Monatsarchiv für März 2011

 
 

Feldkirch

Im Gegensatz zum Fürstentum Liechtenstein, in dem jedoch zureichend Feldwege zur Verfügung stehen, begleiten die Vorarlberger Hauptstraßen auffallend taugliche Fahrradspuren. Hinzu`s gehts gegen den Wind durchs Unterland und ein Weniges hügelan. Gleich hinter der Grenze entbieten stramme Asiaten, welche hier Kaufmannsläden und Verpflegungsstationen mit umfassendem heimatlichen Sortiment betreiben, herzhaft: „Grüß Gott!“ Aus dem Augenwinkel nehmen wir eine weltweit grenztypische Baracke wahr, in welcher der Snackman frühe Würschtl brät. Die Läden der angestammten Vorarlberger, ob deren Namen auf althergebrachte Poetiken zurückgehen oder neo-asiatischem Einfluß unterliegen (oder ob beides seine Rolle spielt), heißen knackig „fleisch & brot“ oder „klein & fein“ – das kaufmännische „&“ sowie Kleinschreibung jedenfalls scheinen Pflicht. In der Feldkircher Innenstadt suchen und finden wir den Briefkasten des Theaters am Saumarkt, um gerade noch fristgerecht vier neue Gedichte für einen lokal verankerten, schmal dotierten Provinzlyrikpreis mit Weltruf einzureichen. Feldkirch pflegt sichtbar seine literarische Vergangenheit und Gegenwart (evtl erledigt das aber auch die ÖBB für „die Stadt“ wie Feldkirch in Liechtenstein der Einfachheit halber genannt wird): im Bahnhof zeigt ein feuerwehrroter

feldkirch_litbahnhof

Literaturautomat unter dem Motto „Lesen ist Reisen im Kopf“ in seinem eigenen Automatenrhythmus Texte und Biografien Vorarlberger AutorInnen an, deren Namen zudem gut sichtbar rund um die Bahnhofshalle angeschrieben stehen. Zudem wird James Joyce, recht dramatisch, zitiert: „Dort drüben auf den Schienen wurde 1915 das Schicksal des Ulysses entschieden.“ Nicht minder dramatisch dürften gut drei Jahrzehnte später weit fleischlichere Schicksale entschieden worden sein: falls die Erinnerung an Zuckmayers Autobiografie “Als wär’s ein Stück von mir” uns nicht trügt, galt Feldkirch zu Zeiten von Ostmark und Großdeutschem Reich als wichtiger Fluchtpunkt (nicht nur) für Schriftsteller, die Heimat in sicherere Gefilde zu verlassen. In der Stadt schreiten dann auch, nebst der allerorten auffallenden, die Möglichkeiten des Lifestyle bis an die äußeren Grenzen des Mainstreams auslotenden sonnenbankgebräunten Wasserstoffblondine mit Puschelhund, legerere Touristinnen mit offenkundig literarischen Bändchen vor der Nase einher, jeden Meter und Winkel Historizität zu erspüren/abzufotografieren. Kurzes Ruhen mit Illblick: kalkig-türkis zieht dies frische Flüßchen auf den Rhein, zu Baulärm, der bald von der Sonne und mit ihr auftrumpfenden gemischten Singvogelchorälen beruhigt wird. In dieser Strahlesonne, die Menschheit ringsum bricht nun bekatzte Weidenzweige, beginnt die Selbstheiligung aller Umstände.

Karnevals-Body Count (2)

Der Düsseldorfer EXPRESS berichtete am Karnevalsdienstag über einen während der „tollen Tage“ über die Jahre in den gängigen Karnevalshochburgen nicht selten auftretenden Vorfall mit diesmal glimpflichem Ausgang. Bei den Düsseldorfer Kasematten sprang ein junger Mann „aus Übermut“ in den kalten Rhein und drohte umgehend zu ertrinken. Passanten alarmierten eine gerade in der Nähe patrouillierende Polizei-Hundertschaft. Die Polizisten taten ihren Job: „Als sie den Mann im Wasser sahen, kletterten sie sofort die Spundwände runter. Doch ihre Arme waren nicht lang genug, um ihn zu fassen.“ Dann aber geschah Bezeichnendes, ein Düsseldorfer Schnelldenker rettete die Situation: „Derweil genoss Karl-Andreas Weyll gegenüber in einer Cocktail-Bar die Sonne. Als er sah, was geschah, griff er zunächst zur Kamera, erschrak dann aber, als die Beamten den Mann nicht erreichen konnten. Kurz entschlossen packte er ein langes Absperrgitter und ließ es zu den Polizisten runter. Das war die Rettung!“

Schnitzelbängg

Die Basler Fasnacht, momentan zugange, ist wohl eine der spätesten (als weltspäteste überhaupt gilt die Ermatinger Groppenfasnacht drei Wochen vor Ostern) am Rhein – und zugleich wohl die lyrischste.  Vorgestern wurden die Themen diesjähriger Basler Schnitzelbänke bekannt. Ein Schnitzelbank ist ein gesungener Vers mit starken  Anleihen beim Bänkelsang. Zwei Beispiele:

“Santi Niggi Näggi / hinderem Oofe stäggi / Du und au dr Schmutzli syt so fyys, Dir alte Freaks / Dir wüssed all das Züggs vo mir jo nur dangg Wikileaks”
(Autor: Stächpalme)

“Dr Sarazzin bhauptet kurz und gnabb / wäg de Türke schafft sich Dütschland ab! / Ych find die Uussaag gar nid schlächt / jetz hoff y nur – er haig au rächt!”
(Autor: Hanslimaa)

Das Lachen der Hühner (2)

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Offizieller Erscheinungstermin ist der heutige Dienstag – auf der Leipziger Buchmesse vom 17. bis 20. März wird die parasitenpresse den Band als Gast am Stand C219 des Poetenladens in Halle 5  präsentieren.

Kaum halten wir die ersten Exemplare in Händen, dürfen wir feststellen, daß die Startauflage (die parasitenpresse rechnet ihre teils handgearbeiteten Auflagen in aktuell lyrikgerechten 50er-Schritten) so gut wie verkauft ist. Interessenten mögen dennoch nicht zögern: die parasitenpresse wird die zweite Auflage sehr zügig in Angriff nehmen (hat dies unter Umständen bereits getan), die Herstellensweise ermöglicht den Nachdruck innert Tagen. Weitere Informationen zum Buch, sowie von und zur parasitenpresse auf der Verlags-Website oder auf unserer Autorenpräsenz.

Stan Lafleur / Helena Becker: Das Lachen der Hühner. Liechtenstein-Gedichte und Papierschnitte, parasitenpresse, Köln 2011. 24 Seiten, ca. DIN A5-Format. Keine ISBN-Nummer. Preis: 9 Euro.

Bestellbar über den idealistischen lyrikvertreibenden Buchhandel oder direkt beim Verlag: parasitenpresse@hotmail.com
Bei Rheinsein eingehende Bestellungen werden an den Verlag weitergeleitet.

Das Lachen der Hühner: Mauren

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Das Lachen der Hühner besteht zur Hälfte aus einer Papierschnitt-Serie Helena Beckers. Schwarze und weiße Flächen sind das Ausgangsmaterial, aus dem die Schaaner Künstlerin ihre Gemeindeportraits aufbaut: teils verspielt und mit filigranem Dekor, teils dynamisch wie Föhnböen, teils auf den von wenigen Umrißlinien bezeichneten Kern reduziert (wie in diesem Fall der Blick auf Mauren).

Übersetzung ins Liechtensteinische

Im Vorfeld von Das Lachen der Hühner hat der liechtensteinische Kollege Stefan Sprenger eines unserer Gedichte in sein rares Landesidiom übertragen. Das Gedicht Am Rhein, für den Liechtenstein-Band Ufm Rhidamm betitelt, handelt von einer alpinen Loreley nach Karriereende:

Am Rhein

die Frau, die ein Fisch ist, geht mit dem Rhein
sie will etwas sagen, doch fällt ihr nichts ein
die Schnellen. Kiesbänke. die Drift nach Nord
von Winter zu Sommer zu… undsofort. die Frau

will sprechen. die Berge schweigen. die Frau
sieht die Berge sich über sie neigen. die Frau
die ein Fisch ist, fährt BMW. die Berge tun
ihr in der Seele weh. sie schwimmt im Fluß

der sich selbst überholt. die Schwere der Berge
im Radio als Lied. die Frau, die ein Fisch ist
spürt wie ihr geschieht. sie ist auf Nord und

auf Süd gepolt. durch sie hindurch strömt das
ganze Land. sie fährt das Auto über den Damm
von unter den Wellen her schaut sie was an

In Liechtenstein ist der Rhein komplett eingedeicht. Der Rheindamm bildet mit 20 bis 25 km die längste Gerade des Landes und ist teilweise auch mit dem Auto befahrbar. Der Fluß selbst schüttet innerhalb der Deichmauern zahlreiche Kiesbänke auf, durch deren Gefüge er reißend mäandert. Von liechtensteinischer Seite wachen jenseits des Ufers schweizerische Bergwände, welche täglich einige Sonnen verspeisen. Auf Liechtensteinisch liest sich das Gedicht wie folgt:

Ufm Riitamm

Dia Frau, wo an Fesch isch, goot met am Rii
well eppis säga, abr fallt‘ra nüüt ii
d‘ Schnälla, Keesbenk, s‘Rotscha gi Nord
vom Wintr zom Summr zom… undsofort

dia Frau well reda. d‘Bärg sägn nüüt. dia Frau
sächt dr Bärg, wo se öbr si büügt. dia Frau
wo an Fesch isch, faart BMW. dia Bärg
tuand‘ra i dr Seel aso wee. sie schwimmt im

Wassr wo sich sälb öbrholt. s‘Gwecht fo da Bärg
usm Radio als Liad. dia Frau, wo an Fesch isch
spürt was‘ra passiert. uf Nord und uf Süd

hätt ma si poolt. s‘ganz Land flüüst
dor si dori. si faart dr Karra aha for Baa
vo untr da Wälla luagat si‘s aa

Das Lachen der Hühner

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Die Entstehensgeschichte von Das Lachen der Hühner unterschied sich in einigen Punkten maßgeblich vom Entstehen früherer Gedichtbände. Zu diesen Punkten gehörte unter anderem die für uns ungewöhnliche Gelingens-Fürbitte bei lokal situierten höheren Mächten im Vorfeld der Arbeit an Text und Bild. In diesem Fall wandten wir uns, veranlaßt von der einheimischen Künstlerin Helena Becker, welcher der Bildpart zugedacht war und die auch die für solche Fürbitten notwendigen katholischen Rituale kannte und für alle Beteiligten vollzog, an die wohl- und heiltätige Heilige Muttergottes von Lourdes zu Bendern (oben im Bild). Die Bendner Lourdes-Grotte ist der originalen, heißt es, 1:1 nachempfunden. Mehrere in der Grotte angebrachte Votivtafeln (nicht im Bild) zeugen von erhörten Gebeten. Unser Band kam nun ebenfalls zustande. Zum Dank erhielt die Madonna einen Strauß weißer Tulpen (unten im Bild) niedergelegt und Kerzen (nicht im Bild) angezündet. Kaum hatten wir die Grotte verlassen, sprang uns im liechtensteinischen Galeriewaldkorridor ein Dutzend Rehe entgegen: ganz offenbar ein Zeichen – das wir zwar nicht genau zu deuten wissen, das jedoch in seiner Komposition aus Scheu und frühlingshafter Energie gefühltermaßen eher eine positive Auflösung der uns so gänzlich ungewohnten Fürbittensituation darzustellen schien.

Liechtenstein-Gedichtband ab sofort erhältlich

Zur Leipziger Buchmesse erscheint in der Kölner parasitenpresse ein neues Substrat unseres großen Forschungs- und Neubeschreibensprojekts zur rheinischen Kulturgeschichte und Gegenwart: Das Lachen der Hühner, ein Gemeinschaftsband mit Helena Becker, versammelt in zwei nebeneinander laufenden Zyklen aus Papierschnitten und Sonetten Eindrücke aus dem Fürstentum Liechtenstein.
Helena Becker lebt seit jeher in Liechtenstein. Ihre nach Sujet reduzierten oder dynamischen Papierschnitte zeigen vornehmlich architektonische Aspekte der elf Landesgemeinden. Die Stimmung der einzelnen Bilder wird von ortstypischen einheimischen Tieren variiert.
Die Gedichte hingegen stehen als Außensicht auf den Kleinstaat, in dem wir, teils stipendiert, Wochen und Monate verbrachten. Sie handeln von einem sagenumwobenen Flecken in Zentraleuropa, in dem die sogenannte ländliche Idylle, die selten tatsächlich eine war, gegen neue Lebensformen vertauscht wurde: Gottesreste und Straßenlärm, Almrausch und Geldkäfer spielen hierbei tragende Rollen, nicht zuletzt der verbliebene Einfluß einer von Bergen und Rhein geprägten Landschaft auf den modernen Weltprovinz-Menschen.

Stan Lafleur / Helena Becker: Das Lachen der Hühner. Liechtenstein-Gedichte und Papierschnitte, parasitenpresse, Köln 2011. 24 Seiten, ca. DIN A5-Format. Keine ISBN-Nummer.

Bestellbar über den lyrikvertreibenden Buchhandel oder direkt beim Verlag: parasitenpresse@hotmail.com
Bei Rheinsein eingehende Bestellungen werden an den Verlag weitergeleitet.
In Liechtenstein werden die Bände voraussichtlich in Bälde im Buchhandel und im Kunstmuseum vorrätig sein.

Preis für Besteller aus Deutschland: 9 Euro (inklusive Porto und Verpackung)
Preis für Besteller außerhalb Deutschlands: 9 Euro / 12 Schweizer Franken (plus Portopauschale)
Ladenpreis: 9 Euro / 12 Schweizer Franken

Rheinische Gerichtsentscheidung

Eine zutiefst erschreckende Meldung kam gestern aus dem Kölner Landgericht. Der lokale Stadt-Anzeiger berichtete unter anderem:

„Das Landgericht Köln hat in einer einstweiligen Verfügung der Westdeutschen Lotterie GmbH in Münster (Westlotto) untersagt, Hartz-IV-Empfängern “die Teilnahme an öffentlichen Glücksspielen (…) zu ermöglichen”. Dazu zählt auch das Lotto-Spiel. Gerichtssprecher Dirk Eßer bestätigte am Mittwoch einen entsprechenden Bericht der “Westdeutschen Zeitung”.“

Unter dem Vorwand, den Outcast vor sich selbst zu schützen, wird hier an Methoden angeschlossen, die unserer demokratisch legitimierten Justiz völlig unwürdig erscheinen. Wir fragen uns und die interessierte Öffentlichkeit, welche Gesetzeslage einen solchen Beschluß zuläßt und seit wann. Weiter im Text:

„Konkret werde Westlotto auferlegt, keine Spiel- oder Wettscheine oder Rubbellose zu verkaufen an Personen, die “Spieleinsätze riskieren, die in keinem Verhältnis zu ihrem Einkommen stehen, insbesondere Hartz IV-Empfänger sind. (…)“

Die Münsteraner Lotto-Zentrale will den Beschluß zwar tapfer umsetzen, zeigt sich aber (aus welcher Motivation auch immer) schockiert und erhebt die berechtigte Frage, wie ein solches Verbot denn in der Praxis ausgeführt werden solle. Als freischaffender Dichter, der zwar kein Lotto spielt, sich diese Option aber schon rein aus Gleichheits- und Freiheitsgedanken wie sie im Grundgesetz (hoffentlich noch) verankert sind, jederzeit vorbehalten möchte und der sich per allgemein bekanntem Berufsrisiko finanziell nicht selten knapp um die Hartz IV-Bemessungsgrenzen herum bewegt, möchten wir folgende Vorschläge zur Debatte beitragen: den Gedanken des Kölner Beschlusses zuende zu denken, hieße doch, Hartz IV-Empfängern bei sämtlichen ihrer kargen Ausgaben korrigierend zur Seite zu stehen: im Supermarkt angefangen. Suchtmittel wie Alkohol, Zigaretten, Fast Food, Medikamente: ab sofort für alle tabu, welche aus dem System ordentlich bezahlter Arbeit gefiltert wurden. Vollkornbrot, Fruchtsäfte und Frischgemüse: gesund zwar, aber eigentlich zu teuer für uns triste kaufkraftarme Gestalten. Das etwas ambivalente Problem ließe sich vielleicht mit Rationsscheinen lösen. Oder es bräuchte eine offene Kennzeichnung: was ein Erwerbsloser oder working poor einkaufen darf und was nicht. Woran aber soll man uns erkennen? Natürlich bräuchte auch dies eine Kennzeichnung. Politiker und Richter: erlegt uns doch ein grellrotes A (etwa für arm, arbeitslos, asozial, alternativdenkend) auf, das wir gut sichtbar an unserer Kleidung zu tragen haben. (Für mögliche Folgen unserer Vorschläge allerdings übernehmen wir, im Sinne des herrschenden Zeitgeists, keinerlei Verantwortung.)

Schiffshebewerk

Bei unseren rheinischen Fußwanderungen durchs Elsaß sahen wir einst, direkt hinter der Brücke von Breisach, eine recht massive, nicht zu unterschätzende Betonwand wie es schien: im Boden versinken. Die sinkende Mauer entpuppte sich bei näherem Besehen als Teil einer ansehnlichen Schleuse, mithilfe derer ganze Containerschiffe bei den oberrheinischen Staustufen auf die verschiedenen Flußniveaus gehievt bzw niedergelassen werden. Die Schleusentechnik ist uns eigentlich seit Kindheit vertraut, dennoch kam das plötzliche Verschwinden einer Wand wie von Geisterhand zunächst mit dem Effekt einiger Überraschung. Was jüngst bei der Lektüre eines Artikels über die Schiffskanalpläne für die Alpen unsere allseitige Überraschung betreffs des Höhenunterschiedebewältigens von Lastschiffen gar noch stärkte: daß es nebst herkömmlicher Schleusen auch sogenannte Schiffshebewerke gibt; ein leibhaftiges davon im lothringischen Arzviller (Wikipedia gibt nähere Auskunft), in dem Schiffe am Rhein-Marne-Kanal, in einer Art Badewanne bergauf und bergab transportiert werden.