Rheinsein an der Donau (4)

Nach gelungenem Durchqueren der Mittleren Ewigkeit nachmittägliches Gestiefel durch Wiens 7. Bezirk: filmkulissen wirkende, auf Charme getrimmte Abgeranztheit schlierig-staubiger, kitsch- und katschbefüllter, papptafelbeworbener bzw -verstellter Straßenvitrinen, den sprechenden Mäulern sozusagen k.u.kiger, massiver Gebäude. La Trouvaille – Bücher und Weine. Keine fixen Öffnungszeiten. Afrikanische Stammeskunst. Bachblüten. Kälte kriecht mit unablässiger Perfidie über die Straßen, wir suchen nach warmer bis heißer Nahrung. Solche wird an jeder zweiten Ecke, nicht selten auch dazwischen, feilgeboten, die Einzelkämpfer an/in den zerbrechlichen Wiener Würstlständen aus Glas und Brettern dauern uns, ob der Temperaturen, um sie herum jedoch herrscht ein Melting Pot nie zuvor so bunt verwirbelt gesehener Genüsse; nebst einem fülligen Arsenal einheimischer Speisen mit ihren geisterbahnhaften Bezeichnungen. Wir finden und verwerfen: Couscous mit Knödel, Delikatessen „Smak“: “polnische Produkte mit traditionellem und originalen Geschmack”, Blunzengröstl mit Brimsen, armenischen Weinbrand, Augsburger und Karfiol als Angebot eines arabischen Cafés, Beuschel, Fuschl, Fuddlstrudl etc. etc., landen schließlich in einem asiatischen Imbiß, angelockt von Meditationsfahnen, welche zwei Kraniche in verschiedenen Positionen auf so etwas wie aufgeblähten Kartoffeln hockend darstellen. Die Bildfolge wirkt chinesisch-weise bis raffiniert-dement: „Ich könnte schon weg, aber hier bin ich, hier bleib ich (bei meiner ollen Knolle).“ Nachdem die Patronin uns zunächst für einen Engländer hält (ein in letzter Zeit im deutschsprachigen Ausland etwas zu häufig auftretender Irrtum), uns dennoch von der dicken Suppe auf ihre asiatische Art abzuraten scheint, versuchen wirs mit einer klaren, vorgeblich japanischen Suppe mit hausgemachten Tintenfisch-Schweinebällchen, zu der die Patronin unter explizitem Hinweis auf die Hausgemachtheit der Bällchen eindeutig rät. Unter Zugabe handelsüblicher Chilipaste (für den Japaner des Hagakure vermutlich ein seppukuwürdiges Sakrileg) und eines Krügerls Ottakringer brennt sie denn auch ein Loch aus Wohlgefühl in den umgebenden Winter. In selbigem lungert draußen vor der Tür der liebe Augustin, ein Wiener Original, als zum Brunnen erstarrter Pestzeitentertainer, dieweil aus dem Happy Vietnam-Imbiß unter Sturzbachgelächter, Mähmäh und Quakquak ein Zechpreller taumelt, dem es, eigener Erkenntnis zufolge, gelungen ist, die Geheimnisse der asiatischen Sprachen zu lüften. Ein Wiener Original vermutlich auch er. Zur 5.1-Präsentation unseres Radiokunst-Hörstücks Am Alpenrhein (das in der oberen Menüleiste dieser Seiten dauerhaft abrufbar ist) geht es schließlich am frühen Abend in die Alte Schmiede in der berühmten, einen verstorbenen/getöteten Basilisken beherbergenden Schönlaterngasse. In deren barockem Tiefkeller sich die Hörwilligen einfinden, einer unter ihnen gar, um sich selbst Gehör zu verschaffen, vermutlich ein weiteres Wiener Original. Von der handzahmen Donau über den Main zurück zum Rhein streckt sich die Zugfahrt gehörig. Hübsch buckelt das Frankenland. Von wo der gute Hopfen stammt. Die Donau wirkt aus dem Zugfenster im Vergleich zum Rhein so mild und wohlgeschlängelt mit ihren goldglänzenden Wasserspiegeln in schönstens proportionierten Hügelsänften, daß nach rheinsein bereits das nächste zu erwandernde Projekt uns ruft, aus den silberschwarzen Meeren aprikosenschnapsverklärter Fernen: nach Ungarland, nach Bulgarien hin…


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