel (Roman), Schöffling & Co, 2011
240 Seiten. Gebunden. € 19,95,  SFR 30,50

Rheinischer Traum

“Heute Nacht am Niehler Ufer, in den Schlaf gewiegt von den Rheinwellen und dem Verkehrsrauschen, hatte ich einen Traum von einem besseren Leben. Beim Morgenkaffee im Internetcafé fand ich völlig überrascht einen Ausschnitt daraus, “den stummen Schrei der Volksmassen”, als hätte man mir meinen Traum abgefilmt, in meinem Posteingang. Ein mir unbekannter Absender namens Leyton84 hatte mir einen Link zu Youtube geschickt. Der Link enthielt dieses Video:

Im Traum konnte ich den Handlungsort nicht bestimmen. Die Angaben zum Video verorten meinen Traum wie folgt: Puerta del Sol, Madrid, 0.00 Uhr. Aber könnte sich mein Traum nicht dennoch überall sonst abgespielt haben?”

(Eine zur Freigabe versendete Mail von Jochen Meier, hier in Ausschnitten wiedergegeben. Den Link haben wir mittels Einbetten des bezeichneten Videos ersetzt.)

Walensee (2)

walensee

Idyllischer Walensee zur blauen Stunde. Bei den fünf einzeln stehenden Pappeln am hinteren (Walenstädter) Seeende mündet die Seez. Hinter den Bäumen jene Talmulde, die sich der Rhein eines Tages als Bett suchen könnte. Auf dem Grund des Sees, gehen Gerüchte, horteten die Schweizer tonnenweise Lebensmittel für den Ernstfall: natürliche Kühlung.

Elsässische Sprichwörter

“Esch e hüss so gross wie de rhin, es passt doch numme eini frau nin.”

“Denne vun Milhüse esch`s égàl wenn d`Strosburier in de rhin brùnze.”

“Nùmme d`tote fisch schwimme met`m strom.”

“M`r soll nit geje de strom schwemme.”

Theodor Herzl mit dem definitiven Rheinfallzitat

Das definitive, ultimative, ja reinkarnative (und hier (wie sovieles) bei rheinsein erstmals im Internet auftauchende) Zitat zum Rheinfall stammt wohl aus den 1883er Reisetagebüchern Theodor Herzls, dem Wegbereiter des Zionismus, und bildet als solches eine französische Sprachinsel der Hochvernunft im sonst deutsch-tosenden Gedankengewitter über unser aller Schaffhausen:

“24 Juli
(…) Enttäuschung von Konstanz! Gleichgültige, schmale, charakterlose Gassen, aber die Lage reizend am See. Und wenn man im säulengetragenen Refectorium des Inselhôtels opulent zu Mittag gegessen hat, dann ist es entzückend vom Balcon hinauszuschauen auf die meerhafte Fläche des Bodensees, auf die verschwimmenden Bergzacken am fernen jenseitigen Ufer. –

Selbigen Tags acht Uhr (Abend)
Allein gestanden auf der Eisenbahnbrücke oberhalb des Rheinfalls. – !

25 Juli
Am Känzeli beim Rheinfall!
Nicht nur der Rhein – auch jeder von uns hat sein Schaff­hausen, das ist: seine brausende, rauschende, stürmische Zeit, in der er seine junge Titanenkraft vergeblich an trotzigen Felsen bricht. Und wenn ein Sonnenstrahl fällt, so glänzen farbige Regenbogen der Poesie über ihm auf. Und alles umsonst! Wie der Rhein verlaufen wir schliesslich alle im Sand der Alltäglichkeit. Und dann kommen wir ins große Meer der Vergessenheit… –

25 Juli
Im Coupe.
On revient de tout – même de la chute du Rhin.”

(Anm. rheinsein: Man kommt von allem zurück – selbst vom Rheinfall.)

Otto Bierbaum passiert den Gotthard mit dem Automobil (2)

“(…) An dem berühmten Hospiz fuhren wir ohne Einkehr vorüber, froh, daß es nun im beschleunigten Tempo bergab gehen durfte. Die Bremsen bekamen jetzt scharfe Arbeit, denn das Gefälle nach Norden ist sehr streng. Wir begegneten auf dieser Seite vielen Touristen, während wir auf der Südseite keinen einzigen Rucksack erblickt hatten. Bald erschienen auch Wagen (hinter Andermatt sogar sehr viele), und, was schlimmer war, solche mit Schweizer Kutschern, die es für wichtiger halten, ausgiebig und laut zu schimpfen, statt sich um ihre Pferde zu kümmern. Zum Glück verstanden wir den Sinn ihrer wütenden Expektorationen nicht, da sie urnerdeutsch fluchten, also in einem Dialekt, der dem ans Hochdeutsche gewöhnten Ohre mehr wie eine unbegreifliche Anhäufung von Rachenlauten, denn als eine Abart deutscher Sprache erscheint. Wir beantworteten diese Konglomerate aus Ch-Lauten aufs freundlichste mit dem Gruße: Leben Sie wohl, mein Herr! und gaben uns im übrigen dem Anblick der hier wahrhaft grandiosen Natur hin. So gelangten wir glücklich, ohne irgend ein Pferd des Kantons Uri in ernstliche Verlegenheit gesetzt zu haben, über die Teufelsbrücke und schließlich nach Göschenen. Hier aber ereilte uns unser Geschick. Es hatte die Gestalt eines überlebensgroßen Polizisten, der sich wie ein Turm breitbeinig vor uns aufpflanzte, indem er abwechselnd äußerst laut und mächtig rief: Anhalte! Usschtiege! – Nun bin ich zwar ein Mensch voller Respekt vor der Polizei, zumal, wenn sie in überlebensgroßen Exemplaren auftritt, aber ich lege einigen Wert auf höfliche Behandlung. Und so sagte ich meinesteils: Sehr schön! Aber, bitte, schreien Sie nicht so und erklären Sie mir ruhig und sachlich den Grund Ihrer Aufregung. – Anhalte! Usschtiege! brüllte der Turm. – Wenn Sie so freundlich sein wollen und ruhig die Sachlage betrachten, erwiderte ich mit himmlischer Gelassenheit, so werden Sie unschwer bemerken, daß wir bereits halten, und ich kann Ihnen versichern, daß wir auch aussteigen werden, wenn Sie nur eine Andeutung darüber machen wollten, warum wir hier aussteigen sollen, wo wir keineswegs die Absicht haben, Station zu machen. – Diese längere und wohlgesetzte Rede besänftigte den Riesen von Uri, und er versicherte uns nun, unter deutlichem Ringen nach Höflichkeit, wir hätten nichts von ihm zu befürchten und möchten ihm auf die benachbarte Polizeiwache folgen, wo sich alles schnell schlichten werde. – Meine Frau sah sich schon in Kerkersbanden, Riegel meinte, das Gescheiteste wäre, den Turm umzufahren, ich aber war gerührt von dem Streben des Enaksohnes nach Urbanität und folgte ihm mutigen Schrittes in die Heimstätte der Urner Sicherheitsbehörde (wie meine Frau behauptet, hat es ausgesehen, als würde ein Klippschüler von seinem Lehrer in die Schule geschleppt). Was mir dort eröffnet wurde war dies: Die Polizei von Andermatt hat hierher telegraphiert: “Automobil hier durchgefahren; unmöglich es aufzuhalten” (Aha, dachte ich mir, die Andermatter haben keinen Riesen!) “Stellt es und verfügt nach dem Gesetze.” – Wieso? fragte ich; ist es nicht erlaubt, über den Gotthard zu fahren? – Doch, antwortete der Gewaltige, das ist erlaubt, und es ist auch erlaubt, im Kanton Uri zu fahren. – Na also! – Ja, aber es ist nicht erlaubt, von Andermatt nach Göschenen zu fahren. – Jetzt fängt der Riese an, Witze zu machen, dachte ich mir, denn das sah doch nicht anders, als wie ein Witz aus: Man darf zwar über den Gotthard fahren, muß aber in Andermatt wieder umkehren. Und ich entwickelte diesen Gedankengang ebenso logisch wie bescheiden. Aber weder meine Logik noch meine Bescheidenheit rührte den Mann des bewaffneten Gesetzes. Er sprach, und der Sinn seiner Rede war dies: Das mögen Sie mit dem Kanton Tessin ausmachen, der es erlaubt hat, über den Gotthard zu fahren. Wir in Uri erlauben eben bloß, von Göschenen weiter zu fahren. – Demnach hätte ich, fuhr ich unter andauernder Logik und Bescheidenheit fort, von Andermatt aus, da ja dort keine Eisenbahn ist, ein Ochsengespann mieten und meinen Wagen bis hierher durch die Tiere befördern lassen müssen, deren Kopf das Wappen dieses Freistaates ist? – Das hätten Sie allerdings müssen, antwortete der Turm, der mich selbst sitzend weit überragte, wenn Sie den Gesetzen hätten gehorsam sein wollen. Da Sie es aber nicht getan haben, müssen Sie nach dem Gesetze bestraft werden. – Wieviel kostet es? fragte ich mit schnellem Verständnis. – Zwanzig Fränkli antwortete prompt der Übermensch. – Wie, rief ich, und wegen 20 Fränkli muß ich aussteigen? Das hätten wir doch auch draußen machen können? – Nein, erwiderte der Riese, ich muß Ihnen eine Quittung ausstellen. – Und tats. – Ich empfing meine Quittung, überreichte ihm, zur Einverleibung in das Archiv von Uri, meine Visitenkarte, nahm Stellung, machte kehrt und begab mich in den Wagen, um, so lange wir auf Urner Boden fuhren, Meister Riegel beharrlich zur Langsamkeit zu mahnen, denn diesen Rat hatte mir das riesige Organ der Sicherheit von Uri noch mit auf den Weg gegeben: Schritt fahren, oder in jedem Falle sechs Franken Buße. (…)”

(aus: Otto Julius Bierbaum – Eine empfindsame Reise im Automobil, Berlin 1903. Der gesamte Text der frühen Cabrio-Reise von Berlin nach Sorrent und zurück an den Rhein ist ua im Projekt Gutenberg vorhanden.)

Otto Bierbaum passiert den Gotthard mit dem Automobil

“(…) Der Gotthard war uns als der einzige Schweizer Gebirgspaß bezeichnet worden, dessen Überschreitung mit Motorwagen gestattet sei, und in Bellinzona bestätigte man uns dies mit dem Hinzufügen, diese Erlaubnis sei allerjüngsten Datums, übrigens aber nicht viel wert, weil es sich von selber verbiete. Wenigstens sei ein Herr, des es kürzlich versucht habe, unverrichteter Dinge zurückgekehrt. – Durch solche Erzählungen muß man sich nicht irre machen lassen. Immerhin waren wir, als wir abfuhren, nicht gerade felsenfest überzeugt, daß wir über die 2111 Meter hinüber gelangen würden (…). Aber die Zuversicht siegte, und der Adlerwagen hat sie nicht zuschanden werden lassen. Wir sind um 10 in Bellinzona abgefahren und um 7 in Brunnen angekommen, ohne daß uns der alte Sankt Gotthard auch nur ein einziges Mal Veranlassung gegeben hätte, kleinmütig zu werden; wir haben ihn “glatt genommen”. Allerdings nach der Melodie “Immer langsam voran”, – sonst hätten wir zu 136,4 Kilometer nicht neun Stunden gebraucht. Aber es bleibt für einen einzylindrigen achtpferdigen Motor eine sehr respektable Leistung, einen großen Wagen mit drei Personen und schwerem Gepäck, im ganzen eine Last von 22 Zentnern, über diesen Berg zu schleppen. Bis Airolo geht es ja im allgemeinen ohne allzuscharfe Steigung ab; zwar erhebt sich der Weg von 232 Metern auf 1178 Meter, aber diese Steigung verteilt sich auf 57 Kilometer. Dafür muß dann die Steigung bis zur Paßhöhe, also von 1178 Meter bis zu 2111 Meter innerhalb sechzehn Kilometer genommen werden. Das läßt sich nicht im Galopp machen. Und wenn es sich machen ließe, ich weiß nicht, ob mans täte. Die Fahrt ist so wunderbar schön, daß man durchaus nicht den Wunsch hegt, sie abzukürzen. – Es ist vielleicht die abwechslungsreichste Fahrt gewesen, die wir überhaupt gemacht haben. Sie begann im Bereiche fast südlicher Vegetation in einem üppigen Rebenlande mit Edelkastanien und Feigenbäumen und führte in kahle Höhen, wo noch meterdicke Schichten eisig verhärteten Schnees lagen, senkte sich dann in eine nördliche Gebirgslandschaft mit wunderbaren Nadelholzwäldern und führte schließlich durch das herrliche Seegelände, das die Heimat der Tell-Sage ist. Erst heute haben wir Italien eigentlich verlassen, denn das Land südlich des Gotthards ist italienische Erde, wenn seine italienischen Bewohner auch schweizerische Eidgenossen sind. Doch hat die Zugehörigkeit zur Schweiz in der Tat den Typus etwas verändert. Sie sind schwerfälliger, als ihre Brüder jenseits der rot-weiß-grünen Grenzpfähle. Auch fielen mir die vielen blauen Augen auf, und aus dem Ausdruck dieser Augen, wenn sie unsern Wagen sahen, bildete sich mir das Wort kuhäugiges Erstaunen. Auch war uns auffällig, wie ganz anders sich diese schweizerischen Menschen, die Italiener sowohl wie die Deutschen, unserm Wagen gegenüber verhielten, als alle übrigen Menschen bisher. Wo wir sonst hielten, um Wasser nachzufüllen oder aus sonst einem mit dem Wagen zusammenhängenden Grunde, kamen die Leute von allen Seiten herbei und trachteten, den Motor so nahe und so genau wie möglich anzusehen, wobei sie es nicht unterließen, Fragen an Meister Riegel zu richten, mehr oder weniger lebhaft, je nach dem Temperament. Hier, in der Schweiz, nichts von alledem, obwohl gerade in dieser Gegend Laufwagen noch so gut wie unbekannt sind. Vielleicht, daß sich ein paar ganz junge Leute in fünf, sechs Schritt Entfernung aufstellen und das Ding mit äußerster Befremdung betrachten; das ist aber auch alles. Die anderen gehen mit einem Ausdruck vorüber, als wollten sie sagen: Gottlob, daß wir Enkel des Tell davon entfernt sind, derlei Unfug mitzumachen. Und, fährt man auch noch so langsam durch ein Dorf, stets finden sich einige, die mit Amtsmiene gebieten: Langsam fahren! Es scheint, als ob jeder einzelne sich des Umstandes bewußt wäre, daß es von seiner Stimmabgabe mit abhängt, ob künftig solche Maschinen auf diesem, ihrem Grund und Boden verkehren dürfen. Einen besonderen liebenswürdigen Eindruck macht dies nicht, und es verrät auch nicht übermäßig viel Intelligenz. Wir sollten es aber auch noch ganz direkt erfahren, von welcher Art die Freiheit sein kann, wenn Bauern von ihr schrankenlos Gebrauch machen dürfen. – Vorher ein paar Bemerkungen über die Gotthardstraße. Den Eindruck alter großer Kultur, wie er von der Brennerstraße ausgeht, macht sie nicht. Sie hat ja auch längst nicht deren Alter. Sie ist viel wilder, rauher, und sie erhält in ihren oberen Partien auf dem südlichen Teil noch etwas drohendes durch die Forts, mit denen die Schweiz den Berg gegen Italien befestigt hat. Diese Forts sind nicht etwa malerische Festungsbauten im alten Sinne, sondern höchst typische Erzeugnisse jener modernsten Festungsbaukunst, die mit lauter Faktoren zu rechnen hat, die es ihr geradezu verbieten, malerisch zu sein. Alles ist darauf angelegt, möglichst wenig bemerkt zu werden. Nur daß hie und da eine breite, flache, überaus mächtige Kuppel sichtbar wird, oder in kolossaler Höhe eine wie mit dem Felsen verschmolzene Bastion. Einen wunderlich idyllischen Gegensatz zu diesen ins Gebirge eingelassenen Verteidigungswerken bildete ein Schweizer Gotthardsoldat, der, im vollen Waffenschmuck des Kriegers, Helm auf, Säbel um, dasaß und die Umgebung mit Wasserfarben abmalte. Ein andrer aber, der, wie es schien, dazu befohlen war, verfolgte uns wohl eine halbe Stunde lang, bald vor, bald hinter uns auftauchend, indem er Abkürzungswege benutzte. Im übrigen begegneten wir oben keiner menschlichen Seele, hatten dafür aber Gelegenheit, eine ganze Rindviehprozession über ein Schneefeld zu beobachten. Schnee und Eis gab es überhaupt genug, aber in der Hauptsache nur über den Wasserläufen, nicht mehr auf der Straße selbst. (…)” Fortsetzung folgt.

(aus: Otto Julius Bierbaum – Eine empfindsame Reise im Automobil, Berlin 1903. Der gesamte Text der frühen Cabrio-Reise von Berlin nach Sorrent und zurück an den Rhein ist ua im Projekt Gutenberg vorhanden.)