Loreley reaktiviert?

Das hat die Loreley getan, durchzuckte es, wenn wir die Anzahl der Rückmeldungen, die wir gestern zum Schiffsunglück bei St. Goarshausen erhielten, hochrechnen, nebst der unseren noch erkleckliche Quenten weiterer rheinischer Hirnmasse. Das haben uns Brentano, Heine und Konsorten tief eingespeichert. Zwei Schiffer sind vermißt, zwei wurden lebend aus dem winterlichen Rhein gezogen. Eine Tragödie. Und der gekenterte schwefelsäurehaltige Tanker, „ein sehr gutes Zwei-Hüllen-Schiff“ wie es in der Presse heißt, muß noch über Tage und Wochen gesichert und geborgen werden. Die Loreley allerdings galt über viele Jahre als inaktiv, ein Interview in einer japanischen Zeitung von 2008, das uns aus leicht obskurer Quelle zugespielt wurde, konnten wir leider aus Budgetgründen bis heute weder verifizieren, noch übersetzen lassen. Die hiesigen Zeitungen vermeiden bisher allzu mystische Spekulationen zu den Ursachen des Unglücks. Doch läßt sich Martin Mauermann, Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes in Bingen, von der Presse bereits wie folgt zitieren: “Der Fall ist abstrus. Das Radarbild hat keinen Zusammenstoß oder ein Auflaufen auf das Ufer gezeigt. Plötzlich war das Schiff einfach vom Radarschirm verschwunden. Das kann bedeuten, daß das Schiff sich einmal komplett unter Wasser gedreht haben muß.“ Und was sollte das wiederum bedeuten? (Falls Aufklärung folgt, geben wir sie an dieser Stelle bekannt.)


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5 Kommentare zu “Loreley reaktiviert?”

  1. Stan Lafleur
    22. Januar 2011 um 11:00

    Noch keine Aufklärung. Aber: am heutigen Samstag bricht die BILD-Zeitung die Zurückhaltung der Presse und schlagzeilt, Rheinsein folgend, als Frage formuliert: “War es der Fluch der Loreley?” Der Artikel bietet zunächst einen kurzen Abriß über die Geschichte der schiffertötenden Sirene und darauf weiterhin nichts Neues: “Auch im Fall der gekenterten „Waldhof“ bleibt mysteriös, warum das moderne Tankmotorschiff (1250 PS) am 13. Januar kenterte. Uwe Rindsfüßer von der Einsatzleitung zu BILD: „Es gibt dazu bisher keine Untersuchungen oder Vermutungen. Die Unglücksursache ist unklar.“ Von vier Mann Tanker-Besatzung werden zwei vermisst.”

  2. Stan Lafleur
    24. Januar 2011 um 15:09

    Der Kölner Stadt-Anzeiger berichtet heute über die Bergungsarbeiten an der gekenterten Waldhof, die von einem niederländischen Spezialunternehmen begangen werden. Am Ende nimmt der Artikel ein Gerücht aus einem Imbißstand nahe der Unfallstelle auf: “Unterdessen entwickelt sich der auf der Seite liegende Säurefrachter zum neuen Attraktion für Ausflügler (…). Senioren einer Mittelrheintour aus dem Münsterland sind enttäuscht, dass die Polizei ihren Bus am Ortsausgang von St. Goarshausen stoppt und sie nicht so nah wie erhofft an den Havaristen herankommen. An beiden Rheinufern spekulieren derweil Schaulustige, unter die sich auch selbst ernannte oder tatsächliche Experten mischen, über die nach wie vor rätselhafte Unglücksursache. Am Imbisstand bildet sich am Nachmittag eine kleine Traube um einen Mann im Parka, der erzählt, er habe als Matrose „mehr als 20 Jahre Rhein auf dem Buckel“. In der Branche, behauptet er, sei es ein offenes Geheimnis gewesen, dass der gekenterte Tanker für „Krängungen“ anfällig gewesen sei. Das ist ein Fachausdruck für Schiffe, die sich in einer scharfen Biegung auf die Seite legen. Die Loreley-Strecke mit ihren 90 Grad-Kurven gilt als nautisch ausgesprochen kompliziert.”

  3. Lutz
    30. Januar 2011 um 13:18

    Danke für die Folgeberichte, die ich schon vermisst und soeben hier online gefunden habe. Leider erscheinen Sie nicht im RSS-Reader, dessen sich wohl die meisten regelmäßigen rheinsein-Leser bedienen werden. Ein kurzer Verweis auf den Kommentar als neuer Blog-Eintrag könnte Abhilfe schaffen.

  4. Stan Lafleur
    8. Februar 2011 um 11:50

    Im Migros Magazin Nr. 6 vom 07. Februar 2011 äußert sich Hans-Peter Hadorn, Direktor der Schweizerischen Rheinhäfen bei Basel, wie folgt auf die Frage, wie so ein Unfall in Zeiten von Radar und GPS passieren könne: “Die Passage beim Loreley-Felsen gehört wegen ihrer S-Form nautisch zu den anspruchvollsten am Rhein. Zum Zeitpunkt der Havarie lag der Pegel knapp unter Hochwasser. Bei solchen Verhältnissen ist es denkbar, dass gerade eine flüssige Ladung wie Schwefelsäure durch Gewichtsverlagerung seitlich zu schwappen beginnt – bis hin zum Kentern. (…)“ Die inzwischen offenbar gesellschaftsfähige Frage, ob er das Kentern der Waldhof ausgerechnet beim Loreley-Felsen als Zufall erachte, beantwortet der Fachmann ausweichend: „(…) In Basel kollidierte 1984 der 60-Meter-Frachter Corona mit einem Brückenpfeiler und sank. Die Durchfahrt war fast drei Wochen blockiert – und das ganz ohne Loreley!“
    Unterdessen wurde die Waldhof seit gestern kontrolliert zum Auslaufen gebracht. Die Frage, welche Auswirkungen die Schwefelsäure im Rhein nach sich ziehe, beantwortet ein Bericht auf RTL Online, den wir hier in Auszügen wiedergeben: „(…) Die Aktion soll verhindern, dass der Tanker zerbricht. Bei einem Auseinanderbrechen der Waldhof hätte eine unkontrollierte Reaktion der Säure mit dem Rheinwasser gedroht. (…) Der Chemiker Martin Keller von der Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz betonte, dass ein langsames Austreten von Schwefelsäure kein Fischsterben befürchten lasse. (…) Der normale pH-Wert im Rhein beträgt etwa 8,0 bis 8,1. Zwei Stunden nach dem Start der Säureeinleitung wurde laut Pressestelle in 200 Metern Abstand zum Tanker ‘Waldhof’ ein pH-Wert von 6,2 gemessen, in 400 Metern Entfernung 7,2. Das Wasser habe sich nicht messbar erwärmt. Auch die Trinkwassergewinnung sei nicht gefährdet. Am Wochenende war nahe der Loreley ein Teil der Schwefelsäure aus dem Tanker in ein anderes Schiff umgepumpt worden. Dadurch sackte den Angaben zufolge der Bug des Havaristen etwa 20 Zentimeter in eine Mulde im Flussbett ab. Der Schiffsrumpf verdrehte sich, aufgrund der enormen Spannung entstanden Beulen an dem Tanker. Die Waldhof drohte bei einer weiteren Bewegung auseinanderzubrechen. Die Sicherheit der Bergungskräfte sei so nicht mehr gewährleistet, hieß es. Bei einer unkontrollierten Reaktion der Säure mit dem Wasser würde starke Hitze entstehen, es könnte gefährliche Fontänen geben. Laut Plan werden nun maximal 80 Tonnen der Säure pro Stunde in den Rhein abgelassen, was 12 Litern pro Sekunde entspricht. Derzeit fließen pro Sekunde etwa 1,6 Millionen Liter Wasser den Strom hinunter. Die Schwefelsäure werde deshalb schnell neutralisiert, erklärten die Behörden.“
    Die Ursachen für das Kentern bleiben indessen weiterhin ungeklärt.

  5. Stan Lafleur
    14. Februar 2011 um 09:04

    Am Wochenende wurde der Havarist aufgerichtet, die Tagesschau berichtete. Eines der beiden vermissten Besatzungsmitglieder wurde dabei tot im Innenraum des Schiffes aufgefunden.

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