Monatsarchiv für Februar 2011

 
 

The Rhine and the Moselle

As the glory of the sun,
When the dismal night is done,
Leaps upward in the summer-blue to shine,
So gloriously flows
From his cradle in the snows
The king of all the river floods – the Rhine.

As a mailed and sceptred king
Sweeps onwards triumphing,
With waves of helmets flashing in his line,
As a drinker past control
With the red wine on his soul,
So flashes through his vintages – the Rhine.

As a lady who would speak
What is written on her cheek,
If her heart would give her tongue the leave to tell;
Who fears and follows still,
And dares not trust her will,
So follows all her windings – the Moselle.

Like the silence that is broken,
When the wished-for word is spoken,
And the heart hath a home where it may dwell;
Like the sense of sudden bliss,
And the first long loving kiss
Is the meeting of the Rhine and the Moselle.

Like the two lives that are blended
When the loneliness is ended,
The loneliness each heart hath known so well;
Like the sun and moon together
In a sky of splendid weather,
Is the marriage of the Rhine and the Moselle.

(Edwin Arnold)

Cologne piece

bollinger_cologne-piece

Wahlweise als Cologne piece, Cologne log piece oder Float piece betitelt findet sich diese höchstrheinische Arbeit Bill Bollingers, dem das Kunstmuseum zu Vaduz derzeit eine Retrospektive widmet. Schwerkraft, Gleichgewicht und Spannung seien Bollingers Grundideen gewesen, erklärte Kuratorin und Vernissage-Rednerin Christiane Meyer-Stoll, die Bildhauerei fortzuentwickeln: eine Radikalisierung. Damit habe Bollinger Ende der 60er, Anfang der 70er Maßstäbe gesetzt und zur ersten Riege seiner Zunft gezählt, sei dann jedoch, weil er sich als alleinerziehender Vater das Leben in New York nicht mehr leisten konnte, nach und nach aus dem Kunstzirkel gebröckelt. Wie immer wenn Künstler, die zu Lebzeiten vergessen oder fallen gelassen wurden, posthum geehrt werden, vermeinen wir plötzlich Risse im Raum-Zeit-Kontinuum wahrzunehmen, aus denen bedrohliche Materie quillt. Diese eigenartige Form der Halluzination geht einher mit Hitzewallungen, die weitere Wahrnehmungsstörungen hervorrufen, sodaß wir uns einem solcherart präsentierten Werk kaum noch unbefangen nähern können: unweigerlich atmen wir die Aromen des Todes, des Vergessens und der Wertsteigerung, ein betäubendes Gemisch. So schien uns gestern etwa der Museumsboden zu flimmern und Bollingers darauf gebreitete Werke anzugreifen, ja gar: zu schlucken – eine verzweifelte Widerstandsaktion des ewig getretenen Parketts. Schwerkraft, Gleichgewicht und Spannung gerieten in den Waber der heiligen Unendlichkeit. Skelettierte oder rohe Ideen marschierten auf farblosen wassergelenkigen Spinnenbeinen in kontextfreier Selbstgenügsamkeit einher, führten eine Art Bienentanz auf, auf daß sie alle dem menschlichen Zugriff entkämen, verwertungsfrei und rein. Wir müssen sehr schockiert ausgesehen haben, denn die Aufsicht sprach uns mitfühlend an, hielt uns gar für einen Engländer. Sagen Sie das bloß nicht den Engländern, konnten wir der Aufsicht noch raten, bevor es uns gelang ins Freie zu torkeln. Wir radelten zum nahen Rhein, in dessen dunklen Fluten sich selbsterschaffene Holzskulpturen abzeichneten, Rümpfe, Rumpfideen gelassener Schicksalserwartung. Ihr baldiges Auftauchen und ebenso baldiges Verschwinden und Verschwappen übte beruhigende Wirkung aus. Wir hielten dem Treibholz eine stumme Rede. Es schien uns zuzunicken. Ein paar Sterne funkelten am Himmel. Die Welt war groß und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Die Kunstsoirée war, im Sinne der Kunst, an uns mal wieder vollständig gelungen.

The legends of the Rhine

Beetling walls with ivy grown,
Frowning heights of mossy stone;
Turret, with its flaunting flag
Flung from battlemented crag;
Dungeon-keep and fortalice
Looking down a precipice
O`er the darkly glancing wave
By the Lurline-haunted cave;
Robber haunt and maiden bower,
Home of love and crime and power, -
That’s the scenery, in fine,
Of the legends of the Rhine.

One bold baron, double-dyed
Bigamist and parricide,
And, as most the stories run,
Partner of the evil one;
Injured innocence in white,
Fair but idiotic quite,
Wringing of her lily hands;
Valor fresh from paynim lands,
Abbot ruddy, hermit pale,
Minstrel fraught with many a tale, -
Are the actors that combine
In the legends of the Rhine.

Bell-mouthed flagons round a board;
Suits of armor, shield, and sword;
Kerchief with its bloody stain;
Ghosts of the untimely slain;
Thunder-clap and clanking chain;
Headsman`s block and shining axe;
Thumb-screw, crucifixes, racks;
Midnight-tolling chapel bell,
Heard across the gloomy fell, -
These and other pleasant facts
Are the properties that shine
In the legends of the Rhine.

Maledictions, whispered vows
Underneath the linden boughs;
Murder, bigamy, and theft;
Travelers of goods bereft;
Rapine, pillage, arson, spoil, -
Everything but honest toil,
Are the deeds that best define
Every legend of the Rhine.

That virtue always meets reward,
But quicker when it wears a sword;
That providence has special care
Of gallant knight and lady fair;
That villains, as a thing of course,
Are always haunted by remorse, -
Is the moral, I opine,
Of the legends of the Rhine.

(Francis Bret Harte)

Das Zugverhalten der Rheinkiesel

Am selben Tag, an dem wir eine alpenrheinische Kiesbank nach Nuggets absuchen und darüber sinnieren, welche Wege die Kiesel, insbesondere, nachdem wir tags zuvor weiter droben im Fels einzelne Exemplare in vorfrühlingshaftem Holterdipolter die Rüfen hatten hinunterrollen hören, in ihrem Kieselleben gehen, melden die Badischen Neuesten Nachrichten, daß unsere (hier zu weit führenden) amateurischen Vermutungen bald von wissenschaftlich-präzisen Auskünften abgelöst werden dürften – zumindest ab dem Oberrheinabschnitt. Denn tatsächlich kennt bisher niemand die genauen Wanderwege der Rheinkiesel. Allein, daß sie tatsächlich wandern, ergaben jetzt schon fachgerechte Versuche unter den Fittichen des Regierungspräsidiums Freiburg, welches dieser Tage ausgesuchte Rheinkiesel mit Sendern präpariert. Zitat: „”Die Technik funktioniert”, berichtete Regina Ostermann (…) nach einem ersten Test im kalten Rheinwasser. Sie ist optimistisch: “Innerhalb weniger Stunden haben wir einige unserer Spezialkiesel gefunden.” Und sie wandern tatsächlich. Weitere Funde sind nur eine Frage der Zeit. Die Beobachtung der wandernden Rheinkiesel soll zu wissenschaftlich fundierten Modellen führen, wie und unter welchen Umständen so genannte künstliche “Geschiebezugaben” gezielt zur Verbesserung der Flussökologie in den Rhein gegeben werden können.“ Wie häufig bei Projekten am Oberrhein sind auch hier Spezialisten aus dem benachbarten Frankreich beteiligt, das Zugverhalten der Kieselscharen zu erfassen: „Ein Spezialist der Universität Lyon spürt die präparierten Kieselsteine mit einem Sondiergerät auf. Es ist eine Profi-Version der an Urlaubsstränden hin und wieder zur Suche von Münzen verwendeten Detektoren.“

Flaschenpost (4)

„Womöglich war der Sache Ursprung, daß ich als Kunststudent (vor gut 20 Jahren) öfter das Gemälde „Das Narrenschiff“ von Bosch im Louvre betrachtete und in diesem Zusammenhang von Sebastian Brant erfuhr. Das Bild konnte ich also sehen – das Buch lesen jedoch nicht. Denn eine französische Übersetzung war nicht aufzutreiben und der Originalsprache war ich damals noch viel weniger mächtig als heute.
Daß man Träumen keinerlei Glauben schenken sollte: diese Erkenntnis erlangte ich, als ich nach einem Traum den “Leichnam Christi” von Holbein d. J. im oben erwähnten Museum vergeblich zu finden suchte (um das Gemälde mit Dostojewskis Beschreibung zu vergleichen).
Als ich 2006 in Basel zu Besuch war, nutzte ich die Gelegenheit um endlich den Holbein im Kunstmuseum zu sehen und warf danach einen Blick auf Kataloge, Bücher, Postkarten. Ich kaufte zwei Holbein-Postkarten und – siehe da! Zwischen mächtigen, dicken, prachtvollen und dementsprechend teuren Veröffentlichungen lag das kleine Reclambändchen von Brant: nicht in altdeutscher Schrift (die für mich so verständlich ist wie japanische Ideogramme), sondern in lesbaren lateinischen Lettern. Auf Deutsch zwar, aber inzwischen war viel Wasser unter diversen Brücken hingeflossen und die vorherige Sprachbarriere so gut wie überwunden.
Abends nach einem Spaziergang tranken B. und ich ein paar Biere, unterhielten uns und stellten irgendwann fest, daß der Wurf eines Objekts in einen von Süd nach Nord fließenden Fluß zwangslaufig dieses Objekt, da wir im Süden saßen, nach Norden schwimmen lassen würde. Dieser Fluß war der Rhein, die Wahl des potentiellen Empfängers fiel leicht.
Das passende Objekt für das Experiment stand bereits auf dem Tisch: eine leere Bierflasche. Es fehlte nur noch die schwimmenzulassende Botschaft. Brant bot sich natürlich an. Jedoch ist es bekanntermaßen viel einfacher für ein Kamel sich durch ein Nadelöhr zu schwingen, als für ein Buch (sei es nur ein Reclamheft) in eine Flasche Bier zu gelangen. So schrieb ich das Zitat (das ich heute vergessen habe) auf eine der beiden Postkarten, welche ich dann in die leere Pulle beförderte.
Am folgenden Tag, als wir über die Eisenbahnbrücke, die parallel zur Schwarzwaldbrücke verläuft, spazierten, warf ich die zur Flaschenpost beförderte Pulle in den Rhein, und wenn sie bis heute nicht angekommen ist, dann schwimmt sie wahrscheinlich noch.“

Ein (vierteiliger illustrierter) Gastbeitrag von Roland Bergère, von Rheinsein aus dem frz-dt ins virtuell-dt transkribiert. Erwähnte und fotografisch dokumentierte Flaschenpost, die natürlich an (das damals bereits als Geist über dem Wasser schwebende) Rheinsein adressiert war, hat sich inzwischen, und das ist Anlaß für den ganzen Artikel, selbstdigitalisiert und ist solcher Gestalt (oder Pixelifikation) beim Adressaten angelangt. Für diese Wegstrecke benötigte sie gute vier Jahre und womöglich einige Transformationsprozesse, die einst als Vorstufen zwischenweltlichen Beamens betrachtet werden mögen.

Flaschenpost (3)

flaschenpost_3

Flaschenpost (2)

flaschenpost_2

Flaschenpost

flaschenpost

Aktuell: Rhein-Vierteiler auf ARTE (3)

Mutiger Beginn des letzten Dokuteils, wiederum von Klaus Kafitz: Drachenfels, Köln und Düsseldorf sind in ca 15 Sekunden abgehandelt. Im Duisburger Hafen werden 21 Becken gezählt, die Hängebrücke von Emmerich hält irgendeinen Rekord, bei Kalkar hockt Rudi Hell auf seiner Grieth, dem angeblich letztverbliebenen Schokker am Rhein, um Aale und Chinesische Wollhandkrabben aus seinen Fluten hervorzuziehen. Die Grieth ist gewiß nicht der einzig verbliebene Aalschokker auf dem Fluß, vielleicht aber der einzig aktive. Über die Wollhandkrabbe weiß Wikipedia: “Zur Zubereitung werden die Krabben mit Schnüren zusammengebunden, um zu verhindern, dass der wohlschmeckende Saft beim Kochen austritt. Danach werden sie in Dampf gegart. Weil die große Menge von Wollhandkrabben aber nicht ausschließlich in der Gastronomie verwertet werden kann, erfolgt eine Nutzung vor allem gewerblich-industriell, etwa zur Chitosan-Herstellung und zur Biogas-Produktion. Chitosan ist ein begehrter Rohstoff, der z. B. bei der Abwasserbehandlung, in der Medizin (Nahtmaterial), in der Landwirtschaft (Saatgutbehandlung) und in der Lebensmittelindustrie eingesetzt wird. (…) Inzwischen soll die Art sogar von Europa in das Ursprungsland China zurückverfrachtet werden, um die dortigen Bestände zu stützen (…)” Bei Lobith finden Jugend-Speedboatmeisterschaften statt, in Schoonhoven am Lek sehen wir einer Kunstmalerin beim Aquarellieren von Strandkühen zu. Kühe im Wasser und Kühe am Rhein seien ein Markenzeichen der Niederlande, sagt die Malerin, der es nur aufgrund jahrelanger Gewöhnung vergönnt ist, bis auf wenige Meter an die scheuen Tiere heranzukommen. Hausboote, Windmühlen. Die Merwede verbreitert sich zu einem imposanten Fluß- und Inselsystem: de Biesbosch, im kleinen Holland ein Nationalpark so groß wie ganz Paris, mit Fischadlern über Polderland. In Bodegraven am Oude Rijn steht eine Biermühle, in Koudekerk aan den Rijn die einzige Klappbrücke über den schmalen Restfluß, der bei Katwijk als kleinster von fünf Mündungsarmen in die Nordsee fließt. Bei Rotterdam wird Westland, die gläserne Stadt, in der vornehmlich Gewächshausgemüse wohnt, bei Regenknappheit rheingespeist. Es sieht wie eine kosmische Versuchsanordnung aus, wenn ein einsamer Gärtner, für ein fünf Fußballfelder großes Gewächshausareal alleinverantwortlich, leuchtend grünen Kopfsalat in Klarsichttüten schneidet, während um ihn herum im nichtbeschriebenen Raum des computergenerierten Gewächshausklimas fantastische Neozoen sich ausbilden, nukleargetriebene Untiere, farblose Läuse, UV-Strahlen absondernde Motten und mimikryfähige Blütenpredatoren – ein schillernder und versöhnlicher Abschluß der Reihe, bei der Lang- und Kurzweil sich in etwa die Waage halten.

Aktuell: Rhein-Vierteiler auf ARTE (2)

Den dritten Teil der ARTE-Rheindoku schauen wir zeit- und regionsverlagert, doch immer noch aktuell, in der Nachmittagswiederholung. Regisseur ist nun Klaus Kafitz und Startpunkt das Computerterminal des Mannheimer Hafens, vor dessen Abfertigungsrobotik wir durchs Filmkameraauge einem Architekturfotografen durchs Fotoobjektiv blicken dürfen: schwarzweiß und becherlastig. Schick beschleunigte und abgebremste Luftaufnahmen folgen dem leicht geschwungen eingefaßten Oberrhein vorbei an Worms zur Altrheinschleife Kühkopf-Knoblochsaue, in der Fisch- und Gewässerkundler Egbert Korte elektrokeschernd den Rhein als Black Box bezeichnet. Wir lernen die Weide als abzeichnungs- und flutungsgeeignetsten Baum Mitteleuropas kennen, sowie Treibholz als Transportmedium für Tierarten und Pflanzensamen. Aufscheint die weithin unterkellerte Ex-Metropole Oppenheim, in deren labyrinthischer Stadt unter der Stadt ein Mithrastempelgewölbe erkannt worden sein will. Rheinhessen und der Inselrhein: geraffte Luftaufnahmen. Eintritt ins weltbekannte Weltkulturerbe, dem schwerlich große Neuigkeiten abzuringen sind. Kafitz versuchts mit einer kleinen Flußinsel mit eigener Weinlage bei Bacharach: Winzer Friedrich Bastian ist zugleich Kammersänger, erklärt die Eigenheiten von kleinklimaausgesetztem Inselwein und knödelt uns eins. Der Rheinburgenweg bietet Mittelrheinalpinismus mit Loreleyblick: wie auch in gefühltermaßen drei bis vier weiteren Rheindokus pro Jahr. Reichlich Filmminuten erhält das St. Goarer/St. Goarshauser Rhein in Flammen-Spektakel über dem für eine Armada aus Fahrgastschiffen reservierten Fluß und wir erfahren, daß die lokalen Feuerwerker bei der letzten Musikfeuerwerksmeisterschaft in Kanada auf dem Siegertreppchen landeten. Insgesamt ein wenig inspirierter Filmteilabschnitt.