Rhein vs Mureș

Wir setzen die Vergleiche und Überlagerungen des Rheinstroms mit anderen Flüssen fort, diesmal mit einer kurzen Passage aus einem literarischen Werk, dem Briefroman “Entlang der Venloer Straße” von Peter Rosenthal. Mit dem Rhein verglichen wird der Mureș (auch Maros, Marosch oder Mieresch), desweiteren die Städte Köln und Arad. Die Szene spielt im August 1998:

“Vor ein paar Tagen bin ich nochmals auf die Domspitze hinaufgestiegen. Ich suche den Stadtgarten, die Venloer Straße, den Fernsehturm, das 4711-Gebäude und stelle mir vor, wir säßen beide in einem Heißluftballon oder schwebten wie auf einem fliegenden Teppich über Köln.
Ich sehe uns in dem Traumgefährt an der Promenade eines Flusses, Marosch oder Rhein, vorbeiziehen. Wir rauchen Zigaretten. Die Rauchwolken hüllen uns ein – wie gemeinsame Erinnerungen – oder frühere Verheißungen. Die Zeit breitet sich vom Marosch bis zum Rhein aus, und ich denke mir, daß die Glocken des Doms zu Mittag schlagen.
In solche Träumereien versunken, schaute ich aus dem Domturm zum Rhein, aber statt zu erwachen, sah ich das Wasser und suchte vergeblich nach der Omegaschleife des Marosch um unsere Stadt Arad. Am Flußufer waren die Obstgärten Neu-Arads. Ich sah uns weiter am Flußufer spazieren, rauchen, erzählen und die Rauchringe, die wir bliesen, an unseren Nasen vorbeiziehen. In den Taschen unserer gefälschten Markenjeans waren die Zigarettenschachteln, die wir von den Westtouristen bekamen, mit einheimischen Zigaretten aufgefüllt.”

Inzwischen, vermuten wir, dürften Osttouristen steuerfreie oder gefälschte Markenzigaretten in den Betonvororten Kölns verteilen. Die Venloer Straße, heißt es dieser Tage in pseudonymisierten Kommentaren der Leserbriefspalten, sei von rumänischen Bettlern überschwemmt. In Wellen kommen und gehen die Menschen von da nach dort, breiten sich aus und zerfallen am Ende in sich selbst, nicht ohne den Versuch unternommen zu haben, sich selbst als die wichtigste aller Wellen in einem Zusammenspiel von Abermilliarden Wellenbewegungen zu empfinden. Dieses auf unzählige Weisen gelingende und mißlingende Wollen, Glitzern, Funkeln, Aufblühen und Verschwemmen spiegelt, wo es einen gibt, besonders gut: der Fluß.


Stichworte:
 
 
 

Ein Kommentar zu “Rhein vs Mureș”

  1. dachdecker
    31. Januar 2011 um 14:53

    Ich habe auch diesen gehässigen Leserbrief gelesen. Das sind immer anonyme! Der beschwerte sich über Rumänen vor dem REWE an der Venloer Str. Als wenn es an der Venloer nur einen REWE gäbe. Der Leserbriefschreiber wollte dort nicht mehr einkaufen gehen, weil angblich Rumänen vor dem REWE rumlungern. Ich weiss auch nicht welchen REWE der meint. Bei dem REWE ecke Venloer Str Bismarkstr, da wohnt ein Bettler auf dem Bürgersteig! Ob das ein Rumäne ist ist mir grundsetzlich egal. Man muss sich das mal vorstellen: der WOHNT dort in seinem „Haus“ aus Plastiktüten und Decken auf der Strasse direkt vor dem REWE. Das geht doch durch mark und Bein!

Kommentar abgeben: