Monatsarchiv für November 2010

 
 

Rheinische Tierwelt (11)

Toter-Vogel

In artistischer Haltung, Blick in den Himmel, den Rücken vorbildlich durchgestreckt, fanden wir diese Vergrämkrähe bei den Bootsanlegern auf dem Konstanzer Seerhein etwas mehr als nur ihren Job tun. Vermutlich spielte auch hierbei das laufende Poesiefestival eine Rolle: Fluß und Vogel als selbstbewußte Inspirationsquellen schöngeistiger Verse bis tief hinein in die Moderne.

Loblied auf Konstanz

Oswald von Wolkenstein
In Kostnitz (1431)
(An Margarethe von Schwangau)

1.
O wonnigliches Paradies,
Wie sehr zu Kostnitz find’ ich dich;
Vor allem, was ich hört’ und pries,
Von ganzen Herzen freust du mich.
Inwendig, außen, überall
Zu Münsterling und anderswo
Regiert dein adeliger Schall,
Wer möchte da nicht werden froh?
Viel Augenweid
In manchem Kleid,
Schlicht, zierlich, weit,
Sieht man zu Kostnitz prangen;
Und Mündlein rot,
Zu meiner Not,
Da eins mir droht
Mit rosenroten Wangen.

2.
Gebärde, Wort’, ohn’ Tadel klug,
Schaut man, und graziösen Tritt
Von mancher Frau; ich sag’s ohn’ Trug;
Sankt Peter läßt mich’s lügen nit,
Des Lob ich immer preisen soll,
Andächtig, wenn ich im Gebet;
Denn er ist aller Ehren voll,
Und thät’ mir leid, wer anders red’t.
Viel Augenweid
In manchem Kleid,
Schlicht, zierlich, weit,
Sieht man zu Kostnitz prangen;
Und Mündlein rot,
Zu meiner Not,
Da eins mir droht
Mit rosenroten Wangen.

3.
Vielzarte, engelhafte Weib’,
Durchleuchtig, schön, mit lichtem Glanz,
Haben besessen meine Leib
Dort in der “Katze” bei dem Tanz.
Doch einer ich gedenke viel
Und ihrer herrlichen Gestalt.
Ja, Ehren, Lust und Freudenspiel
Find’t man zu Kostnitz mannifalt.
Viel Augenweid
In manchem Kleid,
Schlicht, zierlich, weit,
Sieht man zu Kostnitz prangen;
Und Mündlein rot,
Zu meiner Not,
Da eins mir droht
Mit rosenroten Wangen.

(Nachgedichtet von Ludwig Passarge)

Konstanz erweckt leicht den Anschein, bis auf den heutigen Tag von seinem Konzil zu leben, zu dessen Zeit Oswald von Wolkensteins, des „letzten Minnesängers“ obiger Lobestext entstand. Während des dreieinhalbjährigen Konzils von 1414 bis 1418 hatte Konstanz im Schnitt etwa doppelt soviele Gäste wie Einwohner: die Versorgungslogistik erforderte konzentrische Drängungen um den innersten Stadtkern (also die Tagungsorte) herum; nebst Speis- und Tranklieferanten profitierten nicht zuletzt die sogenannten Lei(h)bediennerinnen, die Konstanz regelrecht überschwemmt haben mußten – mit Imperia (von Peter Lenk, inspiriert von einer Kurtisanengeschichte von Balzac) steht und dreht sich überm Hafen eine besondere, vieldiskutierte von ihnen in heutige Tage und Nächte hinein, als bohre sie im sferischen Schnittfeld von Seefläche und Himmelskuppel, von Macht, Animalität und Sehnsucht nach gültigen Antworten. Wie Oswald wirklich zu St. Peter stand, steht für uns auf einem noch genauer zu erkundenden Blatt. Das Loblied gänzlich ironiefrei zu lesen, will uns jedenfalls nicht gelingen. Von den spätmittelalterlichen Dichtern ist uns Oswald aufgrund seiner oft herben, „lebensnahen“, durchschlagenden Art der liebste – und so empfanden wir es als gnadenvolle Koinzidenz, im Rahmen des „Dichter dran“-Festivals ausgerechnet im Wolkenstein-Saal des Konstanzer Kulturzentrums vortragen und uns somit, zumindest in hoch- wie tieffliegenden Gedanken, ans vorläufige, dh (solang es Dichtung geben wird) kaum jemals endende Ende einer Traditionskette reihen zu dürfen.

belegte Seelen gerauchte

belegte-Seelen-gerauchte

Während des Konstanzer Poesiefestivals (19. bis 24. November 2010) fand sich Lyrik auch ins Straßenbild integriert. Mayröckersch anmutend diese knappen Verse am Schaufenster eines Schnellimbisses in der Innenstadt.

Moderne trifft Moderne

Und zwar am Sonntag, den 28. November um 11 Uhr im Düsseldorfer Schauspielhaus im Rahmen eines Festakts. Gefeiert werden 20 Jahre Arbeitskreis zur Erforschung der Moderne im Rheinland e.V. und 10 Jahre An-Institut “Moderne im Rheinland” an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Dafür wird, leider wohl nur für dieses eine Mal, die Idee der legendären Morgenfeiern des führenden Dichters der rheinischen Moderne Herbert Eulenberg wiederbelebt: Arbeitskreis und Institut zur Erforschung der ehemaligen Moderne präsentieren bei der Jubiläumsmatinée auch künstlerische Kostproben der aktuellen Moderne vom Rhein, das Programm beinhaltet: Gedichte von Else Lasker-Schüler, für den Festakt neu komponiert von Manfred Trojahn, vorgetragen von Julie Kaufmann, ein Papiertheater von Barbara Räderscheidt, eine Lesung von Rheinsein-Gastautor Enno Stahl, Filmszenen von Pina Bausch, Rhein-Fotografien von Schiko (die teils bereits auf Rheinsein zu finden sind), Texte von Gustav Landauer, vorgetragen vom Ensemble des Schauspielhauses, die Kunsthochschule für Medien Köln wird etwas noch nicht näher benanntes beitragen, von dem anzunehmen ist, daß bis in die letzte Sekunde an der Technik gebastelt werden muß und schließlich werden wir Rheinsein dort vorstellen. Abgerundet wird die Veranstaltung von der “Regionalia”, einer Instant-Messe zur Kultur der Region.
Für die Matinée sind keine Karten mehr erhältlich.

Selbstbeflockende Schwarzwaldtannen

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Mitten zwischen Oberrhein und Seerhein. Dürre Stämme, dem Betrachter abgewandte Haltung. Als wären sie den stündlich in beide Richtungen pendelnden Zug nicht gewohnt, flüchten sie zügig in den Wald. Gut zu erkennen: die erkaltete Schneeküche im mittleren Bildbereich. Wenn der Schneeherd erst zu Dampf, Dunst, Glunst und Rauch erhitzt ist, sammeln sich die Tannen um seinen Rand und beugen sich in den aufsteigenden Nebel. Das ergibt die typische Beflockung.

Mit der Schwarzwaldbahn von Offenburg nach Konstanz (3)

Wir steigen aus auf der Baar, um einherzuwandeln. Der Bordkaffee (1 Euro!) hat uns gepusht, es hält uns nicht länger auf dem Sitze. Allmählich zeigt sich die Nacht zur schwarzen Gänze und spendet feinen Niesel. Gorrh reibt die Straßenbeläge damit ab. Das gibt einen eigenartigen Geruch. Der Glanz des Tristen, an frischer Luft. Out of Bräunlingen. Aus der Dunkelheit heulen, plunksen, grummeln Wesen. Künden die Stunde der Landgaschthöf und Moschtschöpfle. In deren geräumigen Innern trachtentragende Serviertöchter überdimensionierte Wurstsalat-Portionen jonglieren. Deren geräumige Innere bauchige Fiolen bergen, in denen wiederum der Mirabellenbrand auf genauer Zimmertemperatur seine weitreichendsten Effekte heranalchimisiert. Deren geräumige Innere so geräumig sein müssen, weil die von den Wänden prangenden Trofäen sonst versehentlich die besten Gäste aufspießen würden: solch mächtiges Gehörn und Geweih trägt weit und breit einzig das sagenumwobene Schwarzwaldwild. Der Geist der Mirabelle schärft den unsern, wenngleich bisweilen attackiert vom Geist der Zibarte. Als das geräumige Gasthofinnere sich gegen alle Raumgesetze durch eine wabernde Tür verengt, betreten wir den kühlen glatten Abendhimmel, an dessen Ende der Mond in Form und Farbe einer wunderbaren Mirabelle lockt. Gorrh hat ihn dorthin geschnalzt, als letzten Tagesakt. Wir folgen dem Mond, er führt uns im Kreis, das geht ein paarmal gut, dann steigen wir wieder ein, wo wir niemals ausgestiegen sind, entlang der jungen Donau gleitet die Schwarzwaldbahn Richtung Immendingen, 658 Meter über dem Meer. So steht es am Bahnhof angeschrieben und wird seit geraumer Zeit nicht mehr korrigiert worden sein. Nun sind aber Meeresspiegel eine bewegliche Sache und 658 Meter zwar ein ordentliches Stück, aber nicht die Welt, in Klimafasen- und Tiefseedimensionen gedacht. Das künftige Immendinger Unterwasserbahnhofsschild wird 23 Meter unter dem Meer anzeigen. Wir fahren weiter nach Engen. Das seinen Namen verdientermaßen zu tragen und aus lauter Einfamilienhäusern zu bestehen scheint, eine Art dicht beieinanderstehende Herde Familienglücker, fürimmerisiert in traulichem Beton. Da wohnen Lackabs neben Lustigs, da wohnen aber auch noch ganz andere. Die freistehenden Vulkankegel des Hegaus wissen das schon länger. An Singen verwundert uns die Schinderhannes Bar. Ist Johannes Bückler damals tatsächlich soweit in den Süden ausgewichen, oder existiert am Ort eine zeitversetzte Sympathisantenszene unter Maggi- und Schiesser-Mitarbeitern? In Radolfzell schließlich das Anschwappen des Bodensees, begleitet von einem neobeckettschen Dialog unter Mittelstuflern: „Kennsch n Panker namens John?“ „Sein Koffer isch schon da.“ Die Wasservögel am Ufer sind teils wohl Skulpturen. Allensbach: das mit dem Institut? Jedenfalls das mit einigem Fachwerk. In neobeckettschem Stumpfsinn: „Kennsch n Panker namens Allen?“ „Sein Bach isch schon da.“ Einfahrt nach Konstanz, Queren des Seerheins. Die Stadt ist voller Dichter. Das kann ja noch was werden!

Mit der Schwarzwaldbahn von Offenburg nach Konstanz (2)

Weiter durchs Zweidichterdorf Hausach, das eigentlich fast ein Dreidichterdorf zu nennen wäre, weil es sich jedes Jahr über Monate hinweg zu den beiden ortsansässigen noch einen zusätzlichen Gastdichter leistet. Am Kinzigufer weiden Bungalows aus mallorquinischen Feriensiedlungen. Kein Mensch weiß wie sie dort hingelangt sind. Jetzt glotzen sie aus quadrischen Fensteraugen auf das reine saftig grüne Tal. Oh, wohnten wir doch gelegentlich dorten! (Wir glotzten ebenfalls aufs Tal und über die Hügel und in den Himmel sowieso und erhöhten die Hausacher Dichterdichte.) Es geht auf halb zwei Uhr nachmittags zu und schon senkt sich der Tag zur Neige, der folgende stundenlange neblicht-zwielichternde Abenddämmer gilt weithin als Spezialität und Alleinstellungsmerkmal des Schwarzwalds; unter einigem Zinnober („Sehr geehrte Fahrgäschte!“) wird der Zustieg der langersehnten Minibar samt fescher Oberkellnerin verkündet, der Zug schlängt sich in einem Anfall von Selbstmärklinisierung mitten durchs Freilichtmuseum Vogtsbauernhof, in/ab Hornberg (wo das berühmte Schießen stattfand und eine der größten begehbaren Toilettenschüsseln der Welt steht) beginnen die 17.000 Tunnel, deren jeder seinen eigenen Namen trägt, die wir an einem unerfüllten Tag vielleicht einmal in den Fußnoten nachreichen werden. Hornbergs beheiztes Freibad wirkt tief im November so veralgt wie vergessen, die Kinzig umschäumts mit silbrig aufgeworfenen Parolen aus ihren wildwassernden Jugendtagen. Aus fernen und nahen Schwarzwaldritzen nebelts, dampfts und rauchts in vorbildhafter Urigkeit, schön ebenmäßig grau asfaltiert folgt die Landstraße ihrem Dao, das sie zwingt, bisweilen mit der Kinzig die Klingen zu kreuzen. Rasende Wechsel aus Tunneln und Tannengerippen machen die Reise zur Geisterbahnfahrt, umgeben von brütenden Nebelküchen, aus deren senkrecht entweichenden Schwaden wir nicht zu lesen vermögen, was wohl dort auf dem Herde steht. Triberg taucht auf, ein amerikanischer Vergnügungspark mit einigen der größten begehbaren Kuckucksuhren der Welt und zugefrorenen Wasserfällen (den höchsten Deutschlands). Im Triberg-Ambiente wird plötzlich klar, was die kräftig in ihrer Nebelbrühe rührenden Schwarzwaldtannen da auskochen: Schnee! Zum Beflocken ihrer selbst! Um wiederum ein Vorbild abzugeben für Schneekugelinventare. Eigenwillig und rätselhaft ist und bleibt die Natur. Doch schon dringt die Bahn in was ebeneres, beginnt die Baar, mit fast schon städtisch anmutendem Bebau, auch riechts nach früher Donau: St. Georgen. Ein Bächlein klein und fein und kühl mäandert die Brigach um Industriehallen, vorbei an Forellenhöfen mit holzrauchenden Schornsteinen, torft vor sich hin, wildert, salamandert, wächst und hält die Abgeschiedenheit, ihr gleichzeitig entfliehend, aus. Auf Villingen zu, wo der Neckar bei- und entspringt, um dem Rhein ein paar Brocken Schwäbisch beizubringen.

Mit der Schwarzwaldbahn von Offenburg nach Konstanz

Von Rhein zu Rhein solls gehen, durch flußgebende Spannungsfelder. Gschwind noch e Fleischkäsweckle beim Offeburger Bahnhofsbäcker, wo mehr en zugige Verschlag halber hauße ausm Bahnhof isch. Vom Bahnsteig aus läßt sich gut beobachten wie das Schienenkraut die Gleise entlangwächst. Offenburg ist unter Zugreisenden bekannt für seine Anschluß-Wartezeiten. Der Bahnsteig ansonsten völlig leer, bis auf uns und einen Schwarzen, die wir auf derselben Sitzbank an unsern Fleischbrötchen kauen. Kaum haben wir uns fünf Meter von der Bank entfernt, um Serviettöses zu entsorgen, erschallt mit Wucht eine Lautsprecherdurchsage: „Ein wichtiger Hinweis der Bahn: achten Sie auf Taschendiebe und lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt stehen!“ Welcher wichtige Hinweis würde wohl erschallen, wenn der Schwarze sich nun unser Gepäck schnappte und damit die Biege machte? „Das war prompt“, sagen wir in Richtung des jungen Mannes, „wir beide müssen gut aufpassen, was wir hier tun, wir werden videoüberwacht“. „Noi, die hen koi Kameras, nur Ferngläser, woisch, die moine mich, ich bin z`schwarz.“ Nur noch eine halbe Stunde und der Anschlußzug dürfte auftauchen. Allmählich füllt sich der Bahnsteig mit Frierenden. Ein freundlicher Rentner von der Bahnhofsmission begrüßt sie alle per Handschlag und mit aufmunternden Worten. Falls jemand zusammenbreche, werde er sich kümmern – und falls innert der nächsten beiden Stunden kein Zug käme, heißen Tee bringen. Der Zug kommt auf die Minute pünktlich. Offenburg zu verlassen, ist immer wieder schön. Sogleich meldet sich der charismatisch dialekttreue Zugbegleiter mit expressiven, diesmal reimfreien Erklärungen. Draußen Möschle Behälterbau (ja, b`halte denn die B`hälter au?) und Schulschluß in Gengenbach mit seinem kinzigenen „Flössermuseum“ (Dreisam, Kinzig, Murg etc – die hübschen Schwarzwaldaus(fall)flüßchen: wie geschwisterlich sie sich ähneln in ihren rasenbegrünten Eingedeichtheiten!). Ha! Schon tauchen sie auf: hübsche, nitzefitzelige, wie für Sagenländer erdachte Hügelchen und spürbar wirkt der Sog des Rhein-Donau-Neckar-Kraftfelds. Außerplanmäßige Stops der Panoramabahn: Tribute an heute selten gewordene Fänomene: aus den Hügeln über Biberach/Baden etwa steigt, vom Zugbegleiter plastisch moderiert, echter Köhlerhaufenrauch. Zudem muß der Lokführer auf dieser Strecke die Bahnübergänge eigenhändig sichern. Haslach („in Haslach gräbt man Silbererz“) heute: stellt man dort Präzisionsdrehteile her und das Zentrum besteht aus drei Supermarkthallen: ALDI, REWE, edeka.

Rheinsein als virtuelles Museum: ein kurzer Ableitungsversuch

Nicht wenige kleine Provinzmuseen übten aufgrund ihrer vergleichsweise chaotischen Bestückung, ihres assoziativen, wilden Sammelsurium-Charakters nachhaltigere Eindrücke auf uns aus, als viele metropole Schauen mit ihren eher akribisch unter Kategorieaspekten sortierten Exponaten. Da war z.B. (und ist bis heute noch, jedoch vor Jahrzehnten zuletzt von uns besucht) das Fahrzeugmuseum in Marxzell, (gemeinsam mit dem Karlsruher Naturkundemuseum) der Lieblingsschauraum unserer Kindheit. Dort gab es vor dem Haus ausrangierte Lokomotiven und Bahnwagen, in die wir klettern durften, und drinnen vom Boden bis unters Dach Oldtimer, Draisinen und Hochräder (Fahrrad wie Auto, lautete die – durchaus fundierte – Suggestion, seien in der Gegend entwickelt worden), aber auch ein freaky siamesisches Rehkitz, ein magisches (mechanisches) Spinett und lustige Stummfilme auf riesigen Rollen, die noch lustiger wurden, wenn der Vorführer sie auf lautstarke Bitten erregter Grundschulklassen rückwärts abspulen ließ. Eindrückliche Museen späterer Jahre waren etwa das Teatre Museu Dalí in Figueres, eine Mischung aus Mausoleum und Gerümpelkammer, dessen scheinbar fahrlässige Hängung geniale Spuren aufwies. Dalís in Öl auf Leinwand gebannte Serien aus dem Himmel fallender Nägel bedeuteten ein Aha-Erlebnis: sie beeindruckten uns ungleich stärker als seine viel berühmteren, durch Abdrucke in tausend Bildbänden bekannten Gemälde. Traue deinen eigenen Empfindungen, statt den vorgekauten Meinungen des Kanons, sollte dieses Erlebnis bedeuten. Das Museo Insular von Santa Cruz de la Palma besaß zwar klar gegliederte Abteilungen – mehrere Ausstellungsstücke schienen das angestrebte Prinzip linearer Kulturvermittlung jedoch hochgradig unterlaufen zu wollen: Vitrinenmeter voll ausgestopfter Kanarienvögel, die eher subversiv zurechtgestoppelten Fantasiewesen glichen; eine siamesische Ziege erinnerte an das Marxzeller Urdoppelkitz. Wir lernten: über die Kräfte des Zufalls, der Bearbeitung und der Redundanz. Im Kumasi Cultural Centre sahen wir nebst einer Trommel, die den Schrei des Leoparden nachzuahmen vermag, den vergoldeten Schemel, den Okomfo Anokye vor 300 Jahren persönlich aus dem Himmel geholt hatte, um das Ashanti-Reich zu begründen und ein vom selben Mann vernähtes Schatzbündel: würde es jemals geöffnet, würde Ashanti vernichtet. Das Bündel befand sich recht ungeschützt hinter einer einfachen Vitrine. Hätten wir Ashantis Untergang gewünscht, wir hätten ihn selbst bewirken können. Oder auch nicht. Denn Okomfo Anokye war der stärkste Zauberpriester aller Zeiten: unweit des Cultural Centre befindet sich, auf dem heutigen Gelände des Lehrkrankenhauses von Kumasi, das unverrückbare Schwert, das Anokye dort in die Erde gerammt hat und das seitdem kein Mensch, nicht einmal mit schwerem Gerät, wieder herausbekommen hat, noch herausbekommen wird. Auf diese Weise erfuhren wir erstmals auf handfeste Art die nicht zu unterschätzenden mystischen Dimensionen von Geschichte. Das war in etwa so, als würde in Worms das Rheingold ausgestellt – mit Hagens Fingerabdrücken dran. Das Muzeul „Arta lemnului“ (Museum für die holzbearbeitenden Handwerke) im bukowinischen Câmpulung Moldovenesc zeigte neben dem kieferklappernden Hirschmenschen, dem wir kurz zuvor in Corlata leiblich bei einer Lesung unter den Apfel- und Birnbäumen des Dorfplatzes begegnet waren, auch einige sinister wirkende menschengroße Puppen: das Wissen um ihre Bedeutung sei über die Zeiten verschwunden – sie werden in der Region aber weiterhin hergestellt, um die Tradition aufrechtzuerhalten. Was uns umgehend an eine Anekdote des amerikanischen Wanderkünstlers Andrew Walther erinnerte: in einem nicht näher bezeichneten Museum habe er einmal einen Schiffskessel mit keltischer Inschrift gesehen. „Man knows nothing“, hätten die Museumsleute auf dem Erläuterungsschildchen angeschrieben gehabt, solle die Inschrift bedeuten – allerdings mit dem Zusatz: „We are not sure about the translation“. In einem solchen wie dem hier skizzierten Vorbild- und Spannungsgefüge soll auch Rheinsein, in seiner Eigenschaft als virtuelles Museum des gesamten Rheins und seiner Geschichte/n, pulsen und ausschlagen – gelegentlich auftretende Gewißheiten nicht ausgeschlossen.

Rheinzitat (3)

“Abgesehen davon, daß der Rhein hier Neckar heißt, haben Sie recht.”
(Kommissar Sebastian Bootz, in der Stuttgarter Tatort-Folge “Hart an der Grenze”)

Der Rhein, wahrscheinlich im Breisgau

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Sieht aus, als docke der Rhein an eine Staustufe. An solchen Mauern findet der stromerzeugende Strom erneut Anfang und Ende, die rückgestauten Wasser wirken, als wollten sie mählich die mütterlichen Hügelketten fluten, die davonfließenden wirken mechanisch angetrieben. (Bild: Helena Becker)

Der Rhein bei Maurice Genevoix: die weltweit immergleiche Heidelbergerinnerung

Fortgesetzt bürgerlich-akademisch-romantische Vorstellungswelten bringt Genevoix in der Heidelberg-Passage seines Lorelei-Romans zum Klingen. Die restliche Handlung spielt wohl deswegen großteils in Offenbach am Main, um proletarische Perfidie gegenüber dem sinnsuchenden jungen Bürgerhelden aufbauen zu können. In Heidelberg aber geht es ideal und idealer zu: „Die Universität hatte ihre Tore der Ferien wegen geschlossen. Die Straßen der Altstadt waren fast leergefegt. Unter dem Gasthausschild vom „Roten Ochsen“ (…) fanden sie die Weinstube halb offen, verschlafen in der Straßensonne und drinnen absolut still. Sie waren dann wiederum unter dem Brückentor zum rechten Neckarufer hinübergegangen und noch einmal zum Philosophenweg aufgestiegen. Der Abend tauchte jetzt das ganze Tal in ein durchsichtiges, vergoldetes Licht. Unter einem Behang von Zweigen und über Blumenbeeten und Rasen genossen sie die Aussicht auf den langsam und majestätisch fließenden Fluß. Ruderboote, bunt angestrichen, glitten vorüber; wenn die Ruder aus dem Wasser tauchten, gleißte Sonnenuntergangslicht auf ihren Blättern.“ War das Idyll vor der Epoche idyllenbestätigender kamerabehängter Touristenhorden wirklich ein Idyll (für wen)? Der Neckar ein majestätischer Fluß? Brentano, Arnim, Hölderlin nicht eher Schwärmer mit fehlender Wahrnehmungsgabe für schweißige Unterströme rheinischen Elends? Die Heidelberger Tourismusindustrie schien lt. Genevoix jedenfalls bereits vor dem Ersten Weltkrieg mit Raffinesse angelaufen: „Im großen fenstertürigen Speisesaal aßen sie vorzüglich vorbereitete Flußforellen, hielten in langstieligen Gläsern einen feurigen Johannisberger im Gegenlicht hoch. Dabei schauten sie zu, wie eine fröhlich schwatzende Menschenmenge sich den Weg herabwälzte und auf die Alte Brücke losmarschierte. Unmerklich war es unterdessen über Wasser und Hügeln dunkler geworden. Von Zeit zu Zeit fuhr ein flacher Schleppkahn auf dem Fluß dahin, geriet in einen seidenglatten Strudel. (…)“ Unter Ahs und Ohs betrachtet die Reisegruppe nun eine Schwanenfamilie. Doch es kommt noch dicker: „Die drei Schwäne entschwanden in der Dunkelheit. Gleichzeitig wurden die Wälder um Heiligenberg von einer Geschoßgarbe von Raketen beleuchtet; sie stiegen in den Himmel empor, fielen als Regen roter, grüner, blauer Sterne herab, wurden ein Stückchen abgetrieben, ein kosmisches Geknatter am Himmel, indes eine letzte, irgendwo hinverirrt, losging und durch die Nacht dröhnte. (…)“ Der Fokus wechselt alsbald auf den unvermeidlichen Höhepunkt eines solchen Heidelbergbesuchs, die allabendliche Gothic-Show am Schloß: „Bengalische Feuer hatten die gewaltige Fassade lichterloh erhellt. Zugleich wurden ganze Reihen von leeren Fensterhöhlen illuminiert. Die beleuchteten Dächer der einzelnen Bauten, der Turmspitzen, dann wieder Winkel und Ecken in unheimlichem Dunkel, das plötzlich tausendfältige Zischen der Raketen und Leuchtkugeln – man hätte glauben können, ein riesiges Ölgemälde, magisch aus dem Nichts heraufgeholt, eine feenhafte Theaterkulisse, erscheine ihnen vor Augen. Der Stadt unten, ihren Dächern, ihren Türmen, ihren Kirchturmspitzen, dem Fluß, ja den Menschen selber haftete, wenn sie sie anschauten, etwas Phantastisches, Festliches an: ein Traum von einem Deutschland, außerhalb aller Zeiten.“

Ölfter im Ölften in Kölle

Wir haben dat Kölsch Bloot in langen Jahren allenfalls teiltransfusioniert bekommen, ging es uns durch den Sinn, als wir die Stadt vorgestern unterirdisch querten. Zwar ist es in Köln jederzeit und rund ums Jahr kein außergewöhnlicher Anblick, in der Bahn als Lukaspodolskis, Lappenclowns, Bürgermilizionäre, Hunninen und Marieisdatnitschöns verkleidete stolze Einwohner anzutreffen, die hohe Anzahl und Sitz- wie vor allem Stehplatzverteilung, sowie die Bereicherung um pralleutrige Kühe, teuflisch aufgemotzte Stiletto-Teufelchen und mit Bierfäßern umgetane Biergläser etc löste dann aber schnell unser geistiges Ticket in die fünfte Jahreszeit. (Es hatte also, auch wenn es nie richtig aufgehört hatte, wieder begonnen!) In der überfüllten und zunehmend überfüllteren Bahn wurde nach mancherlei anderem ein auffällig als Nippeser Intellektueller verkleideter Undercover-Karnevalist (in einem unaussprechlichen Fantasiekostüm) vor unsere Brust gequetscht – wir kannten uns vom Bundesliga-Gucken: er: ein waschechter Westfale. Aus einer Laune heraus fragte ich ihn nach dem Motto der diesjährigen Sause und er wußte Bescheid: „Schnapstot und komajeschwängert: dat muß nit sin. Kölner stonn zesamme. Keine Flönz für Pänz!“ Während wir noch über das ausnahmsweise so lebensnahe Motto und Marie-Luise Nikutas mögliche Interpretation sinnierten, nahm der Westfale die Gelegenheit, von der feiernden Masse in akute Nähe unseres linken Ohrs gedrängt worden zu sein, wahr, uns weitere Informationen zu stecken, die eigentlich noch geheim seien, weil sie die Zochwagen beträfen, die er aber von verschiedenen Karnevalsgesellschaften zugehörigen, streitenden Nachbarn am frühen Morgen, kaum verständlich zwar, wegen deren Lallen, erfahren hätte: „„De Neppeser Schwaadlappe vun Neppes, die jern jet schwaade don e.V.“ wollen tatsächlich elfhundert Prinzpoldis in pommes-polnischem rut-wieß mit kleinen Ickehäßlerkasperszeptern entsenden. Und „De janz jemötlich links eröm drehende Stippeföttcher vun ungerm Dömche Alt Kölsche KG“ schicken einen als Hennes VI.-Gotthabihnselig verkleideten Seniorentrupp mit löstig-überlangen Jeißbärchten, die an krummen Zweiteligakrücken humpeln: das wird fußballlastig dies Jahr, da kannst sogar du mitmachen!“ Aber das bestgehütete karnevalistische Geheimnis der Saison sei politisch: „Die gemeinen Stadtarschief-Wühlmäuse vum Vringsveedel ohne Haftung e.V.“ entsenden einen vom Oberbürjermeisterpersönlisch angeführten Einsturzaufklärungswagen mit Singsang und zwei offenen Särgen, aus denen die Opfer janz jeck wiederauferstehen, zur Versöhnung mit überdimensionalen Kölner Schnäuzern angetan. Alaaf, sar isch da!“ Noch ehe wir antworten konnten, war der Westfale von feiernden Bürohengsten unter eine Sitzbank gedrängt worden. Und wir von einer Gruppe als bekopftuchte Türkinnen verkleideten fetten Kölschen Mamas auf einen Bahnsteig. Rheinwellen gleich schwappten die Massen durchs Eingeweide der Stadt. Elftausend Jecken hoch wollten sie sich auf dem Heumarkt ihr offizielles Startgetränk einverleiben, und wir sinnierten, was für ein Gewoge erst die elftausend Jungfern bei ihrem Ankunftslandgang in der Altstadt ausgelöst haben mochten, als die Gassen noch eng waren und an U-Bahntunnel kaum zu denken. Auf dem Bahnsteig jedenfalls kündeten KVB-Lautsprecher in hochprofessioneller Dreisprachigkeit (rechtsrheinisch, linksrheinisch, alkoholisch-altripuarisch), das ab sofort der Frohsinn die Macht ergriffen habe und wie man unter dessen Einfluß sachgemäß die süßlich duftenden Bahnen zu betreten habe: erst die Bahninsassen aussteigen lassen, dann selber einsteigen! Wir wollten es gern versuchen, doch hatte uns stattdessen eine diffuse Abordnung Oben bleiben!-Heinzelmichel aus dem Herzen Schwabens unter nasalen Protestkaskaden ins Freie bugsiert, in dem wir plötzlich, nach einigen Kilometern Wanderschaft, wie die Rose von Jericho aufgingen.

Der Rhein kommt aus der Schweiz und fließt nach Deutschland

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Bühnenbild (s. vorletzter Eintrag) von Ann-Sophie K.: Rheinverlauf (inkl. Zentikilometerangaben).

Moritz` Rhein

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Bühnenbild (s. letzter Eintrag) von Moritz S.: Skulptur/Kunstwerk und Anlegesteg mit Schiff am Rhein.