Monatsarchiv für November 2010

 
 

Der Rhein, wahrscheinlich im Breisgau

rhein-wahrscheinlich-im-bre

Sieht aus, als docke der Rhein an eine Staustufe. An solchen Mauern findet der stromerzeugende Strom erneut Anfang und Ende, die rückgestauten Wasser wirken, als wollten sie mählich die mütterlichen Hügelketten fluten, die davonfließenden wirken mechanisch angetrieben. (Bild: Helena Becker)

Der Rhein bei Maurice Genevoix: die weltweit immergleiche Heidelbergerinnerung

Fortgesetzt bürgerlich-akademisch-romantische Vorstellungswelten bringt Genevoix in der Heidelberg-Passage seines Lorelei-Romans zum Klingen. Die restliche Handlung spielt wohl deswegen großteils in Offenbach am Main, um proletarische Perfidie gegenüber dem sinnsuchenden jungen Bürgerhelden aufbauen zu können. In Heidelberg aber geht es ideal und idealer zu: „Die Universität hatte ihre Tore der Ferien wegen geschlossen. Die Straßen der Altstadt waren fast leergefegt. Unter dem Gasthausschild vom „Roten Ochsen“ (…) fanden sie die Weinstube halb offen, verschlafen in der Straßensonne und drinnen absolut still. Sie waren dann wiederum unter dem Brückentor zum rechten Neckarufer hinübergegangen und noch einmal zum Philosophenweg aufgestiegen. Der Abend tauchte jetzt das ganze Tal in ein durchsichtiges, vergoldetes Licht. Unter einem Behang von Zweigen und über Blumenbeeten und Rasen genossen sie die Aussicht auf den langsam und majestätisch fließenden Fluß. Ruderboote, bunt angestrichen, glitten vorüber; wenn die Ruder aus dem Wasser tauchten, gleißte Sonnenuntergangslicht auf ihren Blättern.“ War das Idyll vor der Epoche idyllenbestätigender kamerabehängter Touristenhorden wirklich ein Idyll (für wen)? Der Neckar ein majestätischer Fluß? Brentano, Arnim, Hölderlin nicht eher Schwärmer mit fehlender Wahrnehmungsgabe für schweißige Unterströme rheinischen Elends? Die Heidelberger Tourismusindustrie schien lt. Genevoix jedenfalls bereits vor dem Ersten Weltkrieg mit Raffinesse angelaufen: „Im großen fenstertürigen Speisesaal aßen sie vorzüglich vorbereitete Flußforellen, hielten in langstieligen Gläsern einen feurigen Johannisberger im Gegenlicht hoch. Dabei schauten sie zu, wie eine fröhlich schwatzende Menschenmenge sich den Weg herabwälzte und auf die Alte Brücke losmarschierte. Unmerklich war es unterdessen über Wasser und Hügeln dunkler geworden. Von Zeit zu Zeit fuhr ein flacher Schleppkahn auf dem Fluß dahin, geriet in einen seidenglatten Strudel. (…)“ Unter Ahs und Ohs betrachtet die Reisegruppe nun eine Schwanenfamilie. Doch es kommt noch dicker: „Die drei Schwäne entschwanden in der Dunkelheit. Gleichzeitig wurden die Wälder um Heiligenberg von einer Geschoßgarbe von Raketen beleuchtet; sie stiegen in den Himmel empor, fielen als Regen roter, grüner, blauer Sterne herab, wurden ein Stückchen abgetrieben, ein kosmisches Geknatter am Himmel, indes eine letzte, irgendwo hinverirrt, losging und durch die Nacht dröhnte. (…)“ Der Fokus wechselt alsbald auf den unvermeidlichen Höhepunkt eines solchen Heidelbergbesuchs, die allabendliche Gothic-Show am Schloß: „Bengalische Feuer hatten die gewaltige Fassade lichterloh erhellt. Zugleich wurden ganze Reihen von leeren Fensterhöhlen illuminiert. Die beleuchteten Dächer der einzelnen Bauten, der Turmspitzen, dann wieder Winkel und Ecken in unheimlichem Dunkel, das plötzlich tausendfältige Zischen der Raketen und Leuchtkugeln – man hätte glauben können, ein riesiges Ölgemälde, magisch aus dem Nichts heraufgeholt, eine feenhafte Theaterkulisse, erscheine ihnen vor Augen. Der Stadt unten, ihren Dächern, ihren Türmen, ihren Kirchturmspitzen, dem Fluß, ja den Menschen selber haftete, wenn sie sie anschauten, etwas Phantastisches, Festliches an: ein Traum von einem Deutschland, außerhalb aller Zeiten.“

Ölfter im Ölften in Kölle

Wir haben dat Kölsch Bloot in langen Jahren allenfalls teiltransfusioniert bekommen, ging es uns durch den Sinn, als wir die Stadt vorgestern unterirdisch querten. Zwar ist es in Köln jederzeit und rund ums Jahr kein außergewöhnlicher Anblick, in der Bahn als Lukaspodolskis, Lappenclowns, Bürgermilizionäre, Hunninen und Marieisdatnitschöns verkleidete stolze Einwohner anzutreffen, die hohe Anzahl und Sitz- wie vor allem Stehplatzverteilung, sowie die Bereicherung um pralleutrige Kühe, teuflisch aufgemotzte Stiletto-Teufelchen und mit Bierfäßern umgetane Biergläser etc löste dann aber schnell unser geistiges Ticket in die fünfte Jahreszeit. (Es hatte also, auch wenn es nie richtig aufgehört hatte, wieder begonnen!) In der überfüllten und zunehmend überfüllteren Bahn wurde nach mancherlei anderem ein auffällig als Nippeser Intellektueller verkleideter Undercover-Karnevalist (in einem unaussprechlichen Fantasiekostüm) vor unsere Brust gequetscht – wir kannten uns vom Bundesliga-Gucken: er: ein waschechter Westfale. Aus einer Laune heraus fragte ich ihn nach dem Motto der diesjährigen Sause und er wußte Bescheid: „Schnapstot und komajeschwängert: dat muß nit sin. Kölner stonn zesamme. Keine Flönz für Pänz!“ Während wir noch über das ausnahmsweise so lebensnahe Motto und Marie-Luise Nikutas mögliche Interpretation sinnierten, nahm der Westfale die Gelegenheit, von der feiernden Masse in akute Nähe unseres linken Ohrs gedrängt worden zu sein, wahr, uns weitere Informationen zu stecken, die eigentlich noch geheim seien, weil sie die Zochwagen beträfen, die er aber von verschiedenen Karnevalsgesellschaften zugehörigen, streitenden Nachbarn am frühen Morgen, kaum verständlich zwar, wegen deren Lallen, erfahren hätte: „„De Neppeser Schwaadlappe vun Neppes, die jern jet schwaade don e.V.“ wollen tatsächlich elfhundert Prinzpoldis in pommes-polnischem rut-wieß mit kleinen Ickehäßlerkasperszeptern entsenden. Und „De janz jemötlich links eröm drehende Stippeföttcher vun ungerm Dömche Alt Kölsche KG“ schicken einen als Hennes VI.-Gotthabihnselig verkleideten Seniorentrupp mit löstig-überlangen Jeißbärchten, die an krummen Zweiteligakrücken humpeln: das wird fußballlastig dies Jahr, da kannst sogar du mitmachen!“ Aber das bestgehütete karnevalistische Geheimnis der Saison sei politisch: „Die gemeinen Stadtarschief-Wühlmäuse vum Vringsveedel ohne Haftung e.V.“ entsenden einen vom Oberbürjermeisterpersönlisch angeführten Einsturzaufklärungswagen mit Singsang und zwei offenen Särgen, aus denen die Opfer janz jeck wiederauferstehen, zur Versöhnung mit überdimensionalen Kölner Schnäuzern angetan. Alaaf, sar isch da!“ Noch ehe wir antworten konnten, war der Westfale von feiernden Bürohengsten unter eine Sitzbank gedrängt worden. Und wir von einer Gruppe als bekopftuchte Türkinnen verkleideten fetten Kölschen Mamas auf einen Bahnsteig. Rheinwellen gleich schwappten die Massen durchs Eingeweide der Stadt. Elftausend Jecken hoch wollten sie sich auf dem Heumarkt ihr offizielles Startgetränk einverleiben, und wir sinnierten, was für ein Gewoge erst die elftausend Jungfern bei ihrem Ankunftslandgang in der Altstadt ausgelöst haben mochten, als die Gassen noch eng waren und an U-Bahntunnel kaum zu denken. Auf dem Bahnsteig jedenfalls kündeten KVB-Lautsprecher in hochprofessioneller Dreisprachigkeit (rechtsrheinisch, linksrheinisch, alkoholisch-altripuarisch), das ab sofort der Frohsinn die Macht ergriffen habe und wie man unter dessen Einfluß sachgemäß die süßlich duftenden Bahnen zu betreten habe: erst die Bahninsassen aussteigen lassen, dann selber einsteigen! Wir wollten es gern versuchen, doch hatte uns stattdessen eine diffuse Abordnung Oben bleiben!-Heinzelmichel aus dem Herzen Schwabens unter nasalen Protestkaskaden ins Freie bugsiert, in dem wir plötzlich, nach einigen Kilometern Wanderschaft, wie die Rose von Jericho aufgingen.

Der Rhein kommt aus der Schweiz und fließt nach Deutschland

rhein

Bühnenbild (s. vorletzter Eintrag) von Ann-Sophie K.: Rheinverlauf (inkl. Zentikilometerangaben).

Moritz` Rhein

rhein2

Bühnenbild (s. letzter Eintrag) von Moritz S.: Skulptur/Kunstwerk und Anlegesteg mit Schiff am Rhein.

Maria 1

maria1

Bühnenbild von Maria M.: Rheinkreuzer. Bonner Grundschulkinder erarbeiten derzeit in einem Workshop unter unserer Leitung kurze Multimedia-Theaterstücke auf Basis von soundBlox genannten Tangible User Interfaces. Thema: der Rhein. Die soundBlox hat das Bonner Animax Multimediatheater nach Open Source-Plänen des sogenannten Reactable eigens für Theaterbühnenbedürfnisse um/entwickelt: ein weltweit bislang einzigartiges fantastisches Omni-Instrument (ein modularer Synthesizer) in Form von sechs Klangwürfeln mit ca. einem halben Meter Kantenlänge, das von uns in literarisch grundierter Pionierarbeit mit Sprachsamples bestückt wird, die sich zu szenisch choreografierten Stücken auswachsen sollen.
Die Premiere findet am Freitag, den 12. November, um 10 Uhr im Animax, Moltkestr. 7-9 in Bonn-Bad Godesberg statt. (Es sind keine Karten mehr erhältlich.)

Rheinkaufswagen

rheinkaufswagen_rainer-voge

(Bild: Rainer Vogel)

Rheinsein unterwegs (2)

„Jetzt 79 Kilometer geradeaus fahren“, empfahl der Bordroutenplaner. Es mußte sich um eine fantastische Abkürzung der ursprünglich avisierten Fahrtstrecke handeln. Unsere Kühlerhaube tauchte ein in sanfte Hügel, die vielleicht gar keine waren, so übergangslos wellten sie sich in die herbstgraue, von Fahlheit strotzende Gegend, die aus weitläufigen Feldern grauer Muttererde eintönige Panoramen strickte. Mitten in den Feldern standen schwarze Türme, in der Bauart jenen aus öffentlichen Schwimmbädern sehr ähnlich, nur daß sie lediglich ein einziges Sprungbrett in ca viereinhalb Metern Höhe boten. Für den Bungeesport war das deutlich zuwenig Fallhöhe, für den Wasserspringsport fehlte das Eintauchbecken am Fuße des Turms. Wir vermuteten ergo Stätten archaisch inspirierter Männlichkeitsriten der rheinhessischen Freiwilligen Feuerwehren in neuem Fungewand („Ackerjumping“, “Dunghupfen”, dergleichen), der Sog der Landstraße zog uns gen Süden, und ließ solcherlei Spekulation hinter der Heckscheibe zurück. Jenseits der Äcker deuteten gelegentliche McDonald`s-Minarette kleinere Weiler an, die zwischen dem rundumverglasten Großraumspeisesaal besagter Restaurantkette und dem jeweils gegenüberliegenden Baumarkt zu liegen kamen. Auch wenn die schnurgerade Straße nicht danach aussah, führte sie uns durch jedes dieser aus der täuschenden Autoperspektive so verstreut anmutenden Dörflein. Wir notierten ihre Namen und Besonderheiten, soweit die Eile der Landstraße dies zuließ: Flemmborn (kurzfristige Heimat der Deutschen Weinkönigin 1973), Flümborn (mehrere Tage Heimat der Deutschen Weinkönigin 1982), Flornborn (Heimat der Großdeutschen Weinkönigin 1940, die 1954 rehabilitiert wurde und die Krone ehrenhalber zum zweiten Mal aufgesetzt bekam), Flomborn (hier gab es einmal einen schwer zu erklärenden Vorfall mit einem Schwein, das aus eigenem Antrieb auf die Fleischwaage stieg), Esselborn (für eine Festwoche Heimat der Deutschen Weinkönigin 2005), Esselkessel, Esselkressel (ursprünglich eine britische Siedlung, von der niemand mehr weiß wie sie ins Rheinhessische gelangte), Restel (Heimat der Deutschen Fleischfachverkäuferinnenprinzessin 1999), Würstel (eine Weile lang Heimat der Deutschen Weinkönigin 1961) und Süppel (in dessen aktiver Heimatdialektgemeinschaft die ganzjährig hängenden Ausfahrtsbanner für die Weinfestareale der gesamten Region beschriftet werden: „Kummen gut häm!“). So fuhren wir und fuhren Stunde um Stunde stur geradeaus, sahen all diese Orte und die Windräder drunt in nicht allzufernen, doch unerreichbar scheinenden Senken, die der berühmte Rhein entlang der Autobahn durchfließen mochte, bemerkten wie die Äcker sich dem Himmel mengten in braunem Einheitsgrau und versuchten uns in den Riesling zu versetzen, der auf diesen Fluren zum Gedeih gezwungen uns eine gänzlich neue Perspektive auf sich als traubendes Lebewesen vermittelte. Wir fuhren und fuhren und die Bilder schienen sich zu gleichen, Ortschaften mit uns bekannt vorkommenden Namen wie Oberflomborn, Hinterflemmborn oder Westesselkressel zeigten uns ihre schönsten Rückseiten, dieweil wir sie, von der unerbittlichen Landstraße getrieben, der Länge nach in gradem Strich durchquerten. „Diese ganze Strecke muß man zu Fuß machen, nicht mit dem Auto“, ging es uns durch den Sinn, „ihre Schönheiten bekommt man vom Fahrzeug aus doch garnicht zu sehen und auch nicht bei den kurzen, Fischmords Limonadenkonsum verdankten Pausen am Landstraßenrand, wo der Wind so kräftig pustet, als stünde hier noch irgendwas, das er umblasen könnte.“ Wir mußten wohl eingenickt sein. Denn wir erwachten. Von Gepolter. „Was ist das?“ Reusch: „Kartoffeln.“ Tatsächlich: aus dem rückwärtigen Seitenfenster ließen sich vereinzelt dichtfliegende Kartoffelschwärme erblicken. Fischmord: „Wir haben es geschafft, wir sind raus aus Rheinhessen, wir haben eben die Pfälzer Grenze gequert.“ Die Straße war zwar noch dieselbe, hieß nun aber offiziell Deutsche Weinstraße. Von Kartoffelschwärmen eskortiert glitten wir mitten in die einsetzende Dunkelheit.

Rheinsein unterwegs

Nach langen Jahren mal wieder die weltkulturelle Mittelrheinstrecke auf der Autobahn angegangen, doch lange: sollte dieser Genuß nicht währen. Die Autobahn hatte sich über zahlreiche omnivore Sommer und Winter wenig verändert, wollte uns scheinen – dann aber urplötzlich offenbar doch: „Bei Gonsenheim ist die Fahrbahn abgesackt“, meldete lakonisch der Verkehrsfunk. Keine weiteren Hinweise auf die technischen Strukturen, noch erwägenswerte Bedeutung/Auswirkungen eines solchen Ereignisses. Hitlers langer Atem, schoß es uns – unsinnig, das geben wir freimütig zu – durch den Sinn, der, von bärtigen Autobahnwitzen vernebelt, nach Halt, Hoffnung und, so widersprüchlich und zugleich sympathisch wie das bisher vorhandene menschliche Sein: nach Ankommen strebte. Wir befanden uns kurz vor Gonsenheim. Mußten aber weiter nach Karlsruhe. Wir: das waren der Kabarettist Stefan Reusch, bekannt für den nach ihm benannten Reusch`schen Dreher, ein eigenartiges, seltenes, hauptsächlich von Reusch selbst gepflegtes Sprachfänomen, das derzeit in den USA linguistisch erforscht wird, der Kabarettist Ismael Fischmord, bekannt für seinen Namen, den er sich gemacht hat, sowie unsere stets lyrisch gestimmte Wenigkeit. Der Bordroutenplaner riet zur Umgehung Richtung Alzey. „Alzey, Alzey, das ist doch noch ein Stückchen…“ – warnte unser rheinisch-geografisches Hintergrundwissen. Und: „Eine Fahrbahnabsackung – was sollte das im engeren Sinn vorstellen? Das Land geht zugrunde/“sackt wortwörtlich ab“ und schreit nach literarisch gebildeten Zeitzeugen, die…“ Reusch: „Das ist ein Loch…“, Fischmord: „…in das die ganzen Autos nach und nach hineinkippen…“, Reusch: „…wir nehmen die Abfahrt, basta!“ Die beiden bilden ein eingespieltes Team, bekannt für seine abstrusen, kaum erforschlichen Gedankengänge: Die Ableser. Bisweilen nehmen sie, ihrer altruistischen Art gemäß, in bewährt humanistisch-liberaler Sprungbrettmanier (auf Sprungbretter wird noch präziser zu kommen sein) zu ihren Auftritten unbekannte Gastautoren mit, die kurze Zeit später einigermaßen bis ziemlich groß herauskommen: Guy Helminger, Richard David Precht, etc… (lauter edle, mehr oder minder den universellen wundervollen Kraftsäften der Lyrik zugetane Zeitgenossen jedenfalls). Gesagt, getan: die Abfahrt war genommen, zwar stand uns von Sensationslust grundiertes Aufmucken im Sinn, wurde auch formuliert: „So eine Absackung, die solltet auch ihr, die ihr vieles schon gesehen habt, mal gesehen haben – wie oft im Leben ergibt sich eine solche Chance?: eine veritable Autobahnabsackung, das ist bestimmt was ganz anderes als die Geschichte mit dem Kölner Stadtarchiv, es wird dort auch kaum nach Geothermie gebohrt worden sein wie in Staufen, hört mal, wir könnten ja ganz vorsichtig da ranfahren, wir müssen ja nichts riskieren!“ – allein: „Zu spät“, kam es höhnisch-zufrieden von den Vordersitzen. (An dieser Stelle erfährt die ohnehin wirre Erzählung einen kaum zu kittenden Bruch, denn:) Wir enterten Rheinhessen: McDonald`s-Minarette kündetens, eine ansonsten bis auf gelegentliche Baumärkte leergefegte Landschaft bestätigte es. Rheinhessen! Rheinsein bislang unbekanntes, unbedingt jedoch noch zu erforschendes Terrain! Unser Herz klopfte, wenn schon nicht bis zum Anschlag, so doch in freudiger Entdeckenslaune. Und Fischmords Konsum amerikanischer Erfrischungsgetränke versprach den ein oder anderen Halt zwecks kontemplativer Einsichtnahme in die rheinhessische Region und Kultur vom Landstraßenrand! Welch selten betretene Gegend! Die lockende Gonsenheimer Fahrbahnabsackung war so gut wie vergessen.

Düsseldorf – Basel im „Rheingold“-Salonwagen

Zug der Züge – nobel reisen,
und flussaufwärts im Salon-
Wagen formidabel speisen,
Rheinanrainer im Waggon.

Draußen liegen in den Wiesen
Kuhgeschwader, Landschaft quillt
unverschämt in Kohlgemüsen
wie ein grünes Genrebild.

Dörfer dampfen in den Senken,
da ein Feldkreuz, dort ein Steg.
Telegrafenmasten lenken
Drähtebündel längs und schräg.

An den Leinen Hosen knattern,
Kissen protzen, aufgebauscht –
Achtzig Achsen aber rattern,
Wühlerwind am Fenster rauscht.

Bäume scheinen abzubrennen
Blütenfeuer weiß und rot.
Felder wandern, Feldchen rennen:
Hasen fliehn in Todesnot.

Und die Weichen leiten weiter
nach den Metropolen hin,
wächst herauf ein Glockenreiter,
Krähenschwärme drüber ziehn.

Jetzt gesellen sich uns Mauern,
Ziegelmuster rot und klein,
Augenblicke nur zu dauern,
rückgelassene zu sein.

Tausende von Fenstern stürmen,
namenlose, auf uns ein.
Hunderte von Dächern türmen
über uns Gesimsestein.

Und ein Rauschen wird, ein Ziehen
stark und stärker, und wir sehn
Fenstermassen rückwärts fliehen,
laufen, gleiten, schweben, stehn.

Meer von Köpfen, Kleidern, Hüten,
Blumensträußen, Eis, Gepäck,
Zeitungen und Plastiktüten –
Arme heftig wedelnd – weg.

Wieder weiter! Und die Gleise
schmiegen sich dem Strombett an,
Rebenhänge dämmern leise,
Möven schaukeln auf dem Kahn.

Landschaft modelt sich gefällig,
Hügel drehn sich her und fort,
Wiesen steigen, fallen wellig,
dort wird hier und hier wird dort.

Burgen stolze Flaggen recken,
Wolken gravitätisch ziehn,
Schatten jagen Sonnenflecken,
blinkt im Strom des Rheingolds Glühn.

Und dann öffnet sich die Weite
unvermutet, hell und neu,
Wege leitend an der Seite,
ei, dem Gleis schon nicht mehr treu.

Aufgereiht wie Perlen, locker
Rollen Blechkolonnen mit,
rot und weiß und blau und ocker –
halten ja schon nicht mehr Schritt.

Horch! Auf einmal rast ein heller
Ton heran, halb Pfiff, halb Schrei,
fortzufliehen wie ein schneller
Gegenzug – vorbei, vorbei.

Und die Landschaft, mild und südlich
schwenkt mir ins Abteil ihr Obst,
macht mich willig, schläfrig, friedlich –
Saug’s doch ein, was du so lobst!

Durch die Ortenau bis Basel
geht die Fahrt und endet so
wohin Nietzsche vorm Gefasel
deutscher Professoren floh.

(Ein Gastbeitrag von Dirk Schindelbeck. Rheinsein dankt!)