Die Rottenkinckschow am Rhein

Eine langgehegte Hoffnung erfüllte sich, als am gestrigen Donnerstagabend die Rottenkinckschow erstmals in Köln gastierte. Das veranstaltende Literaturhaus hatte ins Blue Shell geladen. Bei der Rottenkinckschow handelt es sich um eine wandernde und zu jeder Ausgabe selbst rundumerneuernde Literaturshow der Damen Ann Cotten, Monika Rinck und Sabine Scho. Von denen letztere diesmal verhindert war, weswegen die verbliebenen sie verwegen mittels einer die Scho bzw ihre Abwesenheit in Erinnerung rufenden ansehnlichen, offensichtlich mit viel Liebe hergestellten Pappkameradin auf der Bühne (eben: nicht!) ersetzten. Ersetzen oder nicht ersetzen lautete also sofort eine zentrale Frage des Abends, der unter dem Motto Reparatur stand, das mit vier weiteren Submotti und unterhalb (?) dieser Ebene wiederum mit sonderlichem Aktionsgebaren und Gefrase aufwartete, von dem sich bisweilen annehmen ließ, daß es unter Einsatz knapp an der Wahrnehmungsschwelle agierender, verstandesübersteigernder bzw verstandesübersteigender Mittel zustande gekommen oder ausgeteilt worden sein könnte. Der Auftakt bestand jedoch ganz normal in Brechts berühmten Lied von der Tünche. Dem karnevalsoptimierten Kölner Publikum bereitete es verhaltene Freude, heutige Literatinnen im DIY-Punk-Stil auf der Bühne Couplets singen zu hören. Wo repariert wird, entsteht automatisch auch Reklamationsbedürfnis: die Rhythmusgruppe aus tschechischen Fruchtbarkeitsfetischen klang für die hinteren Ränge deutlich zu leise abgemischt. Für eine der folgenden Nummern hatte Miss Cotten vorab im Kölner Literatenumfeld rekrutiert: Swantje Lichtenstein und noch einer (immerhin fünf der aktuell sechs oder sieben Kölner Literaten fanden sich gestern im Blue Shell wieder) hatten beim Verlesen eines ursprünglich niederländischen Reparatur-Manifests aus den 70er Jahren zu assistieren. Nur war der Text nun auf Englisch vorhanden und sollte auf der Bühne spontanverdeutscht werden. Mit Ach und Krach gelang das Experiment: jeder erfolgreich absolvierte Paragraf wurde nach Berliner Sitte mit einem Schluck Vodka aus dem kreisenden Flachmann besiegelt. Die Show durfte nun kippen. Frohgemut schlug sie sich in einen Schlingerparcours aus Stehgreifverspultheits-Längen und bezwingendem Witz um das veritable Reparaturinstrument Psychoanalyse. Plötzlich hatte das Publikum vorgefertigt richtige Antworten auf absurde, von der Bühne erschallende Fragen zu verlesen und wurde willkürlich mit Geschenken (darunter ein halber Klarsicht-Bratensack) bedacht. Nach solcherart geistiger wurde dasselbe Publikum zum Ausgleich zu roher körperlicher Mitarbeit agitiert: Rotten und Kinck verteilten Wackelpudding und Wackelpuddingzerstörungswerkzeuge, um aus dem folgenden Verhalten auf Neurosesorten der Kölner Showklientel zu schließen. Dazwischen immer mal wieder ein Liedchen oder ein Gedicht. Herausstechend: ein heiß gestricktes Interview mit dem Kunstwerkereparateur Schmittge, dessen zentrale Aussage „es gibt definitiv nichts, was nicht kaputtzukriegen wäre“ dereinst als verspäteter Leitsatz der Postmoderne dienen wird. Am Ende hatte Rinck (falls sies war) eine Maske vorm Gesicht und Cotten bastelte aus einem gängigen Föhn einen funktionierenden Lichtvakuumator, mit dem sie den gesamten Bühnenraum einschwärzte: die Showgirls verschwanden im ausgeknipsten Raum. Die Requisiten waren da längst aufgeraucht und getrunken.


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