Goethe begoethet den Rheinfall

Dreimal war Goethe zeit (und laut) seines wohldokumentierten Lebens am Rheinfall, in dieser Hinsicht steht es bisher pari zwischen rheinsein und dem Alten. In Goethes Tagebuch von September 1797 finden sich, nachdem er am Vorabend im Schaffhauser Gasthaus zur Krone “einen gewissen stieren Blick der Schweizer, besonders der Zürcher” bemerkt, mehrere Einträge, welche die gewissenhaften Inspektionen Goethes am Objekte protokollieren. Frühmorgens macht er sich auf den Weg, eine gute Zeit, wie rheinsein aus eigenen Untersuchungen bestätigen darf, den Wasserfall zu betrachten, der je nach Sonnenstand dem Betrachter erkleckliche Differenzen in seiner Wirkung als ständiges Naturspektakel vermitteln kann.

“Den 18ten früh.

Um 6 1/2 Uhr ausgefahren. Grüne Wasserfarbe, Ursache derselben.
Nebel, der die Höhen einnahm. Die Tiefe war klar, man sah das Schloß Laufen halb im Nebel. Der Dampf des Rheinfalls, den man recht gut unterscheiden konnte, vermischte sich mit dem Nebel und stieg mit ihm auf.
Gedanke an Ossian. Liebe zum Nebel bey heftig innern Empfindungen.
Uhwiesen, ein Dorf. Weinberge, unten Feld.
Oben klärte sich der Himmel langsam auf, die Nebel lagen noch auf den Höhen.
Laufen. Man steigt hinab und steht auf Kalkfelsen.
Theile der sinnlichen Erscheinung des Rheinfalls, vom hölzernen Vorbau gesehen. Felsen, in der Mitte stehende, von dem höhern Wasser ausgeschliffne, gegen die das Wasser herabschießt.
Ihr Widerstand; einer oben, und der andere unten, werden völlig überströmt. Schnelle Wellen. Locken Gischt im Sturz, Gischt unten im Kessel, siedende Strudel im Kessel.
Der Vers legitimirt sich:
Es wallet und siedet und brauset und zischt pp.
Wenn die strömenden Stellen grün aussehen, so erscheint der nächste Gischt leise purpur gefärbt.
Unten strömen die Wellen schäumend ab, schlagen hüben und drüben ans Ufer, die Bewegung verklingt weiter hinab, und das Wasser zeigt im Fortfließen seine grüne Farbe wieder.”

Der hölzerne Vorbau: das Känzeli! – muß gleich mit dem Rheinfall entstanden sein. Ob Goethe auch auf den Schnitzel-Imbiß treffen wird? Zunächst notiert er

“Erregte Ideen.

Gewalt der Sturzes. Unerschöpfbarkeit als wie ein Unnachlassen der Kraft. Zerstörung, Bleiben, Dauern, Bewegung, unmittelbare Ruhe nach dem Fall.
Beschränkung durch Mühlen drüben, durch einen Vorbau hüben; ja es war möglich, die schönste Ansicht dieses herrlichen Natur-Phänomens wirklich zu verschließen.
Umgebung. Weinberge, Feld, Wäldchen.
Bisher war Nebel, zu besonderm Glücke und Bemerkung des Details; die Sonne trat hervor und beleuchtete auf das schönste schief von der Hinterseite das Ganze. Das Sonnenlicht theilte nun die Massen ab, bezeichnete alles vor- und zurückstehende, verkörperte die ungeheure Bewegung. Das Streben der Ströme gegen einander schien gewaltsam zu werden, weil man ihre Richtung und Abtheilungen deutlicher sah. Stark spritzende Massen aus der Tiefe zeichneten sich beleuchtet nun vor dem feinern Dunst aus, ein halber Regenbogen erschien im Dunste.
Bey längerer Betrachtung scheint die Bewegung zuzunehmen. Das dauernde Ungeheuer muß uns immer wachsend erscheinen; das vollkommne muß uns erst stimmen und uns nach und nach zu sich hinaufheben. So erscheinen uns schöne Personen immer schöner, verständige verständiger.
Das Meer gebietet dem Meer. Wenn man sich die Quellen des Oceans dichten wollte, so müßte man sie so darstellen.
Nach einiger Beruhigung verfolgt man den Strom in Gedanken bis zu seinem Ursprung und begleitet ihn wieder hinab.
Beym Hinabsteigen nach dem flächern Ufer Gedanken an die neumodische Parksucht.
Der Natur nachzuhelfen, wenn man schöne Motive hat, ist in jeder Gegend lobenswürdig; aber wie bedenklich es sey, gewisse Imaginationen realisiren zu wollen, da die größten Phänomene der Natur selbst hinter der Idee zurückbleiben.
Ich fuhr über. Der Rheinfall von vorn, wo er faßlich ist, bleibt noch herrlich, man kann ihn auch schon schön nennen. Man sieht schon mehr den stufenweisen Fall und die Mannigfaltigkeit in seiner Breite; man kann die verschiednen Wirkungen vergleichen, vom unbändigsten rechts bis zum nützlich verwendeten links.
Über dem Sturz die schöne Felsenwand, an der man das Hergleiten des Stromes ahnden kann; rechts das Schloß Laufen. Ich stand so, daß das Schlößchen Wörth und der Damm, der von ausgeht, den linken Vordergrund machten. Auch auf dieser Seite sind Kalkfelsen, und wahrscheinlich sind auch die Felsen in der Mitte des Sturzes Kalk.”

Die Angaben mag jede/r Interessierte nutzen, sich bei einem Rheinfall-Besuch selbst in Goethesche Position zu navigieren.


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