Auf dem Rheindamm

Übern Rheindamm skaten dauergewellte Loreleyen, teils mit einem Affenzahn. So halten sie sich fit nach Karriereende, durchstromern das alte Revier, behalten dessen Veränderungen im Blick. In Bergklüften pulsen und blinken vernebelte Sonnen, geben Signale. „Das hat nichts zu bedeuten“, versichern einheimische Ausflügler, begleitet von leichtem Gesichtszucken. Sie kraxeln die Dammbefestigungen hinab wie rotrandige Käfer, picknicken routiniert auf griesigen Kiesbänken zwischen Rispelstrauch und Deutscher Tamariske, deren Sud als Allheilmittel gegen Blässe, Rotwangigkeit und Gelbsucht, bei Brandwunden und Spinnenbissen, gegen Geschwüre, Zahnweh und Weißfluss gilt. Im kargen Kiesgestrüpp rennen Grünschenkel, Kampf- und Uferläufer, pfeift der Flußregenpfeifer leider gerade nicht, denn er pfeift nur bei Regen. Unter die Loreleyen mischen sich irre Rennradler, freizeitbekleidete Blitze, es zischt und fuscht vor Sportlichkeit, der Damm ist lang und schnurgerade, eine ideale Hochgeschwindigkeitspiste, mitunter heben Radler und Skaterinnen ab, zielen auf die Himmel hinter den Bergen. Galeriewälder geben die Bodenkulisse, stockendes Gehölz, den nahebei im großen Maßstab produzierten Autobahnlärm zu dämpfen: Silberweide, Stieleiche, Traubenkirsche, Liguster und jede Menge Dürrlinge. Der Fluß unterdessen ergeht sich in Schwall und Sunk, baut seine verschiedenen Ebenen auf, reißende Züge, plätschernde Neben- und dümpelnde Hinterwasser, silbrig begipfelte Rippelwürfe, färbt seine Fasen: türkis, grünspan, bergmetall, schwarz. Im Fließen verliert und verdreht er sich, wölbt und kesselt, findet Aus- und Umwege, fängt sich, strömt, verschattet und gewunden, drechselt mit diversen Strömungsaufsätzen eindrücklich an den schwarzen Sandstrandabschnitten. Seine veränderlichen Niveaus halten sich die Waage, Angler stehen oberschenkeltief in seinen Löchern, gehen auf Karelen, lokale Antitiere, weder Fisch noch Fleisch, vielmehr durchscheinende Alpenwesen, die Nahrung nicht, sondern Weisheit spenden. Urstümpfe und -strünke, garneliges, flutengeschliffnes Holz tentakelt aus Schwall und Kies in den Taldunst. Eine jesusähnliche Gestalt versucht, seinen Hunden (Riesenschnauzer, Königspudel, Promenadenmix) den Gang übers Wasser zu lehren. Die Tiere versagen kläglich. „Aggro Love“ steht Brückenbeton graffitiert, nebst einem zum Platzen schweren Chriesiherz. Modellflieger stürzen durch die Lüfte in ferngesteuertem Sonntagskamikaze, schreiben ihre Zeilen in den göttlichen Wind. Vielfältige Poesie des Rheintals. Die Naturlandschaft Tscheggenau, drei umzäunte Tümpel zwischen Deich und Autobahn: Refugium für lärmunempfindliche Arten wie Großes Ochsenauge, Rosa Ochsenmaul, Plattbauch, Mauerbiene, Südlicher Blaupfeil, Sumpfgrille, Blutrote Heidelibelle, deren Echogehöre jegliche Motorfrequenzen auszufiltern in der Lage sind, um dem lieblichen Klimpern und Zimpern von Spitzorchis und Tausendgüldenkraut die gängigen, überlebenswichtigen Informationen zu entnehmen. Die Loreleyen unterdessen sind in ihre Eigentumswohnungen zurückgekehrt und genießen auf ihren Gartenterrassen den Bergblick von unten. Wenn Freundinnen zu Besuch kommen, werfen sie die Videos von früher ein: auf den Leim gegangene Burschen, Prozeßberichterstattung in den Medien, schließlich die Adelung zum nationalen Kulturgut. Sie tauschen sich über ihre Jodelschüler aus und trinken Tamariskentee, versetzt mit Klarem, der Klarheit um Klarheit bringt, während die Berge all die vorüberziehenden Jahre fein säuberlich in Vergessen falten.


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