Der Rhein bei Tolstoi

“Peszow, der es liebte, ein Gesprächsthema ganz auszuschöpfen, konnte sich mit dem Scherz Sergej Iwanowitschs um so weniger zufrieden geben, als er die Unzulänglichkeit seiner eigenen Ansicht durchaus kannte.
„Ich habe“, sagte er, als die Suppe serviert wurde, zu Alexej Alexandrowitsch, „keineswegs die Bevölkerungsdichte allein und ganz im allgemeinen gemeint, sondern in ihrem Zusammenhang mit den nationalen Besonderheiten.“
„Mir scheint“, erwiderte Alexej Alexandrowitsch ein wenig gelangweilt und ohne sich zu beeilen, „daß das aufs gleiche hinausläuft. Meines Erachtens kann nur der auf eine andere Nation einwirken, der eine höhere Kultur hat, der…“
„Aber die Frage ist die“, unterbrach ihn Peszow mit seinem Baß, der immer bestrebt war, das große Wort zu führen und seine Seele ganz in das, was er vorbrachte, hineinzulegen, „was man eigentlich unter höherer Kultur versteht. Der Engländer, der Franzose, der Deutsche – wer von ihnen steht auf einer höheren Entwicklungsstufe und ist befähigt, dem anderen seine Kultur aufzuzwingen? Wir sehen zum Beispiel, daß einzelne Gebiete am Rhein sich dem Französischen zuwenden, und doch steht der Deutsche dem Franzosen nicht nach!“ rief er aus. „Hier ist ein andres Gesetz am Werk!“ (…)”

(aus: Leo Tolstoi – Anna Karenina, Viertes Buch, Kapitel 10)


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