Monatsarchiv für Januar 2011

 
 

Many cross the Rhine

Many cross the Rhine
In this cup of mine.
Sip old Frankfort air
From my brown Cigar.

(Emily Dickinson)

Des Land isch nur luuter Schtrooss

Rheinsein bestreitet aktuell die Monatskolumne des KuL-Magazins des Liechtensteiner Vaterlands:

“Wenn ich in Deutschland gefragt werde, wie es denn in Liechtenstein so wäre, antworte ich meist banal: „Es ist das Paradies. Das heißt, es eigentlich genauso wie bei uns – nur sind dort die Autos wesentlich größer, die Häuser voluminöser (insbesondere ihre Garagen), der Verkehr dichter, der allgemeine Lärmpegel höher und die Leute glauben noch offiziell an Gott.“ Oder, wie die Einheimischen sagen: „Des Land isch nur luuter Schtrooss.“ Natürlich sollten solche Aussagen relativiert werden. Ich rede so, weil ich meinen unwissenden Gesprächspartnern gern das gängige Klischee von friedlich zwischen Treuhandfirmen, Stiftungssitzen (den Stiftungssinn umkehrender Stiftungen) und Bankhäusern grasenden Kühen in Unordnung bringe, welches das Liechtensteinbild der Deutschen für lange Zeit irreparabel durchseucht hat.
Zugegebenermaßen bin ich bei meinen Aufenthalten im Fürstentum nicht bis in die hintersten Täler der liechtensteinischen Seele vorgedrungen. Dafür habe ich die Oberflächenstrukturen des Landes mit der Pinzette abgetastet. Ich kenne die hübschen Almen, welche der Liechtensteiner als sein Naturerlebnis hegt, indem er sie, von Murmeln angepfiffen, mit dem Mountainbike erklimmt und hinabrast. Ich kenne aber auch all die mit höchstem Eifer genutzten asfaltierten Strecken, welche den Alltag des Liechtensteiners vom Morgen in den Abend schieben, während er an ihrem Seitenrande mit einer Hartnäckigkeit, die den deutschen Vorgartenmichel zum demokratisch übersättigten Faulpelz degradiert, den Rasen trimmt, stutzt, vertikutiert, als gäbe es kein Morgen und hätte Gestern niemals stattgefunden.
Von der vielbefahrenen, von Dopplereffekten nur so surrenden Straße fällt mein Blick über den mit gewaltigen Mähmaschinen bearbeiteten Vorgarten hinweg in eine Baulücke – die auf den zweiten Blick bereits keine mehr ist. Hinterm infernalischen Motorenlärm der Gartengeräte kündet zähes Klopfen von der Tätigkeit des pünktlich hinzugeeilten lückenschließenden liechtensteinischen Bauarbeiters. Sein Hammer gibt den Takt an: die Betonmischer stimmen ein. Allradgetriebene Benzinschleudern jaulen auf. Überm Tal erhebt sich die Landessinfonie. Unterm Schloß setzen die Laubbläser ein. Mählich sich steigernder Stakkatogesang einer Flex. Dieweil das Rollgitter vorm Schloßtor donnernd erzittert: ein absoluter Höhepunkt: der Fürst (oder ein sonstiges Mitglied der Familie) verläßt sein Domizil.
Es ist erstaunlich, daß der moderne Lärm noch keinen Widerhall in der zeitgenössischen Kunst des Landes erfahren hat. Dezibel Art. Tönende Ölschinken. Naive Bauernmalerei mit höllischen Motorsounds kombiniert. Kannibalistische Vertikutiererskulpturen. Grasfressende Maschinen mit zwiespältigen Botschaften. Der Hilti-Bohrhammer ersetzt die Fürstenkrone in der Landesflagge. Wer das Kunstmuseum betritt, hat die Wahl zwischen mindestens fünf landestypischen Sounds: per Knopfdruck läßt sich, sublime Interaktion, allerdings nur auf Höchstlautstärke, der Nächste mit Arbeitsgeräuschen beschallen. Alles im Rahmen der Kunst natürlich. Die ja ihre Epoche abbilden, erbauen und zum Nachdenken anregen soll. Was nicht ist, kann ja noch werden.
Aber vielleicht wäre das auch des Guten zuviel. Das Kunstmuseum als Refugium der Stille hat jedenfalls seinen – schützenswerten – Reiz. Drum hocke ich auch dort, bis es dunkelt. Ab abends gibt es weitere Orte der Ruhe, sogar in der Metropole Vaduz: so suche ich das berühmte ehemalige LGT-Geheimportal in der Gemeindetiefgarage auf. Meditiere davor bis Mitternacht. Über Geldflüsse, Gott und die Welt. Schlag Zwölfe mache ich mich auf. Im Land ist es, bis auf das viertelstündliche Erschallen der Kirchglocken, das nun nicht mehr vom Tageslärm übertönt wird, paradiesisch ruhig geworden.”

Die Rottenkinckschow am Rhein

Eine langgehegte Hoffnung erfüllte sich, als am gestrigen Donnerstagabend die Rottenkinckschow erstmals in Köln gastierte. Das veranstaltende Literaturhaus hatte ins Blue Shell geladen. Bei der Rottenkinckschow handelt es sich um eine wandernde und zu jeder Ausgabe selbst rundumerneuernde Literaturshow der Damen Ann Cotten, Monika Rinck und Sabine Scho. Von denen letztere diesmal verhindert war, weswegen die verbliebenen sie verwegen mittels einer die Scho bzw ihre Abwesenheit in Erinnerung rufenden ansehnlichen, offensichtlich mit viel Liebe hergestellten Pappkameradin auf der Bühne (eben: nicht!) ersetzten. Ersetzen oder nicht ersetzen lautete also sofort eine zentrale Frage des Abends, der unter dem Motto Reparatur stand, das mit vier weiteren Submotti und unterhalb (?) dieser Ebene wiederum mit sonderlichem Aktionsgebaren und Gefrase aufwartete, von dem sich bisweilen annehmen ließ, daß es unter Einsatz knapp an der Wahrnehmungsschwelle agierender, verstandesübersteigernder bzw verstandesübersteigender Mittel zustande gekommen oder ausgeteilt worden sein könnte. Der Auftakt bestand jedoch ganz normal in Brechts berühmten Lied von der Tünche. Dem karnevalsoptimierten Kölner Publikum bereitete es verhaltene Freude, heutige Literatinnen im DIY-Punk-Stil auf der Bühne Couplets singen zu hören. Wo repariert wird, entsteht automatisch auch Reklamationsbedürfnis: die Rhythmusgruppe aus tschechischen Fruchtbarkeitsfetischen klang für die hinteren Ränge deutlich zu leise abgemischt. Für eine der folgenden Nummern hatte Miss Cotten vorab im Kölner Literatenumfeld rekrutiert: Swantje Lichtenstein und noch einer (immerhin fünf der aktuell sechs oder sieben Kölner Literaten fanden sich gestern im Blue Shell wieder) hatten beim Verlesen eines ursprünglich niederländischen Reparatur-Manifests aus den 70er Jahren zu assistieren. Nur war der Text nun auf Englisch vorhanden und sollte auf der Bühne spontanverdeutscht werden. Mit Ach und Krach gelang das Experiment: jeder erfolgreich absolvierte Paragraf wurde nach Berliner Sitte mit einem Schluck Vodka aus dem kreisenden Flachmann besiegelt. Die Show durfte nun kippen. Frohgemut schlug sie sich in einen Schlingerparcours aus Stehgreifverspultheits-Längen und bezwingendem Witz um das veritable Reparaturinstrument Psychoanalyse. Plötzlich hatte das Publikum vorgefertigt richtige Antworten auf absurde, von der Bühne erschallende Fragen zu verlesen und wurde willkürlich mit Geschenken (darunter ein halber Klarsicht-Bratensack) bedacht. Nach solcherart geistiger wurde dasselbe Publikum zum Ausgleich zu roher körperlicher Mitarbeit agitiert: Rotten und Kinck verteilten Wackelpudding und Wackelpuddingzerstörungswerkzeuge, um aus dem folgenden Verhalten auf Neurosesorten der Kölner Showklientel zu schließen. Dazwischen immer mal wieder ein Liedchen oder ein Gedicht. Herausstechend: ein heiß gestricktes Interview mit dem Kunstwerkereparateur Schmittge, dessen zentrale Aussage „es gibt definitiv nichts, was nicht kaputtzukriegen wäre“ dereinst als verspäteter Leitsatz der Postmoderne dienen wird. Am Ende hatte Rinck (falls sies war) eine Maske vorm Gesicht und Cotten bastelte aus einem gängigen Föhn einen funktionierenden Lichtvakuumator, mit dem sie den gesamten Bühnenraum einschwärzte: die Showgirls verschwanden im ausgeknipsten Raum. Die Requisiten waren da längst aufgeraucht und getrunken.

Rhein vs Mureș

Wir setzen die Vergleiche und Überlagerungen des Rheinstroms mit anderen Flüssen fort, diesmal mit einer kurzen Passage aus einem literarischen Werk, dem Briefroman “Entlang der Venloer Straße” von Peter Rosenthal. Mit dem Rhein verglichen wird der Mureș (auch Maros, Marosch oder Mieresch), desweiteren die Städte Köln und Arad. Die Szene spielt im August 1998:

“Vor ein paar Tagen bin ich nochmals auf die Domspitze hinaufgestiegen. Ich suche den Stadtgarten, die Venloer Straße, den Fernsehturm, das 4711-Gebäude und stelle mir vor, wir säßen beide in einem Heißluftballon oder schwebten wie auf einem fliegenden Teppich über Köln.
Ich sehe uns in dem Traumgefährt an der Promenade eines Flusses, Marosch oder Rhein, vorbeiziehen. Wir rauchen Zigaretten. Die Rauchwolken hüllen uns ein – wie gemeinsame Erinnerungen – oder frühere Verheißungen. Die Zeit breitet sich vom Marosch bis zum Rhein aus, und ich denke mir, daß die Glocken des Doms zu Mittag schlagen.
In solche Träumereien versunken, schaute ich aus dem Domturm zum Rhein, aber statt zu erwachen, sah ich das Wasser und suchte vergeblich nach der Omegaschleife des Marosch um unsere Stadt Arad. Am Flußufer waren die Obstgärten Neu-Arads. Ich sah uns weiter am Flußufer spazieren, rauchen, erzählen und die Rauchringe, die wir bliesen, an unseren Nasen vorbeiziehen. In den Taschen unserer gefälschten Markenjeans waren die Zigarettenschachteln, die wir von den Westtouristen bekamen, mit einheimischen Zigaretten aufgefüllt.”

Inzwischen, vermuten wir, dürften Osttouristen steuerfreie oder gefälschte Markenzigaretten in den Betonvororten Kölns verteilen. Die Venloer Straße, heißt es dieser Tage in pseudonymisierten Kommentaren der Leserbriefspalten, sei von rumänischen Bettlern überschwemmt. In Wellen kommen und gehen die Menschen von da nach dort, breiten sich aus und zerfallen am Ende in sich selbst, nicht ohne den Versuch unternommen zu haben, sich selbst als die wichtigste aller Wellen in einem Zusammenspiel von Abermilliarden Wellenbewegungen zu empfinden. Dieses auf unzählige Weisen gelingende und mißlingende Wollen, Glitzern, Funkeln, Aufblühen und Verschwemmen spiegelt, wo es einen gibt, besonders gut: der Fluß.

Die Biber

Die gestrige Folge der vierteiligen ARTE-Rheindoku rauschte, bis auf das bemerkenswerte Zitat, daß die Macht des Wassers eine brutale sei und die Sequenz mit Bettina Sättele, der Biber-Beauftragten des Regierungsbezirks Freiburg, aufgrund einer Programmstörung ruckhaft an uns vorüber. Biber-Beauftragte (wahlweise Biber-Managerin, Biber-Beraterin, Biberflüsterin): es gibt also doch noch schöne und wunderbare Berufe auf dieser verkommenen Welt. Als dieselbe noch in Ordnung war und der Autor dieser Zeilen ein Kind, lebten in Deutschland keine freien Biber. Bestrebungen, sie anzusiedeln fanden hinter Schutzzäunen an künstlichen Gewässern statt. So geschehen vor rund 30 Jahren im Karlsruher Oberwald. Geredet wurde viel über diese Biber, gesehen hat sie keiner. Ein ausgeklügelteres Biber-Management mußte sich erst noch selbst erfinden. Oft genug hatten wir vergebens an den eigens eingerichteten Beobachtungshütten ausgeharrt. Biber lassen sich allerdings auch nicht gerne bei ihren illegalen Bautätigkeiten auf den Zahn fühlen. Und so rührt das Wissen der Freiburger Biber-Beauftragten um heutige Populationen weiterhin eher aus Fußspuren und sonstigen Indizien (wir selbst sahen vor wenigen Monaten bei unseren Streifzügen durch Liechtenstein erstmals mit eigenen Augen den typischen Biberverbiß am Rhein) als aus konkreten Stückzählungen, die Bestände weiß sie nur zu schätzen, auch sähen sich die Tiere unglaublich ähnlich, wie die Badische Zeitung vermeldet, die Bettina Sättele vor zwei Jahren in die Bibergründe des Schwarzwalds begleitet hat und der sie die Grundlagen des Biber-Managements auseinandersetzt: “Das Zusammenleben von Mensch und Biber funktioniert nicht immer reibungslos.” Die selbstbestimmte Rückkehr des freien Bibers nach Baden-Württemberg begann laut der Expertin vor rund 20 Jahren. Er kam aus der Schweiz, Frankreich und Bayern, entlang der Läufe von Donau, Rhein und Wörnitz und ist weiter auf dem Vormarsch. Mindestens 1000 Individuen, schrieb Frau Sättele, umfaßte der Gesamtbestand Ende 2006. Das entspricht schon fast einer Armee. Kein Wunder, daß es bei solchen Ausmaßen zu Mensch-Biber-Konflikten kommt. Zumal der Badener, womöglich zu Unrecht, nicht als der weltoffenste Menschenschlag gilt. Die Biber-Beauftragte rät: „Wichtigstes Instrument zum Umgang mit dem Biber ist die langfristige Kommunikation und Kooperation mit Betroffenen, die ihre Betroffenheit jeweils sehr individuell und nach eigener Lebenserfahrung definieren. Garant für den Erfolg von Lösungsansätzen bei Problemfällen ist die möglichst exakte Einschätzung des Verhaltens der Biber vor Ort und die Einstufung des Konfliktpotentials.“ Das klingt vernünftig und auch für Amtspersonen verständlich. Wir wünschen dem Biber und den Menschen in den vom Biber eroberten Territorien eine friedliche Koexistenz. Und wünschen uns noch viel mehr Planstellen für Beauftragte, die mit dem notwendigen Ernst sich ans Glätten unserer vielfältigen gesellschaftlichen Konflikte begeben.

Aktuell: Rhein-Vierteiler auf ARTE

Auf ARTE läuft seit gestern und noch von heute bis Donnerstag jeweils um 19.30 Uhr erstmals eine vierteilige Dokumentation aus dem vergangenen Jahr über den Rhein. Der erste Teil von Ralf Dilger bot die versprochen hübschen Luftaufnahmen, einige Halbunterwasserbilder und dokutypische Geschichtchen vom Vorder-, Hinter- und Alpenrhein plus ein paar seltenere Informationen. Der Film besitzt seine eigene Website , auf der die DVD zu erwerben ist und die nach einigem Anlaufgeholper zunehmend mit außerfilmischen rheinischen Kuriosa dient, z.B. der Geschichte über den Leuchtturm am Gotthard. Dort geht es auch an der Sedruner Staziun Alpina hinein in den Berg zum jüngst durchstoßenen längsten Eisenbahntunnel der Welt, wir erfahren, daß der für 100 Jahre ausgelegt sei, aber wohl auch 1000 Jahre halten würde, während überall 40°C warmes Gebirgswasser aus den Wänden dringt: das Schwitzen der Berge, ihre Lymfströme, Stein und Wasser, das alte Spiel. Es folgt die Erwähnung von Placidus Speschas „Entdeckungsreisen am Rhein“, ein recht frei stehender Bezug zum touristischen Wiederaufleben der Goldwäscherei bei Disentis, die Sprecherin betont den Ortsnamen auf dem e wie wir auch, bis wir die korrekte lokale (i-betonende) Aussprache vernahmen. Weiter gehts mit einer Gruppe in Neoprenanzüge gekleideter Passagiere der Räthischen Bahn, unterwegs nach Ilanz zum Ruinaulta-Rafting. „Schwarzes Loch“ wird eine dortige Stromschnellenstelle genannt und wir rufen unsere Leser dazu auf, einmal zu zählen, bzw uns davon zu erzählen, wieviele schwarze Löcher der Rhein insgesamt zu bieten hat. Vom Hinterrhein zeigt der Film vornehmlich die Rofflaschlucht. Doris Melchior, die Patronin des dortigen Ausflugslokals, berichtet wie bei Hochwasser das ganze Haus erzittert und führt zu einem bisher geheimen Wasserfall. Den Zusammenfluß bei Reichenau kommentiert Gian Battista von Tscharner, Schloßherr und selbsternannter Hofnarr von Schloß Reichenau: „in ganz Reichenau fließt es“. Der Mann, dessen breiten Rücken wir einst zwischen den Stauden seines Gartens verschwinden sahen, ist auch der erste Winzer am Rhein, die Spezialität unter seinen Rebsorten ist der Spätburgunder, seine Weine seien so dunkel, weil er eine schwarze Seele eigne. Schwarze Löcher, schwarze Seelen, schwarze Weine. Schwärzliche Würste, heißt es in unserm Hörspiel (s. obere Menueleiste). Adlerschwarz. Alpenschwarz. Schwarz ist die Trumpffarbe der alpinen Rheingegenden. Auf den Bodensee zu hält sich der Film bei Werner Wolgensinger auf, einem der wieder zahlreichen Rheinholzer im St. Galler Rheintal. Die Rheinholzer erhielten ähnlich den Goldwäschern zuletzt einige mediale Aufmerksamkeit. Angesichts der technisch eingeleiteten Bodenseemündung fällt schließlich das Wort vom „Kies als eigentlichem Rheingold“, ein hinkender Vergleich, aber besser als gar keiner.

das leben am rhein

von westen, dem zersiedelten umland
ziehen wolken auf. wir trotzen, bleiben gewiß
am strand, wo du ein sonniges fleckchen liebst.
du scherzt, du lachst dich, ein großer spaß.
deine schultern unnah, deine klopfenden schenkel.
du machst mich kirre, machst mich jeck. und wir singen
ländchen, land, ländchen der reben. geliebte
sagt man, und schönheit. es klimpert im herz
kasten. wonne, sagt man, und freude. schon
glänzen die äuglein, schon mischen sich
tränen in den trüben strom. fürwahr (& gesteh
es nur ein) deine freundschaft ist so bieder.

(nach Johann Joseph Reiff)

(aus: Adrian Kasnitz – innere sicherheit, Yedermann 2006. Rheinsein dankt dem Autor für die Überlassung des Textes.)

tagebucheintrag

das alter schwächt die erinnerung, doch – kumpels, mein gott, kumpels! – wir machten das für einen öffentlichen sender – kein mensch wollte das hören – der markt war übersättigt – praktisch alles lief über subventionen – geld wurde aus geld geschaffen – sie hatten ihr perpetuum mobile – ach: wusztsein! – was sie hatten: begriffen sie nicht – schattenflackern, flattenschackern – wir gingen ins binger loch – hatten zahlreiche hydrofone dabei – wellenfeldsynthese – sollte nachher in sea world aquarien verquasisiert werden – grosze shows für publikum – unsere ersten aufnahmen: von strampelnden hinterbeinen eines schwimmenden nutrias – dem wir was injiziert hatten – drehte sich nur im kreis, das arme ding – flippte völlig aus – ging dann kreiselnd unter – wir hinterher – abkacken! – schweigen! – in gröszerer tiefe: knarrende, knurrende, knarzende, knisternde fische – durchsichtiges geleezeug: ne art riesenplankton – rausch stellte sich ein – wie mit diesem glücksmittel: aus dem urin schwangerer wesen – oder halbwesen – pisskrebse, knallkrebse – die leuchteten & grinsten – wir: einfach da durch – allmählich kamen wir lautdialogen auf die schliche – die unterhielten sich da unten! – ein sehr bärtiger mann namens ali breitner lebte dort – ogh, ogh, ogh: machte der ständig – seine art zu telefonieren oder ähnliches – superkavitierende unterwasserlaufkörper zischten – sozusagen mitten durch uns durch – cold fusion – wir gingen auf in der geschwindigkeit – eine eigene dimension – geschwindigkeit ist nicht das richtige wort – waren gefangen in einer bewegung auszerhalb jeden tempos – es ging vorwärts – wir schaufelten uns rein in die zukunft – es gab einen richtigen zugang zur zukunft dort unten – es gab vitrinen mit toten loreleien – aufgedunsen – zeitlos schön – die mucksten nicht mehr – nur bei näherem hinhören – kam noch was – ganz feine, fortlaufend aus einem einzigen ton gestrickte hooklines – euseuseuseupseu – seupseuseuseu – sollte was „bedeuten“ – bestimmten die redakteure nachher – bliesen das auf mit den üblichen akademismen – im grunde wars sprottenquatsch – was noch? – es war zuviel los dort unten – zuviel auflauf – mit gesundem menschenverstand läszt sich das – läszt sich kaum – war aber so – & dann, völlig unvermutet: notausgang – ein schild – führte in die pfalz – aufs trockene

alkoholische Loreley

Loreley, im wohnzimmer
braun gemusterte tapete
sieht den stoßwellen zu
in ihrem cocktailglas

Loreley, etwas angejahrt
das haar nachblondiert
ansatz von damenbart
melancholisch wie je

Loreley, trüben blicks
schaut den oliven zu
beim sinken in die
tiefen ihres martini

(Das Gedicht stammt von Alicia Kahren. Rheinsein dankt!)

A rhine-land drinking song

If our own life is the life of a flower
(And that`s what some sages are thinking),
We should moisten the bud with a health-giving flood
And `twill bloom all the sweeter -
Yes, life`s the completer
For drinking,
and drinking,
and drinking.

If it be that our life is a journey
(As many wise folk are opining),
We should sprinkle the way with the rain while we may;
Though dusty and dreary,
`Tis made cool and cheery
With wining,
and wining,
and wining.

If this life that we live be a dreaming
(As pessimist people are thinking),
To induce pleasant dreams there is nothing, meseems,
Like this sweet prescription,
That baffles description -
This drinking,
and drinking,
and drinking.

(Eugene Field)

Gorrh (12)

Gorrh vor Gericht, hofft auf mildernde Umstände, bedeutet der bekittelten Bagage: „hömma, isch öffne dat Fenntil mejner subfiskularen Rakeetendrüse un in zwanzisch Kilometer Umkreis findse für die Zukunnf vorwiejend Feuerzauber Texas.“ Vor Gericht, mein Gott, vor Gericht! Es war umständehalber möglich, dorthinzugelangen. Die Wesenlosen aus den seelischen Bedingungen hatten Gelder für neue Alptraumtunnel zusammengetangelt, hatten die Werkstoffe („du sachs mir sofott aus wat Zement besteht, zackzack, sonns wirsse zur Regierungsstatue umjemodelt“), besaßen das Wissen, das Fachwissen und die wissenschaftlichen Gutachten, kurzum: sie hatten die Zeugen im Sack. Gorrh trägt Gewerkschaftskäppi „Solidarität“ mit Nelkenbrei-Applikationen. Hebt zur Rede an („Gorrh, sie sind nicht gefragt!“), die kleinen Männchen auf der Pressebank schleudern Blitze aus ihren Kameras. Nervende Blitze. Gorrh: „ihr Waxfiguurn happ dat doch eh allet in Fotoschopp!“ (Sieht so aus, als könnt er heut erneut ausflippen, dann aber Gnade den Anwesenden.) Gorrh: „achja, wesweenggng ich hier bin… Es gäb da einiges zu regeln, was soooo (Gorrh macht ein bisher unbekanntes Fingerzeichen, Anm. d. Red.) einfach nicht mehr weitergehen kann. Also bitte.“ Das Publikum atemlos gespannt. Natürlich braucht Gorrh nichts anzudeuten, jeder im Saal und an den angeschlossenen Bildschirmen weiß, daß es in Gorrhs Macht stünde, die riesigen Stechmücken zu entfesseln, den gesamten Geldverkehr der Lächerlichkeit preiszugeben, die Autobahnen aufzurollen etc, sieben mal sieben Plagen, und das wäre nur eine Zahl, willkürlich aus einem willkürlichen Zahlensystem gegriffen, über das Gorrh unsagbar erhaben andere Systeme aus Zahlen oder auch Nichtzahlen stülpen könnte, um zu beweisen: nicht um Zahlen geht es, es geht um Plagen. Kleinere Gerangel mit Ellbogenchecks zwischen Anklägern und Verteidigern, Hitlergrüße und Kommunistenfäuste von der Richterbank: „Ohne ideologische Hintergründe ist jede Verhandlung zwecklos.“ Gorrhs Augen rotieren in ihren Höhlen, sowas wie Kassensturz rumpelt hinter seiner Stirn und zwischen den Ohren, es macht plinky-planky und schradderradatsch.
An dieser Stelle bitten wir den Leser einen Zeitsprung von rund einer halben Million Jahren zu vollziehen. Was glauben Sie, in welche Richtung sich unsere Zivilisation entwickelt hat? Auf der Erde ist nicht mehr allzuviel Bekanntes, aber es trägt unsere Wurzeln. Menschliche Bienen fliegen summend einher und stacheln sinnlos in die Lüfte. In der geografischen Mitte der Erde, in der Nähe von Kassel, ist ein kastenförmiger Wasserspeier zu entdecken. Der Wasserspeier trägt Gorrhs Gesichtszüge und erinnert daran, wie nach den sogenannten „Prozessen“ aus Gorrhs ungläubigem („ich faß es nich, ich faß es einfach nich!“) Sabber der Rhein entstand. Die Menschen und Bienen der Zukunft kennen nämlich unseren Rhein nicht. Sie haben ihren eigenen, der in der Nähe von Kassel verläuft und nach Gorrh benannt ist. Das ist die Wahrheit über die Zukunft: die Menschen haben, um ihren eigenen Charakter zu überleben, sich den Insekten assimiliert – genau wie Gorrh es ihnen vorgemacht hat; bzw (und wie rum man es betrachtet, ist in diesem Szenario völlig egal) haben die Insekten (wie Gorrh es ihnen vorgemacht hat) ein paar menschliche Züge angenommen, eine Art Mimikry um des Mimikry willen. Nun wollen Sie aber wissen, was unterdessen mit Gorrh geschehen ist. Oder lieber doch nicht? So oder so – die nächste Folge (Gorrh (13)) liefert Aufklärung.

Rhein vs Seine – ein Ratespiel mit Gewinnchance

Als unser Korrespondent Roland Bergère jüngst von seinem Vorhaben berichtete, einige Tage an der Seine zu verbringen, baten wir ihn um Vergleichsproben, die er zu unserer größten Freude sogleich auf digitalem Wege übermittelte. Allgemeine Flußdaten sind heuer mit wenigen Mausklicks in einschlägigen Online-Enzyklopädien abrufbar, der literarischen Vergleiche zwischen Rhein und Seine jedoch noch wenige (meist von Franzosen verfaßte), der fotografischen sind uns bis dato überhaupt keine bekannt und somit bietet Rheinsein womöglich den weltersten direkten Rheinseinetest – an dem wir unsere Leser teilhaben lassen wollen, indem wir ihn als Ratespiel präsentieren:

Welche der folgenden Bilder zeigen den Rhein, welche die Seine? Einfach die Bildnummern 1 bis 6 den passenden Flüssen zuordnen. Sie erkennen noch andere als die von uns vorgegebenen Vergleichsflüsse? Nur Mut und her mit den Namen! Unter den richtigen oder besten Antworten verlosen wir ein gebrauchtes Exemplar des Lorelei-Romans von Maurice Genevoix. (Der Preis ist Ihnen zu lausig? Dann machen Sie einfach um der Bestätigung Ihrer hervorragenden Flußintuition willen mit!) Et voilà:

1
welcherfluszists

2
welcherflieszthier

3
kesskesee

4
rheinseine

5
wasndasfuern

6
welchergoldflusz

A Jewish Family In A Small Valley Opposite St. Goar, Upon The Rhine

Genius of Raphael! if thy wings
Might bear thee to this glen,
With faithful memory left of things
To pencil dear and pen,
Thou would`st forego the neighbouring Rhine,
And all his majesty -
A studious forehead to incline
O`er this poor family.

The mother – her thou must have seen,
In spirit, ere she came
To dwell these rifted rocks between,
Or found on earth a name;
An image, too, of that sweet boy,
Thy inspirations give -
Of playfulness, and love, and joy,
Predestined here to live.

Downcast, or shooting glances far,
How beautiful his eyes,
That blend the nature of the star
With that of summer skies!
I speak as if of sense beguiled;
Uncounted months are gone,
Yet am I with the Jewish child,
That exquisite Saint John.

I see the dark-brown curls, the brow,
The smooth transparent skin,
Refined, as with intent to show
The holiness within;
The grace of parting infancy
By blushes yet untamed;
Age faithful to the mother`s knee,
Nor of her arms ashamed.

Two lovely sisters, still and sweet
As flowers, stand side by side;
Their soul-subduing looks might cheat
The Christian of his pride:
Such beauty hath the eternal poured
Upon them not forlorn,
Though of a lineage once abhorred,
Nor yet redeemed from scorn.

Mysterious safeguard, that, in spite
Of poverty and wrong,
Doth here preserve a living light,
From Hebrew fountains sprung;
That gives this ragged group to cast
Around the dell a gleam
Of Palestine, of glory past,
And proud Jerusalem!

(William Wordsworth)

Loreley reaktiviert?

Das hat die Loreley getan, durchzuckte es, wenn wir die Anzahl der Rückmeldungen, die wir gestern zum Schiffsunglück bei St. Goarshausen erhielten, hochrechnen, nebst der unseren noch erkleckliche Quenten weiterer rheinischer Hirnmasse. Das haben uns Brentano, Heine und Konsorten tief eingespeichert. Zwei Schiffer sind vermißt, zwei wurden lebend aus dem winterlichen Rhein gezogen. Eine Tragödie. Und der gekenterte schwefelsäurehaltige Tanker, „ein sehr gutes Zwei-Hüllen-Schiff“ wie es in der Presse heißt, muß noch über Tage und Wochen gesichert und geborgen werden. Die Loreley allerdings galt über viele Jahre als inaktiv, ein Interview in einer japanischen Zeitung von 2008, das uns aus leicht obskurer Quelle zugespielt wurde, konnten wir leider aus Budgetgründen bis heute weder verifizieren, noch übersetzen lassen. Die hiesigen Zeitungen vermeiden bisher allzu mystische Spekulationen zu den Ursachen des Unglücks. Doch läßt sich Martin Mauermann, Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes in Bingen, von der Presse bereits wie folgt zitieren: “Der Fall ist abstrus. Das Radarbild hat keinen Zusammenstoß oder ein Auflaufen auf das Ufer gezeigt. Plötzlich war das Schiff einfach vom Radarschirm verschwunden. Das kann bedeuten, daß das Schiff sich einmal komplett unter Wasser gedreht haben muß.“ Und was sollte das wiederum bedeuten? (Falls Aufklärung folgt, geben wir sie an dieser Stelle bekannt.)