An den Rhein

Gewalt`ger Bruder, wag ich es, dein Bild,
Das immerzu an mir vorüberfließt
Und sich voll Majestät in mich ergießt,
Im Vers zu spiegeln als dein helles Schild:

Ich diene dir getreu an meiner Statt.
Mein Haus prangt fest an deinem weichen Rand,
Mit blanken Augen froh dir zugewandt,
Sieht es wie ich sich niemals an dir satt.

Am liebsten freilich bist du uns bei Nacht.
Du schläfst nicht ein, ziehst deine große Bahn
Gleich uns gewunden durch des Daseins Macht

Dem Meer, dem Tode zu. Du fühlst ihn nahn,
Und unter den Gestirnen wirr entfacht
Singst du im Sterben leise wie ein Schwan.

Das Sonett stammt von Herbert Eulenberg, der im Garten seines im Text erwähnten Kaiserswerther Hauses direkt am Niederrhein begraben liegt, wie wir auf einer Gartenparty dortselbst im Jahre 2002 entdeckten. Geladen hatte der niederländische Generalkonsul, der das Eulenberghaus bewohnte, zu Schnittchen und gecoverten Mainstreamhits. Der Rhein zu Füßen der Villa wirkte wie ein mächtiger Wächter, ein alle möglichen Angriffe wegspülendes Etwas, ein walzendes, unbezwingbares Wesen, das unterhalb des sanft abfallenden englischen Rasens für aristokratische Reinheit sorgte, eine totalitäre Klarheit, mit weichem Rand vielleicht, die Erinnerung versagt entweder, oder wir biegen sie uns zurecht: der Rhein hatte dort etwas Erschreckendes, allzu sehr zum Meer Hinziehendes, er muß Eulenbergs Nerven geradezu überschwemmt haben.


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