Ölfter im Ölften in Kölle

Wir haben dat Kölsch Bloot in langen Jahren allenfalls teiltransfusioniert bekommen, ging es uns durch den Sinn, als wir die Stadt vorgestern unterirdisch querten. Zwar ist es in Köln jederzeit und rund ums Jahr kein außergewöhnlicher Anblick, in der Bahn als Lukaspodolskis, Lappenclowns, Bürgermilizionäre, Hunninen und Marieisdatnitschöns verkleidete stolze Einwohner anzutreffen, die hohe Anzahl und Sitz- wie vor allem Stehplatzverteilung, sowie die Bereicherung um pralleutrige Kühe, teuflisch aufgemotzte Stiletto-Teufelchen und mit Bierfäßern umgetane Biergläser etc löste dann aber schnell unser geistiges Ticket in die fünfte Jahreszeit. (Es hatte also, auch wenn es nie richtig aufgehört hatte, wieder begonnen!) In der überfüllten und zunehmend überfüllteren Bahn wurde nach mancherlei anderem ein auffällig als Nippeser Intellektueller verkleideter Undercover-Karnevalist (in einem unaussprechlichen Fantasiekostüm) vor unsere Brust gequetscht – wir kannten uns vom Bundesliga-Gucken: er: ein waschechter Westfale. Aus einer Laune heraus fragte ich ihn nach dem Motto der diesjährigen Sause und er wußte Bescheid: „Schnapstot und komajeschwängert: dat muß nit sin. Kölner stonn zesamme. Keine Flönz für Pänz!“ Während wir noch über das ausnahmsweise so lebensnahe Motto und Marie-Luise Nikutas mögliche Interpretation sinnierten, nahm der Westfale die Gelegenheit, von der feiernden Masse in akute Nähe unseres linken Ohrs gedrängt worden zu sein, wahr, uns weitere Informationen zu stecken, die eigentlich noch geheim seien, weil sie die Zochwagen beträfen, die er aber von verschiedenen Karnevalsgesellschaften zugehörigen, streitenden Nachbarn am frühen Morgen, kaum verständlich zwar, wegen deren Lallen, erfahren hätte: „„De Neppeser Schwaadlappe vun Neppes, die jern jet schwaade don e.V.“ wollen tatsächlich elfhundert Prinzpoldis in pommes-polnischem rut-wieß mit kleinen Ickehäßlerkasperszeptern entsenden. Und „De janz jemötlich links eröm drehende Stippeföttcher vun ungerm Dömche Alt Kölsche KG“ schicken einen als Hennes VI.-Gotthabihnselig verkleideten Seniorentrupp mit löstig-überlangen Jeißbärchten, die an krummen Zweiteligakrücken humpeln: das wird fußballlastig dies Jahr, da kannst sogar du mitmachen!“ Aber das bestgehütete karnevalistische Geheimnis der Saison sei politisch: „Die gemeinen Stadtarschief-Wühlmäuse vum Vringsveedel ohne Haftung e.V.“ entsenden einen vom Oberbürjermeisterpersönlisch angeführten Einsturzaufklärungswagen mit Singsang und zwei offenen Särgen, aus denen die Opfer janz jeck wiederauferstehen, zur Versöhnung mit überdimensionalen Kölner Schnäuzern angetan. Alaaf, sar isch da!“ Noch ehe wir antworten konnten, war der Westfale von feiernden Bürohengsten unter eine Sitzbank gedrängt worden. Und wir von einer Gruppe als bekopftuchte Türkinnen verkleideten fetten Kölschen Mamas auf einen Bahnsteig. Rheinwellen gleich schwappten die Massen durchs Eingeweide der Stadt. Elftausend Jecken hoch wollten sie sich auf dem Heumarkt ihr offizielles Startgetränk einverleiben, und wir sinnierten, was für ein Gewoge erst die elftausend Jungfern bei ihrem Ankunftslandgang in der Altstadt ausgelöst haben mochten, als die Gassen noch eng waren und an U-Bahntunnel kaum zu denken. Auf dem Bahnsteig jedenfalls kündeten KVB-Lautsprecher in hochprofessioneller Dreisprachigkeit (rechtsrheinisch, linksrheinisch, alkoholisch-altripuarisch), das ab sofort der Frohsinn die Macht ergriffen habe und wie man unter dessen Einfluß sachgemäß die süßlich duftenden Bahnen zu betreten habe: erst die Bahninsassen aussteigen lassen, dann selber einsteigen! Wir wollten es gern versuchen, doch hatte uns stattdessen eine diffuse Abordnung Oben bleiben!-Heinzelmichel aus dem Herzen Schwabens unter nasalen Protestkaskaden ins Freie bugsiert, in dem wir plötzlich, nach einigen Kilometern Wanderschaft, wie die Rose von Jericho aufgingen.


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