Monatsarchiv für Dezember 2010

 
 

Rheinische Tierwelt (12)

rehstapf
“Vier Stapfen im Schnee / tun im Herzen mir weh” reimte einst Der Plan, eine rheinische Musikkapelle mit Hang zu Reduktion und Dada. Desweiteren handelte der Sprech- bzw Schleppgesang von einem Reh, das im Wald steht und der Kälte dorten. Was für ein Reh das war, das Der Plan seinerzeit besang, wissen wir nicht. Von einem durch und durch rheinischen jedenfalls stammt der hier abgelichtete Stapf auf dem Rheindamm bei Schaan. Es war ein kantonales Tier, das seine geliebten Stammberge einmal vom liechtensteinischen Ufer aus betrachten wollte. Und es sang ein rührendes, leider schwer zu verstehendes Lied in alpinem Dialekt, von tausend Herzen, die im Schnee verloren.

Zwischenbilanz (3)

Am weihnachtlichen Liechtenrhein spazierend, kamen uns unvermittelt drei Rehe durch den Schnee entgegengesprungen, grüßten verhalten, aber nicht unpersönlich („hoi!“), antworteten nach kurzem Zögern auf unsere verblüffte Ansprache, erzählten, schnell lockerer werdend, von ihrer abenteuerlichen Flußquerung, orakelten uns sogar was fürs kommende Jahr, stürzten sich endlich den Damm hinab und verschwanden in eleganten Sätzen, ihre typischen herzförmigen Stapfen hinterlassend, in Richtung der mit verwesendem Kohl bestandenen Äcker.
Was die Rehe uns weissagten ist vertraulich und dürfen wir an dieser Stelle daher nicht weitergeben, andernfalls die Profezeihung sich kaum erfüllen wird. Was wir aber sehr wohl dürfen, können und sogar sollten, weil es ansteht (ua auch daran erinnerte uns die Begegnung mit den Rehen im Schaaner Niemandsland), ist: Zwischenbilanz zu ziehen. Denn Rheinsein steht (zumindest in seiner Ausprägung als Weblog) kurz vor Vollendung seines zweiten Lebensjahres. Und will gern auch ins dritte driften, schriften, sehen, gehen.
Das Jahr 2010 brachte nebst den bereits ausführlicher hier vorgestellten Derivaten „Kartonbuch“ und „Hörspiel“ die erste wissenschaftliche Beschäftigung mit unserer (selbst nicht ganz unwissenschaftlichen) Tätigkeit hervor: in Form eines Symposion-Vortrags, den wir in nächster Zeit zu präsentieren hoffen. Desweiteren entwickelten Bonner Grundschüler unter unserer Leitung in Pionierarbeit (unter Einsatz weltweit einzigartiger Tangible User Interfaces) ein szenisches Bühnenstück zum Rheinthema und brachten es im November in einem Bonner Theater zur Aufführung. Daß Rheinsein in viele/n Richtungen dehn- und anwendbar ist, weil die (Grundlagen)Arbeit mit rheinischer Kultur letztlich vor kaum einer Sparte halt macht, war die maßgebliche Erkenntnis des auspendelnden Jahres.
Ansonsten finden sich auf diesen Seiten mittlerweile bald 700 Artikel mit insgesamt rund 2000 verschiedenen Schlagworten zur gesamtrheinischen Kulturgeschichte, Tendenz steigend.
Für Frühjahr 2011 ist das Erscheinen eines kleinen Gedichtbands avisiert, der sich mit einem seltenen Teilabschnitt des Rheinstroms beschäftigt: interessierte Leser mögen bitte noch ein wenig die genauere Ankündigung abwarten. Überhaupt möchten wir uns – nicht zuletzt eingedenk einiger sibyllinischer Worte oberwähnter Rehe – mit Vorschauen zurückhalten. Nur soviel sei verraten: daß wir das ein oder andere rheinisch grundierte Projekt auf der Hinterhand halten.
Ganz herzlich bedanken möchten wir uns schließlich bei allen Korrespondenten, Zuträgern, Lesern und Begleitern im Jahr 2010!
Rheinsein wünscht Dir/Ihnen einen guten Rutsch und ein gesundes und glückliches Jahr 2011, in dem wir uns hoffentlich wiedersehen!

Über den zugefrorenen Rhein

Die Winter müssen in früheren Jahren, wenn auch nicht schneereich, so doch viel kälter gewesen sein als jetzt. Wie hätten wir sonst Schlittschuhlaufen können? Mit dem Spiegel des Rheins pflegte das Grundwasser zu steigen und an den tiefergelegenen Stellen hervorzutreten. Der Kittelbach, der seinen Lauf unter der Clemensbrücke um die Nordbastei der alten Festung zum Rhein hin nahm, trat über die Ufer. Wenn der Frost einsetzte, ergaben sich erwünschte und ungefährliche Eisflächen unter dem Gutshof, dem Barbarossawall oder in „Abels Kull“.
In den Weihnachtsferien spürten unsere Brüder die günstige Gelegenheit aus. Bei scharfem Frost bildete sich die spiegelglatte Eisbahn zwischen den „Kribben“. Der Rhein strömte dicht vorbei, Eisschollen tragend, die leise knisternd, aneinander stoßend, vorüberzogen. Den Eisgang gab es in manchen Jahren auch ohne Gelegenheit zum Schlittschuhlauf. Anfang der neunziger Jahre erlebten wir es, daß der Rhein „stand“. Die Eisschollen hatten sich gestaut, ineinander geschoben und hatten nach Holland hin keinen Abzug. Da konnten wir auf einem bezeichneten Pfad zu Fuß das andere Ufer erreichen. In dem sehr kalten Winter 1928-29 hatten sich Schollen bei Wesel gestaut. Für den fälligen Wandertag des Oberlyzeums wurde dieses Ziel gewählt, um die Schülerinnen die seltene Fußwanderung über den Rhein erleben zu lassen.
Bei Eisgang war immer die bange Frage: Wo wird das Tauwetter zuerst einsetzen? Wenn es den Ober- und Mittelrhein traf, war zu befürchten, dass die strömenden Fluten die Ufer am Niederrhein überschwemmten. In dem ungewöhnlich kalten Winter 1929, als ich unter der Loreley die Autos über die Eisfläche des Rheins fahren sah, lösten sich die Eismassen zuerst in Holland, die Schollen schoben sich allmählich auseinander und glitten in ruhiger Folge der Nordsee zu. Die Gefahr war gebannt.

(aus: Luise Fliedner – Kaiserswerther Erinnerungen)

Tod des Weihnachtsmanns

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Bei Köln am Rhein endet der Weg selbst des Überkreatürlichen. Als geschockter Zeuge zückten wir, unserer Chronistenpflicht bewußt, automatisch die Kamera. Und hielten sogleich inne: was wollte denn der Weihnachtsmann im Rhein? Für ein Jahr drin verschwinden? Wir nahmen den prominenten Leichnam noch aus mehreren Perspektiven auf. Die Fluchtrichtung war eindeutig. Der Rhein und nur der Rhein war sein Ziel. Muß der Mythos des angeblich mit Rentierschlitten aus dem hohen Norden kommenden Wesens neu geschrieben werden?

Der Rhein bei Maurice Genevoix: Entscheidung auf dem Fluß (2)

(…) An Steuerbord entdeckte Julien einen Haufen fast mannshoch aufgeschichteter Kisten, daneben setzte er sich auf die Planken, vor sich die Weite des Tals.
Von diesem Platz aus überblickte er die gesamte Breite des Flusses und das Rheintal, bis hin zu einem Kirchturm; es mußte der von Bacharach sein. Noch stand Lorch, wo kurz angelegt worden war, vor seinem inneren Auge: freundliche Fachwerkhäuser, herrliche Blumenpracht, Rosen, an denen noch Regentropfen glitzerten. (…)
Nach einer Verengung des Rheinbetts, das die sich gegenüberliegenden Trümmer der Burg Nollig und der Burg Fürstenberg von einem Ufer zum anderen zu überwachen schienen, verbreiterte sich der Strom in einer stattlichen Krümmung um auf Kaub zuzufließen. Man sah das Städtchen nicht, da das rechte Ufer zu sehr in den Rhein vorstieß. Aber eine Inselburg inmitten der Flußwasser zog den Blick auf sich. Auf einem von weißem Sand umsäumten Felssockel warf ein monumentales Ungetüm, frisch aufgeweißt, seinen Reflex in die Fluten, der es doppelt so groß erschienen ließ. Die Burg war von einem hohen fünfeckigen Schieferturm überragt, den zahlreiche Dachfahnen und Schießscharten zur Seite wie Igelborsten umrundeten. (…)
“Guten Tag, Julien. Du siehst, ich halte mein Versprechen.“
„Ich sehe es, Gunther.“ (…)
„Das ist doch die Pfalz, dieses scheinbar gepanzerte Fort.“
“Sie ist es“, sagte Gunther lachend. „Was für ein Sperriegel, nicht wahr? Zusammen mit der Burg Gutenfels da oben in der Höhe dürften seinerzeit die Chancen, die Durchfahrt umsonst zu bekommen, minimal gewesen sein. Weißt du, daß es wenig weiter, ziemlich nahe der Lorelei, Felsriffe in der Tiefe gibt? Man sieht sie bei niedrigem Wasserstand unter sich liegen. Durch wen kommst du lieber um? Durch die Raubritter oder die Nixe?“ (…)

(aus: Maurice Genevoix – Lorelei)

Der Rhein bei Maurice Genevoix: Entscheidung auf dem Fluß

Bei der Einschiffung in Mainz drohte ein Gewitter im Nordwesten. Es ging auf die Mittagsstunde zu. (…)
Der Rhein war ihnen bereits an der Anlegestelle enorm breit vorgekommen; wie in Kehl fuhren gedrungene Schleppkähne auf dem Strom, und weiße Raddampfer durchpflügten, schäumenden Strudel erzeugend, seine Wasser. Aber der Fluß wälzte sich hier um vieles breiter als im Elsaß fort, er trieb seine Wellen herrscherlich zwischen bewaldeten Inseln hindurch, entlang den Hängen, an denen sich bis zur Uferböschung herab die Rüdesheimer Rebpflanzungen aneinanderreihten, die nun langsam unter ihren Augen vorüberglitten. Seine Farbe war mittlerweile unter der zur Rechten fahl aufsteigenden Gewitterwolke bleiern geworden; er floß, eine träge Wassermasse, gleichmäßig, geräuschlos und zu Zeiten wie stagnierend dahin. (…)
Hinter Bingen bog der bis dahin in westlicher Richtung fließende Rhein in nahezu rechtem Winkel nach Lorch ab. Kaum hatte das Dampfschiff den Mäuseturm hinter sich gelassen, schlugen von wilden Böen aufgewühlte Wasser in rascher Folge klatschend an den Bug. (…)
Die Grenze zwischen Fluß und Himmel wurde fließend; zuweilen ragten ein spitzer Kirchturm, die Mauerreste einer alten Burg hoch über dem Strom empor und tauchten sogleich wieder ins Nichts. (…)
Von weit unten im Tal kam ein Donnern, rollte über die Flußwasser, nahte heran, drohte sich über ihnen zu entladen. Sie schreckten auf: ein Zug fuhr am Ufer vorüber, ein Geisterzug, aus dem Nebel geboren und von ihm wieder verschluckt. Da lachten sie, trotzig, mokierten sich über die Täuschung, über sich und ihre sinnlose Hartnäckigkeit. (…)
Auf dem hinteren Oberdeck befand sich der Speisesaal; er war fast besetzt, aber durch Zufall bekamen sie noch einen freien Tisch. Die Fenster waren beschlagen und verwehrten die Sicht. (…) Aber die lauwarme, weiche Luft im Lokal, das Stimmengewirr, überdies der gegen die Scheiben prasselnde Regen, der in Hagelkörner überging, vermochten Mutter und Tochter in gehobene Stimmung zu versetzen. (…)
Abermals stand er draußen in der frischen Luft, umweht vom ungestümen Wind. Seine Stöße waren nicht schwächer geworden. Wassergarben platschten Julien mit solcher Heftigkeit mitten ins Gesicht, daß ihn die Tropfen wie Schloßen trafen. Er eilte an einer Laufbrücke entlang, die Stirn gesenkt, unter Aufgebot aller seiner Kräfte. Zwischen jeder Bö drang das vibrierende, den Schiffsrumpf erschütternde Stampfen zu ihm herauf; zuweilen vernahm er auch das Anschlagen der Wellen an die Bordwand, die ein rheinaufwärts fahrender Schleppkahn verursacht hatte. Das Wasser, für einen winzigen Augenblick hellfarben und in wechselndem Glanz plänkernd, sah alsbald wieder stumpf und grau aus und trieb unterm Himmel träge dahin, eine riesige dunkle Strömung, bis sich unter dem neu aufkommenden Wind blaßweiße, schuppenartige Schaumkronen kräuselten, von so unerwartet herrlichem Leuchten, als seien sie von anderen Welten herabgefallen.
In Lorch legte das Schiff an. (…)

(aus: Maurice Genevoix – Lorelei)

Rhein-Donau-Merksatz

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Auf der Baar, einer veritablen Rhein-Donau-Zone im herkömmlichen Sinne, sind zur Wahrung des Gedenkens an traditionelle Naturfänomene in unmittelbarer Fluß(bett)nähe Lehrtafeln mit Sinnsprüchen und Merksätzen angebracht, welche sich, aus gutem Grund (oder Willen), der digitalen Inanspruchnahme zwar nicht widersetzen, ihr aber die bis in die gegenwärtige (ob aber auch bis in die absolute?) Gegenwart bestehende Möglichkeit einer leibhaftigen Sinneswahrnehmung gegenüberstellen.

Rhein-Donau-Zone an der Seine

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In Frankreich finden sich, ob nun aufgrund eines partiellen Mangels, historischer Schwelgereien oder gesamteuropäischer Hinsichten, überraschend häufig sogenannte Rhein-Donau-Zonen und -Plätze. Diese hier in Colombes bezeugt unser Korrespondent Roland Bergère in Bild, Licht und Strom. Die kleine Galaxie im Mittelgrund bildet den Ausgang aus dem zonalen Kosmos, der durch die Rückseite des Bildschirms (am Originalschauplatz: des Daseins) in die Nacht und von dort, via kreiselnder Träume, zu sich selbst zurückführt.

Rheinische Weihnacht

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(Bild: Frooshaasspuren am Liechtenrhein)

Der Rhein für die gebildeten Stände (4)

Die Rheinübergänge haben von jeher den gegenseitigen Heeren wegen der Größe und Schnelligkeit des Stromes nicht unbedeutende Schwierigkeiten entgegengesetzt, die durch die nahe Gegenwart des Feindes noch vergrößert wurden. Julius Cäsar hatte bei seinem Kriegszuge gegen die Gallier eine Pfahlbrücke über den Rhein. Im dreißigjährigen Kriege ward dieser Fluß von den verschiedenen Heeren öfter auf Schiff- oder Floßbrücken überschritten; den Ort, wo es von Gustav Adolf oberhalb Oppenheim geschahe, bezeichnet noch jetzt eine steinerne Säule. Mehre Übergänge fanden in den Feldzügen gegen Ende des 17. Jahrh. und im 18. statt, wo sich besonders der des Prinzen von Lothringen bei Schreck 1744, noch mehr aber die spätern der franz. Generale während des Revolutionskrieges und nachher Napoleon’s auszeichnen. Im J. 1795 hatten die Östreicher das rechte Rheinufer mit 411 Geschützen in 98 Batterien besetzt, gegen die der franz. General Jourdan 476 Kanonen und Haubitzen aufstellte, von denen ein Theil den Übergang der Truppen, bei Urdingen und Neuwied unternommen, unterstützte und begünstigte. Ein zweiter Ubergang Jourdan’s an letzterm Orte 1796 war mit weniger Schwierigkeiten verknüpft, obschon auch diesmal die Franzosen unter dem Feuer des östr. Geschützes hinüberschiffen mußten. Um in demselben Jahre bei Kehl über den Rhein zu gehen, ließ Moreau die Brückenschanze bei Manheim vier Tage zuvor angreifen, indem er möglichst viel Geschütz und Truppen dazu verwendete und dadurch die Aufmerksamkeit des Feindes nach diesem Punkte lenkte. Unterdessen hatte er bei Gambsheim und Strasburg 27,500 M. zusammengezogen, die den gegenüberstehenden Östreichern weit überlegen waren, während das nahe Strasburg und die vielen Inseln, im Rheine die Vorbereitungen und den Übergang selbst begünstigten. Mehr Schwierigkeiten fand Moreau bei Sinsheim, unterhalb Strasburg, am 20. Apr. 1797, weil die Östreicher durch ihre bei dem Zollhause aufgestellten Kanonen die Landung der Franzosen hinderten und sie nachher aus dem endlich von ihnen besetzten Dorfe Sinsheim wieder herauswarfen, auch das Schlagen einer Brücke durch ihr Geschütz unmöglich machten, bis jene endlich weiter unterwärts dennoch eine Brücke zu Stande brachten und in dem Rench- und Kinzigthale vordrangen. Oberwärts Sinsheim ging Moreau im J. 1800 über den Rhein, der hier nur 360 F. breit ist, aber auf dem jenseitigen Ufer sumpfige Wiesen hat, wegen deren man die Brücke am Land hinbauen mußte, um über eine Sandbank nach dem trockenen Boden zu kommen. Der Übergang der Verbündeten über den Rhein im J. 1814 fand nur geringen Widerstand, obgleich die russ. Brücke bei der Pfalz einmal vom Wasser fortgeführt ward.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)