Appenzell (6)

Wir haben uns an dieser Stelle bereits mehrfach kurz mit dem berühmten Käsekanton Appenzell befaßt. Appenzell liegt eigentlich nicht direkt am Rhein. Sondern vom Rhein aus gesehen hinter den Bergkuppen. Wohl gibt es den einen und vielleicht auch anderen Abfluß klaren appenzellischen Bergwassers, der sich letztlich im Rhein einfindet. Insgesamt aber handelt es sich bei Appenzell um ein weitgehend rheinabgewandtes, leicht vertracktes und in sich geschlossenes System, das soviele kulturelle Eigenheiten aufweist, daß wir sie einfach nicht ignorieren können und Appenzell, auch gegen seinen Willen, kurzerhand unserem Sujet, den rheinischen Regionen zuschlagen. Die appenzellischen Besonderheiten fangen damit an, daß Appenzell eigentlich nicht Appenzell heißt, sondern „die beiden Appenzell“: eines rechtgläubig (Innerrhoden, s. Foto), das andre reformiert (Ausserrhoden). Anders als in den babylonischen Welten moderner Urbanität scheint uns eine solche glaubensgerichtete Aufteilung in einer Bergregion von maßgeblicher Bedeutung für den Alltag – wir konnten diese einigermaßen billige Vermutung allerdings bisher nicht in der Praxis untersuchen und freuen uns über geflissentlichen Aufklärungsbeistand aufmerksamer Leser.

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Fakt ist: jedesmal, wenn wir vom Rheintal aus das Felsbollwerk betrachten, hinter dem sich Appenzell verbirgt, fragen wir uns, was wohl gerade dort oben abgeht. Es ist von archaischen Morden die Rede, motiviert durch Hexerei. Ebenso von einer saftigen Freitodrate. Von großen Ansammlungen approbationsloser Heiler, denen Appenzell als behütendes Stammland gilt. Von Himmels-, Berg- und Erdstrahlen in hoher Konzentration. Vom Käsen, viel vom Käsen. Von seit Jahrtausenden betriebenen Fingertänzen. Insgesamt von vordergründig naiven Ausdrucksweisen, hinter denen sich vielfältige Belastungen offenbaren. Immer wieder gerne fällt im Zusammenhang mit Appenzell die Bemerkung, daß dessen männliche Bevölkerung sich am längsten von allen helvetischen Stämmen gegen das Frauenwahlrecht gestemmt habe. Die Appenzeller Sportart ist Schwingen, eine Variante des Ringkampfs: um im Schwingen zu bestehen, muß man mindestens zwei Meter lang sein und auch zwei Meter breit. Am besten zusätzlich noch zwei Meter tief. Frauen sind nicht zugelassen. Auch nicht beim Silvesterchlausen. Bei diesem Brauchtum sind zwar Frauenkostüme zu erblicken, die auch erwähnten Schwingermindestmaßen (ca acht Kubikmeter) sich annähern: in den Kostümen aber steckt ausschließlich Mannsvolk. Die Kostüme scheiden sich in Schöne, Schö-Wüeschte und Wüeschte. In jedem Dorf zieht eine Chlausentruppe von Hof zu Hof, um ein gutes neues Jahr zu wünschen. Das übrigens auch nach dem alten julianischen Kalender, am heutigen 13. Januar. Die Beglückwunschungen gehen nach festen (Kuhschellen-)Ritualen vonstatten, dabei kommt es zu einem harmonischen wellenähnlichen Gejodel, Zauern genannt. Wer das noch nicht kennt: auf Youtube gibt’s ein paar Videos, ein ganz besonderes unter Stichwort: „Silvesterkläuse im Ochsen Schönengrund“ (Wirtshausszene mit zauernden Nadelbäumen).


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