Monatsarchiv für März 2011

 
 

In der Sonnengasse

In der Sonnengasse zu St. Goar,
da kämmt sich die Resi ihr schwarzes Haar.
Sie lacht in den Spiegel verstohlenen Blicks,
silbern über ihrem Bett hängt ein Kruzifix;
ihr Pantöffelchen klappert, ihr Schnürleib kracht:
Heute Nacht! Heute Nacht!

In der Sonnengasse zu St. Goar,
da wohnt schräg gegenüber ein junger Scholar.
Der pfropft sich in den Schädel lauter dummes Zeug,
schwarz auf seinem Pult liegt das Pentateuch.
Da streift ihn die Sonne, und sein Leder kracht:
Heute Nacht! Heute Nacht!

(Arno Holz)

Ene bene Bohnenblatt

Ene bene Bohnenblatt,
wieviel Küh sind noch nicht satt?
Sieben Geiß und eine Kuh.
Sankt Peter schlägt die Stalltür zu
und schmeißt den Schlüssel übern Rhein:
Morgen wird schön Wetter sein.

Das Lachen der Hühner: Rezension

Eine erste Rezension (von Janine Köpfli) zu Das Lachen der Hühner erschien, flankiert von einem Foto des aufgeschlagenen Bändchens,  gestern im liechtensteinischen Kultur-Monatsmagazin KuL:

“Ein kleines, einfaches Heft, mit Heftklammern gebunden, gibt einen besonderen Eindruck von Liechtenstein. Stan Lafleur und Helena Becker kombinieren Gedichte und Papierschnitte – hübsch, kritisch und zum Schmunzeln.

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Bewusst unscheinbar und schlicht scheint Helena Beckers und Stan Lafleurs Büchlein gestaltet worden zu sein. Es erinnert ein wenig an selbst gebastelte Hefte – so wie man sie in der eigenen Schulzeit fertigte, um die ersten selbst geschriebenen Geschichten und passend dazu die Zeichnungen zu binden. Ein umweltschützendes Trennblatt, das ein bisschen dicker ist als normales Papier, dient als Umschlag – einfach, ohne Schnickschnack, kurz und bündig: «Das Lachen der Hühner» von Stan Lafleur und Helena Becker. Und doch ist es wie jenes Geschichtenheft aus der Schulzeit, das das Kind mit Stolz in den Händen hält, weil es viel mehr ist, als auf den ersten Blick ersichtlich. Schon das grobe Durchblättern zeigt die Qualität, die von der Schlichtheit – von diesem unspektakulären Schwarz und Weiss – ausgeht. Helena Beckers Papierschnitte zeigen Szenen aus Liechtenstein, vornehmlich architektonische Aspekte der elf Gemeinden, wie es in einem Pressetext zum Büchlein heisst. Ortstypische Tiere stehen im Vordergrund, Störche in Ruggell, Hasen in Schellenberg oder Maikäfer in Vaduz. Elf Papierschnitte, die nicht immer zu Stan Lafleurs Gedichten passen. Dies sei aber auch nicht die Absicht gewesen, denn Texte und Bilder entstanden «zu weit überwiegenden Teilen unabhängig voneinander», heisst es. Es sind zwei nebeneinander laufende Zyklen, Eindrücke, die selten die ländliche Idylle zeigen, die so gerne mit Liechtenstein verbunden wird. Vor allem Lafleurs Gedichte beschreiben die Aussensicht auf den Kleinstaat. Der Autor lebte mehrere Wochen und Monate in Liechtenstein. Er beschreibt Gottesreste und Strassenlärm, Almrausch und Geldkäfer, Treuhändersümpfe und zahnspangige Teenies, die sich in Fremdenfeindlichkeit üben und ihre Lehrer beleidigen. Papierschnitte und Texte gehen ihre eigenen Wege, im Gemeinschaftsband schreiten sie Liechtenstein aber parallel in Nord-Süd-Richtung ab und weisen hie und da thematische Gemeinsamkeiten auf. Herausgebracht hat das Heft voller Liechtenstein-Gedichten und Papierschnitten die Kölner «parasitenpresse» anlässlich der Leipziger Buchmesse vom 17. bis 20. März. Ein originelles Heft – einfach und unspektakulär und doch einzigartig in seiner Offenheit und Ehrlichkeit.”

Das Lachen der Hühner: Bonusmaterial

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Das Lachen der Hühner ist womöglich die erste künstlerisch-literarische Kompaktbeschreibung des Fürstentums Liechtenstein in der Moderne. Von Anfang an war der Band auf je elf Gedichte und Bilder veranschlagt, den elf Gemeinden des Landes zu entsprechen. Rheinsein zeigt nun in einer Miniserie, exklusiv und den Start des Bandes begleitend, etwas Bonusmaterial: Bilder und Texte, die es nicht in den Band schafften. Den Auftakt macht eine Stadtansicht von Vaduz (von Helena Becker).

Stan Lafleur / Helena Becker: Das Lachen der Hühner. Liechtenstein-Gedichte und Papierschnitte, parasitenpresse, Köln 2011. 24 Seiten, ca. DIN A5-Format. Keine ISBN-Nummer.

Bestellbar über den lyrikvertreibenden Buchhandel oder direkt beim Verlag: parasitenpresse@hotmail.com
Bei Rheinsein eingehende Bestellungen werden an den Verlag weitergeleitet.
In Liechtenstein sind die Bände in den Buchhandlungen Bücherwurm/Vaduz, GMG/Schaan und Omni/Eschen vorrätig.

Preis für Besteller aus Deutschland: 9 Euro (inklusive Porto und Verpackung)
Preis für Besteller außerhalb Deutschlands: 9 Euro / 12 Schweizer Franken (plus Portopauschale)
Ladenpreis: 9 Euro / 12 Schweizer Franken

Wille und Intellekt

“Der Wille, welcher die Wurzel des Intellekts ist, widersetzt sich jeder auf irgend etwas Anderes als seine Zwecke gerichteten Thätigkeit desselben. Daher ist der Intellekt einer rein objektiven und tiefen Auffassung der Außenwelt nur dann fähig, wann er sich von dieser seiner Wurzel wenigstens einstweilen abgelöst hat. So lange er derselben noch verbunden bleibt, ist er aus eigenen Mitteln gar keiner Thätigkeit fähig, sondern schläft in Dumpfheit, so oft der Wille (das Interesse) ihn nicht weckt und in Bewegung setzt. Geschieht dies jedoch, so ist er zwar sehr tauglich, dem Interesse des Willens gemäß, die Relationen der Dinge zu erkennen, wie dies der kluge Kopf thut, der immer auch ein aufgeweckter, d.h. vom Wollen lebhaft erregter Kopf seyn muß; aber er ist eben deshalb nicht fähig, das rein objektive Wesen der Dinge zu erfassen. Denn das Wollen und die Zwecke machen ihn so einseitig, daß er an den Dingen nur das sieht, was sich darauf bezieht, das Uebrige aber theils verschwindet, theils verfälscht ins Bewußtseyn tritt. So wird z.B. ein in Angst und Eile Reisender den Rhein mit seinen Ufern nur als einen Queerstrich, die Brücke darüber nur als einen diesen schneidenden Strich sehn. Im Kopfe des von seinen Zwecken erfüllten Menschen sieht die Welt aus, wie eine schöne Gegend auf einem Schlachtfeldplan aussieht.”

(aus: Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Band II, Ergänzungen zum dritten Buch, Kapitel 31: Vom Genie)

Bregenz (5)

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Blick in den Himmel (verstellt von einem der beiden Leuchttürme der Hafeneinfahrt).

Bregenz (4)

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Mickey Mouse genießt das Seeufer als Tourist.

Bregenz (3)

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Seeschelle. Dreimal täglich erscheint ein Kleinwüchsiger, das Instrument zu rühren. Das rostige Geklimper trägt weit hinaus auf den Bodensee.

Bregenz (2)

Mit dem ÖBB-Wiesel von Feldkirch an den keltisch-römischen Bodensee. So ganz flink bewegt sich das Wiesel nicht, eher schleicht es ruckhaft durch die Vorarlberger Dörfer, Gleisparks und Städtchen entlang des Österrheins: Anfahren und Bremsen. Die Ortschaften tragen Namen wie Haselstauden oder Klaus in Vorarlberg (aus dem das verbleicht-zerfressene Stationsschild K in Voranberg macht). Immerhin nur läppische 9,10 Euro kostet eine Tageskarte. Dem Bregenzer Bahnhof direkt gegenüber liegt die imposante Seebühne, welche gerade für eine Oper über den während der Revolutionswirren guillotinierten französischen Lyriker André Chénier umgebaut wird. Promenade und Innenstadt geben sich typisch bodensee-touristisch, nur daß an Märzwerktagen vielleicht grad anderthalb handvoll Touristen durch die Straßen schleichen. Ein hübsches Fleckchen stellt die Oberstadt vor, mit dem Stadttor mit seinen eingeritzten Sprüchen („Nutz Diene Zit / Mahn fule Lüt / Meid Bösen Strit / Duld Truglug it“), von dem ein mumifizierter Hai herabbaumelt, als Kuriositätenzentrale. Rekorde: der Martinsturm gilt als größter Zwiebelturm Mitteleuropas – in der Tat: ein Brett! Die Hausfassade Kirchstraße 29 gilt als schmalste Ganzeuropas: mit 57 Zentimetern Breite – um den Rekord abzurunden imaginieren wir eine Flucht von 500 Metern Länge hinter der unscheinbaren Holztür. Die zum Kapuzinerkloster gehörige Lourdesgrotte mit der Statue Unserer Lieben Frau, die nach Angaben der Müllerstochter Bernadette verfertigt und einst als erste Statue in der Erscheinungsgrotte zu Massabielle aufgestellt wurde, gilt als das ehrwürdigste Lourdes-Heiligtum Österreichs. Ansonsten begegnet uns Bregenz als Stadt der Fahrradschieber, schon die Kleinsten üben sich auf den gepflasterten Anstiegen Richtung Bergwelt. Über/regionale Berühmtheit erlangt hat das „Running Sushi & Buffet Tokyo“, ein All you can eat-Fließband-Sushirant, das eine dem asiatischsten Metropolenverkehr nachempfundene, übereinander verlaufende Warm- und Kaltspeisendoppeltrasse anbietet, die sich durch weite Teile des in einer Shopping Mall situierten Ladens schlängelt und dem günstigen Preis entsprechend überraschend vielfältige (mit brauner Süßpaste gefüllter Olm?!) zwar, aber fade Ware anbietet. Ein letzter Blick auf den Dunst überm See und zurück geht’s durch österrheinische Feld-, Wald- und Wiesengebiete, über denen majestätisch Arl und, immer einen Flügelschlag voraus, Vorarl kreisen.

Bregenz

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Eisdiele Melanie (Detailansicht der Schaufensterdekoration).

Feldkirch

Im Gegensatz zum Fürstentum Liechtenstein, in dem jedoch zureichend Feldwege zur Verfügung stehen, begleiten die Vorarlberger Hauptstraßen auffallend taugliche Fahrradspuren. Hinzu`s gehts gegen den Wind durchs Unterland und ein Weniges hügelan. Gleich hinter der Grenze entbieten stramme Asiaten, welche hier Kaufmannsläden und Verpflegungsstationen mit umfassendem heimatlichen Sortiment betreiben, herzhaft: „Grüß Gott!“ Aus dem Augenwinkel nehmen wir eine weltweit grenztypische Baracke wahr, in welcher der Snackman frühe Würschtl brät. Die Läden der angestammten Vorarlberger, ob deren Namen auf althergebrachte Poetiken zurückgehen oder neo-asiatischem Einfluß unterliegen (oder ob beides seine Rolle spielt), heißen knackig „fleisch & brot“ oder „klein & fein“ – das kaufmännische „&“ sowie Kleinschreibung jedenfalls scheinen Pflicht. In der Feldkircher Innenstadt suchen und finden wir den Briefkasten des Theaters am Saumarkt, um gerade noch fristgerecht vier neue Gedichte für einen lokal verankerten, schmal dotierten Provinzlyrikpreis mit Weltruf einzureichen. Feldkirch pflegt sichtbar seine literarische Vergangenheit und Gegenwart (evtl erledigt das aber auch die ÖBB für „die Stadt“ wie Feldkirch in Liechtenstein der Einfachheit halber genannt wird): im Bahnhof zeigt ein feuerwehrroter

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Literaturautomat unter dem Motto „Lesen ist Reisen im Kopf“ in seinem eigenen Automatenrhythmus Texte und Biografien Vorarlberger AutorInnen an, deren Namen zudem gut sichtbar rund um die Bahnhofshalle angeschrieben stehen. Zudem wird James Joyce, recht dramatisch, zitiert: „Dort drüben auf den Schienen wurde 1915 das Schicksal des Ulysses entschieden.“ Nicht minder dramatisch dürften gut drei Jahrzehnte später weit fleischlichere Schicksale entschieden worden sein: falls die Erinnerung an Zuckmayers Autobiografie “Als wär’s ein Stück von mir” uns nicht trügt, galt Feldkirch zu Zeiten von Ostmark und Großdeutschem Reich als wichtiger Fluchtpunkt (nicht nur) für Schriftsteller, die Heimat in sicherere Gefilde zu verlassen. In der Stadt schreiten dann auch, nebst der allerorten auffallenden, die Möglichkeiten des Lifestyle bis an die äußeren Grenzen des Mainstreams auslotenden sonnenbankgebräunten Wasserstoffblondine mit Puschelhund, legerere Touristinnen mit offenkundig literarischen Bändchen vor der Nase einher, jeden Meter und Winkel Historizität zu erspüren/abzufotografieren. Kurzes Ruhen mit Illblick: kalkig-türkis zieht dies frische Flüßchen auf den Rhein, zu Baulärm, der bald von der Sonne und mit ihr auftrumpfenden gemischten Singvogelchorälen beruhigt wird. In dieser Strahlesonne, die Menschheit ringsum bricht nun bekatzte Weidenzweige, beginnt die Selbstheiligung aller Umstände.

Karnevals-Body Count (2)

Der Düsseldorfer EXPRESS berichtete am Karnevalsdienstag über einen während der „tollen Tage“ über die Jahre in den gängigen Karnevalshochburgen nicht selten auftretenden Vorfall mit diesmal glimpflichem Ausgang. Bei den Düsseldorfer Kasematten sprang ein junger Mann „aus Übermut“ in den kalten Rhein und drohte umgehend zu ertrinken. Passanten alarmierten eine gerade in der Nähe patrouillierende Polizei-Hundertschaft. Die Polizisten taten ihren Job: „Als sie den Mann im Wasser sahen, kletterten sie sofort die Spundwände runter. Doch ihre Arme waren nicht lang genug, um ihn zu fassen.“ Dann aber geschah Bezeichnendes, ein Düsseldorfer Schnelldenker rettete die Situation: „Derweil genoss Karl-Andreas Weyll gegenüber in einer Cocktail-Bar die Sonne. Als er sah, was geschah, griff er zunächst zur Kamera, erschrak dann aber, als die Beamten den Mann nicht erreichen konnten. Kurz entschlossen packte er ein langes Absperrgitter und ließ es zu den Polizisten runter. Das war die Rettung!“

Schnitzelbängg

Die Basler Fasnacht, momentan zugange, ist wohl eine der spätesten (als weltspäteste überhaupt gilt die Ermatinger Groppenfasnacht drei Wochen vor Ostern) am Rhein – und zugleich wohl die lyrischste.  Vorgestern wurden die Themen diesjähriger Basler Schnitzelbänke bekannt. Ein Schnitzelbank ist ein gesungener Vers mit starken  Anleihen beim Bänkelsang. Zwei Beispiele:

“Santi Niggi Näggi / hinderem Oofe stäggi / Du und au dr Schmutzli syt so fyys, Dir alte Freaks / Dir wüssed all das Züggs vo mir jo nur dangg Wikileaks”
(Autor: Stächpalme)

“Dr Sarazzin bhauptet kurz und gnabb / wäg de Türke schafft sich Dütschland ab! / Ych find die Uussaag gar nid schlächt / jetz hoff y nur – er haig au rächt!”
(Autor: Hanslimaa)

Das Lachen der Hühner (2)

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Offizieller Erscheinungstermin ist der heutige Dienstag – auf der Leipziger Buchmesse vom 17. bis 20. März wird die parasitenpresse den Band als Gast am Stand C219 des Poetenladens in Halle 5  präsentieren.

Kaum halten wir die ersten Exemplare in Händen, dürfen wir feststellen, daß die Startauflage (die parasitenpresse rechnet ihre teils handgearbeiteten Auflagen in aktuell lyrikgerechten 50er-Schritten) so gut wie verkauft ist. Interessenten mögen dennoch nicht zögern: die parasitenpresse wird die zweite Auflage sehr zügig in Angriff nehmen (hat dies unter Umständen bereits getan), die Herstellensweise ermöglicht den Nachdruck innert Tagen. Weitere Informationen zum Buch, sowie von und zur parasitenpresse auf der Verlags-Website oder auf unserer Autorenpräsenz.

Stan Lafleur / Helena Becker: Das Lachen der Hühner. Liechtenstein-Gedichte und Papierschnitte, parasitenpresse, Köln 2011. 24 Seiten, ca. DIN A5-Format. Keine ISBN-Nummer. Preis: 9 Euro.

Bestellbar über den idealistischen lyrikvertreibenden Buchhandel oder direkt beim Verlag: parasitenpresse@hotmail.com
Bei Rheinsein eingehende Bestellungen werden an den Verlag weitergeleitet.