Des Land isch nur luuter Schtrooss

Rheinsein bestreitet aktuell die Monatskolumne des KuL-Magazins des Liechtensteiner Vaterlands:

“Wenn ich in Deutschland gefragt werde, wie es denn in Liechtenstein so wäre, antworte ich meist banal: „Es ist das Paradies. Das heißt, es eigentlich genauso wie bei uns – nur sind dort die Autos wesentlich größer, die Häuser voluminöser (insbesondere ihre Garagen), der Verkehr dichter, der allgemeine Lärmpegel höher und die Leute glauben noch offiziell an Gott.“ Oder, wie die Einheimischen sagen: „Des Land isch nur luuter Schtrooss.“ Natürlich sollten solche Aussagen relativiert werden. Ich rede so, weil ich meinen unwissenden Gesprächspartnern gern das gängige Klischee von friedlich zwischen Treuhandfirmen, Stiftungssitzen (den Stiftungssinn umkehrender Stiftungen) und Bankhäusern grasenden Kühen in Unordnung bringe, welches das Liechtensteinbild der Deutschen für lange Zeit irreparabel durchseucht hat.
Zugegebenermaßen bin ich bei meinen Aufenthalten im Fürstentum nicht bis in die hintersten Täler der liechtensteinischen Seele vorgedrungen. Dafür habe ich die Oberflächenstrukturen des Landes mit der Pinzette abgetastet. Ich kenne die hübschen Almen, welche der Liechtensteiner als sein Naturerlebnis hegt, indem er sie, von Murmeln angepfiffen, mit dem Mountainbike erklimmt und hinabrast. Ich kenne aber auch all die mit höchstem Eifer genutzten asfaltierten Strecken, welche den Alltag des Liechtensteiners vom Morgen in den Abend schieben, während er an ihrem Seitenrande mit einer Hartnäckigkeit, die den deutschen Vorgartenmichel zum demokratisch übersättigten Faulpelz degradiert, den Rasen trimmt, stutzt, vertikutiert, als gäbe es kein Morgen und hätte Gestern niemals stattgefunden.
Von der vielbefahrenen, von Dopplereffekten nur so surrenden Straße fällt mein Blick über den mit gewaltigen Mähmaschinen bearbeiteten Vorgarten hinweg in eine Baulücke – die auf den zweiten Blick bereits keine mehr ist. Hinterm infernalischen Motorenlärm der Gartengeräte kündet zähes Klopfen von der Tätigkeit des pünktlich hinzugeeilten lückenschließenden liechtensteinischen Bauarbeiters. Sein Hammer gibt den Takt an: die Betonmischer stimmen ein. Allradgetriebene Benzinschleudern jaulen auf. Überm Tal erhebt sich die Landessinfonie. Unterm Schloß setzen die Laubbläser ein. Mählich sich steigernder Stakkatogesang einer Flex. Dieweil das Rollgitter vorm Schloßtor donnernd erzittert: ein absoluter Höhepunkt: der Fürst (oder ein sonstiges Mitglied der Familie) verläßt sein Domizil.
Es ist erstaunlich, daß der moderne Lärm noch keinen Widerhall in der zeitgenössischen Kunst des Landes erfahren hat. Dezibel Art. Tönende Ölschinken. Naive Bauernmalerei mit höllischen Motorsounds kombiniert. Kannibalistische Vertikutiererskulpturen. Grasfressende Maschinen mit zwiespältigen Botschaften. Der Hilti-Bohrhammer ersetzt die Fürstenkrone in der Landesflagge. Wer das Kunstmuseum betritt, hat die Wahl zwischen mindestens fünf landestypischen Sounds: per Knopfdruck läßt sich, sublime Interaktion, allerdings nur auf Höchstlautstärke, der Nächste mit Arbeitsgeräuschen beschallen. Alles im Rahmen der Kunst natürlich. Die ja ihre Epoche abbilden, erbauen und zum Nachdenken anregen soll. Was nicht ist, kann ja noch werden.
Aber vielleicht wäre das auch des Guten zuviel. Das Kunstmuseum als Refugium der Stille hat jedenfalls seinen – schützenswerten – Reiz. Drum hocke ich auch dort, bis es dunkelt. Ab abends gibt es weitere Orte der Ruhe, sogar in der Metropole Vaduz: so suche ich das berühmte ehemalige LGT-Geheimportal in der Gemeindetiefgarage auf. Meditiere davor bis Mitternacht. Über Geldflüsse, Gott und die Welt. Schlag Zwölfe mache ich mich auf. Im Land ist es, bis auf das viertelstündliche Erschallen der Kirchglocken, das nun nicht mehr vom Tageslärm übertönt wird, paradiesisch ruhig geworden.”


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Ein Kommentar zu “Des Land isch nur luuter Schtrooss”

  1. Lutz
    30. Januar 2011 um 13:13

    Endlich habe ich Liechtenstein verstanden, vielen Dank für den Artikel! ☺

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