Der Rhein bei Maurice Genevoix: Entscheidung auf dem Fluß

Bei der Einschiffung in Mainz drohte ein Gewitter im Nordwesten. Es ging auf die Mittagsstunde zu. (…)
Der Rhein war ihnen bereits an der Anlegestelle enorm breit vorgekommen; wie in Kehl fuhren gedrungene Schleppkähne auf dem Strom, und weiße Raddampfer durchpflügten, schäumenden Strudel erzeugend, seine Wasser. Aber der Fluß wälzte sich hier um vieles breiter als im Elsaß fort, er trieb seine Wellen herrscherlich zwischen bewaldeten Inseln hindurch, entlang den Hängen, an denen sich bis zur Uferböschung herab die Rüdesheimer Rebpflanzungen aneinanderreihten, die nun langsam unter ihren Augen vorüberglitten. Seine Farbe war mittlerweile unter der zur Rechten fahl aufsteigenden Gewitterwolke bleiern geworden; er floß, eine träge Wassermasse, gleichmäßig, geräuschlos und zu Zeiten wie stagnierend dahin. (…)
Hinter Bingen bog der bis dahin in westlicher Richtung fließende Rhein in nahezu rechtem Winkel nach Lorch ab. Kaum hatte das Dampfschiff den Mäuseturm hinter sich gelassen, schlugen von wilden Böen aufgewühlte Wasser in rascher Folge klatschend an den Bug. (…)
Die Grenze zwischen Fluß und Himmel wurde fließend; zuweilen ragten ein spitzer Kirchturm, die Mauerreste einer alten Burg hoch über dem Strom empor und tauchten sogleich wieder ins Nichts. (…)
Von weit unten im Tal kam ein Donnern, rollte über die Flußwasser, nahte heran, drohte sich über ihnen zu entladen. Sie schreckten auf: ein Zug fuhr am Ufer vorüber, ein Geisterzug, aus dem Nebel geboren und von ihm wieder verschluckt. Da lachten sie, trotzig, mokierten sich über die Täuschung, über sich und ihre sinnlose Hartnäckigkeit. (…)
Auf dem hinteren Oberdeck befand sich der Speisesaal; er war fast besetzt, aber durch Zufall bekamen sie noch einen freien Tisch. Die Fenster waren beschlagen und verwehrten die Sicht. (…) Aber die lauwarme, weiche Luft im Lokal, das Stimmengewirr, überdies der gegen die Scheiben prasselnde Regen, der in Hagelkörner überging, vermochten Mutter und Tochter in gehobene Stimmung zu versetzen. (…)
Abermals stand er draußen in der frischen Luft, umweht vom ungestümen Wind. Seine Stöße waren nicht schwächer geworden. Wassergarben platschten Julien mit solcher Heftigkeit mitten ins Gesicht, daß ihn die Tropfen wie Schloßen trafen. Er eilte an einer Laufbrücke entlang, die Stirn gesenkt, unter Aufgebot aller seiner Kräfte. Zwischen jeder Bö drang das vibrierende, den Schiffsrumpf erschütternde Stampfen zu ihm herauf; zuweilen vernahm er auch das Anschlagen der Wellen an die Bordwand, die ein rheinaufwärts fahrender Schleppkahn verursacht hatte. Das Wasser, für einen winzigen Augenblick hellfarben und in wechselndem Glanz plänkernd, sah alsbald wieder stumpf und grau aus und trieb unterm Himmel träge dahin, eine riesige dunkle Strömung, bis sich unter dem neu aufkommenden Wind blaßweiße, schuppenartige Schaumkronen kräuselten, von so unerwartet herrlichem Leuchten, als seien sie von anderen Welten herabgefallen.
In Lorch legte das Schiff an. (…)

(aus: Maurice Genevoix – Lorelei)


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