Gorrh (13)

Gorrh, nach einer langwierigen Fase psychischen und fysischen Niedergangs etwas ausgefranst, flämmt das Mittelrheintal ab, verübt Brandrodung, rupft die Kraftwerke von Biblis und Mülheim-Kärlich aus ihren Verankerungen und löst in einem beiläufigen Arbeitsgang (als zünde er sich ne Fluppe an, als Nichtraucher!) die Kernschmelze aus, verharrt dann, nachhaltig zufriedengestellt, an einer Flußschlinge, bis das Gebiet wieder bewohnbar wird. Nicht auch nur ansatzweise erahnbare Zeiträume vergehen. Gorrh meditiert, während sich über ihm das Universum in weiterhin kaum ergründlicher Motivation dehnt, spannt und krampft. Dann aber, eines schönen Morgens: klettern nach und nach die Wilden aus den Wäldern, verlassen ihre unbeschreiblich neu- und fortevolvierte Pflanzenwelt und beginnen einen Kult um das einsame Wesen (sie nennen es „Große Kröte“), das schon immer dort am Ufer hockte. Gorrh, der lange keine Menschen mehr aushalten mußte und die Zwischenzeit zum Nachdenken reichlich genossen hatte, entschließt sich zur Gastfreundschaft, insbesondere gegenüber den Rheinschiffern auf ihren primitiven Plankenbooten, da diese ihn dauern. Gorrh hält Symposien mit enormem Zulauf. Spricht von den Dingen der Vorzeit, von Zyklik, Treu und Glauben. Serviert ein feines Tröpfchen dazu, welches die Geister der Wilden aus den Wäldern bis in den Weltraum erhebt. Natürlich schafft das Neider. Bald muß sich Gorrh vor dem Bischof von Trier für seine angeblichen Ausschweifungen verantworten, findet aber Gnade, als er im Empfangsbereich zerstreut Hut und Mantel an einem Sonnenstrahl aufhängt. Der Ruf seiner Wundertätigkeit weitet sich aus, es kursieren Gerüchte, d.h. Bestrebungen, denen zufolge Gorrh das Bischofsamt angetragen werden soll (was ihn entsetzt). Auf seinem Rückweg durch die Wälder (Gorrh pfeift, die Sorglosigkeit in Person, alte deutsche Schnulzen) wird er von wohltätig gesinnten Räubern überfallen, die ihn den Armen zum Fraß vorwerfen wollen. Gorrh disputiert, wiegelt ab, läßt die Schinderhanseln am Leben und ruft drei Heimathirsche herbei, die mittels Milchgaben und anschließender Selbstentleibung einen Butter- und Fleischberg schaffen, den die Politik jedoch kurz darauf seiner Bestimmung, die Armen zu speisen, entbindet. Gorrh weiß all das, nebst seiner persönlichen Lebenserfahrung hat er den gesamten Homer gelesen, es geht ihm darum, dem allgemeinen Hang zu Unverstand und Resignation immer wieder kleine Nadelstiche zu versetzen. Den Wein der Räuber verwandelt Gorrh in guten Wein, dergleichen Gesten mehr – kurzum das übliche Hastenichgesehn. Es sammeln sich Geschichten („wie Gorrh gegen die Strömung trieb“) und um diese Geschichten herum Agglomerationen. Doppelstädte mit Industrien entstehen längs des Stroms. Gorrh heilt, seiner angeborenen Überdrüssigkeit offenbar ledig, die Frauen der Mächtigen und verwaltet das Wetter. Diverse Ehrenämter erfüllen ihn mit dem Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, auch mit Stolz. Doch die Traurigkeit ist dem Tier nicht auszutreiben (wußte bereits der Physiologus). Nach einem langen Abend in der Schenke „Zum Kürassier“ verliert Gorrh völlig den Bezug zu seiner Umgebung. Er grubbert und drillbohrt sich ins Erdreich, Ziel unbekannt. So kommt die Große Kröte einem ganzen Zeitalter abhanden. (An der Stelle aber, an der Gorrh verschwand, pulsiert heute der Geysir von Andernach.)


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Ein Kommentar zu “Gorrh (13)”

  1. gera
    17. April 2011 um 10:04

    Gorrh lebe hoch!

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